Die Haltung gegenüber dem qiyās bei Imām ʿAbd al-Raḥmān al-Auzāʿī

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Erstveröffentlichung von  jundu-l-islam87 am 06.07.2012 

Die Stellung von Imām ʿAbd al-Raḥmān al-Auzāʿī unter den Gelehrten

Imām ʿAbd al-Raḥmān Abū ʿAmr bin Yuḥmīd al-Auzāʿī wurde ungefähr um das Jahr 88 d. H. (um 707 n. d. Z.) im heutigen Libanon geboren, er lebte also in der Zeit der Ṭabiʿīn und starb in Beirut als Shahīd bei einem tragischen Unfall durch eine Rauchvergiftung ungefähr in dem Jahr 157 d. H. (770 n. d. Z.). Damit ist er einer der frühsten großen Gelehrten des Islāms.

Al-Auzāʿī galt in seinem Charakter als hilfsbereit und besonders fromm, wodurch er auffiel. Ibn ʿAsākir und al-Dhahabī berichten, dass al-Auzāʿī „die Nacht mit Gebeten, Koranrezitation und Weinen belebte.“ Sein Schüler Abū Isḥāq al-Fazārī sah ihn sogar als würdig an, das Kalifenamt zu leiten. Bei Ibn ʿAsākir wird von al-Fazārī berichtet:

„Ich sah niemanden, der wie die beiden Männer ist: Al-Auzāʿī und al-Thaurī. […] Wenn ich für die Umma wählen könnte, würde ich al-Auzāʿī für sie wählen.“

(Ibn ʿAsākir, Tārīkh madīnat Dimashq wa dhikru faḍāʾilihā wa-tasmiyat man ḥallahā min al-ijtāza bi-nawāḥīhā min wāridīhā wa ahlihā, editiert von al-Shihābī, S., Dimashq 1991, Bd. 41, S. 175; Ibn ʿAsākir, Tārīkh madīnat Dimashq, ed. al-ʿAmrawī, ʿUmar bin Gharāma, 1990, Bd. 35, S. 171.)

Es ist anzunehmen, dass al-Auzāʿī ḥāfiẓ al-qurʾān war. Zudem eignete sich al-Auzāʿī sicheres Wissen über fiqh und sunna an. Abū Zurʿa nennt von den Gelehrten in Shām (Syrien), von denen al-Auzāʿī überlieferte, die Gelehrten al-Ḍaḥāk bin ʿAbd al-Raḥmān bin ʿAzrab und Maimūn bin Mihrān
(al-Dimashqī, ʿAbd al-Raḥmān bin ʿAmr bin ʿAbdillāh Abū Zurʿa, Tārīkh, editiert von al-Qaujānī Shukrullāh bn Niʿmatallāh, Bd. 1-2, Dimashq 1400 d. H., 2/720; al-Naṣrī, ʿAbd al-Raḥmān bin ʿAmr bin ʿAbd Allāh bin Ṣafwān, Tārīkh Abī Zurʿa al-Dimashqī, Dār al-Kutub al-ʿIlmiyya, 1417 d. H. (1996 n. d. Z.), S. 382.).

Ibn ʿAsākir nennt Makhūl al-Dimashqī, al-Qāsim bin ʿAbd al-Raḥmān, Sulaimān bin Mūsa al-Ashdaq, Bilāl bin Saʿd, Ḥassan bin ʿAṭiyya, Ayyūb bin Mūsa und al-Aʿla bin al-Ḥārith (Ibn ʿAsākir,Tārīkh, S. 143.). Zudem überlieferte al-Auzāʿī von vielen weiteren Gelehrten des Shām.

