Die Murji’ah – Ihre Geschichte und ihr Glauben

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Die Murji’ah

Ihre Geschichte und ihr Glauben[1]
Shaikh Muhammad al-Qurashi (Allah möge ihn bewahren)

Erstveröffentlichung im Forum am  10.11.2012 von AnstrengungFiSebilillah 

Die Ummah hat in der Vergangenheit immer wieder das Thema Bid’ah (die falsche Erneuerung im Islam) wiederholt und dagegen auch immer wieder angekämpft, um so an den richtigen Weg und das richtige Verständnis zu erinnern – und das Licht (des Islams) leuchtet noch immer. Dann wurde die Ummah faul und achtlos in der Bekämpfung der Erneuerung und gege die Leute der Erneuerung. Dies geschah, als das religiöse Unterbewusstsein geschwächt wurde, zur gleichen Zeit die Bid’ah sich rasch verbreitete und ihren Weg fand, etliche Anhänger und Befürworter für sich zu gewinnen. Die Bid’ah war somit rasch an einem Punkt angelangt, an dem sie mit der wahren Religion und Sunnah konkurrierte. Die Situation verschlechterte sich derart, dass, wenn die Bid‘a bekämpft wurde, viele behaupteten, dass die (vermeidlich) wahre Sunnah (durch die Bekämpfung) gefährdet sei.

Unter den vielen fehlgeleiteten Gruppierungen befinden sich auch „Al-Murji’ah“ (sprachlich die Verzögerer oder Verschieber). Was bedeutet dieser Begriff und wie hat es sein Anfang genommen?

Von der sprachlichen Bedeutung stammt (der Begriff) Murji‘ah von Irja‘, wie es auch im edlen Qur’an erwähnt wurde; in Surah an-Nisa‘, 104:

Doch ihr erhofft (tarjuna) euch von Allah, was sie sich nicht erhoffen (yarjun).

Ibn Kathir erklärte diesen Vers wie folgt:

„Beide, ihr und die Kafirun werdet leiden, aber ihr werdet auf die Vergebung von Allah hoffen können, auf Seinen Sieg und auf Seine Unterstützung und auf der anderen Seite können die Kafirin auf nichts von alle dem hoffen. Daher solltet ihr dem Jihad gegenüber hartnäckiger und mehr entgegenkommend sein.“

In einem anderen Vers sagt Allah, subhanahu wa ta3ala:

Was ist mit euch, das ihr nicht Allahs Strafe erwartet (erwarten: „tarjuna“)
(Nuh: 13)

Allah fragt uns, warum wir Ihn nicht fürchten und nicht an Ihn als den Allmächtigen Gott glauben und Seine Strafe fürchten.

Und ebenso sagt Allah, subhanahu wa ta3ala:

Sie sagten: „Verschiebe ihn und seinen Bruder zurück [verschieben: arjih], und sende in die Städte (Boten), die (die Leute) versammeln,“
(7:111)

Der Begriff in diesem Vers, der gebraucht wird, ist „verschieben“, „arjih“. Daher ist aus sprachlicher Sicht, wie oben in den Versen erwähnt, die Bedeutung von al-Murji’ah (dieser fehlgeleiteten Gruppierung), dass sie alle Taten und Handlungen ablegen und die Taten vom Iman[2] isolieren. Dadurch haben sie jedem Übeltäter die Hoffnung (Raja‘) gegeben, dass ihre schlechten Taten nicht im Konflikt mit ihrem Iman stehen werden.

Eine der bekanntesten Persönlichkeiten der Murji’ah sagte einmal, dass ihr Iman so gut sei wie der von Jibril, Muhammad – Allahs Segen und Frieden mögen auf ihn sein – sowie der von Abu Bakr und ‚Umar – Allahs Wohlgefallen auf ihnen -. Die Konsequenz dieser (fehlgeleiteten) ‚Aqidah ist, dass die Taten und der Iman nicht im Zusammenhang stehen und dass die Taten keine Auswirkungen auf den Iman haben, weder positiv noch negativ.

