Das blutige Laken

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Draußen leuchtete der Vollmond und schien in das Zimmer ihrer neu eingerichteten Wohnung hinein. Ein leichter Wind umspielte die Kastanien und Linden vor dem Haus und kanalisierte sich zu einem Sog, der sanft durch die angelehnte Balkontür hineinwirbelte und die beiden frisch Verheirateten auf dem Bett kurz frösteln ließ. Die ganztägige Feier im Kulturschloss in Wandsbek war ein famoses Farbenspiel von schön angezogenen Menschen, Tanz und blitzenden Kameras. Zuerst waren beide in ihrer Wohnung leicht verlegen, als sie sich zum ersten Mal greifbar in trauter Zweisamkeit umarmten. Sie kannten sich schon länger und wussten dadurch einiges voneinander, sodass sie trotz der Bedeutung dieser Nacht sich gegenseitig genossen. Beide sind in ihrer Jugend in die gleiche Schule gegangen und lernten sich auf unzähligen Partynächten näher kennen. Sie erfreuten sich damals an ihrer jugendlichen Unbekümmertheit und der heimlichen „Freiheiten“, die sie gekonnt vor ihren Eltern verbargen. Ihnen war es nicht peinlich, dass sie gemeinsam wie ein verliebtes Paar auf den Straßen spazieren gingen, dennoch trafen sie sich heimlich. „Nur Allah hat uns von der Unzucht ferngehalten“, dachte Mehmet als er das Messer zückte, um den einzig möglichen Ausweg zu suchen.

Er wusste, dass er es tun musste, als sie später nach dem Akt voller Entsetzen das Bettlaken mit ihren Augen fixierte. Es war kein Blut zu sehen. „Bei Allah, ich schwöre, ich bin Jungfrau“, meinte Sibel hilfesuchend Mehmet zugewandt. Mehmet stierte daraufhin an die Decke, und in seinem Kopf begann es fieberhaft zu rattern. Er dachte an die Familie und an die drohende Schmach, wenn sie das erwartete Bettlaken zu Gesicht bekommen würden. Es würde die Runde machen und ihre Ehe in einem schlechten Lichte erscheinen lassen. „Hol mir ein Messer aus der Küche“, erwiderte er kurz angebunden nach einer Weile zu Sibel, die diese lange Pause von Mehmet verzweifelt, aber vergeblich zu deuten versucht hatte. Sie sprang hoch und eilte in die Küche. Draußen strahlte, als wäre nichts geschehen, nach wie vor der Mond und ließ das neue Küchenmesserset in einem fahlen, blitzenden Licht erscheinen. Sie sah all die weiteren Geschenke und Gaben, die sie heute von den unzähligen Gästen bekommen hatten. Aus Platzmangel hatten sie die Präsente erst mal in der Küche untergebracht und nun türmten sie sich dort. Sibel musste unwillkürlich schluchzen. Ihr Kopf begann zu brennen, so als würde irgendjemand ihre Gehirnwindungen verknoten. Sie griff nach einem möglichst kleinen Messer und ging mit schnellen Schritten zurück in das Schlafzimmer. Mehmet ergriff ohne weiter nachzudenken das Messer. Mit einem kurzen Ruck fügte er sich dann einen Schnitt an seinem rechten Zeigefinger zu, und das Blut tropfte auf seine linke Handfläche. Sein Gesicht zog sich schmerzverzehrt zusammen und er gab einen leisen, zischenden Laut wie eine frühere Dampflokomotive von sich. Mit einem aufstoßenden Seufzen berührte er das reine und unschuldig weiße Bettzeug. Beide blickten sich dabei sorgenvoll an.

Mehmet und Sibel lebten ein Leben wie es vielen Türken in der dritten Generation in Deutschland erging: Zerrissen zwischen den westlichen Verlockungen, den angeblichen Freiheiten zwischen den Geschlechtern und einer traditionellen Familienauffassung. Sie erlagen dem überall ausartenden Konformitätsdruck in der Schulzeit und dem nichtssagenden Arbeitstrott der Konsumgesellschaft. Nach einer Weile merkte zuerst Mehmet die Hohlheit der ganzen Gesellschaftsspiele und begann sich für die Religion zu interessieren. Ihm wurde bewusst, was er alles in seiner Jugend falsch gemacht hatte, und er weinte bittere Tränen. Sibel bemerkte natürlich die schleichenden Veränderungen bei Mehmet und begann sich ebenfalls für den Islam zu interessieren. Beide sahen sich fortan immer seltener, obwohl sie sich gegenseitig begehrten. Sie wussten von ihren Verfehlungen, schämten sich für ihr vorheriges Verhalten und begannen mit dem Gebet. Ihre Familien waren, wie es bei so vielen Gastarbeitern der Fall war, weniger religiös, sondern eher traditionell-konservativ geprägt. So forcierten beide mit Erfolg eine Heirat und gelangten auch bis hin zur jener Hochzeitsnacht.

