Zwischen Raubjournals und Verschwörung

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Muslime in Deutschland sind sich oftmals gut über die Problematiken bei der Mediendarstellung über sich selbst bewusst. Meinungen werden einfach gebildet, anstatt eine unabhängige Meinungsbildung objektiv zu fördern.

Den oberflächlichen Betrachter erstaunt allein der direkte Einfluss der Presse auf den Gang der Politik. Aber darin liegt nicht das Wesentliche Phänomen. Es liegt in der Verbreitung antisozialer Verhaltensbilder und in der von ihr geschaffenen Gewöhnung an emotional bestimmtes Denken.[1]

Es gibt sicherlich Ausnahmen, jedoch kennen wir alle diese Problematiken.

Dieses Phänomen tritt jedoch nicht nur bei politisch-gesellschaftlicher Berichtserstattung auf, sondern auch im Bereich der Gesundheit, häufig veröffentlicht von jenen Medien, die wir in Bezug auf andere Publikationen kritisieren. Überraschenderweise fiel mir in den letzten Jahren verstärkt auf, dass die Zahl der Muslime in meinem Umfeld und aus meinem Blickwinkel heraus, nicht selten dazu geneigt waren, Publikationen glauben zu schenken, die grundlegende und etablierte Therapieverfahren in den verschiedensten medizinischen Bereichen in Frage stellten. Alternative Therapieverfahren genießen jedoch häufig blindes Vertrauen, ganz nach dem Motto: „Grün ist gesund“.

Interessanterweise hat die Deutsche Ärzte Zeitung von einer Beobachtungsstudie berichtet, die u. A. folgendes postuliert:

‚Wir haben einen eindeutigen Zusammenhang gefunden’, sagt Pia Lamberty von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Je stärker die Verschwörungsmentalität einer Person ausgeprägt ist, desto mehr befürwortet diese Person alternative Verfahren und umso mehr lehnt sie konventionelle Heilmethoden wie Impfungen oder Antibiotika ab.[2]

Der Nährboden der Verschwörungsmentalität wird oftmals durch sogenannte „Raubjournals“ gebildet. Ein Zitat aus der Pharmazeutischen Zeitung gibt einen guten Überblick über diese:

Diese Raubjournals halten die gängigen Qualitätssicherungsmaßnahmen nicht ein. Normalerweise wird eine bei einem Fachjournal eingereichte Arbeit vor der Publikation von unabhängigen Experten desselben Forschungsgebietes begutachtet. Dieser Prozess, das sogenannte Peer Reviewing, kostet Zeit und kann damit enden, dass die Gutachter Nachbesserungen fordern oder die Arbeit sogar ablehnen. Bei angesehen Journals ist die Ablehnungsquote ausgesprochen hoch.
Bei unseriösen Verlagen entfällt diese Begutachtung. Vielmehr schreiben die Verlage Mitarbeiter von Forschungseinrichtungen gezielt an, um ihnen gegen Geld eine Publikationsmöglichkeit anzubieten. Wie seriös die Zeitschriften sind, ist mitunter selbst für Experten schwer zu erkennen. Für die Verlage ist dies ein lohnendes Modell. Manche von ihnen haben Hunderte verschiedene Zeitschriften im Angebot.
Das Problem der Raubjournals ist schon seit Langem bekannt. Der US-Bibliothekar Jeffrey Beall weist bereits seit 2009 regelmäßig auf solche Zeitschriften hin und erstellt auch eine entsprechende Liste von mutmaßlich unseriösen Journals und Verlagen. Im Januar 2017 musste er seinen Blog mit der genannten Blacklist allerdings wegen Androhungen von Klagen schließen. Beall schätzt, dass etwa 10 Prozent aller Open-Access-Journals ohne Begutachtungssystem arbeiten. Bei Open-Access-Journals sind die Publikationen für alle Menschen kostenlos einsehbar. Diese Zeitschriften finanzieren sich, da Abonnementeinnahmen wegfallen, über Gebühren, die die Autoren zu bezahlen haben. Seriöse Open-Access-Zeitschriften wie die «Public Library Of Science» («PLOS») und «BioMed Central» («BMC») arbeiten aber nach den gleichen Regeln der Qualitätssicherung wie Printjournale.
Neu ist demnach nicht das Problem selbst, sondern dessen Ausmaß: Den Recherchen zufolge hat sich die Zahl solcher Publikationen bei fünf der wichtigsten unseriösen Verlage seit 2013 weltweit verdreifacht, in Deutschland sogar verfünffacht. (ch)[3]

Wir sehen also, dass wir auch hier nicht jeder Publikation Glauben schenken dürfen, getreu nach dem Motto, „Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Leute alles glauben, wenn man behauptet, Wissenschaftler hätten es herausgefunden.” Wie sie es herausgefunden haben und welchen Methoden sie sich dabei bedient haben, scheint eine unüberwindbare Hürde für diejenigen zu sein, die keine Qualifikatoin in der Analyse (natur)wissenschaftlicher Studien/Publikationen haben. Muss man auch nicht, denn die Vorarbeit wird eben durch jene kompetente Journals geleistet, die ihre Beiträge unter den richtigen Voraussetzungen auswählen. Häufig erreichen die schwarzen Schaafe unter den Journals die Leserschaft der Laien nicht auf direktem Wege, jedoch sind sie nicht unschuldig an der Entstehung von Verschwörungen und falschen Auffassungen.

Zudem leidet die Berichterstattung über wissenschaftliche Erkenntnisse oder das auszugsweise Zitieren einzelner Ergebnisse unter einem klaren „False Balance“-Problem: Viel zu oft werden seriöse Ergebnisse aus dem Kontext gerissen oder auf eine Stufe mit der eigenen Meinung gestellt. Die „Wahrheit“ soll abgebildet werden, indem man irgendjemanden zitiert, der „dagegen“ ist oder die eigene Position bestätigt.[4]

Fazit:
Wie am Anfang des Artikels aufgezeigt, ziehen wir den Vergleich mit der Berichterstattung über Minderheiten, deren Fehlverhalten durch häufigere Hervorhebung in den Medien seitens der allg. Bevölkerung auf die Gesamtheit der Minderheiten korreliert wird (Klischees, Vorurteile). Das gleiche findet auch statt, wenn die Veröffentlichung von Raubjournals dazu führt, dass konsensbasierte Therapiemittel in Frage gestellt werden, indem irgendeine Beobachtungsstudie plötzlich die gegenteilige Wirkung eines Arzneistoffes beweisen soll, dass auch mit einem unberechtigten Vertrauensverlust gegenüber Fachkräften der Gesundheitsbranche einhergeht.

Ein Beispiel für eine „Studie“, die ideal für ein „Raubjournal“ wäre, ist im folgenden Beitrag enthalten: http://www.ahlu-sunnah.com/blog/?p=3629

Dieses Verständnis widerspricht dem Prinzip der islamischen Gelehrsamkeit, der Recherche nach Evidenz, und ’istišāra. Mögen also wir Muslime in Zukunft vorsichtiger bei der Auswahl unserer Lektüre sein!


Bild: https://www.facebook.com/DasGoldeneBrett/

[1] Vgl. de Jouvenel, Bertrand: Über die Staatsgewalt, S. 442/443.

[2] https://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/medizinethik/article/969058/macht-medizin-verschwoerungstheoretiker-alternativmedizin-lieben.html.
[3] https://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=77599.
[4] https://www.derstandard.de/story/2000084063775/fake-journals-zweifel-als-anfang-der-weisheit.

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