Kopftuch? – Ausziehen! – Bericht der Gastautorin Namika

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Seit meinem fünfzehnten Lebensjahr trage ich das Kopftuch. Seitdem verfolge ich, mal mehr mal weniger, in den Medien die Debatten, die zum Thema Kopftuch geführt werden. Und seit jeher mache ich immer wieder dieselben Beobachtungen, was diejenigen betrifft, die sich als emanzipierte Frauen darstellen, die den Rest der Menschheit aufklären und vor dem Kopftuch retten wollen.


[Bildquellen:
Urheberschaft beider Bilder: Miloud Kerzazi,
Wiedergabe hier mit seiner Genehmigung]

 

Kopftuch? – Ausziehen!

Der Kampf der Pseudofeministinnen gegen das Kopftuch und den Islam

Ein Gastbeitrag von Namika – die Schreiberin

 

Immer wieder verdrehe ich die Augen, wenn ich mir die Talkshowgäste anschaue zum Thema „Frau im Islam/ Kopftuch“. In all den Jahren sind es fast immer dieselben Gesichter mit denselben Geschichten, wie sie denn aus dem „faschistischen“ Islam fanden.

Dort spricht immer wieder jemand zu uns, der/die selbst traumatische Erlebnisse durchlitten hat. Meist in einem Land wie dem Iran oder Saudi- Arabien oder als Alternative in einem Berliner Ghetto. Dort mussten die heutigen Islam- und KopftuchgegnerInnen miterleben, wie patriarchalische Strukturen dazu führten, dass junge Frauen und Männer unterdrückt, misshandelt oder gar ermordet wurden. Schlimme Erlebnisse, keine Frage! Im nächsten Atemzug wird dem Zuschauer auch gleich erklärt, wie es so weit kommen kann, dass Frauen beispielsweise nach einer Vergewaltigung vom orientalischen Familienclan brutal ermordet werden oder ganze Gesellschaften dies mit Inbrunst übernehmen: Der Islam ist schuld. Ehrenmorde, Genitalverstümmelung bei Mädchen, Zwangsheiraten kleiner Mädchen oder junger Frauen, usw. usf.: An allem ist der Islam schuld. Und dann wird ein gekonnter Schwenk zum Kopftuch gemacht. Das Kopftuch ist auch an allem schuld, als Mittel und eigentlich Inbegriff der Unterdrückung. Und so weiter. Wir alle kennen die stereotypen Ausführungen in diesen Talkshows, Artikeln gegen das Kopftuch und den Islam.

Persönlich mit solch radikalen Islamgegnern hatte ich bis vor kurzem allerdings noch nie etwas zu tun. Nun kam es aber neulich dazu, dass mich zwei Freundinnen (eine Jüdin und eine Atheistin) zu einer Veranstaltung einluden, in der es gegen das Kopftuch und den Islam gehen sollte. Der Islam als frauenfeindliche Ideologie, erklärt von einer Exmuslima. Die beiden wollten einen solchen Auftritt nicht unkommentiert stehen lassen und hatten sofort mich als Mitstreiterin im Sinn. Nun bin ich nicht der Typ Mensch, der gerne nur meckert, ohne auch anzupacken, wenn sich ihm die Chance bietet. Ich nahm die Einladung an und recherchierte die Tage vor der Veranstaltung zu der Referentin und ihren (wie ich bald merken sollte) kruden Ansichten.

Denn schon bei meinen Recherchen wurde mir übel. Die Frau schreibt für eine antideutsche Zeitschrift, d.h. mehrere linkspolitische Journalisten, jüdische Organisationen, die ZEIT, das Bundesfamilieninnenministerium und der Verfassungsschutz Brandenburg ordnen diese so ein. Nicht wenige Beobachter bezeichnen die Referentin als Person mit rassistischen Tendenzen und islamophob. Wow, ich war platt. Und so jemand wird eingeladen, um „über den Islam aufzuklären?“. Hust. Alles klar. Da ich mich aber nie auf die Einschätzungen anderer verlasse und mir stets ein eigenes Bild zu machen versuche, so las und hörte ich fast alles, was mir von der Dame in die Hände fiel. Fazit: Jap, das kann ich persönlich so unterschreiben, was ich bereits als Anfangsinfos gefunden habe.

