Rezension: Denkschrift betreffend die Revolutionierung der islamischen Gebiete unserer Feinde

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Der noch junge Verlag „Das kulturelle Gedächtnis“ hat ein spannendes Kriegsdokument von dem deutschen Orientforscher Max Freiherr von Oppenheim publiziert.

Das Vorhaben des kleinen Verlages mit dem ungewöhnlichen Namen „Das kulturelle Gedächtnis“ mutet schon ein wenig anachronistisch an: Alte, in Vergessenheit geratene Texte und Dokumente – die kaum dem allgemeinen Bürger interessieren werden, eher einer geringen Anzahl von Liebhabern – neu aufzulegen und somit einer gewissen Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Für solch ein verlegerisches Himmelfahrtskommando benötigt es also eine gehörige Portion Hingabe und Herzblut! So wurde in diesem Jahr ein knapp hundert Seiten starkes Dokument von dem damals bekannten Archäologen und Orientalisten Max Freiherr von Oppenheim (1860-1946) veröffentlicht, welches den sperrigen Titel „Denkschrift betreffend die Revolutionierung der islamischen Gebiete unserer Feinde“ trägt.

Der Inhalt des Buches

„Der Geisteszustand gewöhnlicher Sklaven ist schrecklich genug – sie haben die Welt verloren. Er aber hatte nicht den Leib allein, sondern auch die Seele an den Allesbeherrscher, den Hass, verloren. War ihm verfallen. Gehörte ihm ganz und gar. Manchmal, in den sternenfunklenden Nächten des zu einer Geisterstadt erstarrten Kabuls war ihm, als könnte er mit sich selbst sprechen, mit dem anderen, der er geworden war, ein Verräter und – vielleicht bald – ein Mörder.“

So beginnt freilich nicht das historische Dokument von Max von Oppenheim, sondern der im Jahre 2015 erschiene Roman „Risiko“ von Steffen Kopetzky, dessen Erzählung aber unter anderem auf den hier zu besprechenden Kriegsplan fußt und er sich zudem als Herausgeber der „Denkschrift betreffend die Revolutionierung der islamischen Gebiete unserer Feinde“ auszeichnet. Die Denkschrift an sich empfindet der Leser dagegen wie spröde Stakkatoschreiberei. Ganz militärische Ausdrucksweise eben. Doch worum geht es nun in dieser Denkschrift? Max von Oppenheim behandelt in klaren Sätzen die Potentiale der islamischen Welt für das Deutsche Reich im 1.Weltkrieg möglichst siegreich hervorzugehen. Mit knappen Worten skizziert er die für den 1.Weltkrieg vorhanden Möglichkeiten der Mobilisierung arabischer, afghanischer und persischer Muslime für die deutsche Kriegspartei. Der Einsatz im Zuge der langjährigen Unterdrückung durch die Kolonisierung von gefrusteten „Mohammedanern“ zum sogenannten Heiligen Krieg Deutschlands, war damals ziemlich naheliegend. Eine denkbare Option im Planspiel der Theoretiker und Strategen in den deutschen Hinterzimmern! Dass letztlich der Plan nicht umgesetzt wurde und keines der genannten Ziele wirklich erreicht wurde, ist hierbei – wenn man so will – eine tragische Randnotiz. Viel spannender ist es für den historisch interessierten Leser diesen „Dschihad – Plan“ in der Phantasie und Vorstellungskraft lebendig werden zu lassen. Atemlos verfolgen wir die Handlungsanweisungen von Max von Oppenheim zur Propaganda in der gesamten islamischen Welt – von der Türkei, über Afghanistan bis hin zu den fernen Gefilden Indiens – die konkrete Benennung von möglichen Anschlägen und gezielten Aktionen des Aufstandes. In einem blutig anmutenden Ausruf von Max von Oppenheim endet diese denkwürdige Schrift des deutschen Kriegsplans, geschmückt mit individuellen Attentaten und der Revolutionierung des Orients:

„Das Eingreifen des Islams in den gegenwärtigen Krieg ist für England ein furchtbarer Schlag. Tun wir alles, arbeiten wir mit allen Mitteln, damit derselbe ein tödlicher werde!“ (S.94)

Abschließende Beurteilung

Das vorliegende Buch ist in hochwertiger Form nebst Prägung(!) erschienen und lässt den geneigten Leser nochmals die zerrüttende Energie des Ersten Weltkrieges in Form eines historischen Dokuments Revue passieren. Der Verlag „Das kulturelle Gedächtnis“ ermöglicht mit der vorliegenden Schrift einen maßgerechten Zugang zum Thema der deutschen Orientliebelei. Praktisch: Eher unbekannte Begrifflichkeiten in dieser Schrift werden gleich am Seitenrand erläutert und es gibt ein Verzeichnis für weiterführende Literatur. Idealerweise könnte die Bewusstmachung der damaligen engen Verwobenheit zwischen dem Deutschen Reich und der islamischen Welt für unsere heutigen Debatten rund um den Islam ergiebig sein. So schreibt der Herausgeber Kopetzky ganz mit dem Duktus des aufrechten Demokraten im Nachwort folgendes:

„Die strategische Folgerung von Oppenheim und unseren anderen geopolitischen Pionieren aber, die verschiedenen Islame gemeinsam in unsere Kultur zu integrieren und auch einen Deutschen Islam zu entwickeln, weil Deutschland dadurch erheblich an Stärke gewinnen würde, gilt es jetzt endlich – auf Weisung des Grundgesetzes und für das Gedeihen unserer großen sozialen Demokratie – anzugehen.“ (S.106)

Unabhängig davon, ob sowas wie die Entwicklung eines sogenannten „Deutschen Islam“ überhaupt möglich ist, kann dennoch dieser Aspekt zu fruchtbaren Diskussionen unter gesellschaftspolitisch Interessierten führen. Des Weiteren werden alle Sinne mit dem Buch angesprochen: Der Leser greift nicht nur wegen des aufschlussreichen Inhaltes zum Buch, sondern auch, weil Tastsinn und Geruchsinn nicht zu kurz kommen – im besten Sinne solides Handwerk also. Der Verlag und die beauftragte Druckerei haben also ordentliche Arbeit geleistet!

Hier geht es zum Buch auf der Verlagswebsite.

Max Freiherr von Oppenheim. (Hrsg.) Steffen Kopetzky: Denkschrift betreffend die Revolutionierung der islamischen Gebiete unserer Feinde. Verlag Das kulturelle Gedächtnis, Berlin. 106 S., 18 Euro.

 

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2 Antworten auf “Rezension: Denkschrift betreffend die Revolutionierung der islamischen Gebiete unserer Feinde”

  1. Mohammed Isa

    Mohammed Isa

    As-Selam Aleykum,
    Ein wichtiger Text zum Verständnis der Orientpolitik des Deutschen Kaiserreichs. Jazakallahu khair für die Rezension.

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    • Nando-Dragan Nuruddin Augener

      Nando-Dragan Nuruddin Augener

      Wa alaykum salam mein lieber Bruder. Danke für dein Kommentar! Wa iyyakum. 🙂

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