Muslime im 21. Jahrhundert: Herausforderungen und Chancen

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*Der Autor dieses Beitrages möchte nicht mit diesem Blog assoziiert werden. Daher habe ich es mir zur Aufgabe gemacht den Artikel mit der Unterstützung des Autors/ der Autorin zu publizieren.

 

Muslime sind nicht erst seit gestern mit Herausforderungen konfrontiert. Solange der Mensch lebt, wird er immer vor neuen Problemen und Situationen stehen. Diese Probleme habe viele Facetten: Sie können sozialer, ökonomischer, theologischer Natur sein. Die Auflistung ließe sich problemlos potenzieren.

Ein alltagsbezogenes Beispiel:

Im 16. Jahrhundert entstand eine Diskussion über den Kaffeekonsum unter muslimischen Gelehrten. Es drehte sich um die Frage, ob der Konsum von Kaffee für Muslime erlaubt sein konnte. Die Kontroverse begann ca. 1511 und 1532/33 erklärte eine Fatwa aus Kairo den Konsum für Muslime als verboten an. Andere Gelehrte widersprachen dem. Osmanische Gelehrte verbaten Kaffee und die beliebten Kaffeehäuser in den nachfolgenden Jahrhunderten immer wieder. Heute im Jahr 2018 gehört das Kaffee Trinken zu unserem festen Tagesritual.

Heute stehen wir vor anderen Fragen, die dafür umso komplizierter sind. Wenn ich den Blick auf uns Muslime im „Westen“ richte:

Die informationstechnologische Revolution der 80er Jahre hat eine neue Ära eingeläutet. Heute stehen wir bereits vor einer genetischen Revolution, wir stehen vor Fragen wie die der künstlichen Intelligenz usw. In Zukunft wird der Mensch mit Robotern konkurrieren müssen, das heißt der Mensch muss seine Leistungsfähigkeit steigern. Erich Fromm hat in seinem Buch „Die Revolution der Hoffnung“ bereits 1968 bzw. 1981 eine „Humaniserung der Technik“ gefordert, da sonst eine „dehumanisierte Gesellschaft“ drohe.

Nun, die Frage ist doch: In dieser Welt, die eine so „heftige“ Eigendynamik entwickelt hat und alle um sich mitzieht, wo VERORTET sich der Muslim? Wollen wir uns weiterhin wichtigen Fragen unseres Jahrhunderts und der Zukunft entziehen, dessen Auswirkungen wir tagtäglich spüren? Bei jedem Gang in den Supermarkt, bei jedem Foto das wir schießen und bearbeiten, bei jedem Flug (Stichwort: Mobilität) usw.

Zum Schutz der Muslime und unserer Nachkommen dürfen wir uns diesen NEUEN Herausforderungen nicht entziehen, nein, wir müssen ihnen uns stellen: Und wie macht man das? In dem man Fragen und Nachhaken für unerwünscht erklärt? Nein, in dem man Fragen, die aus der individuellen Situation heraus resultieren ernst nimmt und offen ist, diese Situation ZU LÖSEN! In dem man transparent ist und offen! In dem man die Realität anerkennt!

Ein gutes Beispiel ist hierfür das „Verreisen der Frau ohne Mahram“:

In dem man anerkennt, dass die traditionelle Familie, die alle in einem Haus ihr lebenlang im selben Dorf verbracht haben, es so nicht mehr gibt. Menschen sind gezwungen ihre Heimat zu verlassen aufgrund von existenziellen Sorgen. Familien sind zerrissen, Frauen häufig auf sich allein gestellt, soziale Netzwerke wie sie es „damals“ gab zerstört. Theologische und „ummahtechnische“ Hilfe bleibt aus: Man wird mit den ganzen Fragen im Stich gelassen. Viele von uns sind überfordert. Aber so leben wir unser Leben weiter, ohne das eine Besserung eintritt. Was bleibt ist unser „Nörgel-und Heulzustand“: Ein Ausdruck unserer OHNMACHT, unserer Passivität, unserer Starre.

 

Es gibt eine Verschiebung des internen islamischen Diskurses, der jahrhundertelang rege von Gelehrten geführt wurde auf den muslimischen Laien. Wir diskutieren untereinander über islamrechtliche Fragen, z.B. ganz beliebt, ob gewisse E-Nummern halal oder haram sind. 