Als weitere Vorbereitung fertigte ich Notizen mit kritischen Fragen an, die ich gerne von der Referentin erklärt bekommen haben wollte. So wollte ich ihr die Möglichkeit bieten, eventuelle Missverständnisse zu korrigieren. Bei Bestätigung meiner negativen Vermutungen durch sie würde so ein Fragezeichen im Publikum hinterlassen und nicht einfach dumpf aufgenommen werden, was diese Frau an Hetze zu verbreiten schien. Meine Freundinnen hatten denselben Plan. Freundlich aber kritisch hinterfragen.

 

Der Vortrag

(Gedankenprotokoll bzw. Mitschrift. Genau Formulierungen können etwas abweichen. Text mithilfe mehrmaliger Gespräche mit anderen Zuhörerinnen überarbeitet und korrigiert. Namen werden bewusst nicht genannt.)

Wir betreten zu viert das linke Café. Es ist eng und muckelig. An der Theke sehe ich meine jüdische Freundin, die bereits eine Cola trinkt. Wir begrüßen uns herzlich, ich stelle alle Damen vor, die sich noch nicht kennen, und wir unterhalten uns locker. Langsam füllt sich das Café, meine jüdische Freundin (ich nenne sie Rahel) zieht sich ihr jüdisches Kopftuch über, während ihre Davidstern-Ohrringe noch hervorblitzen, sie trägt eine silberne Kette mit Davidstern, die sie in Israel gekauft hat. Wer sie nicht kennt, weiß nicht, dass sie Palästina-Aktivistin ist und für einen gerechten Frieden im Nahen Osten eintritt.

Das Café ist mittlerweile recht voll, was einfach daran liegt, dass es so klein ist, denn es sind nicht mehr als 40 Leute anwesend, wenn überhaupt. Die Zuhörer sind jung, fesch gekleidet, Linke verschiedener Couleur. Männer und Frauen sind gleichmäßig vertreten.

Die Referentin nimmt auf dem Podium Platz und beginnt ihren Vortrag.

Fünfzig Minuten spricht sie ohne Unterbrechung, monoton und mit einer Masse an Fremdwörtern, die ich so nicht einmal von Vorträgen an der Uni kenne. Sie liest mehr ab von all ihren Zetteln, als dass sie frei spricht. Klar, solch komplizierte Satzbauarten und die massenhafte Verwendung von Fachbegriffen kann nicht jeder einfach so raushauen, da muss sie auch beim X-ten Vortrag immer wieder ablesen. Einfacher formulieren? Never! So wirken Vortragende und Inhalt doch gleich viel kompetenter und intellektueller.

Außerdem liest sie unfassbar viele Zitate von Leuten vor, die sie ganz nebenbei recht gekonnt abwertet. Denen sie immer wieder abspricht verstanden zu haben, was und wie eine Feministin zu sein hat. So werden sowohl nichtmuslimische als auch muslimische Personen des öffentlichen Lebens verächtlich als Beispiel für den falsch verstandenen Feminismus und Islam genannt und zitiert. Ab und an auch einige „ganz tolle Feministinnen“ und Kopftuch- sowie Islamgegnerinnen, die beides anscheinend „richtig“ verstanden haben.

Ich schaue mich im Café um, wenn mein Hirn das monotone Ablesen vom Blatt durch die Referentin nicht mehr ertragen kann. Rechts von mir hängt an der Wand ein Plakat, das auf eine rechte Kneipe aufmerksam macht und links eines, das auf den Widerstand gegen Islamismus hinweist. Aha. Im Nachgang erzählen mir viele Zuhörer, dass es ihnen mit der einschläfernden Wirkung des Vortrags ebenfalls so ging.

