In Tunesien wächst die Angst vor den Radikalen
München - Eine Bloggerin erhält Morddrohungen, ein Fernsehsender wird attackiert, eine Universität lahmgelegt: Immer häufiger kommt es in Tunesien zu Zwischenfällen mit Islamisten. Am Samstag protestierten daher Zehntausende im Zentrum von Tunis, um Freiheiten und Menschenrechte zu verteidigen. Zu dem Marsch entlang der Avenue Bourguiba, dem zentralen Boulevard von Tunis, hatten die linken Oppositionsparteien sowie Menschenrechtsgruppen aufgerufen. Es war die erste große Demonstration seit den Wahlen im vergangenen Oktober, bei denen die gemäßigte islamistische Partei Ennahda stärkste Kraft wurde.
Auslöser für die Proteste war vor allem eine Attacke auf den privaten Fernsehsender Nessma TV. Dieser hatte den Film einer iranischen Regisseurin gezeigt, der angeblich gotteslästerliche Bilder enthält. Daraufhin hatten radikale Islamisten das Gebäude von Nessma TV gestürmt. Dessen Chefredakteur Nabil Karoui wurde verklagt. Beim Prozess Anfang dieser Woche kam es zu Demonstrationen, bei denen ein junger Salafist einen Journalisten bedrohte. Auch die Tageszeitung Le Maghreb erhielt Drohungen, nachdem sie über ein salafistisches Emirat im nordtunesischen Sejnane berichtet hatte.
An der Samstagsdemonstration nahmen viele Intellektuelle teil. Sie sind besonders beunruhigt, seitdem Salafisten Ende vergangenen Jahres die Fakultät von Manouba in der Nähe von Tunis zwei Monate lang lahmgelegt hatten. Sie wollten damit erzwingen, dass Studentinnen einen schwarzen Ganzkörperschleier, den Niqab, tragen. Am Freitag schrieb zudem die Bloggerin Lina Ben Mhenni, die für den Friedensnobelpreis nominiert war, auf Facebook, dass ihr Name auf einer Todesliste von Salafisten auftauche. Der Süddeutschen Zeitung sagte Ben Mhenni, sie werde häufig als Hure oder Zionistin beschimpft. 'Die Islamisten sind sehr aggressiv und werden sofort gewalttätig, wenn man sie kritisiert.'
Die oppositionellen Sozialisten kritisieren, dass die Regierung sich den Salafisten gegenüber zu freundlich verhalte. Sihem Bensedrine, eine der bekanntesten Oppositionellen Tunesiens, warnt davor, dass die Regierung schwach sei. Beängstigend sei, sagte Bensedrine der SZ, dass die Islamisten sich von den Kräften des alten Regimes, insbesondere der Sicherheitspolizei, manipulieren ließen.