Rezension: Die neuen Muslime. Warum junge Menschen zum Islam konvertieren

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Der österreichische Verlag Promedia hat vor kurzem ein vielversprechend klingendes Buch über die „neuen Muslime“, den sogenannten Konvertiten, veröffentlicht. Stellt es eine profunde, interessante soziologische Studie dar, oder ist es eher ein klischeebehaftetes Abziehbild, demnach alle Konvertiten zum Islam durchweg labile Persönlichkeiten seien?

Das Ansinnen und der Inhalt des Buches

Der Anzahl der Menschen, die ihrem bisherigen Lebensweg eine Abkehr erteilen, zu gänzlich neuen Ufern aufbrechen und sich zum Islam bekennen, wurde bisher kaum Beachtung geschenkt. Es gibt keinerlei verlässliche Zahlen hierzu, geschweige denn von einer seriösen Erhebung der Anzahl der Muslime im Allgemeinen in Deutschland. Umso spannender ist es, wenn diesem Thema vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt wird. Die Journalistin Susanne Kaiser, als Nahostexpertin u.a. für das Fachmagazin „zenith“ und als Beraterin für den Bundestag in Fragen der arabischen Welt und des Islams tätig, hat sich mit ihrem fast 200 seitigen Buch mit dieser spannenden Bevölkerungsgruppe auseinandergesetzt:

„Warum ist es weniger interessant zu erfahren, wie jemand durch Konversion das eigene Leben in den Griff bekam? Viele finden in der Religion Sinn und Halt, einen fest durchstrukturierten Alltag. Sie wenden sich dem Islam zu, um sich selbst zu helfen, nicht aus der Wut auf die Mehrheitsgesellschaft oder weil sie verführt wurden. Es gibt gute Gründe für ihre Entscheidung, die sich biografisch nachvollziehen lassen. Über sie wird nur nicht berichtet, oder fast nicht. Genau wie die schwierigen Extremfälle beginnen sie ein radikal neues Leben, allerdings von einer anderen, einer weniger spektakulären Radikalität.“ (S.28)

Die Kapitel des Buches lassen sich grob in drei Bestandteile ordnen: Vom Weg der Suchenden zum Islam, über Bewältigungsstrategien in einer neoliberalen Welt und dem Lebensalltag von Konvertiten in Deutschland, bis hin zum heutzutage scheinbar unerlässlichen Ausführungen zum Thema Extremismus und Salafismus. Dabei werden theoretische Erörterungen eng durchwoben mit biografischen Skizzen von vier Konvertiten, die für Auflockerung des Geschriebenen sorgen und unterschiedliche Denkrichtungen im Islam repräsentieren.

„Der eine experimentiert sich durch die spirituelle New-Age-Palette von Karate bis Yoga, bevor er zum Islam findet, die andere testet zuerst, ob ihre Bittgebete auch funktionieren, bevor sie konvertiert. Selbst die extreme Form des Salafismus, der eine der Protagonistinnen anhängt, kann daher höchstens als neokonservativ verstanden werden, […] Eines ist an den hier zu Wort kommenden konvertierten oder »wiedergeborenen« Muslimen aber vielleicht wirklich bemerkenswert: die Radikalität, mit der sie ihr Leben in die Hand genommen haben.“ (S.14)

Kaiser gelingt es so, den Leser bei der Stange zu halten und für eine kurzweilige Lektüre zu sorgen.

Die Grenzen und der Nutzen des Buches

Die kleine soziologische Studie von Frau Kaiser hat ihre klaren Grenzen und wirkt oftmals nicht erschöpfend genug. Kulturmorphologische Entwicklungen werden kaum in die Debatte mit einbezogen, die jedoch gerade im 21.Jahrundert ihre determinierende Prägekraft entwickeln. Sind gereizte Konversionen zum Islam etwa eine Reaktion darauf? So hätte sich ein erweiterter Fragenkatalog entwickeln können, der sich nochmal vertieft mit grundlegenden anthropologischen Erörterungen beschäftigt und dem Werk von Kaiser größere Prägnanz geschenkt hätte.

