Die Leiden des jungen Yusuf

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Der zwanzigjährige Yusuf wälzte sich in gedrängter Seelennot auf seinem schmalen Bett hin und her. Er wollte und konnte nicht mehr aufstehen und hinausgehen, so wie jeder junge Mann seines Alters es tun würde. Der innere Antrieb war im Laufe der letzten Wochen immer mehr geschrumpft, sodass er sein erbärmliches Kinderzimmer, in der Wohnung seiner Eltern, als letztes Refugium und Domizil erwählt hatte. Auch das Weinen gelang ihm schon länger nicht mehr richtig. Irgendwann waren die Tränen versiegt, weil Körper und Psyche keine Kraft mehr aufbringen konnten. Er begann langsam, aber stetig, kleine Ticks zu entwickeln, und bewegte ruckartig seinen Kopf hin und her. Ab und an blickte seine sichtlich überforderte Mutter vorsichtig in sein Zimmer und schüttelte nur den Kopf. „Yusuf, du siehst doch gut aus, bist intelligent, warum machst du nichts aus deinem Leben?“, fragte sie des Öfteren. Wie so oft hatte sie versucht, ihn für diverse Aktivitäten zu gewinnen. Jedoch immer erfolglos, sodass sie im Laufe der Wochen ihm gegenüber anhaltend gleichgültiger wurde und langsam aber stetig einen Groll auf ihren offensichtlich missratenen Sohn entwickelte. Die Mutter litt sehr unter seinem ständigen Missmut und verlor damit ihren sonst so heitere Grundstimmung. Yusuf machte immer wieder heftigste Szenen um nichts und wieder nichts. Er klagte über unvermeidliche Dinge, zog finstere Gesichter, fällte bizarre Urteile, die sich wie Orakelsprüche anhörten. Es war ihm nicht mehr beizukommen.

Gleich kommt Baba von der Arbeit und wird mir wieder eine Standpauke halten, wenn ich weiter im Bett liege,“ dachte Yusuf. Nach Stunden voller innerer Krämpfe raffte er sich auf, ging zum Fenster seines Zimmers und öffnete es. Während er sich einen Joint baute, blickte er hinaus und sah das alte Arbeiterviertel Barmbek in der Hansestadt im tristen Nebel dieses Herbsttages. Draußen spielten Kinder unbeschwert auf dem Spielplatz und vermeintlich glückliche Eltern unterhielten sich angeregt miteinander. „Sie begreifen nichts von ihrem Glück. Wie sie sich geben und leben, einfach so dahin leben und fressen und trinken“, sinnierte er voller Groll und innerer Selbstzerfleischung. Er zog an seinem angezündeten Joint und blickte nun mehr eher verträumt aus dem Fenster auf die Wege des nahegelegenen Parks. In der Ferne erkannte er dann einen Moment später den typischen, weit ausholenden Gang seines Vaters, der erst als unscharfer Umriss erkennbar und Sekunden später als deutlichere Figur seinen Weg durch die Parkanlage der Hamburger Mietskasernen nahm. Panik ergriff Yusuf und er ging schnell aus seinem Zimmer in den Flur der kalten Wohnung, die trotz Heizung kaum je richtig warm wurde. „Was für Dreckslöcher, diese alten Gemäuer!“, wütete oftmals Yusufs cholerischer Vater. Yusuf schnappte sich schnell seine Kapuzenjacke und lief aus der Wohnung. Das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, war, seinem Vater zu begegnen, und so rannte er schnell die Treppe zum siebten Stock hinauf und setzte sich dort leise hin. Als er dessen schweres Keuchen die Treppe hinauf immer klarer vernahm, versuchte er keinerlei Geräusche zu machen. Er hörte das Klimpern im Haustürschloss und später die Worte seines Vaters im Eingangsbereich der Wohnung. „Na, liegt er wieder nur rum und tut gar nichts? Er ist einfach ein fauler Bengel, der keinerlei Ehre mehr im Leibe besitzt“, wetterte sein Vater und knallte, nachdem er die Wohnung betreten hatte, sofort die Tür zu. „Ich träumte vom schönen Leben…“, dachte daraufhin Yusuf und schlich leise die Treppe hinunter.