Al-Auzāʿī unternahm schon als junger Mann Reisen als ṭālib al-ʿilm nach al-Yamāma, ein Ort im Najd, wo er von dem Muḥaddith Yaḥyā ibn Abī Kathīr, der als Imām thiqa (vertrauenswürdiger Imām) galt, lernte. Dort lernte er auch von dem Gelehrten Yazīd bin ʿAbd al-Raḥmān Abū Kathīr al-Suhaimī, der auch von Abū Huraira (r.A.a.) überlieferte. Danach reiste al-Auzāʿī auch nach Baṣra in den ʿIrāq, wo er als junger Mann von Ḥasan al-Baṣri (r.A.) und von Muhammad bin Sirīn lernen wollte. Bei seiner Ankunft in Baṣra war Ḥasan al-Baṣri jedoch schon vor zwei Monaten verstorben und Ibn Sirin verstarb kurz nach Ankunft von al-Auzāʿī an einer Krankheit, sodass er von ihm kein Wissen mehr lernen konnte. Ibn Kathīr (r.A.) berichtet, dass sich al-Auzāʿī nach diesem Ereignis bei Damaskus niederließ. In seinem Buch al-Bidāya wa-l-Nihāya schrieb Ibn Kathīr:

„Und er hatte die Vorherrschaft über die Bevölkerung in seiner Zeit, sowie im Rest des Landes in fiqh, ḥadīth, den maghāzi und den anderen Wissenschaften des Islām.“

(Ibn Kathīr, al-Bidāya wa-l-Nihāya, Beirut 1966, 7/116.)

Trotzdem unternahm al-Auzāʿī mehrere Reisen, um das Wissen zu suchen. Er lernte auch bei Gelehrten in Kūfa und auch bei den ʿUlamāʾ des Hijāz, also in Makka und Madīna. Abū Zurʿa berichtet von ihm, dass er bei al-Ḥakam al-ʿUtaiba, Ḥammād b. Ziyād, al-Qāsim b. Muhaimara al-Kūfī und bei ʿUbda bin Abī Labāba al-Kūfī lernte, sowie von Qatāda bin Diʿāma
(al-Dimashqi, Tārīkh, 2/721; al-Naṣrī, Tārīkh, S. 383.).

In Makka während des Hajj lernte al-Auzāʿī wohl auch die Aʾimma seiner Zeit kennen, wie Mālik ibn Anas (r.A.), Sufyān al-Thaurī (r.A.) und Abū Hanfīa (r.A.). In Madīna soll sich al-Auzāʿī auch mit al-Zuhrī (seine Ḥadīth-Sammlungen sollen mehrere Kamele beluden haben) getroffen haben, sowie mit anderen bekannten Gelehrten der Stadt.

Ibn ʿAsākir fügte hinzu, dass die Liste von Abū Zurʿa über die Gelehrten, von denen al-Auzāʿī lernte, nur einen kleinen Teil der wahren Anzahl wiedergibt.

Al-Auzāʿī soll in bis zu 70.000 Rechtsfragen Auskunft gegeben haben. In einer anderen Überlieferung seines Schülers Ḥiqāl bin Ziyād, soll er in 40.000 Rechtsfragen geantwortet haben. Andere berichten, er habe in 80.000 Rechtsfragen aus dem Gedächtnis geantwortet. Der Amīr von Dimashq, Ibn Surāqa, hat al-Auzāʿī offiziell zum Muftī ernannt. Imām Mālik (r.A.) bezeichnte al-Auzāʿī als Imām (im fiqh), dem man in Rechtsansichten folgt (Imāmun yaqtadā bihi)
(Ibn ʿAsākir, Tārīkh, ed. al-Shihābī, S. 161.).

Aḥmad ibn Ḥanbal (r.A.) bezeichnete ihn als Imām (Ibn ʿAsākir, Tārīkh, ed. al-Shihābī, S. 173.). An-Nawawī fasste zusammen:

„Die ʿUlamāʾ stimmten über das Imāmat von al-Auzāʿī überein.“

(al-Jubūrī, ʿAbdallāh Muhammad, Fiqh al-Imām al-Auzāʿī, Bagdad 1977, 1/43.)

Die madhhab al-Auzāʿī erstreckte sich nicht nur im Bereich von Shām, sondern hatte überregionalen Einfluss. Zu den Schülern von al-Auzāʿī sind mir bekannt: Abū Isḥāq al-Fazārī, Ḥiqāl bin Ziyād, ʿUmar bin ʿAbd al-Wāḥid, Ḍamra bin Rabīʿa und ʿAun ibn Ḥakīm. Al-Nasaʾī bezeichnete al-Auzāʿī als „Imām der Bevölkerung von Shām und ihren Faqīh“. Al-Dhahabī sagte über ihn:

dass er der „Imām seiner Zeit im allgemeinen (ʿumūman) und der Imām von Shām im besonderen (khuṣūṣan) ist.“

(al-Dhahabī, Tadhkira al-Ḥuffāẓ, Hayderabad 1958, 1/180.)

