Rezension: Der missverstandene Autor

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Mitte Januar ist der langerwartete Islamisierungsroman „Unterwerfung“ von dem skandalumwitterten französischen Autor Michel Houellebecq erschienen. Grund genug, als freiheitlich konservativer Denker, einen Blick zu riskieren.

Zu kaum einem günstigeren Zeitpunkt erschien Houellebecqs neuer Roman. Acht Tage nach dem tragischen Anschlag am 7.Januar 2015 durch IS-Kämpfer, auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“, wurde in deutschen Landen mit dem Roman zusätzliches Öl in die hiesige Islam-Debatte gegossen. Doch gerade die Vertreter der konservativen Szene-die in den Buchladen ihres Vertrauens rennen und einen vermeintlichen Gesinnungskitschroman erwarten- werden mit dem „neuen Houellebecq“ nicht glücklich werden.

Der einsame Intellektuelle

Hauptfigur des wahlweise als dystopischer, oder als utopisch zu lesender Roman, ist der morbide Literaturwissenschaftler François, der seit seinem Studienabschluss, sein Dasein als Lehrender an der Pariser Universität Sorbonne fristet. Aufgelockert wird sein trübsinniges Leben nur durch die rasch wechselnden Liebschaften unter seiner weiblichen Zuhörerschaft an der Universität und durch wissenschaftliche Publikationen in diversen Fachmagazinen der Literatur. Im Jahre 2022 gerät jedoch sein-und das Leben der gesamten Bevölkerung Frankreichs-aus den Fugen: Der scharfsinnige und diplomatische Kandidat der Bruderschaft der Muslime, Mohamed Ben Abbès, gewinnt immer mehr Anhänger in Frankreich und ist im Begriff neuer Staatspräsident Frankreichs zu werden. Ein einschneidender Paradigmenwechsel steht bevor. Eine spannende und leichtzugängliche Geschichte, die sich vor allem um die Grundfragen des Lebens in einer hedonistisch vereinsamten Gesellschaft dreht, nimmt ihren wendungsreichen Verlauf.

Anfängliche Oberflächlichkeit

Der anspruchsvolle Leser wird jedoch erst einmal auf eine zähe Geduldsprobe gestellt. Sprachlich ist nämlich Houellebecqs Roman-gerade am Anfang-außerordentlich ungeschlacht und plump. Beispielsweise sind die Einführungen neuer Charaktere im Verlauf des Romans äußerst hölzern geraten. So wird ein erfahrener Geheimdienstler des französischen DGSI, der „rein zufällig“ der Mann von einer Universitätskollegin des Hauptprotagonisten ist, folgendermaßen von François Kollegin eingeführt: „Komm doch mal bei mir zu Hause vorbei, mein Mann kann dir alles erklären…“. Dieser berichtet dann einem Fremden ziemlich freimütig von geheimen Hintergründen der bürgerkriegsähnlichen Zustände in Frankreich. Ein glaubwürdiger Handlungsaufbau sieht anders aus. Gerade von einem Preisträger des bedeutenden Prix Goncourt, erwartet man etwas deutlich Feingliedrigeres. Doch letztendlich handelt es sich bei diesem Buch-abseits der bierernsten Deutereien der heimischen Feuilletonisten- um einen Unterhaltungsroman, der zu fesseln vermag.-Oder schlicht spannend zu lesen ist. Im letzten Drittel zieht die Handlung des Buches jedoch deutlich an und wird peu à peu nachdenklicher.

Französische Lebenswelten

„Unterwerfung“ ist ein durch und durch französischer Roman. Die interessanten Passagen über das Zeitgeschehen und die Isolation des Hauptprotagonisten, werden immer wieder mit unterschiedlichen Arrangements des Betrinkens und der Verkostung von ausgefalleneren Speisen ausschmückt. Zudem wird der leichte Lebensstil von François und seinen Gespielinnen in expliziten Schilderungen beschrieben. Dieses wirkt mitunter ziemlich aufgesetzt und soll wohl Houellebecqs Ruf als Mann der Scharfzüngigkeit und vulgären Sprache festigen. Wobei dieses vollkommen unnötig ist. Heutzutage schreibt fast jeder im Sinne unseres heutigen Zeitgeistes, mit einem flapsig –körperbezogenen Duktus. Man merkt dem Roman mitunter an, dass er hauptsächlich für ein französisches Publikum geschrieben wurde. Der deutsche Leser erhält-wenn er in der französischen Geistesgeschichte unbewandert ist- eine Art aufschlussreichen Crashkurses über Léon Bloy, Charles Baudelaire und dem, im Roman allgegenwärtigen, Joris-Karl Huysmans. Diese Passagen lesen sich durchweg ersprießlich.