Die bunten Farben des Laubes auf den Straßen und Gassen kontrastierten die Dunkelheit seines Gemütszustandes, als er durch den nahgelegenen Park dahin schritt. Was Yusuf fehlte, war das Begehren nach mehr von allem, etwas, dass die Sinne stärken und ihm zum hechtenden Satz über das Vorgegebene, Alltägliche und Primitive führen würde. Er hatte immer von der Erreichung großer Ziele und hoher Ideale geträumt. Ihm ekelte es vor dreckigen und niederen Bedürfnissen. Er wollte mehr, aber die Welt wollte es ihm nicht geben. So griff er zu Drogen, um seinen Weltschmerz nicht mehr so stark zu fühlen. Durch den häufigen Konsum von Haschisch hatte er die letzten Wochen nur noch wie durch eine milchige Scheibe wahrgenommen. Er war an der Uni gescheitert, weil er mit der Beschaffenheit der Welt nicht mehr klarkam. Es verfinsterte sich alles in seinem Inneren, und so musste er infolgedessen die zusätzliche, trivialere Last von hohen Schulden tragen. Yusuf erinnerte sich eines religiösen Institutes, in das er früher als Jugendlicher gerne gegangen war. Aufgrund der vielen nichtssagenden Gesichter mit leeren Augen und einem eher gleichgültigen Koranlehrer war er dann jedoch nicht mehr hingegangen. Er sah einfach keinen Sinn mehr darin. „Vielleicht sollte ich da doch noch einmal vorbeischauen, möglicherweise kann mir einer mit meinem inneren Herzbluten weiterhelfen“, überlegte Yusuf. So setzte er sich in den nächstbesten Zug und fuhr in Richtung Stadtzentrum. Die Leute im Zug waren alle mit sich selbst beschäftigt und strahlten eine niederschmetternde Teilnahmslosigkeit aus. Es waren einfache Arbeiter auf dem Wege nach Hause, Rentner, die einen Besuch auf dem Friedhof abgestattet hatten, und Schüler, die von der Ganztagsschule kamen. Yusuf blickte um sich, während in seinem Kopf innere Filme zu laufen begannen. In jeden Blick interpretierte er die Welt hinein. „Warum gucken mich denn alle so komisch an?“, dachte er und seine Gesichtszüge versteinerten zu einer Maske. „Bloß nicht auffallen, o Allah stehe mir bei…“, flehte er in sich hinein. Der starre Blick zog jedoch gerade durch seine Unnatürlichkeit die Aufmerksamkeit einiger Fahrgäste auf sich. Sie musterten Yusuf mit leicht pikiertem Blick und blickten dann schnell wieder weg. Yusuf fühlte sich dadurch nur noch in seiner wahnhaften Annahme bestärkt, dass irgendetwas mit ihm nicht stimmte. Er war erleichtert, als er die Bahn verlassen konnte, und zündete sich erst mal eine Zigarette an. Dabei sog er das Nikotin so tief wie nur möglich in sich auf und beruhigte sich ein wenig.

Als er sich der Moschee näherte, kamen ihm schon einige Brüder von früher entgegen, die ihn entgeistert anstierten. Ihm wurde vermehrt unwohl um die Brust herum, dennoch betrat er das Gotteshaus und traf sogleich mit dem Hodscha zusammen. „Was machst du denn hier?!“, monierte dieser. „Ich…, ich… brauche dringend Hilfe, ich leide unter starker Traurigkeit und Ängsten“, kam es wie ein gepresster Windhauch aus Yusufs Mund heraus. „Du rauchst.“, stellte der Imam lapidar fest. „Betest du denn überhaupt noch?“. Yusuf war den Tränen nahe, als er wieder auf so wenig Verständnis stieß. Eine tiefe innere Verzweiflung stieg in ihm hoch. Das Schlimmste war jedoch, dass diese Verzweiflung, wie ein bösartiger Schluckauf, nicht mehr verschwinden wollte. „Ich kann nicht beten…ich habe keine Kraft mehr…meine ganzen inneren Reserven sind aufgebraucht.“ Der Hodscha schüttelte tadelnd den Kopf. „Bete wieder und in sha’Allah wird wieder alles gut. Lass die Finger von Tabletten, die Pharmakonzerne wollen nur deine Tasche leeren. Ich habe jetzt aber einen Unterricht zu leiten!“. Er drehte sich ruckartig von Yusuf weg und ging davon. Yusuf stolperte nach draußen und heiße Tränen liefen nun doch über sein Gesicht. Menschen schauten nach ihm, doch keiner nahm sich seiner an. „Es gefällt ihnen bestimmt, mich hier so weinen zu sehen. Hier habe ich keinen Platz mehr. Ich muss weg. Ganz verschwinden…“