Zeugt das nicht von einem Mangel an Zugang zu Gelehrten als auch der Existenz von Gelehrten mit Expertise?

Die klassischen Gelehrten vorangegangener Jahrhunderte waren Universalgelehrte, die fachkundig und solide islamtheoretisch ausgebildet waren und die Kompetenz besaßen, Probleme des Alltags effizient zu lösen. Alle gesellschaftsrelevanten Fragen wurden behandelt – seien es politische, städteplanerische, philosophische, medizinische, ja, sogar technische usw. Während heutzutage die muslimischen Gelehrte über all diese Themen schweigen oder nur wenige Zeilen und Abschnitte, manchmal sogar aus Wikipedia zitiert, dem Laien zur Verfügung stellen.

Es muss eine islamische Wissenschaft geben, die die komplette Wissenschaft bzw. den aktuellen Wissensstand islamisch untersucht und zu einer islamischen Wissenschaft transformiert und nach diesen Prinzipien ordnet und reinigt. Eine islamische Wissenschaft, welche die Früchte der Moderne, Industrie und Wissenschaft islamrelevant analysiert und bewertet, denn bisher ist eine solche Bewertung ausgeblieben. GERADE DESHALB reduziert sich der Diskurs zu aktuellen Fragen auf Laien, da sie ihnen im Alltag stetig ausgesetzt sind.

Wichtige Fragen sind z.B. insbesondere die ökologischen Ausmaße der heutigen Industrie, der sogenannten „industriellen Errungenschaften“, die auf reiner Ausbeutung basiert, aber deren Produkte wir tagtäglich konsumieren. Sie ist daher eine weitaus tiefsitzende spirituelle Frage.

Möge Allah subhana wa ta’ala uns Licht, Weisheit, Rechtleitung, Barakah, Gottesfurcht, Wissen, Ehre, Stärke, Disziplin, Seinen Schutz und Seine Hilfe, alles Gute im Diesseits und im Jenseits geben. Ich suche Zuflucht bei Allah subhana wa ta’ala.

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6 Antworten auf “Muslime im 21. Jahrhundert: Herausforderungen und Chancen”

  1. Muhammad ibn Maimoun

    السلام عليكم

    Sehr gute Gedanken, nur hier wird es richtig problematisch:

    Es muss eine islamische Wissenschaft geben, die die komplette Wissenschaft bzw. den aktuellen Wissensstand islamisch untersucht und zu einer islamischen Wissenschaft transformiert und nach diesen Prinzipien ordnet und reinigt. Eine islamische Wissenschaft, welche die Früchte der Moderne, Industrie und Wissenschaft islamrelevant analysiert und bewertet, denn bisher ist eine solche Bewertung ausgeblieben.

    Aus Zeitgründen belasse ich mal bei der Anspielung, dass sich beim Lesen dieser Zeilen jedem seriösen Wissenschaftler die Nackenhaare sträuben würden, und dass dies der beste Weg ist, ein Land der Hälfte seiner wissenschaftlichen Elite durch Abwanderung zu berauben.

    Oder der Abschnitt ist einfach nur missverständlich ausgedrückt.

    Friedensgruß,

    Muhammad ibn Maimoun.

    Antworten
    • EinMathematiker

      As-salamu 3leikum,

      exakt meine Meinung. „Wichtige Fragen sind z.B. insbesondere die ökologischen Ausmaße der heutigen Industrie, der sogenannten „industriellen Errungenschaften“, die auf reiner Ausbeutung basiert, aber deren Produkte wir tagtäglich konsumieren. Sie ist daher eine weitaus tiefsitzende spirituelle Frage.“ ist ein weitere Highlight. Das ist reiner grün-kommunistischer Gutmenschensprech ohne den Hauch eines Beleges zu liefern.

      Anderer Vorschlag: wie wärs, wenn sich Muslime (und zuallererst die Gelehrten) überhaupt mal mit den relevanten Wissenschaften befassen?! Wieviele gibt es denn, die über Kernenergie, Biotechnologie und moderne Finanzwirtschaft reden können bzw. geschweige denn einordnen können?! Richtig, kann man an einer Hand abzählen. Immer diese größenwahnsinnigen Phantasien, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, aber quasi in allen Belangen lediglich zum Abnehmer westlicher und östlicher Technologien und Forschungsergebnisse verdammt sein zu müssen.