Tiefsinnige Fragestellungen

Hauptkernpunkt des Romans ist freilich die Zukunftsbeschreibung Frankreichs im Jahre 2022 und letztendlich auch die von den europäischen Nachbarländern, die von den französischen Entwicklungen tangiert werden. Die allgegenwärtige Angst vor der Islamisierung des Abendlandes erhält mit „Unterwerfung“ eine würdige, literarische Widerspiegelung. Doch nicht wie der nach Selbstbestätigungsliteratur gierende Leser es gerne haben würde. Die größte Stärke der Schrift ist nämlich die rein deskriptive Erzählweise Houellebecqs. Nirgendwo tauchen unterschwellige und polemische Verlautbarungen auf. Denn das ist das große Missverständnis: Bei „Unterwerfung“ handelt es sich um einen klassischen Entwicklungsroman, der den Hauptprotagonisten François vor existentielle Sinnfragen stellt. Diese Art von Fragestellungen spielen in unserer heutigen mittelbaren Zeit, allerdings keine große Rolle mehr. Deswegen auch die hauptsächliche Fokussierung und Absucherei mancher Besprechungen, auf zeitgeistgebundene politische Verwertbarkeiten hin. François zieht im Laufe seiner rein persönlichen Entwicklung, die logischen Konsequenzen aus seiner mitunter verzweifelten Situation. Houellebecq versteht es also gekonnt, mit der intellektuellen und rechten Szene zu spielen.

Schlussfolgerungen aus dem Roman

Ein Roman kennzeichnet sich dadurch aus, dass er überzeichnet. Es sind mitunter grobe Linien, die den Leser bei der Stange halten, ansonsten würde es ein sprödes Sachbuch sein, was kaum seine Leser finden würde. Die von Houellebecq unabhängig vom Roman prognostizierte Islamisierung-also die absolute Unterwerfung des Europäers unter den Willen Allahs- des europäischen Abendlandes (welches eigentlich durch die Amerikanisierung sowieso nicht mehr existent ist), fußt demnach auf folgenschweren Denkfehlern. Zum Einen scheint Houellebecq die islamische Kultur nur sehr vage erfasst zu haben. Dieser Eindruck entsteht unweigerlich, wenn angebliche Muslime bedenkenlos dem Alkohol frönen und nebenbei die islamische Polygamie praktizieren. Dieser Kernwiderspruch entstellt manche Passagen bishin zur Unglaubwürdigkeit. Hier scheint eine Art Synkretismus vom westlichen Lebensstil und islamischen Traditionen stattgefunden zu haben, die der Genussmensch Houellebecq letztlich nur als lesenswert erachtet haben mag. Zum Anderen unterschätzt das „Enfant Terrible“ der französischen Literaturszene die Sogwirkung der westlichen Lebensweise, die beispielsweise den sukzessiven Geburtenrückgang, der in Europa ansässigen Muslimen, zu verantworten hat. Zudem ist „Islamisierung“ als totaler Begriff unsinnig. Die hirnlose Absolutheit dieser Terminologie wird jedoch kaum erkannt. Eines trifft jedoch sowohl auf die Europäer und die Muslime zu: Die Vermischung und Einebnung aller wahrhaft pluralen und traditionellen Lebenskonzepte. Unter dem westlichen Dogma der Progressivität und der vorherrschenden wertenivellierenden Tendenzen-wie sie beispielweise von dem Zentralrat der Muslime und bei den Christen die EKD gelebt wird-leiden letztendlich alle strenggläubigen Christen, Muslime und selbst areligiöse Vernunftmenschen.

Abschluss

Es bleibt also zu hoffen, dass der geneigte Leser, Houellebecq richtet zu verstehen versucht. Passé sind also die Zeiten in denen Houellebecq eine untrügliche Islamfeindlichkeit zur Schau stellte. Er spielt mit den unbewussten Emotionen und Reflexen seiner Leserschaft, so schreibt er mit einer gewissen Geringschätzung gegen Zeitgeistkonservative und die angebliche intellektuellen Szene des Westens. Demnach sollten wahrhaftige Rechtskonservative die gemeinsame, ausweglose Lage mit den orthodoxen Muslimen anerkennen und die Gemeinsamkeiten suchen. Deutsche Konservative sollten folglich Abstand nehmen von verkappten liberalkonservativen Strömungen wie in der AfD und praktizierende Muslime täten gut daran, zu linksislamischen Apologeten und liberalen Zeitgeistmuslimen auf Distanz zu gehen. Der schelmische Franzose versteht sein Handwerk, sollte jedoch in Zukunft solche großen Themen eher mit seinem essayistischen Können zum Ausdruck verhelfen.