Mehmet wurde in den kommenden Wochen von Schuldgefühlen innerlich zerfleischt. Hatte er das Richtige getan? Hatte er nicht gelogen, indem er das Messer ergriffen und später das Bettlaken mit seinem Blut benetzt hatte? Er spürte eine vermehrte Wut auf Sibel und zog immer mehr ihre Jungfräulichkeit in Frage. Eines Samstags stand er früh morgens auf und blickte aus dem Schlafzimmerfenster. Aschgrau gefärbt ging die Sonne auf und legte ihre matten Strahlen auf die gegenüberliegenden Häuserfronten. Die Kastanienbäume verfärbten sich nun jeden Tag mehr. Braun und Gelb. Er empfand den inneren Drang rauszugehen. Leise schloss er die Haustür hinter sich, damit Sibel nicht wach wurde. Mehmet ging langsam die Straße in Richtung Stadtkern entlang. Seit seiner Heirat mit Sibel war er seltener in die Moschee gegangen, aber nun spürte er den großen Wunsch, im Zwiegespräch mit seinem Schöpfer eine Lösung seiner angestauten Qualen anzustreben. Er plante ein Istikhara-Gebet[1] in der Moschee. Sollte er seine Lüge gegenüber der Familie offenbaren, oder lieber schweigen? Es zerriss ihm das Herz, als er an jene Nacht dachte. Er ging in seine Lieblingsmoschee, eine kleine Gebetsstätte, die immer leicht modrig roch. Ihm gefiel insbesondere die Herzlichkeit der Gläubigen, die im Gegensatz zur ärmlichen Schlichtheit des Raumes fortwährend strahlten. Im Gebetsraum waberte auch der charakteristische Duft von Misk und er fühlte sich sogleich heimisch. Er stellte sich zum Gebet auf und richtete in voller Aufrichtigkeit seine Bitten an Allah.

Als er das Gebet nach einer Weile beendet hatte, verspürte er das Gefühl, mit jemanden über sein Problem sprechen zu müssen. Er schaute um sich und erblickte den Imam der Moschee, der in der rechten Ecke mit einer Gebetskette beharrlich dikhr machte. „Sheikh ich muss mit Ihnen reden…“, kam es gepresst und anfangs nur halbverständlich aus seinem Mund. In einem fortwährenden Wortschwall berichtete Mehmet von seiner Trauer, seinen Zweifeln und seinen Schuldgefühlen. Der Imam nickte nur und lächelte ihn an. Er erzählte, nachdem er einen Moment in sich gekehrt ausharrte, folgende Überlieferung:

Es kam ein Wüstenaraber zum Propheten Muhammad (sAs) und berichtete diesem, dass seine Frau ihm einen Buben mit dunkler Haut, einen schwarzen Knaben, geboren habe. „Den habe ich verleugnet!“, schloss der Mann. „Besitzt du Kamele“, erkundigte sich darauf der Gesandte Allahs und der Beduine bejahte dies. „Welche Farben besitzen diese“, fragte Sayyidnâ Muhammad, möge Allah (swt) ihm und seinem Haus Segen und Frieden schenken, weiter. „Rote hab‘ ich“, so jener Mann. „Gibt es auch mal graue Kälber darunter?“, setzte der Prophet (sAs) nach. „Oh, doch, da kommen immer wieder mal graue vor, yâ RasûlaLlâ“ kam als Antwort. „Und woher, meinst du, haben sie diese andere Farbe?“, wollte RasûluLlâh (sAs) nun wissen. „Das wird die Farbe irgendeines grauen Vorfahren sein, die da durchkommt“, meinte der eifersüchtige Ehemann. „Und bei deinem Jungen kann es genauso sein, dass die Farbe eines oder einer seiner Ahnen durchkommt“, schloss der Gesandte Allahs (sAs). „Es kommt gar nicht in Frage, dass du dieses Kind nur deshalb verleugnest und enterbst und wie ein fremdes behandelst. Das ist dir untersagt.“[2]

Mehmet war von den Worten verwirrt und fragte den Imam: „Was meinen Sie damit… was wollen Sie mir damit sagen?“ Der Imam sprach daraufhin: „Als Muslime sind wir dazu verpflichtet, immer vom Guten auszugehen, so wie man das selber für sich auch wünscht. Gehe vom Guten aus bei Allah, ehrenwerter Bruder. Unterstelle deiner Frau nichts Böses, wenn du auch gutes unterstellen kannst. Des Weiteren hattest du das Recht zu täuschen, weil diese unselige Tradition mit dem Laken unislamisch, falsch und unmenschlich ist. Mehmet blickte den alten Mann verblüfft an, dieser jedoch, fuhr mit seiner Erklärung fort: „Nur jede zweite Frau blutet beim ersten Geschlechtsverkehr. Bei manchen ist der Hymen vorher beim Sport oder aus anderen Gründen gerissen, beispielsweise. Liebe deine Frau für Allah, Er hat sie dir halal geschenkt. Und Allah weiß es am besten.“

Eine große Last fiel von Mehmets Schultern. All‘ seine Sorgen legten sich und seine Augen wurden feucht. Er bedankte sich überschwänglich beim Sheikh und umarmte ihn. Er wollte nun schnell zurück zu Sibel, die er die letzten Wochen so sehr vernachlässigt hatte. Und er nahm sich vor, sie als das Gewand zu lieben und zu ehren, dass Allah ihm geschenkt hatte. So wie er für sie ein Gewand sein wollte. Darum wollte er sich bemühen und um die Hilfe Allahs bitten.

Die Idee und die Übersetzung der Überlieferung stammen von meinem Autorenkollegen Abdussalam Bin Abdillah

[1]Das Istikhara-Gebet ist ein besonderes Gebet, das aus zwei Gebetseinheiten und einem anschließenden Dua besteht. Es wird verrichtet, wenn man in einer schwierigen Lage von Gott die beste Eingebung wünscht.

[2] Bei Sahih Bukhari Nr.6884 und Sahih Muslim Nr.1500 überliefert

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