Rezension: Hadith – Wissenschaften

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Der geschätzte islamische Verlag „Darul Kitab Verlagshaus“ hat jüngst ein neues Buch vom bekannten Sheikh Neil bin Radhan über die bedeutsame Ḥadīṯwissenschaft publiziert. Lohnt sich die Anschaffung für die Jünger des Wissens?

Der hiesige Büchermarkt für islamische Literatur ist nachwievor sehr klein und der bildungshungrige Muslim permanent auf der Suche nach jeder noch so kleinen Quelle des Wissens. Der etablierte islamische Verlag „Darul Kitab“ hat nun im Herbst diesen Jahres ein neues Werk veröffentlicht, welches vom bekannten Prediger Sheikh Neil bin Radhan niedergeschrieben wurde. Der geehrte Sheikh – nun mehr selbst Besitzer des Verlages – zeichnet sich durch seine mittlerweile jahrelange Tätigkeit als Dā’iyah auf durus.de aus. Thema dieses Buches ist nichts Geringeres als die Ḥadīṯwissenschaft, dessen Systematik und Methodologie bisher kaum auf deutscher Sprache thematisiert wurde. Umso wichtiger erscheint diese Veröffentlichung und dem neugierigen Leser stellt sich die Frage, ob das Buch mit dem schlichten Titel „Ḥadīth – Wissenschaften“ diese Lücke schließen kann.

Der Aufbau und die Grundlagen des Buches

Das vorliegende Buch basiert auf der Gliederung des Gedichtes „al – ‚Alfiyyah“ von dem berühmten sunnitischen Gelehrten ‚Imām as-Suyūtiyy (gest. 911 n. H.), welcher insbesondere durch sein Tafsīr al-Dschalālain große Ehrungen erhielt. Des Weiteren gilt er im positiven Sinne als religiöser Erneuerer und Wiederbeleber des Glaubens. Das über 200 Seiten starke Werk von Sheikh Neil bin Radhan, hat eine klare Herangehensweise die sich durch Strukturiertheit auszeichnet. Zuallererst folgt in den fast 20 Kapiteln eine Definition des jeweiligen Themas des Kapitels. So wird ganz am Anfang des Buches geklärt, was man überhaupt unter der Ḥadīth – Wissenschaft versteht. Folgend werden wichtige Definitionen behandelt, die für die ganze aufbauende Herangehensweise des Buches wichtig sind. Was sind eigentlich die Ṣaḥābah und die Tābiʿūn? So ist ein Ṣaḥābiyy jemand der den Gesandten Allahs persönlich gesehen und getroffen hat. „Die Tābiʿūn“ hingegen sind jene Muslime, die die Ṣaḥābah getroffen haben. Im Verlauf des vorliegenden Buches werden des Weiteren Fragen nach dem Isnād (Überliefererkette), Matn (überlieferter Text) und die unterschiedlichen Ḥadīth-Formen näher erläutert. Hier tut sich dann wahrlich ein detaillierter Kosmos auf: Was sind beispielsweise genau gesagt Ṣaḥīḥ-Ḥadīṯe („gesunde“, authentische Überlieferung)? Doch um das Ganze in etwa zu veranschaulichen, hier ein Beispiel:

Ibn ʿUmar, möge Aḷḷāh mit ihm und seinem Vater zufrieden sein, berichtet, dass der Gesandte Aḷḷāhs (sAs) sagte: „Der ʾIslām ist auf Fünfen aufgebaut: dem Zeugnis, dass es keinen Gott gibt außer Aḷḷāh und dass Muḥammad Aḷḷāhs Gesandter ist, dem Verrichten des Gebetes, dem Entrichten der Zakāh, derḤağğ und dem Fasten im Ramaḍān.“ (Ṣaḥīḥ Muslim)

Das einfache Beispiel zeigt in groben Linien auf, wie die wichtigsten Terminologien ihre Entsprechung finden. Dennoch gibt es noch viel mehr in der Ḥadīth – Wissenschaft zu berücksichtigen:  Was sind Ḥasan- Aḥadīth oder Ḍaʿīf- Aḥadīth? Oder noch genauer: Was ist ein Marfū- Ḥadīth (Fragestellungen der Zuschreibung), oder ein Mutawātir- Ḥadīth (Fragestellungen bezüglich den Isnād)? Dieses alles wird in dem Buch vom Sheikh Neil bin Radhan genau behandelt.