Die Wurzeln der Murji’ah

Die Bewegung der Murji’ah begann mit dem Auftreten der Khawarij und Shia. Die Khawarij behaupteten, dass die Sahabah Kuffar seien, während die Shia glauben das ‚Uthman, Mu’awiyah, A’isha und viele andere Kuffar waren; zur gleichen Zeit aber verliehen sie ‚Ali (und seinen Nachkommen) ein Status, der über alle anderen Menschen steht. Inmitten dieser beiden Gruppierungen entwickelte sich eine dritte Gruppierung, die das Urteilen über beide Seiten unterlies. Diese Gruppe ist mit Gewissheit im Widerspruch zur rechtschaffenen Position, welche die Liebe und den Respekt zu allen Gefährten des Propheten (Allahs Segen und Frieden mögen auf ihm sein) vertritt. Der Erste, der den Irja‘ von sich gab, war Bathr bin Abdullah Alhamdani. Dieser wurde aber von den Menschen seiner Zeit niedergeschlagen und niemand erwiderte mehr sein Salam. Dann erschien die Bid’ah des Irja‘ hauptsachlich in ganz Kufa (Irak) und sie wurde durch Leute wie Muhammad bin Karram vertreten.

Ursprünge der Murji’ah

Mit dem Erscheinen der vielen (unterschiedlichen) Sekten der Murji’ah, entwickelten sich auch innerhalb ihrer ‚Aqidah große Unterschiede. Ein Beispiel für eine Abspaltung sind die al-Jabriyyah, welche glauben das Menschen keinen freien Willen besitzen; während sie auf der anderen Seite (aus der Konsequenz heraus) die Namen und Eigenschaften Allahs (al-Asma wa as-Sifat) leugnen. Sie negieren (lehnen ab, verneinen) alle Eigenschaften. Einige von ihnen glauben nicht an das Paradies und die Hölle. Andere wiederum sind in ihrem Glauben so tief gesunken, dass sie mit Allah richten, all (Seine) Namen und Eigenschaften für nichtig erklären, alle Eigenschaften von Allah ausschließen und meinen damit vorgeben zu können Allah den Allmächtigen derart zu würdigen.

Doch sie alle treffen und einigen sich auf einen Punkt und dies spiegelt sich in ihrer ‚Aqidah wieder, nämlich dass der Iman weder sinkt noch steigt und dass sie sich alle geeinigt haben, dass die Taten in keinster Weise mit dem Iman zu tun haben und dass dem (Iman) nichts schaden kann, weder große noch kleine Sunden. Und mit dieser ‚Aqidah haben sie die Ummah auf den Weg des Teufels geführt.

Zeichen des Irja‘ in der Ummah

Diese irregeleiteten Menschen, sei es vor allem heute – aber auch allgemein zu allen Zeiten, machten sich die ‚Aqidah der Murji’ah zu Nutze. Im Namen des Glaubens und der Religion haben sie die Taten der Kuffar und Diktatoren gesegnet. Auf der anderen Seite, wenn es dann um die Wahrhaftigen und Gläubigen der Sunnah ging, so sind sie sehr streng und grausam, bis zu einem Maß, dass sie derartig gute Menschen als Kuffar bezeichnen. Solche Aktionen sind lediglich das Ergebnis einer verhängnisvollen Irreführung. Und dies ist Jahm bin Safwan, der uns sagt, dass (allein) das Wissen über Allah und Seinem Propheten, sallallahu alaihi wa sallam, ausreichend sei, um den Iman einer Person zu bestätigen sowie um das Paradies nach dem Tode jener Person zu beteuern.

Die Murji’ah und ihre negativen Auswirkungen

A. Im Iman: Sie setzen die Menschen unter den Fluch von Allah ohne den Qur’an und die Sunnah und den Weg der Gefährten zu beachten. Dies wiederum halt sie von Allahs Barmherzigkeit und Segen fern.

B. Moral und Verhalten: Die Murji’ah haben die Leute irregeführt, in dem sie behauptet haben, dass alle Taten für den Einen unwichtig sind, um ins Paradies zu kommen und dass die übelsten der Leute zusammen mit den Gottesfürchtigsten im Paradies sein werden. Dieses Konzept führte zum Verlust der Moral und Werte; es führte ebenso dazu, dass Allahs Religion (ungestraft) beleidigt wird. Somit hat der Verlust der Werte im Anschluss darauf dazu geführt, dass die Menschen sich langsam von ihrer Religion abgewandt haben, während sie daran glauben dadurch ins Paradies zu kommen, zusammen mit den Besten der Gefährten.

C. Die religiösen Richtlinien: Sie behaupteten für Jemanden den Islam, den Allah und Sein Prophet (Allahs Segen und Frieden mögen auf ihm sein) als Kafir bestimmt haben. So erlauben sie (z.B.) einer solchen Person eine muslimische Frau zu heiraten, während nach der wahren Religion es eine falsche (und nichtige) Ehe darstellt.

