Die Notwendigkeit und Unvollkommenheit des Verstandes

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Erstveröffentlichung von Abu Taymiyyah am 06.04.2011 

Der Verstand (al-Aql) ist die Grundvoraussetzung zum Wissenserwerb, sowie zur Ausführung guter/rechtschaffener oder schlechter Handlungen. Mystische Zustände, wie Ekstase oder Rausch, welche die Unterdrückung des Verstandes implizieren, stellen unvollkommene Geisteszustände dar, woraus Ideen resultieren die mit dem Verstand in Konflikt stehen und offenkundig fehlerhaft sind. Jedoch ist der Verstand nicht an sich ausreichend; denn ihm ist es immer möglich sich von der Offenbarung zu entbinden, welche alleine das Wissen über die Realität hergibt, die unser Verstand nicht erreichen kann, aufgrund seiner Unvollkommenheit. Imam Abu’l Mudthaffar al-Sam’ani (gest. 498 n.H.) – Möge Allah Wohlzufrieden mit ihm sein – sagte: „Die Leute der Sunnah sagen:

‚Das Fundament der Religion ist das Befolgen‘, und der Verstand ist untergeordnet. Wenn daher das Fundament der Religion auf dem Verstand beruhen würde, so hätte die Schöpfung weder eine Offenbarung noch die Propheten nötig, und die Bedeutung von Ge- und Verboten wäre falsch, und jeder hätte gesagt, was er sagen wollte.“[1]

In der Vergangenheit haben etliche Philosophen und Scholastiker ihre Prinzipen, Konzeptionen und Schlussfolgerungen auf dem Verstand aufgebaut, indem sie sich exklusiv auf den Verstand stützen und ihn zum generellen Maßstab ihres Denkens machten. Sie erhoben es über den Koran und der authentischen Sunnah. Denn Wissen leitet sich aus den allgemeinen Prinzipen des Verstandes ab, welcher an sich – ihnen gemäß – ohne auf die Offenbarung Bezug zu nehmen ausreichend ist. Ein Beispiel, worin die Philosophen und Scholastiker die Grenzen des Verstandes überschritten und eine falsche Herangehensweise bei der Analyse der islamischen Wissenschaften annahmen, stellt die Analyse über das Wesen Allahs dar. So ist in Wahrheit die rationale Beweisführung lediglich auf die reine Existenz Allahs begrenzt und darf weder seine Namen noch Attribute umfassen, noch irgendwelche andere Angelegenheiten, die durch den Verstand nicht wahrnehmbar sind. Denn die Existenz Allahs ist durch die Zeichen in der Materie erfassbar, hingegen stellt die Untersuchung über sein Wesen offenkundigen Irrtum dar, denn erstens liegt es außerhalb der Wahrnehmung, was das Nachdenken über Sein Wesen, Namen, Eigenschaften und anderer Dinge die in Relation mit Ihm stehen unmöglich macht. Zweitens verbietet es die Offenbarung in klarer weiße: „Sinnt über die Gnaden Allahs, jedoch nicht über Allah (selber).“[2] Das Sinnen über das Wesen Allahs hat die Philosophen und Scholastiker dazu veranlasst alle oder manche Seiner Attribute zu negieren. Zwei Dinge haben sie dazu veranlasst diese Untersuchungsmethode einzuschlagen: Die wahre Definition des Verstandes war ihnen nicht bewusst, weshalb sie seine Grenzen und Aufgaben nichtig einschätzten. Anderseits unterschieden sie nicht zwischen der Methodik des Korans im Ergründen von Gegebenheiten und der Methodik der Philosophen.

Ihre fehlerhafte Untersuchungsmethode lässt sich bereits aus ihrer eigenen Definition des Denkens ableiten: „Der Aql ist eine Kraft in der Seele und im Verstehen.“ Auch umschrieben sie das Denken, wie folgt: „Ein Instinkt, wodurch das Wissen über die Notwendigkeiten bei Gesundheit der Mittel folgt.“ Ebenso, wie ihre Ausführung: „Der Aql ist ein Wesenskern, mit dem Übersinnliches durch Hilfsmittel und sinnlich Wahrnehmbares durch Beobachtungen begriffen wird.“ Manche meinen auch: „Der Aql ist die Seele selbst.“ Bei Betrachtung dieser Definitionen ist es nicht allzu absonderlich, dass jene, die solch ein Verständnis von Denken haben, dass er alle Grenzen fallen lässt und in seiner Untersuchung reichhaltige Thesen theoretisch assoziiert, um Schlussfolgerungen daraus zu gewinnen, welche nicht existierten, er aber behauptet, diese Schlussfolgerungen mit dem Verstand erfasst zu haben.

