Ibn Taymiyyahs Konzept des Marktmechanismus (Teil 4)

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Westliche Ansichten über Preismechanismen bis Mitte des achtzehnten Jahrhunderts

Wirtschaftshistorikern zufolge gelang es den griechischen Philosophen Aristoteles und Plato nicht, eine Theorie zur Preisbildung anhand von Angebot-und-Nachfrage-Mechanismen auf dem Markt zu präsentieren (Gordon, S. 46, Schumpeter, S. 60). Fast genauso verhält es sich mit dem berühmten Scholastiker Thomas von Aquin (1225–1274 n. Chr.), dessen Gedanken eine ganze Epoche beeinflussten.

Zu Beginn dieser Abhandlung haben wir Schumpeters Anmerkung zur Theorie von Preismechanismen von Seiten westlicher Autoren erwähnt. Bis zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts fand er kaum etwas Erwähnenswertes. Er schreibt: „Selbst die Beiträge der schlausten Köpfe, wie Barbon, Petty oder Locke, sind nicht sehr bedeutend, und die überwiegende Mehrheit der Berater und Verfasser von Schriften des siebzehnten Jahrhunderts begnügte sich mit der Art von Theorie, die sie bei Pufendorf fanden oder hätten finden können“ (Schumpeter, S. 305). Samuel von Pufendorf (1632–1694), ein schwedischer Jurist, wurde mehr als dreihundert Jahre nach Ibn Taymiyyah geboren. Leider haben wir keinen Zugang zu den Werken von Pufendorfs, den Schumpeter als führenden Kopf zahlreicher Denker betrachtet. Schumpeter gibt lediglich folgenden Verweis auf seine Beiträge: „Indem er zwischen Nutzungs- und Geldwert (pretium eminens) unterscheidet, bestimmt er (Pufendorf) den Letzteren durch die relative Knappheit oder Abundanz von Gütern und Geld. So tendiert der Marktwert zu den Kosten, die normalerweise in die Produktion miteingerechnet werden müssen“ (Schumpeter, S. 122).

Dieses kurze Zitat aus von Pufendorfs Beitrag reicht für eine kritische Untersuchung oder einen Vergleich mit Ibn Taymiyyahs Beitrag nicht aus. Die Aussage, dass der Geldwert oder Preis durch die relative Knappheit oder Abundanz von Gütern und Geld bestimmt wird, fällt eher in den Bereich der Geldtheorien als in den der Preismechanismus-Theorien. Möglicherweise ist das auch Schumpeters Ansicht, denn Barbon, Petty (1623–1687) und Locke (1632–1704), die er in diesem Zusammenhang erwähnt, machten sich vor allem Gedanken über die Auswirkungen der Geldmenge auf die Preise. Das Verdienst der Entdeckung der Quantitätstheorie des Geldes wird in der Regel dem französischen Juristen Jean Bodin (1530–1596) zugeschrieben, der sie 1568 als Reaktionen auf die Paradoxien des Herrn von Malestroit (Speigel, S. 89) entwickelte. Obwohl in dieser Theorie die Analyse von Angebot und Nachfrage auf Geld angewendet wird, hat sie doch ein anderes Thema zum Gegenstand. Ibn Taymiyyah wandte Angebot und Nachfrage nicht auf Geld an. Nur an einer Stelle schreibt er: „Die Obrigkeit sollte die Münzen (nicht aus Gold oder Silber) entsprechend dem wahren Wert der Transaktionen der Menschen prägen, ohne ihnen irgendein Unrecht zuzufügen. […] Und ein Herrscher sollte keine Geschäfte mit Geld machen, indem er sich Kupfer beschafft, Münzen prägt und mit diesen handelt […]“ (Ibn Taymiyyah, 1381, S. 469).

Neben Jean Bodin, von Pufendorf, Barbon, Petty und Locke gab es vor Adam Smith noch weitere westliche Autoren, die die Analyse von Angebot und Nachfrage heranzogen, um Preisänderungen zu erklären. Schumpeter erwähnt sie nicht. Doch Barry Gordon nennt in seinem Buch Economic Analysis Before Adam Smith Johannes Nider (1380–1438), Navarrus (1493–1586), Luis de Molina (1536–1600) und Lessius (1554–1632) und gibt über jeden von ihnen eine kurze Abhandlung. Er zitiert Nider mit den Worten: „Je mehr Menschen eine Ware benötigen und sich wünschen, sie zu besitzen, während das Angebot nur gering ist, desto stärker steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Preis hierfür höher eingeschätzt und sie auch zu einem höheren Preis verkauft wird“ (Gordon, S. 232). Über Navarrus schreibt Gordon, dass „er ein Gegner einer stationären Preisfestlegung war, mit dem Argument, dass wenn es ein großes Angebot an Waren gäbe, dies nicht nötig sei, und wenn das Angebot knapp sei, dieses System sich eher nachteilig auf das Wohlergehen der Gesellschaft auswirken würde als ihr zu nutzen. […] Es wurde größeres Gewicht auf den Umgang mit den das Angebot bestimmenden Größen gelegt, und der Gedanke von ‚einem Markt‘ stand stärker im Blickpunkt“ (Gordon, S. 239). Gordon zufolge erklärte de Molina: „Wenn zum Beispiel Güter im Einzelhandel in kleinen Mengen verkauft werden, wird dafür ein höherer Stückpreis verlangt werden als für Massenware. Unter den Scholastikern ist er der Erste, der das Wort ‚Wettbewerb‘ erwähnt“ (Gordon, S. 240). Über den belgischen Jesuiten Lessius schreibt Gordon: „Nicht nur unterschiedliche Versorgungslagen, sondern auch eine Reihe anderer Kräfte beeinflussen die Preisgestaltung. Er führt unter anderem folgende Faktoren als relevant auf […]: die Güter selbst, ihre Abundanz beziehungsweise Knappheit, das Bedürfnis nach ihnen und ihre Nützlichkeit, die Verkäufer und ihre Arbeit, Ausgaben, Risiken im Zusammenhang mit der Beschaffung der Güter, ihr Transport und ihre Lagerung, die Art des Verkaufs – ob die Waren frei oder auf Bestellung angeboten werden, die Konsumenten – ob es viele oder wenige sind, und ob das Geld reichlich oder knapp ist“ (Gordon, S. 269).

Schlussfolgerung

Aus dem oben Erwähnten geht klar hervor, dass bis zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts kein westlicher Autor eine bessere Analyse von Angebot und Nachfrage vorlegen konnte als Ibn Taymiyyah es im 13./14. Jahrhundert tat. Nur Leonhardus Lessius ergänzte einige wichtige Variablen, die die Preise beeinflussen und in den Schriften Ibn Taymiyyahs nicht explizit erwähnt werden, wie etwa die Produktionskosten, die Risiken, die bei der Beschaffung der Güter eingegangen werden, ihren Transport und ihre Lagerung usw. Ibn Taymiyyah diskutiert außerdem verschiedene Formen von Marktschwäche und spricht sich für eine detaillierte Preiskontrollpolitik aus, wo Marktkräfte nicht wirken können. Dies haben wir bereits an anderer Stelle untersucht (Islahi, S. 77–90).

(Quelle: Prof. Dr. Abdul Azim Islahi, Journal of Research in Islamic Economics, Vol. 2, No. 2 / übertragen in die deutsche Sprache für al-adala.de von korrekturlesen-hh, leicht redigiert)

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