Impfdiskussion Teil 2 – Interview mit einem Professor

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Frage 6:
Die Masern-Mumps-Röteln-Impfung (MMR) wurde mit einer erhöhten Autismus-Rate in Verbindung gebracht. Zu dieser „Erkentniss“ kam Dr. Wakefield, der für diese Veröffentlichung in der medizinischen Zeitschrift „The Lancet“ sowohl in Fachkreisen als auch in der Öffentlichkeit großes Aufsehen erregte.

Folgendes wurde postuliert: Ein Wissenschaftler (Dr. Thomson) von der CDC (Centers for Disease Control and Prevention) agierte als Whistleblower und teilte Dr. Wakefield mit, dass die Studie über den MMR-Impfstoff gefälscht wurde und wohlmöglich auch die Inhaltsstoffe zu Autismus führen könnten.

Antwort 6:
Bevor wir uns dem Thema Masernimpfung zuwenden, muss ich einige grundsätzliche Bemerkungen zu Viren machen. Wie Sie wohl wissen, unterscheidet sich das Genom der meisten Virusgruppen tiefgreifend von dem Genom der Menschen und aller Eukaryoten, aber auch der Bakterien. Während bei Eukaryoten und Bakterien doppelsträngige DNA die Erbinformation speichert, kommen bei Viren alle möglichen Nukleinsäuren vor, einzelsträngige RNA in Plus- oder Minusorientierung, doppelsträngige RNA, einzel- und doppelsträngige DNA. Allen Virusgenomen ist im Vergleich zur Eukaryoten-DNA eine höhere Mutationsrate, also Veränderungsrate zu eigen. Eine Viruspopulation besteht daher nicht aus exakt gleichen Viren, sondern aus einem Gemisch Viren des gleichen Typs, aber mit mehr oder weniger unterschiedlichen Nukleinsäuresequenzen. Zusammen mit der Veränderungsrate erlaubt dies Viruspopulationen, sich recht rasch an sich verändernden Bedingungen anzupassen.

Masernviren besitzen ein einzelsträngiges RNA-Genom (in Negativorientierung), haben also eine ordentliche Mutationsrate. Eine Infektion erfolgt dann nicht mit einem einzelnen Virus mit einem definierten Genom, sondern mit einer Mischung von Masernviren mit mehr oder weniger unterschiedlichen Nukleinsäuresequenzen.

Der Masernimpfstoff besteht aus abgeschwächten (=attenuierten) Masernviren. Diese abgeschwächten Virusstämme – der am häufigsten eingesetzte Impfstamm ist der Edmonston-Stamm oder Ableitungen davon – wurden dadurch erhalten, dass Wildviren in Zellkultur (hier Hühnerembryofibroblasten) vermehrt wurden. Dabei setzte sich eine Population durch, die sich in Zellkultur schnell vermehren konnte, weil sie Eigenschaften, die sie zur Vermehrung im menschlichen Körper braucht, aufgegeben hat. Man kann sich gut vorstellen (und zumindest für andere Viren ist das auch gezeigt), dass in Zellkultur die Fähigkeit verloren geht, sich gegen das menschliche Immunsystem zu wehren, da dieses in der Zellkultur ja nicht vorkommt. Wird dann eine derartige Viruspopulation auf den Menschen übertragen, kann dessen Immunsystem rasch mit ihr fertig werden, ohne dass typische Krankheitsmerkmale auftreten. Solche attenuierten Stämme werden nach reiflicher Prüfung nun seit über 50 Jahren weltweit zur Impfung eingesetzt.

1998 hat nun Wakefield mit vielen Kollegen in der renommierten medizinischen Zeitschrift „The Lancet“ einen Artikel veröffentlicht („Ileal-lymphoid-nodular hyperplasia, non-specific colitis, and pervasive developmental disorder in children“, übersetzt etwa „Verdickung des Dünndarms durch Knötchen mit lymphzellenartigen Zellen, unspezifische Dickdarmentzündung und sich ausbreitende Entwicklungsstörung in Kindern“, Lancet Band 351, Seiten 637 bis 641, 1998, siehe Bild), der eine Reihe von krankhaften Veränderungen mit der Masernimpfung in Verbindung bringt. Dieser Artikel blieb nicht unbeachtet, sondern hat eine lebhafte Diskussion ausgelöst. Jahre später hat sich der investigative Journalist Brian Deer mit dieser Publikation intensiv auseinandergesetzt und herausgefunden, dass in allen geschilderten zwölf Fällen die Daten in den Krankenakten verändert worden waren, was als Beleg für Fälschungen genommen wurde. Auch hatte Wakefield verschwiegen, dass er einen Interessenkonflikt hatte, da er zur Zeit der Veröffentlichung an einem Gerichtsverfahren gegen mindestens einen Masernimpfstoffhersteller auf Seiten der Kläger, einer Gruppe von Eltern von Kindern, die angeblich durch die Masernimpfung geschädigt worden waren, teilgenommen hat. Die Kontroverse zog sich ein paar Jahre hin, dann distanzierten sich Mitautoren von der Veröffentlichung, schließlich wurde der Artikel, meiner Erinnerung nach von der Redaktion des Lancet, zurückgezogen. Trotzdem konnte man den Artikel, zumindest bis vor einigen Jahren, beziehen, wenn auch mit dem Hinweis, dass er zurückgezogen wurde (siehe Bild). Soweit die Historie.