    • Mohammed Isa

      Mohammed Isa

      (Antwort vom Autor; nicht vom Account Inhaber)
      wa aleykumselam
      Mir ist bewusst, dass viele Mathematiker, in der Welt der Zahlen sich verlierend, den Anschluss an die Welt der Buchstaben verloren haben. Dein – ich erlaube mir dich ohne deine Erlaubnis zu duzen – ist kein anderer Vorschlag, sondern MEIN VORSCHLAG, den ich im Text unterbreite: Meine Kritik setzt nämlich gerade dort an, nämlich in der Tatsache, dass es quantitativ und qualitativ an Gelehrten mangelt, die sich „mal mit den relevanten Wissenschaften befassen!1111“

      Für mich stellt deine Mimimimi-Schnickschnack-Phrasendrescherei ei Highlight dar und biete dir an, sie durch Inhaltliches ohne Polemik und einem „Hauch eines Beleges“ zu ersetzen.

      Den gegenwärtigen dramatischen Zustand unserer Welt und en détail die „Gerechtigkeitsfrage“ als „grün-kommunistisch“ abzutun ist das größte Phantasma, das an der Realität vorbeigeht. Deine ausgelutschte Rhetorik ist ein Angriff auf das islamische Selbstverständnis.

      Zum Schluss: Ich habe keine Lust mich auf dieser Sprachebene auszutauschen. Wenn du weiter diskutieren möchtest, dann bitte auf höfliche, unpolemische Weise, ansonsten überlasse ich dich dem Monolog oder du gesellst dich zu deinesgleichen oder jenen, die dein Gemüt ertragen können und wollen.

    • Mohammed Isa

      Mohammed Isa

      (Antwort vom Autor; nicht vom Account Inhaber)
      wa aleykumselam
      Danke dir. Ich selbst bin Wissenschaftler/in und würde mich daher freuen, sobald du Zeit findest, mir genauer deinen Standpunkt zu erklären.

      Ohne deinen Standpunkt zu kennen, möchte ich mich gerne weiter erklären:

      Meiner ist nicht standortbezogen (zumal wir Muslime eh überall zerstreut auf der Welt leben). Es geht mir um die existentielle Frage, dass wir dringend islamische Gelehrte brauchen, die so ausgebildet sind, dass sie in der Lage sind, kompetente Fatawaa auf die Fragen der muslimischen Laien zu generieren. Es geht darum, dass der islamische Fiqh mit der Zeit geht und Antworten auf aktuelle Fragen unserer Zeit geben kann, denn wie ich bereits im Text schrieb, gerade deshalb reduziert sich der islamrechtliche Diskurs auf den Laien (siehe E-Nummern-Beispiel), weil sie eben keine befriedigenden oder gar keine islamischen Antworten erhalten.

    • EinMathematiker

      kein Angst, lass mal stecken. Mit zwei Texten hast Du bereits bewiesen, dass Du weniger als nichts zu sagen hast. Das sind strunzdumme Texte, mit hanebüchenen Schlussfolgerungen, für die Du Dich schämen solltest. Kein Wunder, dass Du lieber im Verborgenen agierst.

    • Pflichtangabe

      Frieden euch allen,
      @EinMathematiker:
      Frieden, geschätzter Bruder:

      Ist es denn nicht so, dass unsere Bequemlichkeit grundsätzlich auf der Exploitation von Menschen in der dritten Welt basiert?
      Exemplarisch:
      https://www.n-tv.de/wirtschaft/Foxconn-Der-Druck-und-die-Selbstmorde-article13594406.html

      Und ist es nicht so, dass wir die Unbequemlichkeiten des Westens einfach auch in diese exportieren: https://www.br.de/br-fernsehen/sendungen/kontrovers/elektroschrott-afrika-muell-100.html ?

      Zu klären wäre aber dann doch was der Autor des Beitrags mit „industriellen Errungenschaften“ wohl meinen mag.

      Jedem(!) westlichen Konsumenten eine gewisse Schuld oder Mittäterschaft unterstellen zu wollen, wäre meines Erachtens dann aber doch fragwürdig – eine solche Intention konnte ich aber aus dem Satz des Autors nicht wirklich herauslesen.

      Und Gott alleine weiß es besser.
      Frieden.

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