Die Egozentrik der religiösen Strenge anderen gegenüber

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In meinen jetzt fast 11 Jahren als Muslim habe ich zahlreiche muslimisch-religiöse Werdegänge mitverfolgen können. Besonders bei Konvertiten (neuen Muslimen) und Revertiten (wiedererweckten Muslimen) fällt mir auf, dass sie sich nach einiger Zeit religiös einpendeln bzw. mit dem Diesseits wieder erden, nachdem sie anfangs gewissermaßen auf einer Wolke der Glückseligkeit schwebten.

Viele lassen in dieser „Abkühlungsphase“ in ihrer Strenge und Kompromisslosigkeit nach. Dies ist sicherlich in vielerlei Hinsicht zu befürworten, allerdings beginnen die meisten damit anscheinend erst, wenn sie für sich selbst das Bedürfnis danach verspüren. Ihre Strenge anderen gegenüber bleibt also genau so lange erhalten, bis sie selbst ihrer eigenen religiösen Strenge nicht mehr gerecht werden können.

Dies finde ich schade und den muslimischen Geschwistern gegenüber auch ungerecht. Es gibt anscheinend nur äußerst wenige Muslime, die diesen Wandel in ihrer religiösen Strenge (anderen gegenüber) vollziehen können, während sie sich selbst gegenüber in diesen Bereichen streng bleiben können.

So lange diese Muslime also in der Lage sind, bspw. das Gebot des frei wachsenden Bartes zu erfüllen, erklären sie es zur unbedingten Pflicht und tadeln jeden Muslim der sich nicht daran hält. Sobald sie sich jedoch selbst nicht mehr in der Lage sehen dieses Gebot zu erfüllen, ändert sich ihre Meinung und somit auch ihr Urteil über alle Muslime.

Diese Egozentrik ist meines Erachtens eines der großen Probleme der Gemeinschaft der Muslime heutzutage.

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4 Antworten auf “Die Egozentrik der religiösen Strenge anderen gegenüber”

  1. Chadidscha

    As-salamu alaykum wa rahmatullahi wa barakatuh

    Das hat wohl auch ein wenig damit zu tun, dass man – und obwohl ich denke, von Anfang an eher „moderat“ gewesen zu sein, schließe ich mich da nicht aus – immer für das, was man gerade selbst als richtig empfindet, eine Bestätigung braucht. Und je mehr Glaubensgeschwister der gleichen Einstellung folgen, und je mehr von den anderen man von seiner eigenen Einstellung überzeugen kann, desto sicherer wird man selbst darin. Und da das auf alle Seiten hin so funktioniert, halt auch, wenn man dann anfängt, „abzukühlen“ oder, wie du sehr schön sagst, „sich wieder zu erden“.

    Allerdings meine ich auch, dass man – während man sich anfangs ja kaum getraut, eine wirklich eigene Meinung aufzubauen, weil man als neue/r Muslim/a ja erst einmal nichts weiß – mit der Zeit doch lernen sollte, mitzudenken und Toleranz nicht erst zu üben, wenn man sie für sich selber braucht.

    Salam aus Portugal!

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  2. Der Papa von Hannah

    Traurigerweise kann ich in Teilen dieser Aussage zupflichten. Ergänzend möchte ich auch noch hinzufügen, dass die streng ausgelegten Muslime für banale Sachen aus noch gewisse Entschuldigungen erwarten; besonders bei jenen, die emotional veranlagt sind. Entschuldigen kann man sich nur, wenn man sich schuldig fühlt und es eingesteht. Ansonsten ist es nur eine Heuchelei ohne Ehrlichkeit, was dann ebenso im Charakter unislamisch ist.

    Persönlich habe auch gemerkt, dass in den letzten 4 Jahren und besonders durch das Auftreten des Idiotischen Staates die Muslime in ihren Eigenschaften polarisierten und ungerecht handelten, wobei sie dies mir Begründungen als halal einredeten. Regional, national, global. In meinen Umfeld führte dies dazu, dass ich mich von jedem Muslim entfernte, da auch sehr viel Vertrauensmissbrauch im Spiel. Das brachte eine gewisse Form von Ärger, Hass und Zorn gegenüber mit, mit dem Endresult eines verhärteten Herzes, was nur schwer und lange zu heilen ist. Viele haben auch nur einen Tunnelblick und können nicht differenziert unterscheiden oder manche Dinge nicht aus einem anderen Blickwinkel betrachten, was die Angelegenheiten noch zusätzlich erschwert.