Demzufolge kannte die verstandesmäßige Untersuchung bei ihnen keine Grenze, bei der sie innehielten. Vielmehr war es für sie möglich, jede Untersuchung durchzuführen. Die Scholastiker gelangten zu irgendwelchen Resultaten und bezeichneten es als eine rationale Untersuchung und rationale Resultate. Daher ist es auch nicht absonderlich, dass die Mu’tazila[3] bezüglich der Attribute Allahs behaupteten: „Die Assoziierung der zeitlosen Macht Allahs mit etwas Vermochtem, das entstanden ist, lässt die Eigenschaft der Macht ebenfalls entstanden sein.“, und dies dann als rationale Untersuchung und rationales Resultat betrachteten. Denn der Verstand, die Ratio, ist bei ihnen „die Seele“ oder „ein Instinkt, aus dem das Wissen um die Notwendigkeiten folgt.“ Somit hat er die Fähigkeit, alles zu untersuchen. Wenn sie die wahre Bedeutung des Denkens begriffen hätten, wären sie nicht in solche hypothetische Analysen und Resultate gefallen, an denen klar erkennbar ist, dass sie irreal sind. Es waren lediglich Hypothesen, aus denen andere Hypothesen folgten und die als rationale Wahrheiten bezeichnet wurden.

Der Verstand wird folgendermaßen definiert: „Die Übertragung der Realität mittels der Sinne ins Gehirn und Vorkenntnisse, die diese Realität erläutern.“ Somit ist für jede rationale Untersuchung das Vorhandensein von vier Dingen erforderlich: das Gehirn; die Sinne; die Realität; und die Vorkenntnisse, die mit dieser Realität assoziiert sind. Wenn eine dieser vier Komponenten abhandengekommen ist, kann es unmöglich eine rationale Untersuchung geben, auch wenn eine logische Untersuchung oder das Vorhandensein von bloßen Vorstellungen und Illusionen noch möglich ist. All das hat aber keine Bedeutung, da es nicht vom Verstand erfasst wurde bzw. auch sein Ursprung kein Erfassen durch den Verstand erfuhr. Die Tatsache, dass sämtliche Scholastiker die Bedeutung des Verstandes nicht begriffen hatten, ließ sie zügellos in viele Untersuchungen eindringen, die sich der Sinneswahrnehmung entziehen bzw. über die sie keine damit verbundenen Vorkenntnisse besaßen.

Dass die Scholastiker zwischen der Methode des Koran und der, der Scholastik bei der rationalen Analyse nicht differenziert haben, geht auf die Begebenheit zurück, dass sowohl der Koran als auch die Scholastiker das Göttliche analysiert haben. Was die Analyse der Philosophen hinsichtlich des Göttlichen betrifft, so betrachteten sie die absolute Existenz und was diese ihrem Wesen nach voraussetzt. Sie untersuchten also nicht das Universum, sondern das, was sich hinter dem Universum befindet. Sie begannen, Beweisthesen mit ihren Prämissen aneinanderzureihen und gelangten dadurch zu gewissen Ergebnissen. Aus diesen Ergebnissen leiteten sie wiederum andere Ergebnisse ab, bis sie zu dem gelangten, was sie als „Wesenswahrheit“ und als „Wesensnotwendigkeiten“ erachteten. Trotz den unterschiedlichen Ergebnissen zu denen sie gelangten, folgten sie alle in ihren Untersuchungen derselben Methode, nämlich der Untersuchung dessen, was sich „hinter“ der Natur d. h. dem Universum befindet, das Aufstellen von Beweisthesen, die sich entweder aus theoretischen Annahmen oder aus anderen Beweisthesen ableiteten und das Gelangen zu Ergebnissen, die sie als definitiv erachteten und zu ihrer Glaubensüberzeugung machten.

