2. Die Arten des Wassers5
„[…]
Und Wir senden reines Wasser vom Himmel nieder.“
(Qur’an 25/48)
a. Man kann unterschiedliche Arten des Wassers unterscheiden. So gibt es unter anderem Meereswasser, Regenwasser, Flusswasser, Quellwasser, Brunnenwasser oder Schmelzwasser. Im Hinblick auf die Reinheit und die Reinigungstauglichkeit wird unterschieden:
Reines und reinigendes Wasser (tahur), welches zur Entfernung der Unreinheiten und zur rituellen Reinigung benutzt werden kann, wie in der Regel gewöhnliches Leitungs(trink)wasser. Dieses Wasser umfasst all das, was als „Wasser“ bezeichnet wird. 6 Darunter fallen „natürliche“ Gewässer wie Schnee-, Hagel- und Regenwasser 7 und Meereswasser. 8 Hat bloß ein Mensch 9 oder ein Tier, welches zum Verzehr erlaubt ist,10 von dem Wasser getrunken, gilt das Wasser dennoch nicht als verunreinigt. Fallen kleine Mengen reiner (z.B. abgefallene Blätter) oder unreiner wasserunlöslicher Substanzen hinein, die die Eigenschaften des Wassers (Farbe, Geschmack, Geruch) nicht verändern, bleibt das Wasser reinigend. 11 Bei letzteren hält Imam Schafi’i einebestimmte Mindestwassermenge für erforderlich.12
Wasser, welches grundsätzlich rein und reinigend ist, dessen Verwendung jedoch verpönt (makruh) ist. Das ist nach Ansicht mancher etwa Wasser aus einem Gefäß aus dem eine Katze 13 oder ein Raubvogel getrunken hat.14 Trinkwasserreste von Raubvögeln bzw. Raubtieren, Eseln und Maultieren werden insb. in der hanafitischen Rechtsschule als unrein oder zumindest als verpönt betrachtet.15 Im Detail gibt es eine Reihe von Fällen, in denen die Verwendung des Wassers von einigen Gelehrten als verpönt angesehen wird, obwohl es reinigend ist, etwa Wasser aus einem gewaltsam eingenommenen Brunnen oder Wasser, das mit unerlaubtentwendetem Brennstoff erhitzt wurde usw.16
Reines, aber nicht reinigendes Wasser (tahir). Wird Wasser mit reinen Substanzen derart vermischt, dass es sich im Hinblick auf Aussehen, Geschmack oder Geruch verändert bzw. nicht mehr als Wasser bezeichnet werden kann, dann bleibt es rein, verliert aber die reinigende Wirkung (z.B. Tee).17Manche der Gelehrten zählen bereits bei der Waschung benutztes Wasser dazu. 18 Angesichts der Tatsache, dass es keinen direkten Beweis dafür gibt, dass dieses Wasser nicht reinigend ist, ist die Ansicht vorzuziehen, dass es sehr wohl reinigend ist,19 zumal der Gläubige nicht unrein ist und die Berührung mit Reinem nicht zur Unreinheit führt.20 Ein Mann, welcher den Propheten
begleitete, berichtete: „Allahs Gesandter
verbot einer Frau in dem von einem Mann übrig gebliebenem Wasser zu baden und einem Mann in dem von einer Frau übrig gebliebenen Wasser zu baden. (Stattdessen) sollten beide es schöpfweise nutzen.“ 21 Dieses Verbot impliziert nach der korrektesten Ansicht nur ein Verpöntsein und kein absolutes Verbot. 22 Ibn ’Abbas (r.a.) berichtete: „Der Prophet
pflegte sich mit dem von Maimuna (r.a.) übrig gelassenen Wasser zu baden.“ (Muslim). Und Abu Dawud, at-Tirmidhi und IbnMadscha berichteten, dass eine der Frauen des Propheten ein Bad aus einem Gefäß nahm, dann der Prophet
kam und als er ein Bad aus diesem (Gefäß) nehmen wollte, sie zu ihm sagte: „Ich war sexuell unrein.“ Er sagte: „Wasser wird nicht sexuell unrein.“ 23 Fließendes Wasser oder solches größerer Menge wird dann als nicht reinigend betrachtet, wenn es in Geschmack, Farbe oder Geruch von Wasser im „Grundzustand“ abweicht. 24