Im Vortrag sollten krude Schlüsse der Dame mich und einige andere Zuhörer ins Staunen bringen. Hier einige wenige im Überblick:

  • Das Kopftuch wird als Symbol gegen die Assimilation getragen“ Hat wohl mal irgendeine Muslimah gesagt und wird nun allen Kopftuchträgerinnen ungefragt in den Mund gelegt bzw. als Absicht unterstellt.
  • Der weibliche Körper wird im Islam als Quelle der Sünde dargestellt.“

Ääääääh, was? Ich studiere seit zwölf Jahren (!) den Islam. DAS ist mir aber neu! Verwechselt sie hier die Erbsünde der christlichen Lehre mit dem Islam?

  • Einige Kopftuchbefürworter werden mit dem iranischen Ayatollah-Regime verknüpft und als dessen „Geisteskinder“ bezeichnet.
  • Frauen, die das Kopftuch freiwillig tragen, werden als „Minderheit“ und jene, die dazu gezwungen werden, als „Mehrheit“ bezeichnet.

Wow, auch dazu muss ich dann eine Frage stellen.

„[Zugang zum] Strand für Hunde / Frauen mit Kopftuch verboten!“
(Montage (c) Miloud Kerzazi)
  • Das Tragen des Kopftuches sei in Deutschland keine persönliche Entscheidung, sondern eine politische: „Eine Frau mit Kopftuch stimmt damit implizit der Geschlechterapartheid zu!“
  • Zwischendurch baut sie noch das Thema Antisemitismus ein. Klar, wenn man schon mal dabei ist, mixt man eben alles, was so geht. Kommt ja auch mega gut, wenn man allen Kopftuchträgerinnen und Muslimen Judenhass vorwirft. Die rote Karte in der heutigen Diskussionskultur quasi.
  • Eines meiner Lieblinge: Befindlichkeiten und Gefühle der Frauen, die sich das Kopftuch nicht ausziehen lassen wollen, sind irrelevant. Wichtig sind nur die Gefühle und Befindlichkeiten derer, die es ausziehen wollen und dürfen sollen, sowie der Kontext des Kopftuches (den natürlich die „Islamkritiker“ alleinig definieren kann!).
  • Die Debatte über den Islam und das Kopftuch würde ja viel zu viel von den Falschen geführt und dominiert, und all jene, die Kritik am Islam, den muslimischen Queerfeministinnen und dem Kopftuch äußerten, kämen ja kaum zu Wort und ihnen würde viel zu wenig Aufmerksamkeit in den Medien und der Öffentlichkeit geschenkt.

Wenn du, lieber Leser, dich fragst, wer denn dann all diese „Islamkritiker“ und „Exmuslime“ sind, die in einer Talkshow nach der nächsten auftreten und einen Hassartikel nach dem nächsten in großen Zeitschriften veröffentlichen, dem sei gesagt: FATA MORGANA!

  • Ein weiterer Burner: „Hitler hegte große Sympathien für den Islam und arbeitete mit den damaligen islamischen Herrschern, um gemeinsam gegen die Juden vorzugehen.“
    Es geht also um DEN Hass DER Muslime auf ALLE Juden. Sie lässt noch elegant mit einfließen, dass es Verschwörungstheorien auf der Welt gebe, die DEN Juden als Feindbild beschrieben. Äh, ich weiß, furchtbar ist das. Wirklich!
    Ein kurzer Einwand meinerseits, mit Hinweis auf etliche Beispiele von Muslimen, die damals verfolgten Juden Hilfe und Unterstützung gewährten, wurde nicht gelten gelassen. So etwas passt eben nicht ins Schwarz-Weiß-Bild der antideutschen Referentin.
  • Und natürlich durften die Klassiker nicht fehlen:
    Eine heftige Prise Ehrenmord, Diktaturen hier und da, Köln und die Silvesternacht.

Hach, wie verlässlich. Immer dieselbe Leier.