Diese Untersuchungsmethode widerspricht der Methode des Korans. Denn der Koran erforscht das Universum selbst und die darin bestehenden Elemente: die Erde, die Sonne, den Mond, die Sterne, die Tierwelt, den Menschen, die Reittiere, die Kamele, die Berge und andere sinnliche Elemente. Mit Hilfe des Ergreifen der bestehenden Elemente führt der Koran den Menschen dazu, den Erschaffer des Universums und Seine Existenz zu erkennen: den Schöpfer der Sonne, der Kamele, der Berge, des Menschen und der anderen Dinge. Doch sofern der Koran jenes analysiert, was sich außerhalb des Universums befindet, sich der Wahrnehmung verweigert und durch das Begreifen der Existenz Seine Realität nicht begriffen werden kann, so beschreibt Er eine Realität und befiehlt uns in definitiver Form , daran Iman zu haben. Allah weist den Menschen nicht darauf hin, diese Sachen zu erfassen und auch nicht zu solchem, was zum Wahrnehmen dieser Sachen führen kann. Zu diesen Sachen zählt der uneingeschränkte Iman an die Eigenschaften, Namen und Handlungen Allahs, das Paradies, die Hölle, die Dschinn, die Teufel, die Bestrafung im Grab, das Becken, die Waage, die Huris und ähnliches, was im Verborgenen liegt. Diese Herangehensweise haben die Gefährten des Propheten, die vier Imame der Rechtschulen und die Allgemeinheit der Altvorderen begriffen, denn sie folgten ihr und preschten in die Länder vor, die Botschaft der Rechtleitung an die Völker heranzutragen, um sie damit ebenfalls zu beglücken, wie sie mit dieser segensreichen Botschaft beglückt wurden. Diese Situation blieb uneingeschränkt aufrecht, bis das gesamte erste Jahrhundert verstrichen war, als die philosophischen Gedanken sich aus der griechischen Philosophie einzuschleichen begannen und somit die Scholastiker herankamen. Von nun an änderten sich die Untersuchungsmethoden und ab dieser Epoche begannen die entgegen dem Koran geführten Dispute über das Wesen Allahs selbst. Obwohl es sich um einen unsinnigen, unfruchtbaren, abscheulichen Disput handelt, kann er obendrein keinesfalls als rationale Analyse betrachtet werden, da er eine Sache versucht zu analysieren, die sich der Wahrnehmung entzieht.

Und alles, was sich der Sinneswahrnehmung entzieht, kann der Verstand in keiner auch noch so gearteten Weise untersuchen, weshalb dies offensichtlich zur Irreleitung verurteilt ist. Die Untersuchung Seines Wesens ist jedoch von vorneherein verboten und unmöglich. Er wird ausschließlich mit dem beschrieben was uns an Informationen durch den Koran und die authentische Sunnah übermittelt wurde. Demzufolge ist die Untersuchung aller Scholastiker bezüglich des Wesen Allahs und Seiner Namen und Eigenschaften unzutreffend und vollkommen falsch.

Diese von den griechischen Philosophen abstammende Infekt, hat sich auch in unserer Daseins Epoche, wie sich das Wasser in einem Schwamm ausbreitet, verbreitet, weshalb es unter den sog. Islamischen Denkern als auch Gelehrte Realität geworden ist, dass sie ihre Methoden und Herangehensweise auf dem unzureichenden Verstand aufbauen und dem Koran als einen zusätzlichen Segen betrachten, welcher den Verstand lediglich bestätigt. Ihre Methode in der Ableitung von Prinzipen und der Herleitung von Rechtsprüchen sind im offenkundigen Widerspruch zur islamischen Aqida und den Ahkam. Aber anders als die damaligen, welche diese Untersuchungsmethode vorwiegend auf das Wesen Allahs anwendeten, nehmen jene es als Freifahrtschein den Unglauben und Polytheismus im Namen des Islams zu legitimieren. Dabei erwidern sie, dass sie lediglich zum Nutzen der Muslime gehandelt haben, um dadurch das Interesse der Muslime zu bewahren. Als Beispiel seien speziell jene, wie der Zentralrat der Muslime in Deutschland und die Mili Görüs genannt und speziell hier in Deutschland dafür eintreten, dass es im Interesse der Muslime wäre, sich am Regierungsapparat des Unglauben zu beteiligen und mit den Tawaghit höchstpersönlich zusammen zu arbeiten, damit sie als die Vertreter der Muslime unsere Interessen vertreten können. Diese und ähnliche Konzepte offenbaren lediglich klaren Unglauben dieser vermeintlich muslimischen Denker. Das gefährliche daran ist, dass sie damit etliche in die Irre führen und jenes legitimieren, was Allah, der Allmächtige, klar verboten hat. So leiten sie ihre Prinzipien aus ihren fehlerhaften Verstand ab, indem sie lediglich die Eventualitäten von Nutzen analysieren, ohne dabei auch nur im Geringsten die Offenbarung zu berücksichtigen. Dies wird bei näherer Betrachtung mehr als deutlich, denn so erlauben sie das Partizipieren am Demokratischen System, aufgrund des eventuellen Nutzens, der dabei für die Muslime in Deutschland entstehen würde, ohne sich dabei auf die Fundamentalen Prinzipen des Tawhid zu stützen – ansonsten wäre ihre Analyse zum Resultat gelangt, dass die Demokratie den Islam in ihren Fundamenten widerspricht und man sich dadurch einen anderen Gesetzgeber als Allah, dem Allmächtigen, hingibt, ob man nun daran (der Demokratie) glaubt oder nicht.

