Rezension: „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod.“ Der Dschihad und die Wurzeln des Terrors

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Die „Bundeszentrale für politische Bildung (bpb)“ hat jüngst eine neue, islamwissenschaftliche Publikation in ihre Schriftenreihe aufgenommen. Was hat uns der bekannte französische Islamwissenschaftler Oliver Roy mit seinem Werk „‚Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod.‘ Der Dschihad und die Wurzeln des Terrors“ zu sagen?

Publikationen rund um den Islam existieren wie Sand am Meer: Manchmal partiell lesenswert, aber immer öfter auch einfach nichtssagend, eine reine Profilierungssucht der jeweiligen Autoren über die eierlegende Wollmilchsau „Islam“ mit den Slogans „Islamismus“, „Islamisierung“ und „Salafismus“. Dieses ist umso ärgerlicher, wenn nicht gefährlich, da der Durchschnittsbürger in der Bundesrepublik kaum zwischen populärwissenschaftlichen Abhandlungen, der rein subjektiven Behauptungsliteratur und wirklich seriösen Publikationen unterscheiden kann. Umso kritischer sollte demnach der geneigte Leser auch bei Veröffentlichungen der der politischen Korrektheit anheimgefallenen „Bundeszentrale für politische Bildung“ sein. Doch das jüngst erschienene Werk des Islamwissenschaftlers Roy, mit dem sperrigen deutschen Titel „‚Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod.‘ Der Dschihad und die Wurzeln des Terrors“ (ungleich geschmeidiger der französische Originaltitel: „Le djihad et la mort“), schlägt überraschende, unaufgeregte Töne an und weiß durch Sachkenntnis und Differenziertheit zu glänzen.

Grundannahmen

Der renommierte Islamwissenschaftler Roy arbeitet in seinem wohl zukünftigen Standardwerk über „Dschihadismus“, einige wesentliche Aspekte heraus, welche grundlegend für seine durchdachte Perspektive sind. Laut Roy besteht keinerlei Korrelation zwischen sozialen, religiösen und politischen Aufständen und dem Übertritt zum sogenannten islamistischen Terrorismus. Roy ist somit kein Anhänger von simplen Milchmädchenrechnungen, sondern versucht eine kritischere Sichtweise zu entwickeln. Im Fokus seiner Überlegungen steht der Grundgedanke eines postmodernen Nihilismus, der immer breitere Bahnen, gerade unter jungen Leuten, in der Gesellschaft, zieht. Die offensichtliche Sinnentleertheit unserer heutigen Gesellschaftsstruktur ist evident und kulminiert laut Roy im Kontext des „Islamismus“ immer mehr in eine radikale Beendigung des eigenen Seins:

 „Dieses Streben nach dem Tod (das berühmte »Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod«) wurzelt einerseits im politischen Misserfolg und andererseits in einem tiefen religiösen Pessimismus, wie er sich in Sayyid Qutbs Werken findet: Die muslimische Gesellschaft ist auf den Stand vor der Offenbarung zurückgefallen (die Dschāhilīya oder Unwissenheit), mit dem Unterschied, dass kein neuer Prophet kommen wird, weil Mohammed bereits die Prophezeiung besiegelt hat, also der letzte Prophet ist. Daher ist das Ende nah. An diese Erkenntnis heftet sich eine apokalyptische, in gewisser Weise nihilistische Dimension: Wenn das Ende naht, dann gilt es eher, an sein eigenes Heil zu denken, als sich die Errichtung einer besseren Gesellschaft zum Ziel zu setzen. Und dieses Heil wird durch den Tod erreicht, das ist der kürzeste und sicherste Weg dorthin.“ (S.31f.)

So verständlich auch die Perspektive des Sayyid Qutbs ist, impliziert die Grundhaltung eines weltumspannenden Pessimismus, die Gefahr eines werteverachtenden Defätismus. Hinzukommt laut Roy die geringe religiöse Bildung von den radikalen Gewalttätern – oftmals sogenannte „born again“ Muslime – und die in einer Zeit der Einebnung von kulturellen Beständen, Traditionen, groß geworden sind. Sie sind damit durch und durch Kinder ihrer Zeit:

 „Darin äußert sich das seit den Anfängen des Dschihadismus herrschende Bestreben, zwecks Schaffung einer neuen , von Tabula rasa ausgehenden, Gesellschaft eines neuen Typus des Homo islamicus ins Leben zu rufen, also einen von sämtlichen nationalen stammesmäßigen, rassischen oder ethnischen, ja sogar familiären und affektiven Zugehörigkeiten befreiten, wahrhaft entwurzelten Menschen. Wie wir gesehen haben, gehen Ikonoklasmus (die Zerstörung von Kulturgütern) und Familialismus dabei Hand in Hand.“ (S.48)

Nach Roy ist somit die Terrororganisation des „IS“ prädestiniert die Black Box hin zum Dschihadismus auszufüllen. Keinerlei Achtung vor Kulturgütern und das tiefe Schwarz des „IS“ sind Anzeichen, die den Radikalismus mit islamischem Gewand auszeichnen. Roys großer Verdienst besteht aber insbesondere darin, dass er eine klare Trennungslinie zwischen gewalttätigen Radikalismus und religiösen Fundamentalismus in der Form des „Salafismus“ zieht:

„Für einen Salafisten aber lässt sich ein laxes Befolgen der strengen Alltagsregeln durch nichts rechtfertigen, abgesehen von den in der Scharia festgelegten Ausnahmen. Wenn der Tod bevorsteht, befreit das nicht von der Ehrfurcht vor dem Gesetz. Ganz im Gegenteil. Für junge Salafisten gibt es keine Abkürzung ins Paradies. Die jungen Radikalen hingegen verzichten auf der Suche nach der Abkürzung auf die religiöse Glaubenspraxis.“ (S.98)

Er stellt damit eine Islamisierung der Radikalität fest und nicht die oftmals in der Öffentlichkeit angenommene Hypothese der Radikalisierung des Islams.

Die Krise des Islams und der Gesellschaft

Dass wir in Zeiten der großen Krisen leben ist mehr als deutlich und bedarf keines größeren Kommentars. Neben den kulturnivellierenden Tendenzen unter der Leittendenz der sozialen Demokratie, befinden sich auch die Religionen in einer sich stetig und immer weiter ausbreitenden Gefahr:

„In europäischen Gesellschaften ist das unmittelbare Verständnis von Religion weitgehend verloren gegangen: In der Öffentlichkeit wird sie als eine Form der Identität (christliche Identität Europas) eben noch hingenommen, aber nicht als Glaube und immer weniger in Form einer öffentlich sichtbaren Praxis (höchstens als Folklore) akzeptiert.“ (S.102)

Demnach befindet sich auch – wie letztes Jahr schon der Religionswissenschaftler Michael Blume diagnostiziert hat – die Religion des Islams in einer Krise:

 „Dass der institutionelle Islam in der Krise steckt, ist offensichtlich. Dabei ist der Salafismus nicht das größte Problem – er besetzt nur eine Leerstelle – , das Problem ist die Entfremdung der Imame von der neuen muslimischen Mittelschicht. Das größte Problem der Moscheen besteht darin, dass kaum ein junger französischer Muslim sich zum Imam berufen fühlt, denn dieser Posten ist schlecht bezahlt, undankbar und genießt wenig Ansehen.“ (S.147)

Religionen werden im 21.Jahrhundert nur noch als metaphorische Kitschtradition verstanden und rufen auch unter Muslimen Krisenerscheinungen hervor. Denn je weiter sich die Muslime säkularisieren und die Imame keine adäquaten Antworten auf die Sinnhaftigkeit für eine immer mehr gebildetere Mittelschicht entwickeln, desto weitreichender wird sich der institutionelle Islam marginalisieren. Diese innerislamischen Problematiken haben natürlich auch unmittelbar Einfluss auf die gesamte Gesellschaft eines Landes. Die stattfindende Entwurzelung in einem brüchigen, da liberalistischen Konstrukt, sorgt bei der Mehrheitsgesellschaft für eine hypersensible Anfälligkeit und Abwehrhaltung für jedwede Öffentlichkeit von Religion. Dieses betrifft gerade den Islam, da dieser immer auch eine öffentliche Religion war. Und wie reagiert in diesem Fall die französische Gesellschaft und Politik darauf? Mit absurden Verbotsstrategien:

„Der Islam der gesellschaftlichen angesehenen Persönlichkeiten und der Mittelschicht hingegen strebt nach Anerkennung, Institutionalisierung und Einfluss. Und wie reagiert man darauf? Man will den Schleier an den Universitäten verbieten! Damit schikaniert man ausgerechnet die künftigen Eliten, genau jene integrierten Muslime und Universitätsabsolventen, die in der Lage wären, einen »praktischen« und befriedeten Islam  zu erfinden.“ (S149f.)

Für die Gesellschaften in der heutigen Zeit bedarf es also eine Revitalisierung, eine neuartige Rückkopplung auf die religiösen und kulturellen Ressourcen. Dieses würde in concreto der gesamten Gesellschaft gut tun.

Fazit und Einordnung des Werkes

Dem Islamwissenschaftler Roy ist mit seinem undogmatischen und sachlich-fundierten Buch ein ausgesprochen lesenswertes Buch gelungen. Keinerlei Denkverbote und ungewöhnliche Perspektiven, zeichnen sein Werk aus. Er hat damit die große Chance tradierte Meinungen und starre Vokabeln aufzubrechen und eine neuartige und profunde Sichtweise in den Debatten Rund um den „Islam“, „Salafismus“, „Terrorismus“ und „Dschihadismus“ zu etablieren. Doch neben der schlüssigen Analyse des Konglomerates unter dem Slogan „Terrorismus“, fehlen konkretisierende Lösungsvorschläge, welche wünschenswert gewesen wären. So hinterlässt das Buch den Leser etwas im luftleeren Raum. Bezeichnend dafür sind seine Äußerungen rund um die Deradikalisierung:

