Gedanken zum Antisemitismus

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Am morgigen Tage, dem 27. Januar 2018, jährt sich zum 73. Mal die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee. Alleine in diesem Lager, welches zum Sinnbild des Judenmordes geworden ist, ist mit einer Opferzahl von etwa einer Million Menschen zu rechnen. Vor diesem Hintergrund ist es stets angemessen, sich der (un)geistesgeschichtlichen Grundlage für dieses Verbrechen zu nähern. Auch als Muslime.

Die an den Juden geübte Verfolgung hat im allgemeinen Empfinden die Maßstäbe des Verbrecherischen gesetzt, sodass wer sich nun als Verfolgter sieht seine eigene Verfolgung oft mit ihrer Verfolgung gleichzusetzen trachtet. Überall machen »neue Juden« auf sich aufmerksam und es erfüllt dieses ständige Wehklagen den es Vernehmenden zuweilen mit Abscheu angesichts der Vulgarität dieser berechnenden Instrumentalisierung. Es ist auch öfters zu beobachten, wie eine Parallele gezogen wird zwischen dem im letzten Jahrhundert auf die Spitze getriebenen Antisemitismus und gegenwärtigen Anfeindungen gegenüber Muslimen. Man mag strukturelle Parallelen ohne größeren Aufwand ausmachen können, doch dürfen diese nicht hinwegtäuschen über die tiefgreifenden Unterschiede, die gleichzeitig beide Phänomene voneinander trennen.

Der Antisemitismus, wie er sich im ausgehenden 19. Jahrhundert formt, ist mehr als ein bloßes Sammelsurium von Ressentiments, wie es sie zu tausenden gibt. Er ist vielmehr ein umfassendes Glaubenssystem, welches seinen Anhängern hilft, jenes abstrakte Gefühl des Unbehagens und der Unsicherheit im Angesichte der Moderne und der sie auszeichnenden Umwälzungen sozialer, politischer und kultureller Art zu kanalisieren. So wie sich für den Gläubigen das abstrakte und schier überwältigende »Böse« in der Welt in der Figur des Teufels konkretisiert und somit erfassbar und potenziell überwindbar wird, so ist es für die Antisemiten »der Jude«, in dem sie alles dumpfe Unbehagen konkret anschauen zu können glauben. Dies, indem diese Moderne eben insgesamt als Produkt jüdischer Subversion gegen die abendländische Zivilisation aufgefasst wird. Sozialismus, Kapitalismus, Bankwesen, Krieg, Revolution, moderne Kunstformen; je schwieriger ein Phänomen zu deuten ist, umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass es als Resultat jüdischer Machenschaften »erkannt« wird. In seiner äußersten Konsequenz beinhaltet dieses »Denken« die Motivation zum Verbrechen, denn wenn »der Jude« alles verursacht und verkörpert, was an der Moderne krisenhaft und unbehaglich erscheint, so führt jeder Weg zur Überwindung dessen notwendigerweise über die »Überwindung« »des Juden« selbst, was wahlweise Vertreibung oder physische Zernichtung bedeuten kann. Vor diesem beinahe religiös-messianisch anmutendem Hintergrund erscheint Sartres Ausspruch*, dass, würde der Jude nicht existieren, der Antisemit ihn erfände, als glänzende Enttarnung des Antisemitismus und des ihm innewohnenden Irrationalismus und man erkennt unschwer, dass dieser Ausspruch sich auf kein anderes Ressentiment anwenden lässt. Denn nirgends sonst wurde ein Ressentiment derart energisch und folgenschwer als Instrument des »Weltverstehens« kultiviert. Letztlich verleihen diese Antisemiten den Juden gottähnliche Attribute, indem sie sie zu den eigentlichen und alleinigen Weltenlenkern erheben.

Der Antisemitismus reiht sich ein in eine Flut von Glaubenssystemen, derer das Abendland nach dem Wegfall des Christentums als objektiver Religion und Ausgangspunkt allen Weltverstehens ansichtig wurde. Von keinem anderen gegen eine ethnische, religiöse oder soziale Gruppe gerichtetem Ressentiment lässt sich ähnliches behaupten, auch nicht vom antimuslimischen. Auch strukturelle Ähnlichkeiten zwischen antijüdischer und antimuslimischer Agitation dürfen, will man der Thematik gerecht werden, nicht darüber hinwegtäuschen.

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*dieser entstammt Jean-Paul Sartres Essay »Réflexions sur la question juive« aus dem Jahre 1946

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