Letztendlich bedeutet es, dass eine solche Herangehensweise – ob man es nun offen bestätigt oder aber negiert – den Verstand zum Maßstab über die Ahkam macht als auch welchen Stellenwert und welches Interesse den Muslimen zukommt. Die Anhänger dieser Herangehensweise haben ihren Verstand unweigerlich zur Grundlage über dem Koran und der Sunnah gemacht und machten den Verstand somit zum Maßstab über die Ahkam. Imam Abu’l Mudthaffar al-Sam’ani (gest. 498 n.H.) – Möge Allah Wohlzufrieden mit ihm sein – sagte:

„Wahrlich sie machen ihren Verstand zu Rufern zu Allah und sie nehmen ihn als eine Art Gesandten bezüglich dem, was zwischen ihnen ist. Wenn also jemand sagt: „Niemand ist der Anbetung würdig außer Allah und mein Verstand ist der Gesandte Allahs“, so ist es nicht verwerflich, im Sinne seiner Bedeutung dies den Leuten des Kalam zuzuschreiben.“[4]

Auf der anderen Seite verurteilen manche unter den Sufis den Verstand und kritisieren es. So behaupten sie das außergewöhnliche Zustände und höhere Spirituelle Stufen nimmer erreicht werden können, ohne den Verstand gänzlich zu negieren. Auch verkündeten sie Ideen welche den Verstand wiedersprachen und sie zum Taumeln, Ekstase und Rausch (Sukr) führte. Sie glaubten an Wahrheiten und Erfahrungswerte, welche, wie sie behaupten, nur dann in Erscheinung treten können, wenn der Verstand gänzlich unterdrückt wird. Ebenso glaubten sie an Dinge welche klar durch den Verstand negiert werden oder nicht durch ihm bestätigt werden.

Entsprechend der Methodik der lauteren Altvorderen sind beide Herangehensweisen und Quellen falsch. Gewiss, ist der Verstand eine Grundvoraussetzung des gesamten Wissens, genauso wie es die Grundvoraussetzung der Tugendhaftigkeit und des guten Lebens ist. Denn durch den Verstand erwerben wir Wissen und Tugenden, wobei der Verstand an sich nicht ausreichend ist. Der Verstand gleicht der Fähigkeit der Sehkraft des Auges. Der Verstand kann nur ohne Fehler arbeiten, wenn es Licht vom Iman und dem Koran erhält, so wie das Auge nur dann Sehen kann, wenn es Licht von der Sonne oder einer anderen Quelle erhält.

Außerdem ist es dem Verstand nicht möglich über Dinge Kenntnis zu besitzen, wofür er nicht befähigt wurde auf sie durch die Sinneswahrnehmung, Realitätsanalysen oder Erfahrungen zu schließen, wie bspw. das absolute Wissen über „gut und schlecht“, oder die Ahkam der Scharia. Imam Abu’l Mudthaffar al-Sam’ani (gest. 498 n.H.) – Möge Allah Wohlzufrieden mit ihm sein – sagte:

„Wisse: die Methode der Leute der Sunna ist die, dass der Verstand einem nichts zur Pflicht macht, noch hebt er von ihm etwas aus. Er bestimmt nicht, was erlaubt oder verboten, noch was gut oder schlecht ist. Wenn jemand, der ihn gehört hat, es nicht will, so verpflichtet er keinen zu etwas und er hat weder Belohnung noch Strafe zur Folge.[5]

Auf der anderen Seite gleicht die völlige Unterdrückung des Verstandes den Tieren; denn die Ideen, die man dadurch erhält und die Handlungen, die man vollzieht können gleich oder ähnlich den Tieren sein, welche ohne Verstand lediglich ihren Trieben und Begierden verfallen sind. So kann man Liebe, Ekstase und andere Erfahrungen erleben, wobei sie sich nicht damit von den Tieren unterscheiden werden. Demgemäß sind die Stadien die man durch die Negierung des Verstandes erreicht unvollkommen und fehlerhaft, und die Ideen die man erhält sind im Wiederspruch zum Verstand.