 

Die Diskussionsrunde

Nun denn. Die Frage- und Diskussionsrunde wird eröffnet. Erstmal muss man wieder wach werden. Ich brauche einen Moment und so kommt Rahel als erstes zu Wort mit der Frage, was denn die Konsequenz aus Sicht der Referentin wäre, wenn sie die Möglichkeit hätte, ihre Ansätze in Taten umsetzen zu können?

Antwort: „Ich habe nicht die Handhabe, aber ich setze mich dafür ein, dass wir in den Schulen beginnen und dort das Kopftuch verbieten, um den Mädchen Freiheit für einige Stunden zu ermöglichen. Und dafür, dass Lehrerinnen kein Kopftuch tragen dürfen.“ Es folgen ca. fünf Minuten Wiederholung von einigem, das die Referentin bereits im Vortrag ausgeführt hat, aber nichts mit Rahels Frage zu tun hat.

Im letzten Moment sagt sie noch zu (der jüdischen) Rahel: „Du willst mir jetzt bestimmt sagen, dass du das Kopftuch freiwillig trägst, und ich will das mal glauben. Ich habe diese Debatten schon oft geführt“, und lächelt dabei süffisant.

Die Referentin fügt unerwartet noch irgendwann hinzu, dass eine Frau mit Kopftuch einem Mann nicht auf Augenhöhe begegnen könne, da sie selbst ausstrahlte, dass sie unterwürfig oder weniger wert sei. (Nein, definitiv nicht! Denke ich mir)

Auch als Rahel nochmal nachfragt: „Also habe ich das richtig verstanden, dass ich als Frau mit Kopftuch nicht auf Augenhöhe mit einem Mann sprechen kann?“.
Ja, richtig. Das kannst du nicht!“, kommt zurück. Puh. Sehr heftig.

Guter“ psychologischer Einstieg also in die Debatte, um einen Teil des Publikums direkt zu Anfang als weniger wertig und nicht diskussionsfähig ausschließen zu können. Mutwillig oder nicht, die Wirkung ist da.

Nun wird mir das Wort übergeben. Ich stehe auf, damit mich jeder gut hören und sehen kann, mich unterdrücktes kleines Häuflein Elend:

Vorab, meine Freundin hier ist Jüdin und trägt das Tuch nicht aus islamisch-religiösem Grund. Nun zu meiner Frage: Wie erklärst du dir, dass die jüdische Organisation X islamophobe Aussagen des Blattes anprangert, für das du schreibst?“

Zuckende Schultern ihrerseits, Zwischenruf einer ihrer Befürworter: „Ich kenn die [gemeint: diese Organisation], die sind nicht vertrauenswürdig!“.

Klar, als „guter“ Antideutscher nimmt man eben niemanden ernst, der sich – und seien dies Juden – für einen gerechten Frieden aller Seiten in Palästina und Israel einsetzt. Solchen Juden wird – auch von nichtjüdischer Seite! – gerne Selbsthass unterstellt. Ernst nehmen, mal zuhören, ggf. nachdenken: Ne, ne, ne. Nur die eigenen und passenden Vorstellungen sind supi, nur dafür Daumen nach oben!

Sie sagt, dass sie nicht islamophob sei. Ich frage im Verlauf deutlicher: „In deinem Vortrag mit dem Namen X an der Uni Y, hast du u.a. gesagt „Der Islam ist keine Rasse, sondern eine reaktionäre Ideologie und Alltagspraxis“. Sie nickt und redet rein, „ja, das war letzten Monat“, ich führe fort:

Wie kannst du es vertreten, überhaupt von Rasse in Bezug auf Menschen zu sprechen, dann einer Religion diese Eigenschaft abzusprechen, um sie stattdessen als ‚reaktionäre Ideologie‘ zu bezeichnen? Kennen wir das nicht aus der Zeit, als Hitler die Menschen mit dieser Methode auf den Genozid vorbereitete?“

Unruhe im Café, böses Gemurmel.

