Bitte kein Bitcoin

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Ein fernöstliches Sprichwort, das ich nicht für universal gültig, wohl aber hinsichtlich der allermeisten Formen von Börsenhypes für weitgehend zutreffend halte, lautet: Die Dummen rennen, die Klugen warten, die Weisen gehen in den Garten. Die Bitcoin-Euphorie möchte lediglich mit lauterem Getöse, nicht aber grundlegend anders als alle anderen ihr vorausgegangenen derartigen Euphorien (Tulpenzwiebeln, Neuer Markt etc.) den Gegenbeweis antreten.

Trotz der so irrsinnig wie beispiellos angewachsenen Kurshöhe des Bitcoin ist nun durchaus zu erwarten, dass der Kurs weiter steigt, zumal wir es hier mit einer globalen „Währung“ zu tun haben, die gerade erst begonnen hat, sich zu „etablieren“ und von den Milliarden Bewohnern dieses Planeten noch genug da sind, die wohl noch erst in Zukunft genügend aufmerksam auf diese sogenannte Währung und einsteigen werden.

Nur wenige werden sich der verlockenden mentalen Wirkung entziehen, den der Gedanke an einen Einstieg in die Rallye ausübt, insbesondere bei der Vorstellung, wie reich man möglicherweise geworden wäre, wenn man vor so und so vielen Monaten Bitcoins gekauft hätte.

Machen wir uns aber nichts vor. Ethisch betrachtet ist es bei Bitcoins nicht anders als bei allen anderen Luftschlosswerten. Man denke es konsequent zu Ende, um zugeben zu müssen: Wer nur mit der Absicht der auf Spekulation basierenden Gewinnmitnahme einsteigt, hofft im Prinzip, einen Dummen zu finden, der einem ein Stückchen Nichts für noch viel mehr abkauft, als was man selbst dafür ausgegeben hat. Das System, zu dem der ehemals einigermaßen sinnvolle Bitcoin-Handel geworden ist, beruht auf der gegenwertlosen Schädigung einer Mehrheit von Nichts-Käufern im unteren Teil der Pyramide. Selbst schuld, weil dumm, mag mancher Spekulant über diese denken. Nur sollte man nicht vergessen, dass sie nicht dümmer sind als er selbst, der er vor ihnen eingestiegen ist, es gibt ja kein eindeutiges Vernunftkriterium für die Grenze, ab der man nicht einsteigen sollte.

Wohl besser und einfacher formuliert, aus dem Heise-IT-Forum:

Das Zocken funktioniert, so lange wie es immer einen Dummen gibt, der noch mehr Geld für Deine BTC bezahlen wird. Es gibt sicherlich eine Menge Leute, die mit der Spekulation eine Menge echtes Geld gemacht haben und auch noch werden. Aber die haben das Geld nicht geschöpft, sondern einfach von anderen Menschen. Ist wie wenn man an der Börse und beim Bitcoin-Zocken verliert, dann haben das Geld halt andere Menschen. Am Ende – wann das kommt weiß ich nicht, aber ich weiß, daß es kommt – werden die Verlierer vor allem die kleinen Zocker sein, die die zu spät eingestiegen sind und den großen einen zu hohen Preis gezahlt haben. Aber wer tatsächlich in Bitcoin glaubt, kann ja mal seine Altersvorsorge darin anlegen. Und in 20, 30 oder 40 Jahren schauen wir dann noch mal. Es würde mich sehr wundern, wenn dann noch jemand Strom verschwendet um das Bitcoin-Netzwerk lauffähig zu halten.

Auch sollte man nicht vergessen, dass sich der Bitcoin-Wahnsinn zu einer riesigen Umweltschweinerei entwickelt.