Die Propheten kamen mit Wissen, die der Verstand von sich selbst oder durch Erfahrungen niemals erreichen könnte; wobei die Propheten niemals mit etwas kamen, was der Verstand als Unmöglich erachtete. Die Menschen die den unberechtigten Glauben an den Verstand haben, geben ohne weiteres Darlegungen hinsichtlich des Notwendige, Mögliche und Unmögliche bestimmter Sachen ab, rein auf der Grundlage des Verstandes; allesamt arbeiten sie mit der Vorstellung, dass ihre Ansichten korrekt und die der anderen unkorrekt sind. Einige unter diesen Leuten, speziell bei den Philosophen sind sogar so wahnsinnig, sich den Darlegungen des Gesandten Allahs – Allahs Segen und Friede auf ihm – entgegenzusetzen, worin Er von Allah, dem Allmächtigen, unterrichtet wurde, wie bspw. Abu Nasr al-Farabi[6] (gest. 339 n.H.), Abu Abdullah Ibn Arabi[7] (gest. 638 n.H.) , Sadr al-Din al-Qunawi[8] (gest. 672 n.H.) und Sulayman al-Tilimansi[9] (gest. 690 n.H.). So meinen sie bspw. das der Ursprung der Wahiy der Intellekt des Propheten ist und der Engel Gabriel eine Bezeichnung für Seinen Intellekt darstellt. Aus diesem Grund behaupteten Ibn Arabi und jene die ihn darin folgten, dass die Awliya (Freunde Allahs/Nahestehende Allahs) besser als die Propheten seien, dass die Propheten und Awliya ihre Theologischen Doktrinen vom Siegel der Awliya bekamen und das er sie aus derselben Quelle erhielt, von denen die Engel erhalten und sie es sodann den Propheten weitergeben. Die Engel, gemäß ihrer Lehre stellt die phantasievolle Fakultät (Khayal) der Seele dar, welche der Autorität des Intellekts unterworfen ist. Dies ist es, was sie über Gabriel, Mikail, Azrail und die anderen denken, d.h. das sie lediglich ein Produkt der Phantasie darstellen. Aufbauend auf diesen Konzeptionen empfangen die Propheten was auch immer sie hören von ihrer selbst. Aus diesem Grund sagen sie, dass Moses – Friede sei auf ihm – vom Himmel seines Intellekts angeredet wurde und das die Stimme die Er – Friede sei auf ihm – wahrnahm aus ihm selbst entspross und nicht von außerhalb. Manche unter ihnen Beanspruchen sogar ihre Überlegenheit über Moses – Friede sei auf ihm – aus, wie der Ungläubige und Polytheist Ibn Arabi seine Überlegenheit über Muhammad – Allahs Segen und Friede auf ihm – einforderte, da er direkt von seinem Intellekt empfängt und spricht und der Prophet seine Ideen nur von seinem Khayal empfang; für sie ist der Khayal der Engel von wem Er seine Offenbarungen erhielt. Demgemäß sagte Ibn Arabi, das er aus derselben Quelle seine Ideen erhält aus denen die Engel empfangen, was sie wiederrum den Propheten offenbaren.[10]

Anderseits jene, die den Verstand als minderwertig betrachten und falsche Dinge bestätigen, schwelgen in teuflischen Zuständen und bösen Praktiken und vermischen die Grenzen, welchem den Sinn des Urteilsvermögen auszeichnet, mit dem Allah die Menschen Austattete und ihn damit über alle anderen Geschöpfe stellte. So besitzen die Tiere keinen Verstand und handeln entsprechend ihren Trieben und so besitzen die Engel keinen freien Willen, wohingegen der Mensch sowohl Verstand als auch einen freien Willen besitzt, weshalb er aus diesem Blickwinkel über alle anderen Geschöpfte steht.