„Bruder, Bruder! Was machst du dort?!“, rief eine kräftige und zugleich tiefe Stimme inn Yusufs Richtung, der mittlerweile gefährlich nah am dünnen Geländer einer Brücke stand. Yusuf konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Sein inneres Sichtfeld engte sich ein und er begann sich wie ein fremdes Fleischstück zu betrachten. Er war nicht mehr zugänglich für irgendwelche Argumente, und alle seine schmerzhaften Erinnerungen und Gefühle kulminierten in einem einzigen Hilfeschrei. „Aaaarrghh!!“, kam es schmerzverzehrt aus Yusufs Kehle hervor. Auf einmal packte ihn eine kräftige Hand und zog ihn mit aller Macht von dem Geländer weg. Der schwarze Mann wirkte bullig und packte Yusuf auf seine breite Schulter und trug ihn davon. Yusuf war der Ohnmacht nahe, er spürte gar nicht mehr, was mit ihm geschah, und konnte nur noch krächzen: „Bitte keinen Krankenwagen, keine Ärzte, nie wieder, bitte…“.

Als Yusuf langsam erwachte, lag er in einer ihm fremden Bettstatt. Er wusste zuerst gar nicht, was mit ihm passiert war. Doch langsam begann er, sich zu entsinnen, und fing an zu schluchzen. Der schwarze Mann trat durch die Tür ein und musterte Yusuf neugierig. „Ich bin Abbas“, sagte er schlicht und begann Yusuf eine Tasse Tee einzuschenken. „Wo bin ich hier?“, stotterte Yusuf. „Ich bin Nachtwächter für einen größeren Bürokomplex in Hammerbrook. Du liegst gerade auf meiner Pritsche in einem kleinen Kabuff neben den Parkplätzen der Bürogebäude,“ meinte Abbas. „Warum hast du das getan, mein Junge?“, fuhr der Nachtwächter eindringlich fort. „Was getan? Ich verstehe nicht ganz.„Du weißt genau, was ich meine!“, erwiderte Abbas mit Nachdruck. Ohne eine Antwort abzuwarten, redete der Mann einfach weiter: „Bist du Muslim?“. Yusuf nickte stumm. Mit einer Handbewegung wies Abbas nach draußen, wohin sie sich begaben, und gemeinsam gingen sie dort zwischen den abweisenden und tristen Bürogebäuden umher. Yusuf zündete sich eine Zigarette an, worauf Abbas kurz die Stirn runzelte, aber nichts weiter sagte. „Weißt du mein Junge, es gibt eine wunderschöne Überlieferung von unserem Propheten. Ich denke immer an sie, wenn mich Sorgen plagen und ich mit einem bekümmerten Blick die Welt betrachte. „Unser Prophet sagte, dass den Muslim keine Mühe trifft, keine Sorge, keine Krankheit, keine Trauer oder Betrübnis, keine Kränkung, kein Kummer und kein anderes Leid, ohne dass ihm dafür nicht Sünden vergeben würden. Selbst wenn es nur ein Dorn oder eine Mücke ist, von denen er gestochen wird.“[1]