Michel Houellebecq: Unterwerfung. 280 Seiten, DuMont Buchverlag 2015. 22,99 Euro.

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4 Antworten auf “Rezension: Der missverstandene Autor”

  1. Feminismus ist vom Shaytan

    Wenn der Autor hier fordert, Muslime sollten sich von Linken in ihren Reihen distanzieren, ist das eine vollkommen unsinnige Forderung, da Mazyek und die anderen niemanden von den allermeisten Muslimen repräsentieren.
    Rechte bzw. Konservative sollten sich von Israel und den Zionisten distanzieren.

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  2. Dragan

    Danke für den Kommentar. Die Forderung hat deswegen ihre Berechtigung, da unterschwellig der ZMD und andere Zeitgeistmuslime toleriert werden. Viele-so ist mein Eindruck-wollen es sich in Deutschland bequem machen und indirekt von gewissen Antirassismus Institutionen, oder auch Parteien, bevorzugt behandelt werden. Es werden also Konzessionen bzgl. der Glaubenspraxis vollzogen. Wahrhaftige Rechtskonservative werden sich immer von Strömungen und Ideen distanzieren, die die Vielfalt einebnen wollen und mit Israel als Speerspitze, die Liberalisierung und Amerikanisierung durchsetzen wollen.

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  3. Feminismus ist vom Shaytan

    Recht herzlichen Dank für die Antwort. In der Tat wird leider – durch Umfragen belegt – aus den von dir benannten Gründen von vielen, die übrigens allesamt in der Türkei hingegen die AKP wählen würden, schändlicherweise links gewählt. Etwas, was mich als arabischstämmigen Muslim in höchstem Maße anwidert, beschämt und angesichts diesem quasi Teilnehmen an der Gesellschaftszersetzung und Verrat an islamischen Werten für den Preis der doppelten Staatsbürgerschaft etwa mehr als wütend macht.
    Es ist in der Tat unsere Verantwortung unsere ignoranten Geschwister auf die schädlichen Auswirkungen dieser politischen Nähe zur Linken aufmerksam zu machen.
    Ich möchte nichts entschuldigen – aber bitte bedenke, dass es sich bei diesen Wählern in den meisten Fällen nicht um praktizierende Muslime, sondern um ignorante asoziale „Disko-Türken“(ohne alle Türken diffamieren zu wollen) oder aufgrund der Polemik und Politik von den Neocons gegenüber Muslimen aufgescheuchten Wählern handelt, die aus ihrer falschen Sicht das geringere Übel wählen. Außerdem gibt es noch Aleviten, iranische oder afghanische Exil-Linke und Sonstige.
    Ich distanziere mich in aller Deutlichkeit von domestizierten Quoten-Türken und Anderen aus linken Parteien, Flaggschiffen oder Organisation etc., Verbandsfunktionären und sonstigen Einflussagenten der linken in unserer muslimischen Gemeinde, die uns und der Mehrheitsbevölkerung schaden.
    Ich freue mich, dass du dich von zionistischen und marxistischen Neokonservativen, welche dem historischen Auftrag haben den westlichen Konservativismus von innen zu zerstören und gleichzeitig seine Überbleibsel im Interesse des Zionismus gegen den Islam aufmarschieren zu lassen mit dem Ergebnis, dass beide Seiten aufgerieben werden, distanzierst – mögen mehr Konservative aufwachen.

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  4. Dragan

    Dankeschön für deine erhellenden Ausführungen. Es geht letztendlich-egal ob konservativer Deutscher oder rechtschaffener Muslim-darum, den Kampf der Aufklärung zu führen, dass heißt: Aufmerksamkeit für das jeweilige Eigene und Wertvolle zu erzielen. Dieses ist ein fast aussichtsloser Kampf, da die Mediengesellschaft omnipräsent ist und uns unbewusst für gewisse Denkmuster konditioniert. Trotzdem: Im Kleinen versuchen, den „Disko-Türken“ und den biederen AfD-Wähler, für eine andere Sicht der Dinge zu gewinnen.

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