Unter den Leuten des Hadith (Ahl-Hadith[11]) existieren auch einige die sich zu der einen oder der andere Gruppe neigen. Manchmal reduzieren sie den Verstand von seiner eigentlichen Position und manchmal stellen sie sich aufgrund ihrer Denkweise gegen die Sunna des Propheten. All ihre Untersuchungsmethoden, Schlussfolgerungen, Konzeptionen, Handlungen und Verhalten müssen durch die Ahkam von Allah geleitet sein. Auch sind die Ge- und Verbote nicht durch den begrenzten und von Widersprüchen geplagten menschlichen Verstand bestimmt.
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[1] Ismail Ibn al-Fadl: al-Hudscha, 82/Baa
[2] Abu’l Qasim al-Tabarani: al-Mu’jam al-Awsat
[3] Eine rationalistische Denkrichtung innerhalb des Islams, welche Irregegangene Lehren vertrat; die eine bestimmte Haltung zur Frage von Qada und Qadar eingenommen hat und u. a. behauptete, dass der Mensch Schöpfer seiner Taten sei; auch negierten sie sämtliche Eigenschaften Allahs; und vertraten die Lehre von al-Manzil bayn al-Manzilatayn , d.h. dass jemand der keine Handlungen ausführt bzw. große Sünden begeht kein gläubiger ist, da ein Teil des Iman weggefallen ist, nämlich die Handlungen, aber solch jemand ist für sie auch kein Ungläubiger, da er im Herzen noch Iman hat. Nach ihrer Sicht der Dinge ist solch jemand in einer Zwischenstufe, also zwischen Mu’min und Kafr und er wird für ewig im Höllenschlund verweilen, aber weniger Bestraft werden als ein Ungläubiger; desweiteren zeichneten sie sich durch die Ansicht aus, dass der Koran erschaffen ist, also nicht die tatsächlichen (Haqiqatan) Worte Allahs verkörpert.
[4] Ismail Ibn al-Fadl: al-Hudscha, 83:Alif.
[5] Ismail Ibn al-Fadl: al-Hudscha, 85/Alif
[6] Muhamad Ibn Muhammad Ibn Tarkhan Ibn Awzalugh, Abu Nasr al-FarabI (gest. 339 n.H.), der größte bzw. zwei größte muslimische Philosoph mit türkischen Wurzeln, geboren in Farab (nahe am Fluss Jahone); er ging nach Baghdad, wo er sich dem Lesen und Schreiben widmete. al-Farabi reiste nach Ägypten und besuchte in Damaskus Sayf ad-Dawlah, wo er auch starb. Er war in mehreren Sprachen bewandert, inklusive (vermutlich) griechisch. Er erklärte und Interpretierte detailgetreu die Konzepte und Ideen von Aristoteles, weshalb er – aufgrund der Berühmtheit die er dadurch erreichte – der zweite Lehrer genannt wurde, wobei Aristoteles als erster betrachtet wird. Des weiteren war er in fast allen Wissenschaften seiner Zeit bewandert, einschließlich der Musik worüber er ein großes Kompendium verfasste, auch erfand er ein neues Musikinstrument: das Kanun. Seine verfassten Bücher gehen über die hunderte, von denen wohl die wichtigsten sind: Ara Ahl al-Madina al-Fadilah, worin er seine eigenen fundamentalen Prinzipen in der Philosophie darlegte und as-Siyasat al-Madaaniyyah, Ihsd al-Ulum etc. Eine Vielzahl von Schriftstellern haben über sein Leben, sein Gedankengut und Wirken geschrieben, wie bspw. Mustafa Abu ar-Razzaq in al-Faylasuf al-Arab, Ilyas Farah, Abbas Mahmoud, Muhammad Abdul-Haqq Ansari in Ethical Philosophy of al-Farabi
[7] Abu Bakr Muhammad Ibn ‚Ali at-Ta’I, besser bekannt als Ibn Arabi (gest. 638 n.H.); er wurde in Murcia (Spanien) geboren und starb in Damaskus. Ein großer Mystiker, von seinen Anhänger als Shaykh al-Akbar (Größter Shaykh) und von Gegner Shaykh al-Akfar (Shaykh des Unglauben) genannt. Er war bekannt für seinen großen Intellekt und seiner produktiven Vorstellungskraft, er erklärte sorgfältig und arbeitete die Philosophie des „Einheit des Seins“ aus, welche die islamische Welt beeinflusste.
[8] Sadr al-Din Muhammad Ibn Ishaq al-Qunawi, oder ar-Rumi (gest.672 n.H.), der am meist Kenntnisreichste in Konzepten Ibn Arabi’s und ein großer Ausleger seiner Philosophie. Er ist der Autor der Bücher Miftah al-Ghayb, Fukuk und an-Nafahdt al-Ildhiyyah.
[9] Sulayman Ibn Ali al-Tilimansi (gest. 690 n.H.), ein talentierter Poet und ein Sufi, welcher den glauben an al-Wahdat al-Wujud (Einheit des Seins) fest verteidigte. Sein Diwan (Poetisches Kompendien) besteht aus wundervollen Gedichten, worum es um die Gemeinschaft und der Einheit geht. Auch verfasste er ein Kommentar zu Manazil as-Sd’irin von Shaykh Abu Abdullah al-Ansari al-Harwi. Er wurde wegen Blasphemie und Ketzerei angeklagt, wobei Jami ihn aufgrund dessen verteidigte, weil das was er zusammensetzte oder sagte seine Erfahrung mit der Gemeinschaft widerspiegelt, aber nicht seinen glauben
[10] Ahmad Ibn Taymiyyah: al-Nubuwaat, S.171f
[11] Der Termini Ahl al-Hadith bezieht sich in diesem Kontext lediglich auf jene, welche sich mit Wissenschaft des Hadith und seine Zweige beschäftigten

