Weihnachten: Mitfeiern oder nicht?

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von Yahya ibn Rainer

„Alle Jahre wieder, kommt das Christuskind.“ Die sogenannte Weihnachtszeit der Christen ist für manche von uns hier in Deutschland eine Prüfung. Speziell zu dieser Zeit lese ich vermehrt über Meinungsverschiedenheiten zwischen den hiesigen Muslimen. Darf man Weihnachten (mit-)feiern? Darf man den Christen zu diesem ihrem Feste gratulieren oder zumindest den „Frohe Weihnacht“-Wunsch erwidern?

Was machen wir Muslime an diesen 3 Tagen? Muslime als Minderheit unter Christen, das war im Laufe der muslimischen Geschichte eher die Ausnahme als die Regel, und so ist es für hier lebende Türken, Araber, Afghanen, Pakistaner usw eine neue Situation, die sich ähnlich schwer gestaltet wie für uns konvertierte Muslime. Man sucht also den richtigen Weg zwischen Ablehnung auf der einen Seite und dem Güteerweisen und redlichem Umgang auf der anderen Seite, denn beides ist uns im Umgang mit den Nichtmuslimen auferlegt.

Im Wissen darüber, dass es vor uns Muslimen – hier in Deutschland – bereits ein anderes Schriftvolk gab, das als Minderheit unter den Christen lebte und das die christliche Lehre ebenso ablehnte wie wir, veranlasste mich dazu ein wenig zu recherchieren. Die Juden, die in Deutschland und ganz Europa schon seit knapp 2000 Jahren als Minderheit angesiedelt sind und die die Dreifaltigkeitlehre, Gottessohnschaft und Vergöttlichung von Jesus dem Messias -Allah segne ihn und schenke ihm Heil- mit aller Entschiedenheit ablehnen, haben nämlich einen Brauch eingeführt, den sie speziell zum Zeitpunkt der christlichen „Heiligen Nacht“ praktizieren.

Sie nennen es die Nitl-Nacht (vom lat. natalis „zur Geburt gehörig“), in der sie sich mit Absicht vom Studium ihrer Schrift (der Thora) fernhalten, um sich zu ermahnen wie es wäre, wenn sie der christlichen Lehre folgen würden. Denn ein maßgeblicher Teil der christlichen Lehre ist es ja, dass die Verbindlichkeit vieler Gebote und Verbote der Thora durch den angeblichen Kreuztod Jesu -Allah segne ihn und schenke ihm Heil- aufgehoben wurde, da er die Sünden, die durch die Übertretung dieser Gesetze entstehen würden, auf sich genommen hat. Hierzu möchte ich gern aus dem Brief eines bekannten deutschen Rabbiners zitieren, den er irgendwann zu Beginn des 20. Jahrhunderts verfasste:

Es dämmert…die Weihnachtsglocken tönen durch die christliche Welt. Es sind die einzigen Signale des christlichen Kultus, die auch in jüdische Häuser dringen. Denn in der Nitlnacht ruht das Studium des Gesetzes.

Für ein paar Abendstunden vergegenwärtigt sich das jüdische Volk, wie arm es ohne Thora wäre. Wie bettelarm und hilflos, wenn jene Anschauung im Rechte wäre, die im Christentum die Überwindung der jüdischen Gesetzlehre sieht und nicht die fragmentarische Weltansicht einer tausend-jährigen Übergangszeit, die auf Umwegen – langsam aber sicher – an den Fuß des Moriaberges führt.

Darum – wenn die Weihnachtsglocken tönen – horcht Jissroél nachdenklich auf – legt sein Kostbarstes bei Seite und wartet, bis sie ausgeklungen. Gäbe es Gott, daß sie nicht umsonst über die Erde klingen, und mögen sie mit mächtigem Schall das Gewissen der Völker wecken!