Unreines Wasser (nadschis). Das ist in erster Linie „stehendes“ Wasser geringer Menge, worin eine unreine Substanz gefallen ist.25 Ein Teil der Gelehrten stellt hierbei allgemein darauf ab, ob das Wasser seine Grundeigenschaften in Aussehen, Geschmack und Geruch verändert hat 26 und betrachtet das Wasser unabhängig von der Berührung mit unreinen Substanzen, sei das Wasser selbst in großer Menge oder in kleiner Menge vorhanden, als rein. 27 Dies beruht vor allem auf einem von Abu Sa’id al-Hudriyy (r.a.) berichteten Hadith des Propheten
aus Anlass der Frage nach der Waschung mit Wasser aus dem Brunnen Bi’r Buda’a, 28 in welchen verschiedene Unreinheiten gelangten, worin er ausdrückte, dass Wasser rein ist und nichts es verunreinigt. 29 Ein anderer Teil geht davon aus, dass Wasser geringer Menge durch die Berührung mit unreinen Substanzen verunreinigt wird, Wasser großer Menge hingegen nicht, wobei es aufgrund divergierender Überlieferungen (mit unterschiedlichen Mengenangaben) Differenzen darüber gibt, welche Menge als ausreichend groß betrachtet werden kann.30 So berichtete Abdullah ibn ’Umar: Allahs Gesandter
sagte: „Wenn genug Wasser vorhanden ist um zwei Gefäße (Qulla) zu füllen, so nimmt es keine Unreinheit auf.“ In einer Überlieferung: „Es wird nicht unrein.“ 31 Am ehesten ist davon auszugehen, dass es keine „klare“ Definition darüber gibt, welche Menge als gering und welche als groß anzusehen ist. 32 Wasser geringer Menge, von dem ein Hund
getrunken hat, wird an sich als unrein erachtet. 33 Wasser, von dem ein Raubtier getrunken hat, ist hingegen nach
der vorzuziehenden Ansicht nicht als unrein zu betrachten. 34 Unreines Wasser wird dadurch gereinigt, dass es
auf natürliche Weise seine charakteristischen Eigenschaften wiedererlangt oder indem eine große Menge reines Wasser hinzugefügt wird, so dass sich die Unreinheit gänzlich auflöst. 35
b. Ist der Muslim im Zweifel darüber, ob ein Wasser reinigend ist oder nicht, so geht er davon aus, dass es reinigend ist. Nur wenn es ein klares Anzeichen dafür gibt, dass es unrein ist, wird es als solches behandelt. Ist es nicht möglich zwischen reinem und unreinem Wasser zu unterscheiden, so lässt man am besten beide und verrichtet die Ersatzreinigung mit Erde – Tayammum. 36 Näheres dazu weiter unten.
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5 Die zentralen Ahadith finden sich in Bulugh al-Maram von Imam Ibn Hajr im Kapitel I über Wasser.
6 Prof. Dr. Salih al-Fawzan, Al-Mulakhkhas Al-Fiqhi - Islamic Jurisprudence Band 1, S. 11.
7 Siehe Qur’an al-Anfal 1; al-Furqan 48.
8 Vgl. El-Dzezairi, Minhadschu-l-Muslim – Put pravog Muslimana, Band I, S. 259. Der Prophet (s.a.w.s.) sagte: „Das Meer ist rein…“ (Ibn Abi Schaiba und andere, sahih nach Tirmidhi und Ibn Hudhaima, siehe die Erkläuterungen von Es-San’ani, Subulu’s- Selam, Hadith Nr. 1/1, S. 39 ff.
9 Egal ob dies ein Muslim ist oder nicht oder ein Mensch im Zustand ritueller Unreinheit oder nicht oder eine Frau während ihrer Regelblutung. Was Götzenanbeter angeht, so sagt Allah s.w.t. im Qur’an (9/28) zwar, dass diese unrein sind., dies bezieht sich jedoch nicht auf die physische Unreinheit, sondern auf ihren falschen Glauben und ihre damit zusammenhängenden Taten. Siehe Al Jaziri, Al-Fiqh Ala al-Madhahib al-Arba’ah Band 1 (Verlag: Fons Vitae), S.9
10 Zur Reinheit des Speichels von Tieren, die zum Verzehr erlaubt sind, siehe Es-San’ani, Subulu’s-Selam, Hadith Nr. 3/24, S. 105.
11 Vgl. Ibn Taymya, Fatwas of Muslim Woman, 23.
12 160 Liter, siehe Amir Zaidan, Fiqh-ul-’ibatat (Skriptum), 25.
13 In Bezug auf die Katze wird von Abu Qatada vom Propheten
berichtet, dass sie nicht unrein ist (sahih nach Tirmidhi und
Ibn Hudhaima). Daher ist die vorzuziehende Ansicht die, dass das Wasser, was die Katze berührt hat, weder unrein noch verpönt ist.