Als Muḥaddith wurde al-Auzāʿī ebenfalls gerühmt. Muḥammad bin Saʿd gab ihm besondere Eigenschaften, wie ṣadūq, fāḍil, khayyir,kathīr al-ḥadīth wa-l-ʿilm wa-l-fiqh und ḥujja. Yaḥyā bin Maʿan sagte ebenfalls über al-Auzāʿī, er sei ḥujja. Zudem erhielt er die Prädikate thiqa und thabt. Ibn ʿAsākir und al-Bukhārī sagten über ihn, er sei ḥāfiẓ. Isḥāq b. Ibrāhīm bezeichnete al-Auzāʿī als Imām in der sunna:

„Wenn Sufyān al-Thaurī, Mālik ibn Anas und al-Auzāʿī in einer Sache übereinstimmen, so ist es in der sunna.“

(Ibn ʿAsākir, Tārīkh, ed. al-Shihābī, S. 175.)

Als Vertreter der ahl al-ḥadīth war al-Auzāʿī gegenüber den Rationalisten, der Qadariyya, der Muʿtazila und anderen Mutakallimūn abwehrend eingestellt und verteidigte die sunna gegen Neuerungen (bidʿa). Die Regierungen seiner Zeit forderte er auf, das Gute zu gebieten und das Schlechte zu verwehren (al-amr bi-l-maʿrūf wa-l-nahī ʿan il-munkar) und er ermahnte sie mit dem qurʾān und der sunna, doch er rebellierte nicht gegen sie (die Umayyaden) und schloss sich keiner oppositionellen Bewegung an.

Als Begründer einer einflussreichen Rechtsschule (madhhab) ist es richtig, Imām al-Auzāʿī (r.A.) als einen mujtahid muṭlaq zu bezeichnen.

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Die Anwendung des qiyās bei Imām al-Auzāʿī

Der Begriff des qiyās wurde in der Zeit der Ṭabiʿīn nicht speziell benutzt, sondern war subsumiert mit anderen Rechtsfindungsprinzipien unter dem allgemeinen Begriff des raʾy. Dieser hatte einen positiven und einen negativen Aspekt (raʾy saḥīḥ und raʾy bāṭil). Als Gegenbegriff zu raʾy galt der Begriff ʿilm, womit ein fester Beleg (dalīl qaṭʿī) aus den Texten (nuṣūṣ) gemeint war.

Die schrifttreuen Traditionalisten der Sunna (ahl al-ḥadīth), die sich von den fitān der Frühzeit versuchten fern zuhalten und sich an das glänzende Vorbild unseres Propheten (sas) hielten, lehnten den raʾy, und darunter den qiyās, jedoch nicht prinzipiell ab. Zu ihnen gehörte Imām Mālik (r.A.) in Madīna, Imām Auzāʿī (r.A.) in Shām, sowie zahlreiche Ṭabiʿūn und Ṭabiʿu al-Ṭabiʿīn.

In den Sunān von Abū Dawūd gibt es das Ḥadīth (Nr. 1038) des Muʿādh ibn Jabal, der als Richter von dem Propheten (sas) nach Yemen geschickt wurde:

Der Prophet (sas) fragte ihn: „Auf was wird dein Urteil fußen?“ Woraufhin Muʿādh antwortete: „Es wird auf dem Buch Allāhs fußen.“ „Und wenn du dort nichts Entsprechendes findest?“ fragte der Prophet (sas). „Dann wird es auf der Sunna des Propheten fußen.“ „Und wenn du dort nichts Entsprechendes findest?“ fragte der Prophet (sas) wieder. „Dann werde ich mich bemühen, mir mein eigenes Urteil (raʾyī) zu bilden.“ Daraufhin antwortet der Prophet (sas): „Gelobt sei Allāh, der den Beauftragten seines Propheten so geleitet hat, dass es seinem Propheten wohlgefällt.“

(Das Ḥadīth wird oft angeführt, ist allerdings als schwach eingestuft worden. Nichts desto trotz gibt es auch andere Belege aus der Sunna für die Anwendung des ijtihād al-raʾy bei dem Propheten (sas) und den Gefährten (r.A.a-hum).)