Ihre Antwort nach Augenrollen: „Ach, der Begriff ‚Islamophobie‘. So etwas gibt es nicht. Das wird nur gerne als Todschlagargument genutzt, um Kritik an dieser Ideologie zu unterbinden. Ich finde das ganz schlimm, in welche Ecke du mich stellen willst. Das war so nicht gemeint. Ich sage ja eben, dass der Islam keine Rasse ist, da in der Islamdebatte der Islam immer wieder als Identität der Muslime herangezogen wird und durch diese Verknüpfung eine Debatte über die Ideologie (den Islam) unmöglich gemacht wird. Der Islam ist aber einfach nur eine Religion/Ideologie und muss kritisiert werden dürfen.“

Rahel meldet sich zu Wort: „Hier kamen negative Zwischenrufe, aber auch ich finde es eben problematisch, dass überhaupt von ‚Rasse‘ die Rede ist und eine Religion als ‚Ideologie‘ bezeichnet wird“. Die Referentin fällt ihr ins Wort und versucht sich wieder zu erklären.

Selbstreflexion, einmal durchdenken, was kritisch an ihren Aussagen ist? Nope! Come on, girl.

Die Referentin führt im Laufe der nächsten Minuten aus, dass es so etwas wie die freie Wahl zum Kopftuch nicht gebe, da es sich immer um Indoktrination und/oder einen Dominoeffekt handelte. Die eine fange an, das Kopftuch zu tragen, und es folgten, wie beim Fall von Dominosteinen, andere ihrem Beispiel, beispielsweise, um nicht ausgegrenzt zu werden.

Aha, besonders in Deutschland stellen Kopftuchträgerinnen aber nur eine Minderheit dar und tragen es gar in Zusammenhängen, die jenes Beispiel absolut nicht hergeben. Ich selbst zum Beispiel war fünfzehn, und jeder war dagegen, dass ich es trage. Also, bitte… So etwas beleidigt meinen Intellekt.

Ich bringe auch vor, dass viele ihrer Aussagen übergriffig seien, wie beispielsweise jene, dass eine Frau mit Kopftuch nicht auf Augenhöhe mit einem Mann sprechen könne. Sie lehnt dies ab, sie sei nicht übergriffig, und überhaupt werde dieser Begriff neuerdings total übertrieben verwendet. Zu sagen, dass die Meinung und Gefühle der Kopftuchträgerinnen für die Kopftuchdebatte nicht relevant seien, sei nicht übergriffig. Man müsse das Kopftuch im Kontext betrachten: der Körper der Frau sei aus islamischer Sicht sündig und müsse deshalb bedeckt werden.

Wow, Hust. Aha.

Zwischendurch werde ich forsch vom Moderator gebeten, vorerst keine Fragen zu stellen, da es eine Meldung gab (die ich nicht sah) und das Ganze „in eine persönliche Unterhaltung“ ausuferte. Ich wende ein, dass ich mich natürlich setze, aber Fragen doch gewünscht gewesen seien. Einige schütteln den Kopf wegen des Vorwurfs des Moderators, oder doch wegen meines Einwands?

Es dauert, bis ich wieder zu Wort kommen darf und frage dann, was die Referentin denn damit meine, wenn sie sage, sie habe gar nicht die Handhabe, also was sie denn genau machen würde, wenn sie die Handhabe hätte?

Das war so nicht gemeint“, antwortet sie. „Es war nur narrativ gemeint. Ich will die Handhabe gar nicht haben, es geht mir nur um eine legislative Regelung zum Schutz der Mädchen im öffentlichen Raum. Niemand will jemandem das Kopftuch ausziehen.“

Meine Sitznachbarin ist achtzehn Jahre alt, besucht das Gymnasium und könnte demnach von ihrem Rektor gezwungen werden, sich zu entblößen und das von sich preiszugeben, was sie selbst nicht zeigen möchte, würde die politische Idee dieser Pseudofeministinnen durchgekämpft werden.