Nach einer kleinen Pause setzte der einfühlsame Nachtwächter nochmal an: „Wenn dich also Probleme plagen, so sollst du wissen, dass deine psychischen und emotionalen Qualen, an denen du wegen der Sorgen leidest, nicht vergebens gewesen sind. Nein, nein, vielmehr werden sich diese Beschwerden vorteilhaft für dich auswirken, da so dein Lohn vervielfältigt wird und deine Sünden ausgelöscht werden.“ Yusuf nickte stumm und sann über das Gesagte nach. Doch der alte Mann wurde noch eindringlicher: „Wenn du traurig bist, schaue tief in dein Herz, und du wirst sehen, dass du in Wirklichkeit um das heulst, was dein Freudenfeuer einst war. Ich sage dir: Glücksgefühle und Gram sind untrennbar. Sie kommen gemeinsam, und wenn das eine allein mit dir am Tisch sitzt, vergesse nicht, dass das andere in deinem Bett schon längst schläft. Dein Leid ist das Aufsprengen der Hülse, die dein Verständnis umgibt. So wie der Kern einer leckeren Frucht erst aufbrechen muss, um sein Herzstück dem Sonnenschein zu zeigen, so musst auch du deinen Schmerz erkennen und ertragen lernen.“ Yusuf wurde auf einmal hellwach. Er lächelte zaghaft. „Sind Sie sowas wie ein Sheikh?“, meinte er etwas plump. „Nein, nein, mein Junge, ich bin durch die Schule des Lebens gegangen und habe meine eigenen Rückschlüsse gezogen“, lächelte der Nachtwächter von Herzen. „Darf ich morgen Abend wieder zu Ihnen kommen?“, fragte Yusuf leicht verschämt. „Ja, doch nun muss ich meiner Arbeit nachgehen.“ Sie winkten sich sachte gegenseitig zu und gingen jeweils in die entgegengesetzte Richtung davon.

Liebe Geschwister, wenn euch etwas bekümmert, wendet euch im aufrichtigen Bittgebet an Allah! Sprecht mit euren engsten Vertrauten darüber und wenn ihr euch alleine fühlt, ruft bei der muslimischen Seelsorge unter folgender Nummer an: 030 443 509 821

Bittgebet bei Kummer und Sorgen

Eines Tages betrat der Prophet (sAs) die Moschee und fand dort einen Mann der Ansâr vor, der Abu Umâmah gerufen wurde. „Wie kommt es, dass ich dich hier finde, außerhalb jeder Gebetszeit?“

„Mich drücken schwere Sorgen und hohe Schulden, yâ RasûlaLlâh“, erwiderte der Ansâri (ra).

„Soll ich dir nicht“, so der Gesandte Allahs (sAs), „ein paar Worte beibringen, die du als Bittgebet sprichst, damit dich dann Allah (swt) von deinen Sorgen befreit und deine Schulden für dich tilgt?“

„Doch, gewiss, o Gesandter Allahs“, gab Abu Umâmah (ra) zurück.

„Dann sprich“, erklärte der Prophet (sAs), „an deinem Morgen und deinem Abend die folgenden Worte:

– Allāhumma innī a‘ūḏu bika mina-l-hammi wa-l-ḥazani wa-a‘ūḏu bika mina-l-ağzi wa-a‘ūḏu bika mina-l-kasali wa-l-buḫli wa-l-ğubni wa-a‘ūḏu bika min ġalabati-d-daini wa-qahri-r-riğāl. – “

[‚O Allah, bei DIR suche ich Zuflucht gegen Sorgen und Betrübnis, Unfähigkeit und Faulheit, Feigheit und Geiz, drückende Schulden und Zwang und Gewalt der Menschen.‘]

(Hasan, berichtet von Abu Sa`id al-Khudriy (ra) und überliefert in Sunan Abi Dawud (rh)

Das Bittgebet lautet, praktisch gleichbedeutend, nach anderen u.a. bei Bukhari verzeichneten Überlieferungen:

„Allāhumma innī a‘ūḏu bika mina-l-hammi wa-l-ḥazani wa-l-ağzi wa-l-kasali wa-l-buḫli wa-l-ğubni wa-ḍala‘i-d-daini wa-ġalabati-r-riğāl.“ )

Die Übersetzung dieser Überlieferung stammt von meinem Autorenkollegen Abdussalam Bin Abdillah

[1] Abu Hūraira (Allāhs Wohlgefallen auf ihm) überliefert, dass der Gesandte Allāhs (Allāhs Segen und Friede auf ihm) sagte: „Den Muslim trifft keine Anstrengung, Krankheit, Sorge, Traurigkeit, Kränkung noch Kummer, selbst wenn er nur von einem Dorn gestochen wird, ohne das Allāh ihm dafür etwas von seinen Fehltritten sühnt.

[Ṣaḥīḥ] Al-Buḫārī, siehe Fatḥ Al-Bārī Hadith Nr.5642

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