Nun sollte man realisiert haben, dass sobald die (eigenen) Gelehrten der Murji’ah einsahen, wie korrupt ihre ‚Aqidah wirklich ist, sie Wege geschaffen haben (die auf keinen einzigen Beweis basieren), um Leute als Kuffar zu betiteln und zu klassifizieren.
Derartige Charaktereigenschaften (jener korrupten Murji’ah) sind den Leuten der Sunnah bekannt. Und um nicht als mild gegenüber den Leuten, die religiös nicht praktizierend sind, zu wirken, sind sie mit den Leuten der Sunnah einig und bezeichnen (manchmal) eine Person als Kafir, die eine solche Qualifizierung verdient, jedoch (ist der Weg der Murj’ah) auf einer betrügerischen Art und Weise.

Beispielsweise haben sie sich mit den Leuten der Sunnah darauf einigen können, dass wer auch immer Allah, Sein Propheten – Allahs Segen und Frieden mögen auf ihm sein – oder den Qur’an beleidigt, ein Kafir ist; doch bezeichnen sie ihn nicht als Kafir aufgrund seiner (äußerlichen) Handlung, welche ihn (in Wirklichkeit) aus dem Islam wirft, sondern vielmehr aufgrund dessen, dass seine Tat darauf hinweise, dass er kein Iman hat und sein Herz kein Iman beinhaltet und somit konsequenterweise ein Kafir geworden ist. Die Religion und der menschliche Verstand sind beide im Konflikt mit der Behauptung dieser Murji’ah. Darüber hinaus kann der Verstand sehr leicht entscheiden, dass eine Person ein Gläubiger ist ohne Iman und Allah, subhanahu wa ta3ala, sagt bezeugend dazu:

Diejenigen, denen Wir die Schrift gegeben haben, kennen es, wie sie ihre Söhne kennen. Aber ein Teil von ihnen verheimlicht wahrlich die Wahrheit, obwohl sie (sie) wissen.
(Al-Baqarah, 46)

Und in einem anderen Vers sagt Allah:

Wir wissen wohl, dass dich das, was sie sagen, in der Tat traurig macht. Aber nicht dich bezichtigen sie (in Wirklichkeit) der Luge, sondern die Zeichen Allahs verleugnen die(se) Ungerechten.
(Al-An’am 33)

Und um mehr Licht in das zu bringen, was wir eben beschrieben haben, zitieren wir was Shaikh al-Islam ibn Taymiyyah über die Murji’ah sagt:

„Jene, die sagen, was Jahm und al-Salhi sagen, dass das beleidigen von Allah oder Seinem Propheten oder die Rede der Trinität und jedes Wort des Kufrs, kein Kufr im Inneren sind, sondern vielmehr äußerliche Hinweise auf den Kufr darstellen. Doch es möglich sei, dass der Beleidiger, neben dem im Inneren Wissend über Allah und Seiner Einzigartigkeit und Glaubend an Ihm ist. Wenn dann der Beweis zu ihnen gebracht wird, durch einem Wortlaut (der Shari’ah) oder Übereinstimmigkeit, dass dieser Beleidiger ein Kafir ist Innerlich und Äußerlich, dann sagen sie, dass dies (das Urteilen mit dem Kufr) die innerliche Leugnung (bzw. Ablehnung) erfordert […] Diese Aussage ist zwingend im Islam ungültig.“
(Al-Fatawah Sammlung 7/560)

Die Beweise der Murji’ah

Die Murji’ah haben Beweise erfunden, um sie ihrer ‚Aqidah anzupassen, wie es die Norm ist, mit den Leuten der Erneuerung, welche üblicherweise (zuerst) die Bid’ah erfinden und dann die Beweise betrachten, um sie (die Bid’ah) zu unterstutzen. Und diese fehlgeleitete Weise steht dem korrekten Weg der Wahrheitssuche entgegen, denn jene, die nach der Wahrheit suchen, sollten objektiv und aufrichtig in ihrer Forschung sein, vielmehr, als dass die Erneuerung aufrechterhalten wird und dann unterstutzende Beweise dafür gesucht werden.

Wie auch immer, sich selbst der Ahlu Sunnah wal-Jama’ah zuzuschreiben und deren ‚Aqidah, ist das Beste und der einzige Weg, um Allahs Lohn und Sein Paradies zu erlangen. So halte dich am Buche Allahs und der Sunnah Seines Propheten (Allahs Segen und Frieden mögen auf ihm sein) und dies wird dich von Fehltritten fernhalten sowie von der Strafe Allahs und du wirst fähig sein, Allah in Seinem Paradies im Jenseits zu sehen, welches der ewige Genuss ist.