Der Autorin kann man aber auch zugute halten, dass dieses Buchthema bisher kaum empirisch untersucht wurde- außer die Studie von Özyürek mit dem Titel „Being German, Becoming Muslim“, gibt es nichts wirklich Vergleichbares. Umso schöner, dass die Autorin des vorliegenden Buches, einen Schritt in Richtung der Erforschung eines deutschen Islams unternimmt und sich zudem durch Offenheit gegenüber diesem komplexen Thema auszeichnet. Eine wesentliche Komponente ihrer Arbeit stellt die sich vom Grundsatz her als wertfrei definierende Soziologie dar. Dieses sollte der muslimische Leser bei einem eventuellen Kauf berücksichtigen. Es ist also dezidiert kein Werk des Bekenntnisses! Für religiöse Muslime ist die sozialwissenschaftliche, psychologisierende Perspektive auf die Religion tatsächlich zunächst fremd, da sich die Muslime gerade einem objektivierbaren, zielführenden, theologisch fundierten, für alle Ewigkeiten offenbarten Wahrheitsgehalt verpflichtet fühlen, als einer doch oftmals dem sozialen; relativistischen Konstruktivismus anheim gefallenden Weltanschauung der Neuzeiten. Aber gerade dieses ist für die Islam-Debatte ein gelungener Beitrag, denn es handelt sich nicht um eine religiöse Bestätigungsliteratur nebst Erweckungsgarantie, sondern der einzelne muslimische Leser wird somit für ein vermehrtes Verständnis der muslimischen Diversität in der Gesellschaft angeregt.

Das unausgeschöpfte Potential

Man merkt dem Werk „Die neuen Muslime“ von Frau Kaiser an, dass es offenbar in großer Eile niedergeschrieben wurde. Anders ist beispielsweise die Verwechslung der „Jungen Freiheit“ mit einem ominösen Blatt namens „Junges Deutschland“ nicht zu erklären. Was die Autorin auch versäumt, ist auf Interdependenzen zwischen einem traditionell geprägten Volksislam im Sinne beispielsweise der DITIB und dem deutschen Konvertiten einzugehen. Fragestellungen wie „was bedeutet es für mich Deutsch zu sein? Und wie kann ich dieses mit meiner neuen Glaubensüberzeugung vereinbaren?“, werden nicht weiter behandelt. Hier verschenkt Kaiser mit ihrem Werk viel Potential.

Was bleibt sind die schönen Geschichten der Glaubensgeschwister, die leider wieder öfters dem Klischee der angeblich Gescheiterten entsprechen:

„Die Lebenswege von Ele, Ferid, Ben und Mareike sind auch Geschichten des Scheiterns, wenn auch nicht nur im wirtschaftlichen Sinn. Ob Drogen, Misserfolge in der Schule, kaputte Familien: Sie alle haben erlebt, wie sich ein Gefühl des ständigen Versagens einschleichen und einen unglücklich machen kann. Sie alle sind eine Zeitlang ziellos umhergeirrt, hatten keine Kontrolle über ihr Leben und konnten dem sozialen Druck auf die eine oder andere Weise nicht standhalten.“ (S.121)

Kaiser ist dabei jedoch eine sehr anteilnehmende Schriftstellerin, die es versteht sich mit Menschen jeglicher Couleur auseinanderzusetzen. Es ist anzuraten, dass der Verlag und die Autorin sich prinzipiell nochmal Gedanken über die Ausmerzung von Schwachpunkten im Buch wie die Verwechslung von Zeitungen und einer erweiterten Ausgabe ggf. mit einem genaueren Quellenverzeichnis bemühen werden.

Bestellen könnt ihr das Buch hier.

Susanne Kaiser: Die neuen Muslime. Warum junge Menschen zum Islam konvertieren. Promedia, Wien 2018, 192 S., ISBN:978-3-85371-437-9, 17,90 Euro.

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