Die Anhänger der Sunna (ahl al-ḥadīth) begrenzten darum den raʾy, genauso wie Imām al-Shāfiʿī (r.A.) es später systematisch in seiner Risāla fī ʿilm al-uṣūl vorgetragen hatte, auf Fälle, in denen keine Überlieferung (khabar) vorlag. Dies war der entscheidende Unterschied zu einigen aṣḥab al-raʾy (ahl al-raʾy, madrasat al-raʾy, …), die rationalen Erwägungen den Vorzug gaben vor einigen Überlieferungen (akhbār).

Die Ḥanafīten erkannten beispielsweise die sunna āḥādiyya nicht an, d. h., Ḥadīthe, die nur von einzelnen Überlieferern überbracht worden sind bzw. sie erkannten sie nur unter bestimmten Bedingungen an, wenn sie keinem qiyās widersprachen, der auf qurʾān oder auf der sunna mutawātira oder sunna mashhūra aufbaute.

Aufgrund der hohen Anzahl von gefälschten ḥadīthen, die die Shiʾīten hervorbrachten, ist dies im Grunde nachvollziehbar. Zudem der ʿIrāq weit ab von dem traditionellen Zentrum der Sunna, Madīna und Makka, lag. Ibn Khaldūn, der Historiker aus dem 7. Jh. d. H. (14. Jh. n. d. Z.), machte die geringe Verbreitung des Ḥadīth im Irak für die Überbetonung des raʾy im ʿIrāq verantwortlich. Und Allāh möge mit ihnen nachsichtig sein.

Zudem wird Abū Ḥanīfa nachgesagt, dass er als Nichtaraber kein gutes Arabisch beherrschte. Seine Ḥadīth-Sammlungen wiesen darüber hinaus auch Schwächen auf.

Der Schüler von Imām al-Auzāʿī, Abū Isḥāq al-Fazārī, zitierte seinen Lehrer bezüglich dessen Haltung gegenüber Imām Abū Ḥanīfa (r.A.):

„Wir nehmen es Abū Ḥanīfa nicht übel, dass er sich dem raʾy bediente, denn wir alle tun dies. Aber wir werfen es ihm vor, dass er die Sache (die Überlieferung) vom Propheten sah und ihr widersprach.“

(al-Dhahabī, Tārīkh al-Islām wa-Wafayāt al-mashāhīr wa-l-aʿlām, editiert von Tadmurī, ʿUmar., Beirut 1987-91, Bd. 9, S. 492.)

Zur Differenz zwischen al-Auzāʿī und der Ḥanafiyya und der Anwendung des qiyās erfahren wir viel in dem kitāb al-radd ʿalā siyar al-Auzāʿī (editiert von al-Afghānī, Abū al-Wafāʾ, Qāhira 1357 d. H., übers. v. Bouzenita, A., ʿAbdarraḥmān al-Auzāʿī – ein Rechtsgelehrter des 2. Jahrhunderts d. H. und sein Beitrag zu den Siyar, Berlin 2001), welches von Abū Yūsuf, dem Schüler Abū Ḥanīfas, geschrieben wurde als Widerlegung zu einigen Ansichten von al-Auzāʿī, der wiederum vorher das kitāb al-siyar al-saghīr von Abū Ḥanīfa widerlegt hatte und seine Widerlegungen dem Buch zufügte. Die Widerlegung Abū Ḥanīfas durch al-Auzāʿī forderte Abū Yūsuf heraus das kitāb al-Radd zu schreiben, in dem er die Ansichten Abū Ḥanīfas verteidigte und al-Auzāʿīs und seine Ansichten zusammen trug.

Zusätzlich hat auch Imām al-Shāfiʿī (r.A.) das kitāb al-Radd kommentiert in seinem kitāb al-Umm und in leicht veränderter Form darin veröffentlicht.