Auch ich besuche die Abendschule und bin 27 Jahre alt. Auch ich müsste also gegen meinen Willen entkleidet werden, um das Abitur machen zu dürfen.

Abartige Forderung, die von Frauen kommt, die sich als Feministinnen bezeichnen.

Ich frage warum das Kopftuch nur dann als Problem dargestellt wird, wenn es Musliminnen tragen, wo doch weltweit Jüdinnen, Christinnen vieler Bekenntnisse (bspw. Mormoninnen, Nonnen, Frauen in russisch-orthodoxen Kirchen etc.) und Hindu-Frauen dieses tragen.

Die Antwort ist sehr amüsant, war aber zu erwarten: „Weil es in Deutschland nur Musliminnen gibt, die es tragen.“ Anschließend verfällt sie wieder in ihren Monolog, in dem sie wiederholt, wie sehr sie sich ja für Frauenrechte auf der ganzen Welt einsetzt. Aber bitte, wir sollen hier in Deutschland bleiben, DAS sei unser Thema.

Jetzt wird ein weiteres Mal die Doppelmoral sehr deutlich:

Der Moderator ergreift das Wort und betont sehr emotional und wiederholend: „Im Iran werden Frauen gezwungen das Kopftuch zu tragen. Sie werden gesteinigt, wenn sie es nicht tragen (…) In allen islamischen Ländern werden Frauen massiv unterdrückt und zum Kopftuch gezwungen. Die, die es freiwillig tragen, leben hier im Westen und sind die Minderheit! Im Iran, in Saudi- Arabien…! Das ist so!!!“

Aha, sollten wir nicht gerade in Deutschland bleiben? Wieso switchen wir nun doch plötzlich ins Ausland? Wieder wird mir nicht die Chance gegeben dazu etwas zu sagen.

Die Referentin stimmt zu und meint plötzlich, dass es ja vielleicht doch Frauen gibt, die außerhalb des Dominoeffekts und der Unterdrückung freiwillig das Kopftuch trügen, aber eben nur hier im Westen und dann die Gebildeten von denen. Es möge einige wenige geben, die das Kopftuch in den islamischen Ländern auch freiwillig trügen, aber dann auch nur, weil sie es gewohnt seien, und immer noch als Minderheit. All die großen bekannten Kopftuchgegnerinnen, die aus ihren islamischen Heimatländern geflohen seien, um hier frei sein zu können, spiegelten dies wider.

Wie ich diese „Logik“ liebe: Weil Person X und Y das so erlebt haben, werden jene, die es eben nicht so erlebt haben ignoriert und basta!

Und überhaupt gehe es ja gar nicht darum, das Kopftuch für alle Frauen zu verbieten, sondern eben nur an öffentlichen Plätzen (dieser Begriff wird nicht weiter definiert). Das sei ja wohl ein Unterschied. Nein! Ist es nicht. Ich als Frau muss überall in meinem Land tragen dürfen, was ich will! Und denken wir die Gedankenspiele dieser Kopftuchgegner zu Ende, wird es nicht bei den öffentlichen Räumen bleiben.

Auf meine Frage nach empirischen Studien und Daten, mit denen sie all ihre Aussagen belegen könnte, kommt nur: „Habe ich nicht, ist aber bestimmt so, da die meisten Frauen in den islamischen Ländern vom Staatsapparat gezwungen werden. Das nicht anzuerkennen, dass sich daraus ergibt, dass die Mehrheit es nicht freiwillig tragen würde, ist perfide.“

Und auf die Frage einer meiner muslimischen Freundinnen, was denn ein „islamischer Staat“ sei und dass sie keinen einzigen dieser selbsternannten „islamischen Staaten“ als islamisch akzeptiere, kam zuerst vom Moderator die emotionale Antwort:

Ja, DIE nennen sich doch so! Die heißen doch islamische Staaten! Der IS sagt auch, dass er im Namen des Islam mordet, also tut er das auch! Das kann man doch nicht abstreiten!“.

