Der alte Mann und die kleine Sarah

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Der greise Zakariyya saß in seinem heißgeliebten Lehnsstuhl. Von außen kam es seiner Bediensteten Leyla immer so vor, als hätte jemand den alten Mann hier abgesetzt und vergessen. Die Zeit verging ohne Unterlass, und sie war ihm in ihrer gedankenlosen Schnelllebigkeit fremd geworden. Er war ein erfolgreicher Bauunternehmer nach dem Militärputsch 1980 gewesen, doch im Laufe der Zeit war er auf Grund seiner etwas altmodischen Arbeitsweise aussortiert worden, und neureiche, souveräne Macher hatten die Führung der Türkei in die Moderne übernommen. Draußen sangen jedoch die Vögel von der Zukunft und kündeten von einer lauen Sommernacht. Die Zypressen in dem verwilderten Garten wucherten und bedeckten den Eingangsbereich. Der alte Herr lebte in einem verlotterten Gecekondu in dem Stadtteil Beyazit der Megametropole Istanbul. Wie ein Wunder wurde sein Haus nicht dem Modernisierungswahn geopfert. Es stellte wohl für einige Technokraten der Stadtplanung und des touristischen Sektors einen Weg dar, das alte Istanbul sichtbar werden zu lassen. Er hörte, wenn er seine Augen schloss, jedes Knarzen und Ächzen des Hauses, so als wäre dieses ein lebendiger Organismus. Aus irgendeinem Grunde beruhigten ihn diese Geräusche immer, und er schlummerte unter der zusätzlichen Entspannung eines Rakiglases in seinem Sessel ein.

Doch der darauffolgende Tag war anders als die gewöhnlichen nichtssagenden Zeiten zuvor. „Nun bin ich tatsächlich wieder auf meinen Sessel eingeschlafen,“ murrte er. Er stand auf und schaute aus dem Fenster. Mit dem Blick aus dem Fenster wurden die Dächer, Giebel und Minarette in eine freudestrahlende Tönung verfärbt. Nicht dass ihm diese Wahrnehmung und dieser Zustand unbekannt gewesen wären. Schon einmal vor langer Zeit bereits hatte er diese Empfindungen gespürt, als er noch von einer Karriere als Maler geträumt hatte. Zaghaft klopfte die alte Leyla an die Tür, und als von Zakariyya keine Reaktion kam, trat sie vorsichtig ein. „Zakariyya Bey, ich gehe nun für Ihr Mittagsmahl einkaufen. Ich bin in einer halben Stunde wieder da.“ Es kam immer noch keine Reaktion vom Alten. Er blickte wie gebannt aus dem Fenster. Leyla setzt noch mal an: „Ich gehe nun einkaufen…“ Da drehte sich der alte Mann abrupt um und entgegnete friedlich: „Geben Sie mir schon das Einkaufsnetz, ich gehe selbst.“ „Aber Sie waren doch schon seit einem Monat nicht mehr draußen, ist denn alles in Ordnung mit Ihnen?“, meinte Leyla. „Ja, ja“, erwiderte daraufhin Zakariyya leicht unwirsch. Erschrocken blickte Leyla ihm hinterher, als er die Haustür öffnete und sich einen Weg durch den Urwald seines Vorgartens bahnte.

Das Wetter war ungemein drückend für den alten Zakariyya. Unnachgiebig strahlte bereits die Sonne auf das Gewusel der kleinen Erdlinge herab. Außerdem war ihm das Bewegen unter Menschen eine neuartige Herausforderung, da er solange keinen Umgang mit ihnen gepflegt hatte. Er kam ins Schwitzen und sah auf mittlerer Distanz den Großen Basar. „Schnell dorthin und die nötigen Einkäufe einsammeln,“ dachte er schroff in sich gekehrt. Doch irgendetwas hielt ihn munter. „Der Blick aus meinem Fenster war außerordentlich schön“, sann er nach. Auf einmal stand ein Kind vor ihm. Das etwa zwölfjährige Mädchen strahlte ihn an. Sie trug ein langes Kleid und hatte zwei süße Zöpfe, die unter einem kleinen Kopftuch hervorlugten. „Ich heiße Sarah!“ Sie hielt dem mürrischen alten Mann einen bunten Blumenstrauß entgegen. „Wollen Sie vielleicht unsere Blumen kaufen?“, dabei blickte sie kurz zum Stand ihrer Eltern, die in einem märchenhaften Blumenmeer badeten. „Bist du etwa Jüdin?“, fragte Zakariyya bohrend. „Ja, und Sie sind bestimmt Muslim“, sagte die nach wie vor strahlende Sarah. Der alte Mann räusperte sich verlegen und wollte schnell von dannen ziehen, doch die kleine Sarah rief „Warten Sie, warum sind Sie eigentlich so griesgrämig?“ Abrupt blieb Zakariyya stehen und blickte verunsichert und verschwitzt zum kleinen Mädchen hinunter. „Tja, wenn ich das wüsste?“, sagte er und trottete davon. „Ich glaube, ihnen fehlt Gott!“, rief die kleine Frohnatur ihm hinterher. „Lesen sie doch mal in Ihrer Torah!“, kam es nochmal aus dem Munde von Sarah.

