Rezension: „ausgerechnet Islam“

2 Kommentare

In Zeiten in denen wir alles im weltweiten Netz innerhalb von Sekunden abgreifen und abrufen können, erscheint die Idee gesammelte Blogbeiträge als klassisches Buch herauszubringen ungewöhnlich. Chadidscha Christine Berner, Islamkonvertitin und begeisterte Herzbluttexterin, hat dieses kurzerhand mit Ihrem Blog „ausgerechnet Islam“ umgesetzt. Wie liest sich also die schlaglichtartige Mischung aus persönlichen Erfahrungsberichten und religionsspezifischen Themen in Buchform? Ich habe mich in die verschriftlichten religiösen Wanderbewegungen der auf der iberischen Halbinsel lebenden Schweizerin gewagt.

Es muss ungefähr im Jahre 2014 gewesen sein, als ein sinnsuchender junger Mann aus Hamburg vermehrt begann sich mit der Religion des Islams auseinanderzusetzen. Im Internet entdeckte er unzählige erstaunliche Internetseiten über den Islam. Sehr viel negatives, verrücktes aber auch kleine Perlen wie den Blog „ausgerechnet Islam“. So begann er zu lesen und das Archiv dieser Website zu durchstöbern. Vieles kam ihm sogleich bekannt vor; kein Wunder: Eine wie er im „liberalen“ Europa sozialisierte Person entdeckt die Tiefe und Schönheit einer im Westen als repressive, chauvinistische Ideologie verschrienen Weltanschauung namens Islam. Doch als früher digital emmigrant war das permanente Starren auf den Monitor auf Dauer ermüdend, sodass der junge Mann begann die Blogeinträge auszudrucken. Ganz oldschool eben. Nun, Jahre später, hält jene Person ein gedruckte Version des Blogs in den Händen und sitzt gerade an der Tastatur und sortiert seine Gedanken.

Die Lektüre von „ausgerechnet Islam“ ist für mich wie ein kleine Reise in die Vergangenheit gewesen. Viele Sentenzen waren selbstredend natürlich nicht mehr präsent im Gedächtnis, kamen nun aber wieder hoch und ließen sich nun natürlich besser mit dem eigenen gesammelten Erfahrungsschatz seit meinem Übertritt zum Islam im Jahre 2016 in Zusammenhang setzen. Insbesondere das von Berner geschilderte Unverständnis des privaten Umfelds auf Grund des Lebenswandels, oder die schleichende Entfremdung von alten Gewohnheiten und Gewissheiten, eben dieses konfliktreiche Spannungsverhältnis, wird immer wieder pointiert, prägnant und oftmals mit einer kleinen Brise schmunzelnder Lakonie ausgebreitet. Gerade die gut dreißig Seiten lange, von Berner „Metamorphose“ genannte Vorrede zum eigentlichen Blog, hatte es mir damals angetan: Hier wird sensibel und ehrlich das ambivalente Ringen um Wahrheit, Orientierung und Authentizität veranschaulicht. Durch schicksalhafte Ereignisse, Kleinigkeiten im Alltag, entdeckte Berner zuerst den Orient durch Bauchtanz und die arabische Sprache. Dann kam der Islam mit aller Wucht. Ich denke viele Konvertiten haben vom Grundsatz ähnliches zu berichten. Einen Berührungspunkt, ein Zeichen, das anfänglich gar nicht mal unbedingt mit der Religion zu tun hatte, aber mittelbar dann eine behelfsmäßige Brücke zu einem neuen Weltverständnis darstellte. Gerade die eigentlich so gesellige Bloggerin sah sich auf einmal alleine in ihrem familiären Umfeld. Ein leider oftmals bei vielen auftretendes Misstrauen von Seiten der Familie und angeblichen Freunden. Auf den Rund 200 Seiten des vorliegenden Buches wird der neugierige Leser teil von Berners Reise auf den oftmals verschlungenen Wegen der Religiosität. Stimmungen, Nuancen und schlichte Betrachtungen reihen sich wie ein buntes Potpurri aneinander sorgen beim Lesen für Kurzweil. Es ist eben kein Studienbuch, sondern ein kleines Büchlein über Lebenserfahrungen, fast wie ein Tagebuch, zu dem man gerne zwischendurch greift. Zumal die meisten Textpassagen nicht sonderlich lang sind. Dem Leser wird beispielsweise die Euphorie der Bloggerin veranschaulicht, nachdem Sie endlich den gesamten Quran auf Arabisch durchgelesen hat. Aber auch Passagen in dem auf nervige Kommentare aus dem Alltag schriftlich geantwortet wird:

»… und was die Gunst deines Herrn angeht, so erzähle (davon)« (Sure 93 Vers 11)

»Was will sie denn nun schon wieder, will sie uns bekehren?«

Nein, bekehren kann nur Einer. Aber ist es nicht so, dass die meisten Menschen, wenn sie etwas besonders Schönes oder Gutes gefunden haben, dies mit anderen teilen möchten? Natürlich mag es auch Exemplare geben, die ihr Fundstück in einen Tresor wegsperren, damit niemand es sieht – ich glaube aber nicht, dass das Regel ist. Und ich gehöre zu der Mehrheit, die Schönes gerne teilen möchte, nach dem Sprichtwort: Geteilte Freude ist doppelte Freud. Und so schreibe ich halt und schreibe und schreibe und hoffe, da und dort einen Abnehmer für ein Stückchen Freude zu finden […] (S.41f.)