Frage 7:
Wie unabhängig sind Wissenschaftler? Teilweise wird unterstellt, sie ließen sich durch den Lobbyismus der Pharmabranche beeinflussen.

Antwort 7:
Mich wundert immer sehr, dass die Meinung eines einzelnen für wahrhaftiger gehalten wird, als ein Ergebnis der wissenschaftlichen Diskussion. Es wird in einer Art Verschwörungstheorie unterstellt, dass die Impfstoffindustrie in der Lage wäre, hunderte von Wissenschaftler und eine Reihe von Institutionen so zu manipulieren, dass alle nur deren wirtschaftliches Interesse verfolgen würden. Das ist unrealistisch, vor allem wenn man bedenkt, dass wohl die meisten Wissenschaftler öffentliche Anerkennung erreichen wollen. Vielleicht ist weniger bekannt, dass es auch unter Wissenschaftler Menschen gibt, die sich in eine fixe Idee verrennen und die Wirklichkeit nur noch unter diesem Blickwinkel betrachten. Ein jüngstes Beispiel ist ja, dass die Rolle des Nahrungscholesterins auf Grund einer manipulierten Veröffentlichung vor Jahrzehnten falsch eingeschätzt wurde. Wie schützt sich nun die Wissenschaft vor solchen verblendeten Wissenschaftlern? Nun, Ergebnisse setzen sich auf die Dauer nur durch, wenn sie auch von unabhängigen Wissenschaftlern in unabhängigen Untersuchungen erreicht werden. Natürlich ist daher auch die These eines Zusammenhanges zwischen Masernimpfung und Autismus von anderen untersucht worden. Das Ergebnis ist, dass kein Zusammenhang gefunden wurde.


Frage 8:
Einer der bekanntesten Video-Veröffentlichungen auf dem Gebiet der Impfkritik ist sicherlich der Film „Vaxxed – Die schockierende Wahrheit“. Dieser behauptet, dass die Gesundheitsbehörde CDC einen angeblichen Zusammenhang zwischen MMR-Impfungen und Autismus vertuscht haben soll. Wissenschaftler der CDC sollen bewusst Daten aus der Studie vernichtet haben.

Antwort 8:
Dass Andrew Wakefield nicht damit umgehen kann, dass seine These auf verschiedenen Ebenen widerlegt worden ist, zeigt der Film Vaxxed, bei dem er selbst die Regie geführt hat (siehe den entsprechenden Artikel („Vaxxed“) in Wikipedia, im Youtube-Clip ist das, soweit ich gesehen habe, nicht erkennbar). Ich habe den ganzen Film nicht gesehen, habe aber den Eindruck, dass Wakefield sich hier als Opfer darstellt, menschlich nachvollziehbar, aber wissenschaftlich nicht vertretbar.

Im Übrigen ist es keine Kunst, Fälle aufzuzeigen, in denen irgendwelche Krankheiten in einem engen zeitlichen Zusammenhang mit einer Impfung auftreten. Wenn fast ein ganzer Geburtsjahrgang (in Deutschland etwa 740000 Kinder) geimpft wird, so müssen auch zwangsläufig Krankheiten, die im entsprechenden Impfalter auftreten, auch einmal zufällig in engem zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung auftreten. Wie lässt sich nun aber eine Impfnebenwirkung erkennen? Dies ist nicht einfach. Anhaltspunkte sind einmal eine Häufung der Fälle (obwohl es auch zufällige Häufungen gibt) und ein plausibler biologischer Mechanismus. Ein plausibler Mechanismus dafür, dass das Masernimpfvirus Autismus auslösen soll, das Wildvirus mit der klassischen Masernerkrankung aber nicht, ist sehr schwer vorstellbar, zumal die Impfstämme in der Wildpopulation vorkommen dürften.


Frage 9:
Was ist die Quintessenz?

Antwort 9:
Es gibt also keinen wissenschaftlichen Grund, eine Masernimpfung zu verweigern. Die Masernviren, die sich nur in Menschen vermehren können, könnten ausgerottet werden, wenn die Durchimpfung der Weltbevölkerung hoch genug (etwa 80%) ist. Jeder, der jetzt seine Kinder impfen lässt, trägt nicht nur dazu bei, dass Kinder, die auf Grund von Krankheiten nicht geimpft werden dürfen, auch geschützt sind, sondern auch dazu, dass in nicht allzu ferner Zukunft Kinder überhaupt nicht mehr gegen Masern geimpft werden müssen.

 

Foto: facebook.com/dasGoldeneBrett

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