All die Jahre der Praxis

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In den über acht Jahren meiner „Praktizierung“ im Islam, ist mir an vielen Muslimen aufgefallen, die versuchten den Salaf1 zu folgen, dass sie entweder im Glauben schwächer oder strenger wurden. Einige ließen das rituelle Gebet komplett sein, manche suchten sich nun ausschließlich die „leichtere“ Meinung aus, oder wiederum andere relativieren Rechtsurteile2 nach ihren Vorstellungen. Diejenigen, die strenger in der Religion wurden, bezichtigten sehr oft andere der Neuerung, übertrieben in der Kritik, der Takfir3 wurde leichtfertiger ausgesprochen oder gar Rechtsurteile wurden einseitig wiedergegeben/definiert. Nur einige mir bekannte Muslime sind bodenständig geblieben.

Ich möchte mich damit gewiss nicht profilieren, lediglich meine Beobachtung schildern. Die Prozesse, die stattfanden und heute noch stattfinden, sind, meiner Ansicht nach, dem Unwissen und fehlender Charaktereigenschaften (wie Bescheidenheit) geschuldet. Dies kann in Identitätskrisen, falscher Behandlung von Depressionen und einem verzerrten Bild über die Gesellschaft enden.

  • Identitätskrise: Man schränkte sich in der Religion zu sehr ein, sodass man den Verpflichtungen (der Religion) nicht mehr nachkommen möchte bzw. kann. Man verfällt bspw. seinem alten Muster, vor der „Praktizierung“ und sieht sich von einem gewissen Joch „befreit“.
  • Falsche Behandlung von Depressionen: Depressionen werden zumeist als Iman-Schwäche4 diagnostiziert, ohne speziell auf die Person einzugehen. Einfache Thesen werden aufgestellt (wie „Mach Du‘a, wird schon“) ohne nachwirkende oder konkrete Vorschläge.
    Ich bin der Meinung, dass die korrekte Verrichtung des Gebetes ein Fundament für die seelische Stärke eines Muslims ist. Es beginnt und endet mit dem Gebet. Es ist wie ein anvertrautes Gut: Pflegt man es gut, so bleibt es gut, ansehnlich und es ist erfreulich. Pflegt man es schlecht oder vernachlässigt man es, so bleibt und wird es schlecht oder es verkommt im schlimmsten Fall. Das bedeutet nicht, dass der Muslim immun gegen Depressionen ist, sondern er weiß wohin er stets zurückkehren muss. Ja, Iman-Schwäche kann ebenfalls ein Grund sein, aber nicht der einzige. Es spielen mehrere Faktoren eine Rolle.
  • Verzerrtes Bild über die Gesellschaft: Man kapselt sich ab, nimmt nicht mehr aktiv Teil, bestimmte Personen werden in selbsterstellte Gruppen zugeordnet und es wird alles generell schlecht geredet. Mit jedem gut zu sein ist schier unmöglich, jedoch ein falsches/verzerrtes Bild erschwert das Zusammenleben und fördert nicht das Zusammenkommen. Es dient sogar als Futter für die vorherrschende Polemik.

Nach langer Zeit habe ich festgestellt, dass das Folgen einer Rechtsschule eine gesunde Basis ist. Nicht blind folgend, sondern als Grundlage, seine Religion gut und besser verstehen zu können. Jene, die die Rechtschule ablehnten und ablehnen tun sich keinen großen Gefallen. Selbstkritik, Bildung und Mündigkeit sollten die Mindestanforderungen jedes Muslims an sich sein. Unmündigkeit hat seit Menschengedenken nicht nur einem selbst, sondern auch der Gesellschaft stets geschadet.

Die Fähigkeit mündig zu sein und unterscheiden zu können ist etwas sehr Besonderes und nicht jedem vergönnt: „Nein, ich bin nicht sehr gut darin, aber ich bin mir im Klaren, dass ich es besser machen kann und werde“.

 

„Und so haben Wir euch zu einer Gemeinschaft der Mitte gemacht, damit ihr Zeugen über die (anderen) Menschen seiet und damit der Gesandte über euch Zeuge sei. Wir hatten die Gebetsrichtung, die du einhieltest, nur bestimmt, um zu wissen, wer dem Gesandten folgt und wer sich auf den Fersen umkehrt. Und es ist wahrlich schwer außer für diejenigen, die Allah rechtgeleitet hat. Aber Allah lässt nicht zu, dass euer Glaube verloren geht. Allah ist zu den Menschen wahrlich Gnädig, Barmherzig.“

[Die Kuh (al-Baqara) 2:143]

 

„Und wenn man zu ihnen sagt: „Folgt dem, was Allah herabgesandt hat“, sagen sie: „Nein! Vielmehr folgen wir dem, worin wir unsere Väter vorgefunden haben.“ Was denn, auch wenn ihre Väter nichts begriffen und nicht rechtgeleitet waren?“

[Die Kuh (al-Baqara) (2): 170]

 

[1] Altvordere; es sind ua. die ersten drei Generationen der Muslime im Islam gemeint oder jene die denen folgten
[2] Absprechen/ausschließen eines anderen vom Islam
[3] Von qualifizierten Gelehrten ausgesprochene religiöse Urteile, anhand bestehender Beweise
[4] Abnehmende bzw. schwache Religiösität, iman = Zweifelsfreier/Überzeugter Glaube, mit Worten und Handlungen

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Eine Antwort auf “All die Jahre der Praxis”

  1. Der Papa von Hannah

    In manchen Punkten kann ich dem Autor zustimmen. Besonders bei den ersten beiden Gründen „Identitätskrise“ und „Depressionen“ kann ich aus persönlicher Krise beipflichten, wobei sie beide aufgezählten Gründe in ihrem Teilaspketen miteinander vermengen können. Bei mir persönlich waren es die Umstände der Personen als Muslime gewesen, die irgendwann zu Abartigkeiten wie das ungerechtfertige Rachenehmen, das mehrmalige Ignorieren von schweren Fehlern an Personen, die man als Muslime ansieht, oder das falsche, blinde Folgen des Idiotischen Staates führten. Das war nicht nur ein lokales oder regionales Phänomen, sondern ein nationales und internationales. All das führte bei mir dazu, dass ich sich Zorn, Groll, Ärgernis – oder wie man auch immer diese scharfe Abneigung bezeichnen kann – gegen diese Personen entwickelte. Dieser Umstand nutzte Iblis natürlich aus (ja, ich nenne das Kind beim Namen), der mich zeitweilig in einen Zustand versetzte, der den oberen genannten Gründen nahekommt. Das ganze führte natürlich dazu, dass sie mein Iman schwächte und ich schlechte Charaktereigenschaften entwickelte.

    Mittlerweile habe ich mich wieder gefangen, indem ich mich wieder den islamischen Dingen widme, die ich gut ausführen kann. Seelische Narben und eingebrannte Charakterzüge bleiben aber auf längere Zeit erhalten. Mittlerweile halten ich einen gewissen Abstand von den meisten Personen, die sich zum Islam bekennen, und bedachte die Muslime mit einem kritischen Auge; wohlbemerkt jedoch nicht den Islam als wahren Din.

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