Ablehnend steht al-Auzāʿī der Anwendung des qiyās gegenüber, wie er bei den Ḥanafīten eingesetzt wird. Er ermahnt sie mit folgenden Worten:

„Die sunna ging eurem qiyās voraus, so folgt ihr und führt keine Neuerungen ein, denn ihr werdet nicht irregehen, solange ihr euch an die Überlieferung (al-athār) haltet.“

(§50, kitāb al-Radd.)

Dem entgegengesetzt argumentierte Abū Yūsuf, dass aḥadīth, die dem qurʾān widersprechen nicht vom Propheten (sas) sein können. Damit bezieht er sich auf das ḥadīth, das singulär überliefert wurde. Er zieht also den qiyās auf der sicheren Basis von qurʾān und aḥadīth, die der Gemeinschaft und den fuqahāʾ bekannt sind, dem seiner Meinung nach „zweifelhaften ḥadīth“ vor.

Die Differenzen ergeben sich also nicht in der Frage, ob die Methode des qiyās zulässig ist, sondern in der Frage, wann die Methode zulässig ist.

Imām al-Auzāʿī benutzte selbst den qiyās, jedoch verwendete er dafür nicht den Begriff des qiyās. An Stelle dessen setzte er andere Begriffe ein. In dem kitāb al-Radd ist die Ansicht al-Auzāʿīs vorgetragen, dass er den Status einer Frau, die den Islām annimmt und in das dār al-islām einwandert, dem Status der Frau gleichkommt, die die Hijra vollzogen hat, sprich: eine Muhājira ist. Für beide gilt darum das Urteil, dass sie eine Wartezeit (ʿidda) einhalten müssen und erst dann heiraten können:

„Der Fall jeder Frau, die wegen der Religion zu Allāh auswandert, ist wie der Fall der Muhājirāt: Sie heiratet nicht, bevor ihre Wartefrist abgelaufen ist.“

(§35, kitāb al-Radd.)

Was den erbeuteten Besitz des Mannes angeht, der plötzlich den Islām angenommen hat und sich darauf der islāmischen Armee imdār al-ḥarb anschließt, zieht Imām al-Auzāʿī den analogen Schluss zum Muhājir:

„Der Fall dieses Mannes ist wie der Fall der Muhājirīn, die von Makka zum Gesandten Allāhs (sas) auswanderten: Seine Angehörigen und sein Besitz werden ihm zurückgegeben, wie der Prophet (sas) es ihnen zurückgab.“

(§49, kitāb al-Radd.)

In beiden Fällen verwendet al-Auzāʿī das Vokabular ka-ḥāl al-shakhs (wie der Status der Person). Anderer Stelle verwendet er den Ausdruck bi-manzila (durch die Stellung), um einen Vergleich zwischen zwei Stellungen von Personen zu machen. Der Ausdruck bi-manzila wird ebenfalls auch von Abū Ḥanīfa benutzt, um einen qiyās zu benennen. Desweiteren benutzt al-Auzāʿī den Ausdruck li-makānihi (wegen seiner Stellung):

„Abū Ḥanīfa (r.A.) sagte über den Mann, der mit einer Jāriya (Sklavin) von der ghanīma (Kriegsbeute) schläft, dass es ḥadd (Strafe) von ihm abwendet, aber von ihm al-ʿuqr (Morgengabe bei besonderem Umstand) fordert. Die Jāriya und ihr Kind gehören hier zur ghanīma, wobei die Abstammung des Kindes nicht festgelegt wird.

Al-Auzāʿī erwiderte: Diejenigen unserer Gelehrten, die uns vorangingen, pflegten zu sagen: Ihm gebührt die Mindeststrafe von 100 Peitschenhieben, und es fordert eine Morgengabe in einer gerechten Höhe, wobei sie und ihr Kind ihm zugesprochen werden: Dies gilt wegen seine Stellung (li-makānihi), die er ihr gegenüber einnimmt durch das Teilhaben an der Beute.

Abū Yūsuf antwortete: Wenn er einen Anteil an ihr hat, wie es al-Auzāʿī sagte, so gilt für ihn kein ḥadd, sondern die Zahlung des ʿuqr. […].“

(§15, kitāb al-Radd.)