Selig sind, die da hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie sollen gesättigt werden. So heißt es in der Bergpredigt. Das Recht und die Liebe – es ist endlich Zeit, das aus den toten Worten, lebendige Taten werden. Was nützt es, wenn für nichtigen Zweck die nationale Ehre geschützt, die nationale Wehrkraft vermehrt, der nationale Wohlstand gefördert wird – wenn Millionen ungesättigt nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten, wenn das Alphabet jeder Menschengesittung, das Recht und die Liebe, noch immer gelehrt – vergeblich gelehrt werden muß. Hat man denn schon vergessen, daß der feierliche Schall der Weihnachtsglocken dem Geburtstag eines jüdischen Kindes gilt! – In der Nitlnacht ruht das Studium der Thora. Ausnahmsweise, nach althergebrachtem Brauch.

Dieser Brauch ist ein sinniger Brauch. Wenn sich die Enthaltsamkeit vom Lernen nur auf die Stunden einer – dieser erstreckt.
Jedoch dieser Brauch verliert jeden vernünftigen Grund, wenn die Enthaltsamkeit vom Lernen, bereits in der vorhergehenden Nacht geübt, in der folgenden Nacht fortgesetzt werden sollte – wenn auch in den übrigen Nächten des Jahres das Studium des Gesetzes ruht.

Zu den Perlen, um die uns die Vernachlässigung der Thora bringt, zählt auch die sinnige Muße der Nitlnacht. Darum klingen die Weihnachtsglocken vorwurfsvoll in so manches jüdisches Haus. O, daß sie auch uns zur Besinnung brächten!

(Aus Rabbiner Dr. Raphael BREUERs „Unter seinem Banner“ (1908) S.186-187 >>)

Wer diesen Brief aufmerksam liest und versteht, der erkennt die feinsinnige Mahnung, die der Rabbiner an seine Glaubensgenossen richtet. Eine Mahnung, die so ähnlich auch bei vielen Muslimen heute angebracht ist. Der Aufruf, in der Nitlnacht nicht die Thora zu studieren, ist bei genauerer Betrachtung eher eine Ermahnung es an den anderen Tagen zu tun. Und auch die Kritik an der christlichen Lehre ist höflich verpackt und mit Weisheit geschrieben.

Und vor allen Dingen: Es gibt eine klare Aussage darüber, dass das einzige vom „christlichen Ritus“, was „auch in jüdische Häuser“ dringt, die Töne der „Weihnachtsglocken“ sind. Und so ist es auch eine Mahnung an uns Muslime, denn die Juden leben bereits seit vielen Jahrhunderten als Minderheit unter den Christen und erdachten sich einzig aus dem Grunde einen Brauch, um den christlichen Ritus und die Besinnung darauf aus den jüdischen Häusern fern zu halten und eine eigene Besinnung und Ermahnung daraus zu ziehen.

Die muslimische Minderheit in diesem Lande ist gerade mal 2-3 Generationen – sprich 50 Jahre – hier daheim und verspürt zum Teil anscheinend schon jetzt ein unbändiges Bedürfnis am christlichen Ritus, anstatt sich selbst am eigenen Ritus zu ermahnen.

Wenn es hierzulande tatsächlich eine christlich-jüdische Tradition gibt, dann nur, weil beide Seiten die ihrigen pflegten, und zum Pflegen gehört auch das Reinhalten. Der institutionelle und somit auch politische Antisemitismus kam, mit seiner volkszornigen und tödlichen Wucht, erst mit der sogenannten jüdischen Emanzipation und dem damit verbundenen Versuch auf, das Judentum in die christliche Mehrheitsgesellschaft zu integrieren, was einerseits zur Verwässerung der jüdischen Lehre führte und anderseits zu erkennbaren Einflüssen jüdischen Lebens in der christlichen Alltagskultur. Früher nannte man das in gewissen Kreisen „Verjudung“.

Und auch heute werden die ersten kritischen Stimmen laut, die einerseits von einer „Islamisierung“ sprechen und anderseits die Befürchtung hegen, dass durch sogenannte „Integrationsbemühungen“ die Islamische Lehre verwässert wird. Beide Seiten haben Recht. Die Gesellschaft muss sich vom marxistischen Ideal der Gleichheit und Verschmelzung seiner Gruppen verabschieden. Man muss Fremdes wieder ablehnen und diskriminieren dürfen, wenn auch nicht politisch, sondern privat. Vielfalt definiert sich durch Unterschiedlichkeit und Religion ist fundamental. Multikulti ist das falsche Konzept in dieser Sphäre.