Besonderheiten des Werkes

Der interessierte Leser erfährt neben den Grundlagen dieser Wissenschaft auch einige interessante Fakten, die gerade in unseren heutigen Zeiten gut zu wissen sind. Darunter gehören unter anderem Argumentationen für die Authentizität des al-Qurʾān und die der Stimmigkeit der Überlieferungen. So lernten schon einige Ṣaḥābah zur Zeit des Gesandten Aḷḷāhs (sAs) – an die 30 Gefährten – den gesamten Qurʾān auswendig. Zu ihnen gehören die vier Kalifen und ʾAbduḷḷāh Ibn ʿUmar, ʾAbduḷḷāh Ibn ʿAmr, ʾAbduḷḷāh Ibn az-Zubayr und ʾAbduḷḷāh Ibn ʿAbbās. Zudem gibt es mehrere Beweise, die schon zu Lebzeiten des Propheten (sAs) Ḥadīthe aufgeschrieben wurden:

„Als der Gesandte Aḷḷāhs Mekka befreite und verkündete, dass in der heiligen Zone von Makkah bestimmte Dinge verboten sind, stand ein Jemenit namens ʾAbū Šāh auf und sagte: ‚Schreibt es für mich auf!‘ Daraufhin sagte der Gesandte Aḷḷāhs (sAs): ‚Schreibt sie für ʾAbū Šāh auf!“ (Muslim 2414)

Diese wichtigen Aspekte bezüglich der Verteidigung des al-Qurʾān und der Sunnah des Propheten (sAs) tun dem Glauben des Gläubigen gut und bietet Argumentationslinien, um die Religion in möglichen Diskursen zu beschützen. Doch vertrauen wir auch auf Aḷḷāh wenn er sagt:

„Wahrlich, Wir Selbst Haben Diese Ermahnung Herabgesandt, Und Sicherlich Werden Wir Ihr Hüter Sein.“ (15:9)

Eine Besonderheit des Buches stellt auch die Thematisierung ausgefallener Themen dar. Gerade am Ende des Buches wird dieses deutlich: So werden Überlieferungsformen wie die ʾIʿLām (Bekanntmachung) oder beispielsweise durch Wiğādah (Fund) behandelt. Des Weiteren werden ungewöhnliche Formen der Überlieferung, wie die Überlieferung von Kindern über ihre Eltern, besprochen.

Fazit und Einordnung der Schrift

Das Buch ist sicherlich kein leicht zugängliches Werk. Es zeichnet sich durch einen selbstverständlichen Anspruch und Niveau aus. So ist es sicherlich nicht für Muslime gedacht, die ganz am Anfang ihres Weges in der Religion des Islams stehen. Grundlegendes Basiswissen ist demnach dringend empfohlen, ansonsten wird der geneigte Leser von den vielen Fremdwörtern erschlagen. Nicht so gut gelungen ist die zu klein gewählte Schriftgröße, da gerade bei einem so tiefgreifenden Thema ein besonders konzentriertes Lesen erforderlich ist. Hier ist das Werk „Sein sind die schönsten Namen“ aus demselben Verlag, welches vor ein paar Monaten ebenso von mir besprochen wurde, viel lesefreundlicher gestaltet. Ebenso ist die Qualität des Buchdruckes mäßig zu nennen: Besonders am Ende des Buches wird die Schrift grobkörniger. Die große Stärke des Buches besteht aber trotzdessen natürlich darin, dass es obschon der Tiefe des Themas, kompakt einen Überblick über das weite Feld von `Ulūm al-Ḥadīth bietet. Das Werk schildert die Akribie und die Logik dieser erhabenen Wissenschaft im Detail, da gerade in unserer heutigen Zeit die Sunnah unseres Propheten Muḥammad (sAs) immer wieder Angriffen von manchen Seiten der Orientalistik, aber auch von einigen Muslimen ausgesetzt ist. Wir sollten als Muslime also stolz darauf sein der Ahl as-Sunnah wa al – Ğamāʾah anzugehören.- und die Ḥadīte studieren!

Das Inhaltsverzeichnis ist online abrufbar.

Bestellen könnt ihr das Buch hier.

Neil bin Radhan: Hadith Wissenschaften, Darul Kitab Verlagshaus, Heidelberg 2018, 233 Seiten, 15,00 Euro.

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7 Antworten auf “Rezension: Hadith – Wissenschaften”

  1. Mohammed Isa

    Mohammed Isa

    As-Selam Aleykum,
    Werde mir das Buch die nächsten Wochen in shaa Allah zulegen.
    Gute Rezension!

    Antworten
    • Nando-Dragan Nuruddin Augener

      Wa alaykum salam wa rahmatullahi wa barakatuh
      schön das dir die Rezension gefällt lieber Bruder! 🙂

  2. Ismael

    Assalamu alaykum,

    wird in dem Buch erklärt, weshalb die als am authentischsten Bücher angesehenen Hadithbücher jene sind, welche erst ca. 250 Jahre nach dem Tod des Propheten verfasst wurden (Bukhari & Muslim) und nicht etwa jene, welche schon zu Lebzeiten des Propheten verfasst wurden?