Auch bei al-Ṭabarī wird von al-Auzāʿī berichtet, dass er einen analogen Schluss zog bei dem Beuteanteil des Mannes, der sich den Muslimen im dār al-ḥarb anschließt. Al-Auzāʿī sagt, ihm wird ein Beutanteil gegeben, wenn er sich vor der Beuteteilung angeschlossen hat, denn der Prophet (sas) gab den Frauen und Kindern (der Muslime) einen Anteil der Beute, und diese sind in ihrer Unterstützung schwächer als diejenigen Männer, die sich den Muslimen im Kampf anschlossen. (al-Ṭabarī, Abū Jaʿfar Muḥammad bin Jarīr, Ikhtilāf al-Fuqahā’, Beirut, S. 74.)

Dass Imām al-Auzāʿī den qiyās anwandte, natürlich in einer anderen und indirekteren Form als die Ḥanafiyya, ist eine typische Reaktion auf das Umfeld in dem er sich befand. In Shām gab es zum einem viele Schriftbesitzer (ahl al-kitāb), darunter Juden und Christen als dhimmiyūn. Zum anderen lebte er in der Zeit, wo die Eroberungen (futūḥ) immer noch im Gange waren. Dementsprechend gab es Veränderungen an der Grenze zwischen dem islāmischen Bereich der Banū ʿUmayya in Shām und dem oströmischen Reich im Norden. Aus dem Grund war das Thema der siyar ein großes Anliegen von Imām al-Auzāʿī und es boten sich viele neue Rechtsfälle (furūʿ), die einer Klärung bedurften durch einen fachkundigen Juristen.

Und Allāh weiß es am besten.

Wassalām

Al-Maṣādir:

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Abū Yūsuf, kitāb al-radd ʿalā siyar al-Auzāʿī, editiert von al-Afghānī, Abū al-Wafāʾ, Qāhira 1357 d. H., übers. v. Bouzenita, A., in:ʿAbdarraḥmān al-Auzāʿī – ein Rechtsgelehrter des 2. Jahrhunderts d. H. und sein Beitrag zu den Siyar, Berlin 2001

al-Dhahabī, Tārīkh al-Islām wa-Wafayāt al-mashāhīr wa-l-aʿlām, editiert von Tadmurī, ʿUmar., Beirut 1987-91, Bd. 9 (http://archive.org/details/alhelawy06)

al-Dhahabī, Tadhkira al-Ḥuffāẓ, Hayderabad 1958, Bd. 1 (http://www.archive.org/download/waq1331/1331.pdf)

al-Dimashqī, ʿAbd al-Raḥmān bin ʿAmr bin ʿAbdillāh Abū Zurʿa,Tārīkh Abī Zurʿa al-Dimashqī, editiert von al-Qaujānī Shukrullāh bn Niʿmatallāh, Bd. 1-2, Dimashq 1400 d. H.

Ibn ʿAsākir, Tārīkh madīnat Dimashq wa dhikru faḍāʾilihā wa-tasmiyat man ḥallahā min al-ijtāza bi-nawāḥīhā min wāridīhā wa ahlihā, editiert von al-Shihābī, S., Dimashq 1991, Bd. 41

Ibn ʿAsākir, Tārīkh madīnat Dimashq dhikru faḍa’iliha wa tasmiyat man hallaha min al-ijtaza bi nawahiha min waridiha wa ahliha, editiert von al-ʿAmrawī, ʿUmar bin Gharāma, 1990, Bd. 35 (http://archive.org/details/alhelawy08)

Ibn Kathīr, al-Bidāya wa-l-Nihāya, Beirut 1966, Bd. 7

al-Jubūrī, ʿAbdallāh Muhammad, Fiqh al-Imām al-Auzāʿī, Bagdad 1977

al-Naṣrī, ʿAbd al-Raḥmān bin ʿAmr bin ʿAbd Allāh bin Ṣafwān,Tārīkh Abī Zurʿa al-Dimashqī, Dār al-Kutub al-ʿIlmiyya, 1417 d. H. (1996 n. d. Z.) (http://archive.org/details/724_tarikh.abu.zurah)

al-Ṭabarī, Abū Jaʿfar Muḥammad bin Jarīr, Ikhtilāf al-Fuqahā’, 2. Aufl., Beirut (1. Auflage Kairo 1902)

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