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9 Antworten auf “Weihnachten: Mitfeiern oder nicht?”

  1. Feminismus ist vom Shaytan

    Multikulturalismus, Gleichheit aller Menschen, Gleichwertigkeit aller Religionen – so spricht Shaytan. Wer als Muslim Weihnachten feiert gehört fürwahr zu ihnen und begeht einen Götzendienst.

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  2. Fiasko

    Es gibt einen starken gesellschaftlichen „Druck“ Weihnachten zu feiern und andauernd wird auch den Muslimen gesagt „Frohe Weihnachten“. Der ganze Trubel mit Weihnachten hat natürlich psychologischen Einfluss auf alle Menschen, die hier leben.

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  3. Fish

    Uh, das sind ja Aussagen. „Man muss Fremdes wieder ablehnen und diskriminieren dürfen“. Marschierst Du auch bei „Pegida“ mit, quasi gegen Dich selbst? Wenn man sowas liest versteht man auch den Kampfbegriff der rechten Szene „Islamfaschismus“.

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    • Yahya Jens Ranft

      Yahya Jens Ranft

      Hallo Fish,

      ich weiß, es bietet sich für einen Kulturmarxisten natürlich geradezu an, alles als „Nazi“ und „Faschist“ zu schelten, was nicht dem eigenen gesellschaftlichen Meinungsdiktat entspricht. Deshalb stört mich dieser fachlich disqualifizierende und entlarvende Seitenhieb auch gar nicht. Den Faschismusbegriff aus dem Bereich der Staats- bzw Herrschaftsgewalt heraus zu lösen und alsdann auf das selbstbestimmende Individuum zu projizieren offenbart schon genug Tragik. Eine neue Gattung ist geboren, der „Privatfaschist“, der zwar niemand anderen zu etwas zwingt, aber sich privat erdreistet zwischen mehreren Möglichkeiten selbst zu wählen und die Konsequenzen dafür zu tragen.

  4. Fiasko

    Man kann als konvertierter zu Heiligabend seine Familie mit der Absicht des Familienbesuches und Stärkung der Familienbande besuchen. Nach einigen Gelehrten darf man sogar „Frohe Weihnacht!“ wünschen. Man darf auch Geschenke mit der Absicht der Stärkung der Familienbande, nicht mit der Absicht für Weihnachten, schenken, und das auch an Heiligabend. An den religiösen Riten darf man jedoch nicht teilnehmen.

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    • usbpp

      Hallo, hast du dafür Quellenangben? Das ist für mich nämlich jedes Jahr eine Qual, weil ich als Konvertitin meine Mutter sehr traurig machen würde, wenn ich nicht am 24. Zu ihr kommen würde.

  5. saxhida

    In Mazedonien gibt es eine große Trennung (was das Weihnachtsfest angeht) zwischen Christen und Muslimen und das klappt gut.Es werden sogar „dezente“ Plakate zu den Feiertagen in der Stadt aufgehangen um die Muslime daran zu erinnern.
    http://www.albeu.com/maqedoni/postera-ne-shkup-mos-festo-vitin-e-ri-/135492/

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  6. ein Sympathisant

    Wenn mir ein Christ oder Nichtmuslim eine „Frohe Weihnacht“ wünscht, so danke ich ihm. Es ist in seiner Welt, seinem Glauben oder Nichtglauben ein Zeichen der Ehrbezeugung und des Respektes, welches er mir entgegenbringt. Viel befremdlicher wäre mir ein „As salamu aleykum“, da dies nicht sein Gruß, sondern nur eine aufgesetzte Phrase wäre. Ich muss nicht Weihnachten feiern oder gar einen Götzendienst begehen, aber ich kann dem anderen sein Fest und seine Bräuche lassen und sie respektiere. Gleiches erwarte ich aber auch von ihm.

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  7. Abd al Malik

    Al-Hafidh adh-Dhahabi sagte: „Wenn die Nasara ein Fest haben und die Juden ein Fest haben,
    dann sind dies ihre Feste. Kein Muslim darf sich daran beteiligen, so wie auch kein Muslim sich
    an ihrem Din oder ihrer Gebetsrichtung beteiligen darf.“ [Madjallat al-Hikmah, (4/193)]

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