Wie oft taucht dieser Vorwurf gegenüber den jungfräulichen Entdecker des Dins auf? Ich denke viele „Konvertiten“ können ein Lied davon singen. Und singen es auch.- Dieses Phänomen liegt vielleicht einfach auch darin begründet, dass mittlerweile in der westlichen Hemisphäre der Glaube einen unverbindlichen Charakter bekommen, die Züge eines Wunschkonzertes entwickelt hat. Wie bei einem Möbelkauf bei Ikea gibt es auf dem „spirituellen Markt“ unzählige Möglichkeiten der Variation, die Addition von jeglichem „Schnickschnack“ mit persönlichen, individualisierten Noten. Da kommt so ein Koloss wie der Islam, mit seinem konsequenten „Drive“, seiner unbedingten Hingabe und Opferbereitschaft herrlich anachronistisch daher.

Auch zu den vielen Vorurteilen gegenüber uns eifrigen und fanatischen „Konvertiten“ hat Berner einiges zu sagen und widerspricht dem Klischee vom Schulversager, der keine Anerkennung in der Gesellschaft gefunden habe:

Jedoch, überlegt doch mal: Wenn jemand aus eigenem Wollen, durch Nachdenken, durch ernsthafte und eingehende Beschäftigung mit dem Thema, vielleicht auch durch einen Wink des Schicksals, zur Überzeugung gelangt, dass eine Religion – welche es auch sei – die Wahrheit ist, sodass er den bestimmt nicht einfachen Schritt (ganz besonders im Islam – wo man dann den Rest der Welt gegen sich hat, von der eigenen Familie und von Freunden nicht mehr verstanden, von Bekannten verspottet wird) tut, zu konvertieren, dann ist es doch logisch, dass dieser Mensch einer derjenigen ist, der den Glauben und die religiöse Praxis auch ziemlich ernst nimmt – und vielleicht sogar manchmal etwas übereifrig ist. (S.62)

Berners Ton ist dabei allweil galant, spitzt aber manche Sachverhalte in der hiesigen Islamdebatte konsequent zu. Sie betreibt letztlich eine Art literarische Lobbyarbeit für religiöse Menschen im 21.Jahrhundert und bricht für den Islam eine kleine Lanze im öffentlichen Diskurs. Es müssen nämlich immer wieder Entwürfe – egal wie groß sie letztlich auch sein mögen – gegen die vorherrschenden, kulturell-hegemonialen Narrative in den Gesellschaften des sogenannten freiheitlichen Europas gesetzt werden. Eine Maxime die prinzipientreue und sturmfeste Charaktere erfordert.

Immer wieder versucht sich Berner in ihrem Buch aber auch an kleinen poetischen Assoziationen, wobei ich insbesondere vom folgenden Gedicht angetan bin:

ich binde mein kamel an

ich habe keine Angst

vor krankheit

vor alleinsein

vor armut

vor naturkatastrophen

vor dem tod nein

ich binde mein kamel an

und lebe das heute

so gut ich kann

und vertraue

auf Allah ta’ala

angst habe ich

vor mir selbst

meiner faulheit

meiner trägheit

meiner dummheit

meinem hochmut

meiner feigheit

meiner selbstgerechtigkeit

– meinem nafs

doch

ich binde mein kamel an

und kämpfe

so gut ich kann

und vertraue

auf Allah ta’ala

(S.147)

Chadidscha Christine Berners Buch ist eine schöne Lektüre mit einem niedrigschwelligen Anforderungsprofil für den potentiellen Leser. Unkompliziert kann der „folgenschwere Blick vom Balkon“ gewagt werden. Gerade ihre eindrücklichen Schilderungen über den Fastenmonat Ramadan oder der Besuch der heiligen Stätten in Mekka und Medina sind allemal lesenswert. Der Leser will einfach immer weiterlesen. So wird sich jeder Rückkehrer zur Religion Allahs in einigen Punkten wiederfinden und wird bestenfalls selbst zu einer eigenen angeregten Reflexion über seine Verortung im Islam beginnen nachzudenken. Des Weiteren könnte „ausgerechnet Islam“ vielleicht auch jenen Nichtmuslimen helfen ein besseres Verständnis für die Lebenswelt von uns „Konvertiten“ zu entwickeln, die jüngst mit dem Phänomen der „Konversion zum Islam“ im Familien- oder Bekanntenkreis konfrontiert worden sind. Ebenfalls ist es ein sympathisches Buch um Dawah zu betreiben, sodass hoffentlich – in sha’Allah! – irgendwann ein Leser dieses Buches ebenso wie Berner und viele Andere sagen wird: Ausgerechnet Islam.

Christine Berner: ausgerechnet Islam: ein folgenschwerer Blick vom Balkon, epubli, Berlin 2014, 207 Seiten, 15,95 Euro. 

Hier könnt ihr das Buch bestellen.

Habt Ihr Interesse an Chadidscha Christina Berner bekommen? Sie ist bei Twitter, Facebook und Instagram aktiv. Schaut einfach mal vorbei.

Ähnliche Beiträge

2 Antworten auf “Rezension: „ausgerechnet Islam“”

  1. Chadidscha

    As-salamu alaikum wa rahmatullahi wa barakatuh
    MaschaAllah! Ich hab grad keine Worte – aber dafür Gänsehaut. Vielen Dank, lieber Bruder, für diese schöne Rezension, und dass du auch eigene Gedanken und Erfahrungen dazu äußerst! Barak Allahu fik, möge Allah deine – unsere – Bemühungen annehmen und auf fruchtbaren Boden fallen lassen!

    Antworten
    • Nando-Dragan Nuruddin Augener

      Nando-Dragan Nuruddin Augener

      Wa alaykum salam wa rahmatullahi wa barakatuh liebe Schwester. Es freut mich, dass die dir Rezension gefällt. Wa feeki barakAllah..möge Allah unsere Bemühungen für die Religion würdigen und annehmen. Amin ya rabb.

Antworten