Von der schlechten Vermutung

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Draußen war es still und kalt. Vom Fenster aus waren die Ruhe und die Kälte für mich jedoch nicht wahrnehmbar. Ich wollte hinaus, spazieren gehen, um etwas nachzudenken. „Bestimmt wird die frische Luft guttun“, dachte ich mir. Auf dem Weg, vorbei an dem Kiosk auf der Hauptstraße, wo ich in meiner Kindheit stets Süßigkeiten kaufte, versank ich in quälende Gedanken. Nicht auf den Weg schauend, jedoch an der Ampel stehenbleibend, fragte ich mich, wieso ich diesen besonderen Fehler beging. Ein Kind, sorglos und unbekümmert ging an mir vorbei und warf mir ein Lächeln zu. Dieses warme Lächeln konnte ich nur zwanghaft erwidern. „Der Park wäre ein guter Platz zum sitzen“ murmelte ich vor mich hin. Mein Ziel war nun klar, aber was sollte ich mit meiner Sorge machen?

Ich kam an der Fahrschule vorbei und hundert Meter weiter im Park an. Ich sah mich nach einem geeigneten Platz um, wo ich mich ungestört hinsitzen konnte. Es war jedoch kein Mensch weit und breit zu sehen, sodass meine Befürchtung nicht ungestört zu sein, sich schnell verflüchtigte. „Es war ungewöhnlich für einen Sonntagmorgen, da hier stets viele Familien unterwegs waren, aber die Sitzbank vor dem See schien sauber zu sein“. Ich setzte mich, mit den mittlerweile eingefrorenen Händen in der Tasche, hin. Mit starrem Blick sah ich zum See runter. Nichts bewegte sich im Wasser, komplette Stille. Die Frage ob ich es ihm sagen soll oder nicht, beschäftigte mich eine ganze Weile. Ich hob meinen Kopf flehentlich gen Himmel und sagte ich zum Schöpfer der Welten: „Mein Herr, was soll ich machen?! Ich verleumdete einen Bruder neben anderen Personen und erzählte unwahres.“

Den Kopf herabsenkend sah ich vom weiten einen Mann, augenscheinlich mittleren Alters, in meine Richtung kommen. Er bemerkte beim entlanggehen mein unechtes Lächeln. Er blieb stehen, drehte sich um und fragte: “Mein Junge, alles in Ordnung?“ „Ja“ erwiderte ich trocken. Er lächelte herzlich, kam zurück und setzte sich neben mich. „Mein Name ist Ensar“ sagte er mit ausgestreckter Hand zu mir. Ich griff nach seiner Hand, ein vertrautes Gefühl kam in mir hoch, und antwortete: „Ich heiße Bassam“. „Ein schöner Name. Wie kommt es, das du hier alleine und bekümmert herumsitzt?“ Er hatte erkannt, dass mich etwas plagte. „Nun Bruder Ensar, ich beging einen Fehler. Ich bin hier um meine Gedanken zu sortieren.“ „Eine gute Idee“ erwiderte er und fuhr fort: „Wir alle begehen Fehler. Sind wir in der Lage dies zu erkennen und dafür gerade zu stehen? Wir können es alle, aber wollen wir das?“ Ich nickte. „Mein Junge, unser Herr erhört uns immer, sei es in schlechten oder guten Tagen. Er will, dass wir Ihn anrufen.“ Ich stimmte ihm zu. Er erzeugte schnell eine Entschlossenheit in mir, die ich zuvor nicht besaß. Verständnisvoll legte er seine Hand auf meine Schulter, schenkte mir erneut ein warmes Lächeln und äußerte daraufhin: „Stehe gerade für deine Taten, bitte deinen Herrn und die Person um Vergebung.“ Erstaunt dachte ich mir, wie er darauf kommt, dass es sich um eine Person handelt und fragte ihn: „Wie kommst du darauf, dass es sich um eine Person handelt?“ Er lächelte, ohne die Frage zu beantworten. Ich stand entschlossen auf und sprach: „Gut Bruder Ensar, ich muss gehen.“ „Wieso mein Junge?“ „Ich habe jemanden Unrecht getan und möchte ihn um Vergebung bitten“.

Ich schaute ihn mit einem tiefen Blick an und fragte ihn abschließend: „Bruder Ensar, wenn du ein Haufen von Federn in der Hand hältst, sie auf den Boden legst und wieder aufsammeln möchtest, wird dir das gelingen?“ „Nein“ antwortete er und ich fügte hinzu: „Richtig, sie sind bereits durch den Wind verstreut und das Aufsammeln ist nicht mehr möglich. Genau das Tat ich, indem ich über eine Person in Anwesenheit anderer, unwahres erzählte und ihn verleumdete. Diese Unwahrheit ist nun verstreut!“

„Gehe deines Weges mein Junge, du wirst nun das richtige tun“ sprach der Bruder Ensar in einem sanften Ton. Ich bedankte mich mit „Möge der Herr dich segnen“. Ein kurzes Lächeln erschien auf meine Lippen und mir fiel ein eine Überlieferung ein. Ich verabschiedete mich und ging fort.

Von Abû Huraira wurde berichtet, dass der Gesandte Allâhs (möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken) sagte: „Wisst ihr, was üble Nachrede ist?“ Sie [die Gefährten] sagten: „Allâh und Sein Gesandter wissen es am besten.“ Er sagte: „Dass du über deinen Bruder etwas sagst, was er nicht mag.“ Jemand fragte: „Und wenn mein Bruder so ist, wie ich sage?“ Er antwortete: „Wenn er so ist, wie du sagst, dann ist es üble Nachrede, und wenn er nicht so ist, wie du sagst, dann ist es Verleumdung.“ [Überliefert von Abû Dâwûd]

 

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