14 Muhamed Seid Serdarevic, Fikh-ul-Ibadat, 26; Al-Quduri, Mukhtasar al-Quduri, Kapitel 3.4 über Wasser.
15 Vgl. Amir Zaidan, Fiqh-ul-’ibatat (Skriptum), 25. Siehe im Detail Al Jaziri, Al-Fiqh Ala al-Madhahib al-Arba’ah Band 1, S. 42.
16 Siehe Al Jaziri, Al-Fiqh Ala al-Madhahib al-Arba’ah Band 1, S. 42 f.
17 Vgl. z.B. Prof. Dr. Saalih ibn Ghaanim al-Sadlaan, Fiqh – made easy, S. 13; Umar Abdul Jabbaar, Elements of Shaafi Fiqh, S. 6. Siehe zum grundlegenden Hadith von Abu Umama al-Bahili, verzeichnet bei Ibn Madscha die Erläuterungen von Es-San’ani, Subulu’s-Selam, Hadith Nr. 3/3, S. 49.
18 Muhamed Seid Serdarevic, Fikh ul-Ibadat, S. 26.
19 Vgl. auch Šeriatska Akademija Mus’ab ibn Umejr, Fiqh Teil 1, Kapitel über Wasser.
20 Siehe Sayyid Saabiq, Fiqh-us-Sunnah 1, 2.c.
21 Abu Dawud; an-Nasa’i mit sahih Kette.
22 Siehe die Erläuterungen bei Es-San’ani, Subulu’s-Selam, Hadith Nr. 6/6, S. 57.
23 Sahih nach Tirmidhi und Ibn Hudhaima.
24 Vgl. Es-San’ani, Subulu’s-Selam, Hadith Nr. 5/5, S. 54 ff.
25 Vgl. Muhamed Seid Serdarevic, Fikh ul-Ibadat, S. 27. Siehe al- Qairawani, 3.1.g A small amount of impurity.
26 Siehe Sayyid Saabiq, Fiqh-us-Sunnah 1, 3.a. Vgl. z.B. auch Umar Abdul Jabbaar, S. 6. Abu Umama Al-Bahili berichtete: Allahs Gesandter
sagte: „Wasser kann durch nichts unrein gemacht werden, außer durch etwas, das sein Geruch, Geschmack und Farbe ändert.“[Ibn Maajah überlieferte es, Abu Hatim stufte den Hadith aber als da’if ein].
27 Siehe die Erläuterungen von Es-San’ani, Subulu’s-Selam, Hadith Nr. 2/2, S.44.
28 In diesr Form verzeichnet in Sunan Abi Dawud. Der Hadith ist auch verzeichnet bei Tirmidhi und an-Nasa’i.
29 Der Prophet
sagte: „Wasser ist Tahuur (rein) und nichts kann es unrein machen.“ Der Hadith ist sahih nach Ahmad, ebenso al-Albani (al-I’rwa’ al-Ghaleel Nr. 14), hasan nach Tirmidhi.
30 Diese Ansicht wird gestützt z.B. durch die Anordnung des Propheten
die Hände zu waschen, bevor man sie nach dem Erwachen aus dem Schlaf in eine Gefäß taucht (weil man nicht weiß, was die Hand zuvor berührt hat); ebenso durch das Verbot in stehendes Wasser zu urinieren und sich dann damit zu waschen, wie auch durch die Anordnung, den Inhalt eines Gefäßes, das ein Hund mit der Schnauze berührt hat, auszuschütten (wobei es bei letzterem Zweifel an der Authentizität gibt). Siehe Es-San’ani, Subulu’s-Selam, Hadith Nr. 4/4, S. 51, 65.
31 Ibn Hudhaima, Ibn Hibban und al-Hakim stuften ihn als sahih (authentisch) ein.
32 Vgl. Es-San’ani, Subulu’s-Selam, Hadith Nr. 3/3, S. 48.
33 So sagte der Prophet
, man soll ein Gefäß, aus welchem ein Hund getrunken hat, sieben mal auswaschen, einmal mit Erde (Muslim).
34 Basierend auf einem von ’Umar (r.a.) berichteten Hadith; verzeichnet unter anderem von ad-Daraqutni und al-Baihaqi. Ebenso die Ansicht Maliks in al-Muwatta.
35 Dr. Saalih ibn Ghaanim al-Sadlaan, S. 13.
36Dr. Saalih ibn Ghaanim al-Sadlaan, S. 13.