Rezension: Das Gebet. Eine Reise in dein Herz

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Der Hausverlag „Kutubia“ des bekannten türkischen Gelehrten Nureddin Yildiz hat jüngst ein Werk über das islamische Gebet für den deutschen Markt publiziert. Hat das Buch Alleinstellungsmerkmale im Vergleich zu der Flut an Schriften über das rituelle Gebet im Islam? Ich habe es mir näher angeschaut.

Der Gelehrte Nureddin Yildiz ist vor allem in der Türkei, aber auch in Deutschland, durch seine Fatwa Internetseite, ein Begriff. Yildiz studierte an der Marmara Universität islamische Theologie und lernte darauf folgend an der Umm-al-Qura-Universität in Mekka usūl al-fiqh (Methodenlehre der Grundlagen der Normenlehre). Neben seinem Wirken als Prediger hat er auch einen großen Bekanntheitsgrad durch seine Publikationen erreicht. Bisher wurde für das deutschsprachige Publikum lediglich ein Werk über den Ramadan übersetzt und verbreitet. Nun ist kürzlich ein weiteres Buch mit dem vielversprechenden Titel „Das Gebet. Eine Reise in dein Herz“ hinzugekommen. Hält der Titel was er verspricht?

Die Themen des Buches

In dem Buch über das Gebet werden eine Vielzahl an Themen rund um das ṣalāh angesprochen und prägnant in Worte gekleidet. Fundament des Buches stellt natürlich die Vermittlung der „Basics“ des rituellen Gebetdar. Dennoch wird auch auf weiterführende Themen Bezug genommen. Was sind die nawāfil und sind diese Handlungen freiwillig? Oder es wird auf das hehre Ziel des iḥsān beim Gebet eingegangen. Der Autor des Buches stellt jedoch zuallererst den sogenannten ʿIbāda – Plan vor, der sich natürlich nicht nur auf das Gebet beschränkt. Hier differenziert er zwischen einem wöchentlichen, monatlichen, jährlichen und lebenslangen ʿIbāda – Plan. Beachte beispielsweise das wöchentliche Freitagsgebet, berechne die jährliche zakāt und bedenke bei deiner Finanzplanung die Verpflichtung der einmal im Leben zu vollziehenden Hadsch!

Im Buch wird des Weiteren auch auf den Punkt der Nichtpraktizierung des Gebetes eingegangen. Es gibt Überlieferungen bezüglich des Abfallens vom Islam bei der Ablehnung der Pflicht zum Gebet (vgl. z.B.: Aḥmad, 22937). Grundlegend gibt es in dieser Angelegenheit Meinungsverschiedenheiten unter den Rechtsgelehrten. Yildiz ist hier der Ansicht, dass ein Muslim nicht vom Glauben abfällt, wenn er nicht betet. Dabei stützt er sich auf folgende Überlieferung:

Der Titel von Yildiz will aber nicht nur auf Rechtsfragen Antworten geben, sondern auch auf Themen wie „Warum kommen wir nicht auf den Geschmack beim Gebet?“ oder aktuelle Themen wie die zeitgenössischen Probleme beim Gebet in der Jetztzeit eingehen. Generelles Ansinnen des Werkes: Die Wichtigkeit des Gebets anhand der rechtlichen Bestimmungen herausarbeiten und in einer verständlichen Art und Weise dem deutschsprachigen Leser näherbringen. Yildiz schreibt im Kapitel „Die Helden des Gebetes“:

Neben all diesem müssen wir das Gebet als die zu allen Zeiten und an allen Orten wichtigste Tat betrachten. Denn sogar während der Gesandte Allāhs (s.) sich auf dem Feldzug befand, kamen Verse herab, die über die Gebetszeiten sprachen. Eigentlich existiert dieses Bestreben nur, um auf dieser Welt ein Leben zu ermöglichen, in dem das Gebet einen Platz hat und verrichtet wird. Grund hierfür ist, dass das Gebet den Gipfel der Dienerschaft reflektiert, nämlich ǧihād gegen die eigenen Gelüste und das Ego.“ (S.106)

Besonderheiten des Werkes

Das neue Buch aus dem Hause „Kutubia“ zeichnet sich durch eine klare und einfache Sprache aus. Dieses ermöglicht natürlich eine möglichst breite Zielgruppe anzusprechen und ihnen das islamische Gebet näher zu bringen. Erleichtert wird das Studium des Buches auch dadurch, dass es eine Vielzahl an Aufzählungen gibt, welche einen kompakten Eindruck vermitteln. Bei fachlichen Terminologien wurde am Ende des Werkes ein kleines „Gebets-Lexikon“ hinzugefügt, welches die erstmalige Navigation durch den Dschungel an Begrifflichkeiten erleichtert. Interessanterweise wurde in dem Buch ein größeres Augenmerk auf die Thematisierung der Moschee und dessen Bedeutung für die Muslime und das Gebet gelegt. Dieses ist für ein „Anfängerbuch“ grundsätzlich eher ungewöhnlich, aber behandelt auf schöne Art und Weise die Themen wie die oftmalige seelische Anonymisierung/Atomisierung der Gesellschaften in den Gebetsortlandschaften, oder auch das unpassende Verhalten mancher Geschwister in der Moschee. Eine Besonderheit für den deutschen Büchermarkt stellt das Kapitel „Ein Leitfaden, damit Kinder das Gebet lieben lernen“ dar: Auf rund 14 Seiten wird ausführlich mit religionspädagogischen Empfehlungen auf die Erziehung zum Gebet eingegangen. Hierbei hebt Yildiz wieder die Moschee als Ort der Charakterformung hervor, geht aber natürlich auch auf die Heranführung zum Gebet in den eigenen vier Wänden ein. Sicherlich besonders lesenswert für angehende Eltern und für Geschwister, die bei ihren Kindern erzieherische Problematiken erkennen!

Fazit und Einordnung der Schrift

Mit der türkischen Gebetsfibel ist dem „Kutubia-Verlag“ ein schönes Werk gelungen. Der muslimische Büchermarkt in Deutschland ist nicht besonders groß. Leider sind dadurch so manche Publikationen nachlässig veröffentlicht worden und der Schreibstil nicht sonderlich fachkundig. Hier sticht das Buch von Nureddin Yildiz positiv hervor. Die Formatierung ist einwandfrei, die Übertragung in die deutsche Sprache und das Lektorat (außer eines größeren Ausdrucksfehlers) gut. Trübend auf dem positiven Gesamteindruck wirkt das kostengünstige Taschenbuchformat, welches für Eselsohren sorgen wird. Eine unkomplizierte Anleitung zum rituellen Gebet hätte zudem das Buch komplettieren können, sodass der unkundige Leser sogleich in die religiöse Praxis eintauchen kann. Vielleicht wird dieser Aspekt jedoch in einer 2. Auflage berücksichtigt? Vermisst habe ich bei meiner Lektüre auch die genauere Definition der islamischen Vorstellung vom Herzen, welches schließlich auch der Titel des Werkes ein Stück weit suggeriert. Den Herausgebern ist aber mit dem Buch eine feine Schrift geglückt, welche sich insbesondere für neu-praktizierende Muslime, die einen schnellen, aber gleichzeitig auch emotionalen und faktenreichen Zugang zum Gebet suchen, eignet.

Hier könnt ihr bei Interesse das Buch bestellen.

Nureddin Yildiz: Das Gebet. Eine Reise in dein Herz, Kutubia Verlag, Stockstadt 2019, 200 Seiten, 9,90 Euro.

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