Ist aus meinem Kommentar zu schließen, dass ich den Kauf von Bitcoins oder Anteilen davon für sakrosankt (ħarâm) halte? Abgesehen davon, dass er ohnehin kein islamjuristisches Urteil zu fällen beabsichtigt, lautet die Antwort: Keineswegs, ich zitiere die obige Stelle: Wer nur mit der Absicht der auf Spekulation basierenden Gewinnmitnahme einsteigt […] Auf lange Sicht ist es gut möglich, dass sich weltweit eine hauptsächliche, Ländergrenzen überschreitende, virtuelle Internet-Währung etabliert , und wer dafür vorsorgen möchte oder der Ansicht ist, dass sie bereits begonnen hat, sich zu etablieren, dessen Einstieg ist meines Erachtens nicht weniger zu verurteilen, als die Enthaltung dessen, der am heutigen Standardgeld festhält, dem der intrinsische Wert ja in ähnlicher Weise fehlt. Dieses Festhalten am Standardgeld ist letztlich genauso eine Spekulation auf seine Stabilität oder gar seine langfristige Wertzunahme gegenüber einem Teil der anderen Formen der Wertanlage.

Gemeint ist also in erster Linie die Absicht des bloßen kurzfristigen „Zockens“. Glückspiel ist ja nicht nur sakrosankt, sondern auch eine Großaufsässigkeit, der man fernbleiben, also sich nicht nähern soll – ihm direkt Nahekommendes ist demnach nicht weniger als hochbedenklich, auch wenn es nicht die selbe Stufe der Großaufsässigkeit erreichen sollte. Auch sollte man, nicht nur bei Bitcoin, sondern auch in seinen geschäftlichen Aktivitäten allgemein, Sure 4:29 im Sinn behalten.

Nichtsdestotrotz sollte man daran denken, dass Alternativwährungen den Staaten stets ein Dorn im Auge sind, man erinnere sich nur an die diversen „Goldverbote“ in der Geschichte des modernen Westens. Das dürfte für Bitcoin und andere Kryptowährungen umso mehr gelten, ganz zu schweigen vom Energieverbrauch ihrer Erzeugung, die in Asien bereits politische Maßnahmen begonnen hat zu provozieren. Je mehr solche Maßnahmen werden (nicht einmal Verbote des Anbietens von Bitcoin-Zahlungsoptionen sind ausgeschlossen), desto mehr verlieren Kryptowährungen Sinn und Attraktivität, und desto näher ist das Ende der Pyramide. Das wäre dann die größte Blase der Weltgeschichte gewesen.

(Erstversion hier)

 

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14 Antworten auf “Bitte kein Bitcoin”

  1. EinMathematiker

    salam, der ‚intrinsische‘ Wert fehlt eben allen Zahlungsmitteln. Genau wie Gold selbst auch. Jeder, der etwas anderes behauptet, lügt sich selbst in die Tasche.

    Das eigentlich Skandalöse ist, dass vor allem die Leute profitieren, die auf den ersten geschöpften Bitcoin sitzen, aus einer Zeit, als es noch leicht war, diese zu schürfen. Diese kontrollieren die Preise und dagegen kommt man nicht an, ein umgekehrtes Ponzi-Scheme quasi….

    Darüberhinaus kann man so ziemlich alle Fataawa zum Thema in die Tonne treten, die ich dazu gelesen habe, was wieder mal bezeichnet ist. Die Shuyukh richten über Themen, die sie nicht im Entferntesten verstanden haben.

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    • Muhammad Ibn Maimoun

      Salam, klar, streng betrachtet fehlt aller Materie jeglicher (absolute) intrinsische Wert. Darum können wir bei Materiellem nur einen relativen Begriff von intrinsischem Wert haben. Mit Papiergeld kann man z.B. die Wand tapezieren oder das Kaminfeuer speisen und hat damit verglichen mit Bitcoin ein höheren intrinsischen Wert, Gold ist beständiger als Papiergeld, hat für viele Menschen eine schöne Farbe, glänzt schön und hat in der Technik einen Nutzen, man kann es anfassen und es hat eine seltene Kombination von Menschen begehrter Charakteristika und hat somit einen höheren relativen intrinsischen Wert als Papiergeld (zusätzlich dazu, dass es von Gott im islamischen Recht eine besondere Rolle zugewiesen bekommen hat) etc.

    • EinMathematiker

      Und mit dem Strom und der Wärme kann ich mir heizen. Das dürfte im kalten Winter die anderen beiden ‚Währungen‘ schlagen. Du siehst, das ist sehr subjektiv und relativ

    • Muhammad Ibn Maimoun

      Das kommt ja von der Hardware etc., die genauso wie der Strom und die Wärme selbst nicht der Tauschgegenstand sind (mindestens nicht im Sinn der Tauschenden).