Die Referentin betont: „Ja richtig! Wie können wir denn so arrogant sein und denen (IS, Iran, Saudi-Arabien) allen absprechen, Muslime zu sein und nach dem Islam zu handeln?! Wollt ihr ernsthaft sagen, dass die den Islam falsch verstanden haben und ihr ihn richtig?“

Auf meinen Einwand, dass es mehrere irre Christen gibt und gab, die Menschen töten (bspw. Anders Breivik oder früher die Kreuzzügler) und sich auf das Christentum beriefen, dies aber genauso abzulehnen zu sei, geht niemand ein.

Zum Schluss merkt Rahel noch an, dass wir natürlich gegen die Verbrechen an den Frauen in den benannten Staaten seien, man gleichzeitig aber nicht so tun dürfte, als gäbe es in unserem schönen Deutschland nicht auch massenhafte Gewalt gegen Frauen. Sie nennt aktuelle Zahlen und Fakten zu Missbrauch im Kinderzimmer, Mord und Totschlag durch (Ex-)Partner und allerlei.

Die Referentin kann nicht sachlich auf diesen Verhalt eingehen und wirft Rahel vor, „zu emotionalisieren“ und zudem alle Verbrechen an Frauen im Iran relativieren zu wollen. Die Endlosschleife der Wiederholung bereits gesagtem geht von vorne los. Ich bin fassungslos.

Da fällt mir Pippi Langstrumpf ein:

„Ich mach´ mir die Welt, wie-die, wie-die, wie sie mir gefällt!“

Die Diskussionsrunde wird vorzeitig geschlossen. Eigentlich war 22.00 Uhr als Ende angesetzt, jetzt will der Moderator aber „noch ein Bier“ mit der Referentin trinken gehen. Nun ja.


Im (in shaAllah) kommenden zweiten Teil:

– Gespräche und Gedanken unmittelbar nach dem Vortrag und

– einige kritische Anmerkungen durch die Berichterstatterin

 

[Bildquellen:
Urheberschaft beider Bilder: Miloud Kerzazi,

Wiedergabe hier mit seiner Genehmigung]

 

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2 Antworten auf “Kopftuch? – Ausziehen! – Bericht der Gastautorin Namika”

  1. Maria

    Echt toller Text!
    Ich bin konvertierte Muslima. Habe das Kopftuch schon getragen, bevor ich meinen Mann kennen gelernt hab.
    Zu der Aussage, es tragen viele nur, um nicht ausgegrenzt zu werden: ich bin ausgegrenzt worden in der Familie und in der Öffentlichkeit, wegen meinem Kopftuch. In der Öffentlichkeit teilweise jetzt noch. Also das ist schon mal ein Witz.
    Und die reden immer von Freiheit für die Frau, wollen mir aber dann vorschreiben, was ich wann, wie tragen darf und nicht? Wo bleibt denn dann bitte hier meine sogenannte Freiheit?
    Ich finde es super was Sie machen! Wir haben in unserer Stadt alle paar Monate ein Zusammentreffen von Juden, Christen und Muslimen. Hier werden bei jedem Treffen andere Thematiken in den einzelnen Religionen besprochen, wie z.B. Die Feste, aber auch die Stellung der Frau in der Religion war schon mit dabei.
    Ich liebe diese Treffen, weil ohne Vorwürfe einfach nur geredet wird und nachgefragt wird. Ich versuche jedes Mal zu zeigen und zu erklären, was der wirkliche Islam ist und das es eben nicht das ist, was die Medien einen vorgaukeln.
    Machen Sie bitte weiter so! Wir, jeder einelne, aber vor allem jede einzelne Frau im Islam, die den Islam verstanden hat und weiß was er wirklich bedeutet, können einen zumindest kleinen Beitrag zur Richtigstellung beitragen und diese Leute Mundtot machen.
    Ich wünsche Ihnen noch alles Gute!
    Salam u alaikum 🙂

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