Er setzte sich nach dem von Leyla zubereiteten Mittagessen in seinen Lehnstuhl und blätterte zum ersten Mal seit mehreren Jahrzehnten in der türkischen Übersetzung des Korans. Er hatte das Koranexemplar in seiner großen Bibliothek ausmachen können und musste eine gehörige Staubschicht von ihm entfernen. Beim Öffnen des Korans wurde ihm etwas schwindelig, ein ungeahntes Gefühl, viel mehr als bloße Neugier, erfasste ihn. Er wurde traurig, als er an sein einsames Leid und an die schwere Zeit, die er durchgemacht hatte, dachte. Er schlug aufs Geratewohl eine Seite der Übersetzung des Edlen Korans auf und begann zu lesen:

„Ist es für jene, die den Islam bezeugt haben, nicht Zeit geworden, dass ihre Herzen sich für die Erwähnung Allahs (swt) in Gebet und Lobpreis und die Ermahnung sowie das, was an Wahrheit herabgekommen ist, in Demut erweichen? Und dass sie [die Gläubigen] nicht wie jene werden, denen vor ihnen die Schrift gegeben wurde und deren Herzen sich verhärteten, als ihre Frist sich in die Länge zog. Und viele von diesen sind Übeltäter.“ (57:16)

Ihm schauerte und er dachte zu sich: „Das Buch spricht zu mir!“. Er klappte den Koran schnell wieder zu. Aber er musste einfach weiterlesen. „Leyla, bring mir einen Raki, ach Unsinn, ein großes Glas Tee, bitte!“, rief Zakariyya. Er verbrachte eine lange Zeit in seinem Arbeitszimmer und hörte zu später Stunde in seinem Inneren die Vögel des Paradieses zwitschern. Er freute sich auf den morgigen Tag, da er vor hatte, wieder zum Basar zu gehen.

Doch die kleine Sarah war am darauffolgenden Tag nicht mit ihrem Blumenstrauß da. Verwirrt blickte Zakariyya um sich und erblickte den Blumenstand der Eltern. Er wandte sich zu ihnen und fragte nach dem kleinen Mädchen. „Nun, unsere Tochter ist heute in der Torahschule.“, sagte die wunderschöne Mutter von Sarah und der Vater ergänzte: „Sie scheinen enttäuscht zu sein, wenn Sie wollen, können Sie auch von uns einen Blumenstrauß kaufen!“ Er lächelte verschmitzt. „Nun, ich habe gestern im Koran gelesen und nun ja, ich wollte mich bedanken bei ihrer Tochter. Die Lektüre war ganz außerordentlich!“ Beide Elternteile lachten. „Wissen Sie“, fuhr der Vater mit ernster Miene fort: „Wir religiösen Menschen müssen näher zusammenrücken. Unsere Zeiten sind voller Unglaube und Trauer. Uns Juden trennt zwar einiges von euch Muslimen, aber wir sollten uns dennoch mehr austauschen und Gespräche führen.“ „Gehen Sie doch mal wieder beten, “ ermunterte ihn die Mutter von Sarah. Der alte Zakariyya wurde ganz verlegen und verabschiedete sich auf einmal entschlossen.

Zakariyya schlenderte für sein hohes Alter recht eilig in Richtung der Süleymaniye Moschee. Er hätte es nie für möglich erachtet, dass er jemals, als traditioneller Jungtürke, sich dieser altehrwürdigen Religion wieder zuwenden würde. Er sann über das kleine Mädchen nach, welches ihn zum Nachdenken über Gott und die Welt gebracht hatte. „Möge Gott sie schützen und mit einer goldenen Zukunft segnen“, murmelte er. Dieser von sich vollkommen vereinnahmte Mann war auf dem besten Wege in seiner Welt zu versiegen, hätte er nicht diese jüdische Mädchen kennengelernt, welche ihm wieder einen Weg ins Leben und den Glauben an Gott aufzeigte.

Abu Huraira (ra.) berichtete: Der Gesandte Allahs, Friede und Segen seien auf ihm, sagte: „Das weise Wort ist für den muslimischen Gläubigen wie verloren gegangenes Eigentum: Wo er es auch findet, hat er das größte Recht darauf.“

(Überliefert bei Tirmidhi)

Die Übersetzungen der Überlieferung und des Verses aus dem Koran stammen von meinem Autorenkollegen Abdussalam Bin Abdillah

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