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  3. Imène

    Wa alaikum as-salam wa rahmatullahi wa barakatuh, geehrte Geschwister im Islam,

    dem Gesagten kann ich nur zustimmen: Ich habe es mir mühsam abgewöhnt, von anderen „einzufordern“ was ich mir selbst abverlange. Trotzdem versuche ich für mich bei dem zu bleiben, was vor allem unbestritten von allen Gelehrten als vorgeschrieben zu betrachten ist. Das ist oft schwierig, denn dort, wo ich für andere mittlerweile gern bereit bin, „ein Auge zuzudrücken“, laufe ich plötzlich Gefahr, mich selbst zu unterwandern. Oder, als Alternative, in meiner „Unbeugsamkeit“ eben allein dazustehen.

    Es gibt aber auch schöne Beispiele: Dort, wo ich bei langjährig auf gleichem, „guten“ Niveau praktizierenden Muslimen, al-hamdulillah, quasi gefühlt zufällig auf fruchtbaren Boden gestoßen bin, al-hamdulillah, und ich im Nachhinein sehen konnte, dass ein „frischer Wind“ in deren Gottesdienst eingezogen ist. In selbem Maße versuche ich, mich von „höherwertiger“ praktzierenden Muslimen für meinen eigenen Gottesdienst inspirieren zu lassen, inshaAllah. So, wie es vielleicht eigentlich sein sollte, inshaAllah? Dass wir uns gegenseitig stärken und in der Anbetung Allahs auf schönste Weise miteinander wetteifern?

    Doch der Grad ist schmal, von dem aus dann leicht auf der anderen Seite eine Ablehnung provoziert wird.

    Es ist wohl wie stets die Absicht, die schliesslich ausschlaggebend ist, nicht unbedingt das Resultat, das ja nicht in unseren Händen liegt und überdies vorherbestimmt ist, subhanAllah.

    Wobei meine vordergründige Absicht in der frühen Zeit als konvertierte Muslima nicht war, wie Chadidscha es sagte, mich zu schützen (was aber sicher die unterbewusste Motivation war), sondern anderen „ das Rechte zu gebieten und das Verwerfliche zu verbieten“. Leider (hier die angeprangerte Egozentrik) völlig ungeachtet dessen, wie ich das verrichte und was ich tatsächlich damit erziele. Heute bin ich wesentlich gelassener und habe es sozusagen im Herzen verinnerlicht, was ich zuvor bloß rein rational erfasst hatte: Ich selbst, von mir aus, kann rein gar nichts bewirken, keine Kraft und keine Macht, außer mit Allah.

    Und zu guter Letzt: Weshalb muss ich dann trotzdem weiter den für mich strengsten möglichen Maßstab ansetzen und verfolgen?

    Weil ich ich bin, weil Allah subhanahu wa ta´ala ALLEIN mit mir abrechnen wird, weil ich, warum auch immer, auf genau und gerade dem Stand bin, auf dem ich eben bin. Und diesen gilt es nicht nur zu halten sondern in individuellem Tempo und zu individuellen Bedingungen zu verbessern.

    Ich weiß nicht, ob ich gut ausdrücken konnte, was ich sagen möchte. Doch diese Ansicht erlaubt es mir, mit allen anderen milde umzugehen, während ich mich fordere. Es verschafft mir gleichzeitig Ruhe und Erleichterung, weil ich mich im Grunde nicht mehr mit anderen vergleiche, und einen gewissen Druck, weil es mir unmöglich ist, mich selbst zu belügen, denn ich weiß ganz genau, was ich zu leisten imstande bin, und welches Steigerungspotenzial mir gegeben ist, inshaAllah und al-hamdulillah.

    Möge Allah subhanahu wa ta´ala uns alle im Diesseits zum Besten leiten, was wir zu leisten vermögen für Ihn und unsere Religion und uns damit das Beste im Jenseits gewähren. Amin.

    As-salamu alaikum wa rahmatullahi wa barakatuh.

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  4. MFG

    wahrhaftigkeit ist die grundlage des muslims. die grundlage zu seinem schöpfer. die fähigkeit schwäche zu zugeben, die grundlage barmherzigkeit zu erhalten. doch wer nie wahrhaftigkeit erkannte, der kann ebenfalls nicht wahrhaftig sein gegenüber Allah/taa’ala und verbleibt in ungerechtigkeit gegenüber den menschen und damit steht er in gefahr die barmherzigkeit seines schöpfers zu verlieren. oder anders formuliert, der islam wurde in diesem zusammenhang nicht verstanden, weil es an wahrhaftigkeit mangelte.

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