    Wird in dem Buch erklärt wie es sein kann, dass sich authentische Hadithe aus Bukhari und Muslim, widersprechen? Z.b. Hadithe über die Anzahl der Frauen mit welchen der Prophet Sulaiman in einer Nacht Beischlaf hatte? (die Anzahl reicht von 60 bis zu 100)

    Baarak Allahu fik

    Antworten
  3. Nando-Dragan Nuruddin Augener

    Wa alaykum salam wa rahmatullahi wa barakatuh Bruder Ismael.
    wa feeka barakAllah.
    Danke für deinen Kommentar.
    Ja, dieses wird alles in Grundzügen thematisiert. Alhamdulillah.

    Die von dir benannten bedeutendsten Sahih-Hadith Sammlungen wurden gesammelt und nicht erst dann niedergeschrieben bzw. gar erdacht. Diese beiden Werke sind die authentischsten überhaupt und kommen in ihrer Verlässlichkeit direkt nach dem Quran. Das Aufschreiben der Sunnah begann ja teilweise schon zur Zeit der Sahabah. Muhammad (sAs) erlaubte nämlich das Aufschreiben von Hadithen. Der erste, der von staatlicher Seite beauftragt wurde, Hadite zu sammeln, war az-Zuhriyy (gest. ca 125 n.H.), da Umar Ibn Abdil-Aziz besorgt war, dass die Hadithe zusammen mit dem Tod der Überlieferer verloren gehen könnten. Danach wurden die Hadithe von mehreren Gelehrten kapitelweise thematisch geordnet. Sahih Muslim und Sahih Bukhary sind die ersten Werke gewesen die ausschließlich(!) sahih Hadithe beinhalten.

    In der Hadithwissenschaft spricht man bei widersprüchlichen Ahadith von einen sogenannten Mudtarib-Hadith. Wenn sich grundsätzlich zwei Überlieferungen widersprechen hat das zur Folge, dass der Hadith daif (schwach) ist. Dieses ist jedoch nicht immer der Fall. Wenn man sich beispielsweise uneinig darüber ist, ob Überlieferer A oder B für den Hadith verantwortlich ist, muss man nach dem Isnad schauen. Solange beide Überlieferer austauschbar sind und der Isnad dadurch nicht beeinträchtigt wird, ist ein Idtirab bedeutunglos. Es gibt Hadite, die sich auf den ersten Blick zu widersprechen scheinen. Doch wenn man beide richtig interpretiert, tun sie es im Grund nicht. Es gibt verschiedene Methoden und Regeln, solche Hadite im Zusammenhang zu verstehen (leider wird dieses im vorliegenden Buch kaum behandelt). Imam as-Schafii hat diesbezüglich ein Werk geschrieben (Ihtilaf al-Hadit), welches im Laufe der Zeit immer wieder ergänzt wurde.
    Deine Frage behandelt ja das Thema nach dem Widerspruch von zwei Sahih Hadite:
    1.Methode: Man versucht die Hadite ohne Übertreibung in Einklang zu bringen. Diese Methode soll die zuerst angestrebte sein, da man auf diese Weise gemäß beiden Haditen handelt, was grundsätzlich gefordert ist, denn beide Stammen von Muhammad (sAs). Sollte man zwei Hadite nicht in Einklang miteinander bringen können, darf man nach keinem von beiden handeln.
    2.Methode: Man versucht, herauszufinden, welcher von beiden Haditen chronologisch nach dem anderen kommt. Der frühere Hadith ist damit aufgehoben.
    3.Methode: Man sucht nach Indizien, den einen Hadith dem anderen vorzuziehen.

    Allahu alem.

    Ich hoffe ich konnte dir in sha’Allah(t) ein wenig weiterhelfen.

    Antworten
  4. Ismael

    Hmm okay, ist halt komisch wenn sich „sahih“ Hadithe widersprechen, denn der Prophet as. hat sich bestimmt nicht widersprochen, also kann es doch nur am menschlichen Versagen der Überlieferer liegen oder nicht?

    Sind diese ersten Schriften vob Hadithen aus der Zeit der Sahaba noch vorhanden? Existieren die noch?

    Danke für deine Antwort, vielleicht kaufe ich mir das Buch..

    Assalamu alaykum

    Antworten
    • Nando-Dragan Nuruddin Augener

      Wa alaykum salam wa rahmatullahi wa barakatuh lieber Bruder, bevor ich etwas falsches sage würde ich dich auf die Homepage durus.de von Sheikh Neil bin Radhan verweisen. Er wird dir in sha’Allah besser Antworten geben können als ich. Das Buch lohnt sich auf jedenfall.

  5. Ismael

    Uff, 13€ Versand nach Österreich

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