„Ich verstehe nicht, wie eine »Deradikalisierung« aussehen könnte. Bisher war Umerziehung eher eine Angelegenheit totalitärer Regime oder hegemonialer Religionen (die Inquisition hatte ein Programm zur Umerziehung von Häretikern); heuzutage behandelt man die Radikalen wie Anonyme Alkoholiker (»Herr Doktor, es kommt einfach über mich, wenn ich mit meiner Kalaschnikow an der Terrasse eines Cafés vorbeikomme, muss ich schießen. Helfen Sie mir, bitte!«) (S.151)

 Eine weitere, aber logisch verzeihbare Einschränkung, besteht für den deutschen Leser darin, dass das Buch sehr auf den französischen Markt zugeschnitten ist. So gibt es zwar immer wieder kleinere Anleihen an den internationalen Terrorismus und auch der deutschen Spielart im speziellen, dieses kaschiert aber nur ungenügend die starke Fokussierung auf die französische Gesellschaft. Dieses sollte den wissbegierigen Leser aber nicht davon abhalten sich dieses Buch zuzulegen. Gerade der unschlagbare Preis dürfte den Unentschlossenen überzeugen, da er mit diesem Werk für den öffentlichen Diskurs, neue, unaufgeregte Argumentationen, die für eine Auflockerung der mittlerweile starren Auseinandersetzungen dienlich sein könnten, findet. Die Essenz des Buches fast Roy indessen in einem Satz zusammen:

„Die Religion, und zwar jede Religion, ist weder ein Werkzeug der Radikalisierung noch der Deradikalisierung: Sie besitzt Würde an sich, sie entfaltet ihren eigenen Wirkungsbereich, der weder sozial noch territorial ist, sondern spirituell.“ (S.150)

Bestellen könnt ihr das Buch hier.

Olivier Roy: „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod.“ Der Dschihad und die Wurzeln des Terrors. bpb, Bonn 2018, S.176, 4,50 Euro

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3 Antworten auf “Rezension: „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod.“ Der Dschihad und die Wurzeln des Terrors”

  1. MFG

    salam alaikum,

    im auftrag der staatspropaganda:

    „die in der Lage wären, einen »praktischen« und befriedeten Islam zu erfinden.“

    AHH, wir müssen erstmal ein friedlichen islam erfinden, also gibt es nur einen gewaltbereiten islam. diese schriften sollen natürlich von den wahren ursachen ablenken. erst läßt man ghettos entstehen, die sich aus ungebildeten schichten zusammen setzen, sodann schiebt man eine radikalisierung an, indem prediger, die bemüht sind den wahren islam zu predigen, vergrauelt werden, aber die hobby prediger läßt man sich frei entfalten, die zum schihad gegen die ungläubigen schreien.
    kriminalität wird nicht ernsthaft bekämpft.

    frage: wo wird solch eine entwicklung enden????

    ein gemeinsames sitzen mit kaffee und kuchen
    oder eher, niederknüppeln, dem abstechen von menschenleben

    könnte es sein, daß hier die stratgie der spannung verfolgt wird, aber die bevölkerung soll bitte nichts davon bemerken????

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  2. Nuruddin

    Nuruddin

    Wa alaykum salam wa rahmatullah
    Erstmal: Herzlichen Dank für deinen Kommentar.
    Ich kann deine Sorgen gut nachvollziehen. Unter der Hysterie der Islamdebatten werden eigentliche Probleme verschleiert. Ebenso wie du bin ich als Gläubiger über das Wort „erfinden“ gestolpert. Hier muss man jedoch erwidern, dass Olivier Roy kein Muslim ist und sich primär um eine wissenschaftliche Perspektive bemüht. Wie mit einer fiesen Phantasie die Muslime untereinander von der hiesigen Politik ausgespielt werden ist evident. Betrachten wir jedoch den Islamwissenschaftler Roy, so lässt sich sagen das er einer der wenigen Denker ist, der unaufgeregt sich für eine differenziertere Sichtweise einsetzt. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir alles aus seiner Hand fressen sollten. Die Trennungslinie zwischen einem Muslim und Nichtmuslim ist auch von der unterschiedlichen Perspektive klar. Analytische Urteile der Zukunft betreffend sind wahrlich schwer zu fällen. Persönlich sehe ich die Zukunft eher kritisch: Wie leben in einer Zeit der Entwurzelungen und der Bilderstürmerei, dieses ist so allumfassend sodass letztlich nur die innere Emigration bleibt. Allahu a’lam

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  3. MFG

    „dass Olivier Roy kein Muslim ist und sich primär um eine wissenschaftliche Perspektive bemüht.“

    auch wenn das weh tut, aber ein islamwissenschaftler der alten schule, sie wissen sehr genau, wovon sie reden. dabei handelt es sich nicht um fehler. das käme gleich einem mathematiker, dem das wort algebra unbekannt ist.
    es kann natürlich sein, aufgrund politischen drucks, er entsprechend sätze formulieren muß.

    vebleibe mit einem „salam alaikum“

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