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12 Antworten auf “Die Notwendigkeit und Unvollkommenheit des Verstandes”

  1. Sinan

    Assalamu Aleykum,
    Starker Artikel ich würde gerne wissen, ob alles von ibn taymiyyah (rahmetullah aleyh) kommt oder ob da noch andere wichtige Quellen sind worauf das alles zurückzuführen ist
    Sinan

    Antworten
  2. Isa

    Assalamu Aleykum; ich versuche seit einiger Zeit eine vertrauenswürdige Person zu finden, welche mir In Shaa Allah so manch Fragen beantworten kann. Doch bisher sind viele Fragen offen und die Zeit wird jeder Sekunde enger: Kann mir jemand einen vertrauenswürdigen Gelehrten empfehlen (deutsch, türkisch, englisch). Es ist wirklich wichtig.

    Antworten
    • Mohammed Isa

      Mohammed Isa

      wa aleykumselam,
      Worum gehts? Welches Themengebiet?

  3. Isa

    Es geht um Themen wie: Darf man in einem Krankenhaus arbeiten, welches ,,Sankt Johannis“ heißt und weitere Themenbereiche, welche den Fiqh betreffen. Ich bräuchte ziemlich schnell eine Kontaktmöglichkeit.

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  4. Isa

    Wa Aleykum Salam; ich habe relativ viele Fragen; teilweise auch Kurzfristige. Daher bräuchte ich eine schnelle Kontaktmöglichkeit. Hat jemand Abu Tajmas Nummer (,falls dieser einverstanden ist)?

    Antworten
  5. Isa

    Wa Aleykum Salam Wa Rahmatullahi Wa Barakatuh;

    Von wem werden diese Emailadressen betrieben?

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  6. Dunja Fanaa

    Wa alaykum salam,

    Islam-study.de (Abu Walaa ua.)

    Und

    Muhammad Abu Fatima

    Fi amanillah

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  7. Isa

    Wie lange dauerte eine Rückantwort bei Islamstudy? Bezüglich der Madrassa: Auf der Website konnte ich finden, dass die Emailadresse nicht für Fatwas verwendet soll.

    Hat jemand noch andere Kontaktmöglichkeiten? Evtl. Handynummer; die Zeit wird knapp.

    Antworten
  8. Isa

    Assalamu Aleykum; konnte von einigen Kontaktmöglichkeiten noch keine Antwort erhalten; und die Zeit ist echt eng (ich brauche ein Praktikumsplatz etc. bis ca. zum 3.2 und konnte noch kein Bewerbungsschreiben einschicken)…

    Antworten
  9. Ismail

    Salamun Alaikum,

    Ich hätte da eine Frage: Hast du schon mal was vom “ Evolutionären Humanismus“ gehört, welche von der Giordano Bruno Stiftung vertreten wird? Was kann man darüber sagen?
    Was spricht eigentlich dagegen?

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