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[1] Dieser Artikel wurde in der 17. Ausgabe des Nida’ul Islam Magazins veröffentlicht; Februar-Marz 1997, Quelle: http://islam.org.au

[2] Der Iman setzt sich aus Wort, Tat und Absicht zusammen. Es wird auch gesagt: „Al-Aqd bil-Qalb wa Iqrar bil-Lisan wal-Amal bil-Jawarih“: Die fest verknotete Überzeugung im Herzen, die Zustimmung mit der Zunge und die Ausführungen mit den Gliedern.

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6 Antworten auf “Die Murji’ah – Ihre Geschichte und ihr Glauben”

  1. K. Ahnung

    Immer wieder erstaunlich, dass man nie auf Abu Hanifa (rahimahullaah) eingehen möchte, obwohl in Aqida Tahawiyya glasklar steht, dass der Iman von den Handlungen getrennt ist. Doch man hat klar betont, dass die Sünden und die Kufr-Aussagen und Taten negative Wirkung auf den Iman haben und genau das ist der Unterschied zu den wahrhaftigen Murjia. Denn diese lehnen jegliche negative Wirkung auf den Iman durch die Sünden und Kufriyyaat ab. Dies sollte immer betont werden, denn allein aufgrund der Aussage, dass der Iman getrennt ist von den Handlungen, kann man jemandem nicht direkt Irja vorwerfen. Sonst müsste man es auch Abu Hanifa und seinem Lehrer Hammaad vorwerfen, was aber keiner behauptet hat in der Geschichte des Islams.

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  2. Yahya Jens Ranft

    Yahya Jens Ranft

    Imam ‘Abd al-Qadir al-Jilani geht in seinem Werk Ghunyat al-Talibin auf fast jede Sekte im Islam ein und erklärt sie. Als er die verschiedenen Gruppen der Murji’ah aufzählt, da liest man dort ebenfalls die Hanafiyyah mit aufgelistet.

    Hier der Auszug (übertragen in die englische Sprache):

    „ON THE MURJI’A [„THE POSTPONERS“]

    As for the Murji’a [„the Postponers“], their subsects are twelve in number: The Jahmiyya; the Salihiyya; the Yunusiyya; the Shamiriyya; the Yunaniyya; the Najjariyya; the Ghailaniyya; the Shabibiyya; the Hanafiyya; the Mu’adhiyya; the Marisiyya; the Karramiyya.

    They have come to be called the Murji’a [„the Postponers“] for the simple reason that they professed the following doctrine: Provided that an individual, he being a responsible person [mukallaf], makes the statement: „There is no god but Allah; Muhammad is the Messenger of Allah [la ilaha illa’llah; Muhammadun rasulu’llah],“ even if he then goes on to commit every possible sin of disobedience, he will definitely not enter the Fire of Hell.

    They also maintain that faith [iman] is a matter of words, and does not depend on deeds. According to them, deeds are articles of the sacred law [shara’i‘], whereas faith is a verbal statement pure and simple [qawl mujarrad]. They hold the view that people are not distinguished, one as being superior to another, on the basis of faith. They maintain that their faith and the faith of the angels [mala’ika] and the Prophets [anbiya‘] is one and the same, without being subject to any increase, diminution or exception. As long as a person declares his faith with his tongue, even if he does not put it into practice, he is therefore a believer [mu’min].“

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  3. K. Ahnung

    Der zweite Link geht etwas drauf ein. Doch wie es schon so oft geschieht, erkennt man schnell, dass die tiefgründige Darstellung der Aqida der Ahnaaf fehlt. Die Ulamaa, welche sagen, dass diese Meinung definitiv falsch ist, haben sehr selten verstanden, was genau mit der Aussage „der Iman ist von den Handlungen getrennt“ gemeint ist. Natürlich kann man sie als falsch beurteilen. Darum geht es mir nicht. Jedoch ein wahrhaftiger Muhaqqiq (Erörterer/ Forscher) würde erkennen, dass die Grund-Aussage „der Iman ist von den Handlungen getrennt“ in der Praxis in keinster Weise mit den Murjia was zu tun hat. Hierfür sollte man die Erklärungen von Anwar Shah al Kashmiri, Aliyyul Qari und Ashraf Ali Thanvi lesen.

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