      Ich finde die Geschichte der Abstraktion der Zahlungsmittel interessant (so sie denn so stimmt):

      Erst tauschte man beliebige Ware.
      Irgendwann stellte man fest, dass selbst für einen wertvolle Waren von manchen Händlern nicht angenommen wurden, weil die u.U. nichts damit anfangen konnten. Also musste man sie woanders gegen andere Sachen tauschen, damit man an die gewünschte Ware kam etc., das war recht umständlich. Darum ging man dazu über, einheitliche Tauschmittel zu benutzen, die jeder früher oder später braucht, und für jeden nützlich sind, mindestens wenn er sie speichert, also haltbare Lebensmittel wie Salz, Korn oder Datteln. Der sich entpuppende Nachteil war dann, dass für sehr wertvolle gewünschte Ware man riesige Berge davon transportieren musste und große Lager dafür brauchte. Darum ging man dazu über, mit etwas zu bezahlen, das 1.) für alle Menschen potentiell nützlich 2.) begehrt 3.) selten ist: Gold und Silber. Der Wert durfte nicht nur im Nutzen bestehen, denn der ist auch bei diesen Materialien doch recht begrenzt, sondern sozusagen im Quotient aus Nutzen, Begehrtheit und Beständigkeit auf der einen und der Häufigkeit des Vorkommens auf der anderen Seite.

      Bitcoins an sich sind rein ideelle unverarbeitbare Information, nützen somit nichts.
      Man kann sie nicht einmal sehen, riechen oder schmecken, also keinen Gefallen an ihnen selber finden.
      Die Beständigkeit ist kaum zu beurteilen und von technischen Aspekten abhängig.
      Es lassen sich nicht beliebig viele Bitcoins produzieren, aber beliebig viele Kryptowährungen erfinden. Und selbst wenn es nicht so wäre: Wenn schon der Zähler 0 beträgt, nützt die Winzigkeit des Nenners zur Vergrößerung des Quotienten gar nichts.

      Es will somit sogar klassisch-moderne Währungen als widernatürlichstes Zahlungsmittel aller Zeiten ablösen.

      Ich finde Deine Anmerkung trotzdem wichtig, damit man nicht vergisst, dass alles Irdische und Materielle an sich nichtig ist, sogar der Stein der Kaaba, über den Umar (r) laut der Überlieferung sagte: „Ich weiß, du bist nur ein Stein, und ich küsse dich nur, weil ich sah, wie der Gesandte Gottes dich küsste.“

      والله أعلم

  2. Muhammad Ibn Maimoun

    „Bitcoin nach 25-prozentigem Einbruch etwas stabilisiert“: http://gnm.li/bitcoin-einbruch

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  3. Muhammad Ibn Maimoun

    Man sollte auch mal prüfen, wie die Selbstmordrate mit Meldung wie der folgenden aktuellen korreliert:

    „Bitcoin stürzt unter 10.000 US-Dollar ab“: http://gnm.li/bitcoin-unter-10000

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  4. Benjamin

    Man darf weiterhin sehr gespannt sein, wie sich das ganze Thema noch entwickeln wird, denn das Interesse ist weiterhin sehr groß.

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  5. Muhammad Ibn Maimoun

    Und noch ein Stück weiter bergab:

    „Facebook schickt den Bitcoin ins Minus“: http://gnm.li/fb-schickt-bc-auf-talfahrt

    (Allerdings trotzdem besorgniserregend, dass der Einfluss der digitalen Pest namens Facebook schon so weit fortgeschritten ist.)

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  6. Muhammad Ibn Maimoun

    „Krypto-Miner in Island brauchen bald mehr Strom als die Einwohner – Ruf nach Besteuerung „:

    http://gnm.li/island-bitcoin-strom

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  7. Muhammad Ibn Maimoun

    „Südkorea will kein Verbot von Kryptowährungen – Bitcoin legt zu“:

    http://gnm.li/suedkorea-kein-bitcoin-verbot

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