Expedition in geistliches Gebiet

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Fast zwanzig Jahre nach ihrer letzten Begegnung reist Journalistin Ilka Piepgras nach Griechenland. Dort will sie Jugendfreundin Charlotte treffen, die als griechisch-orthodoxe Nonne zwei Klöstern vorsteht. Ihre Erlebnisse und Gedanken hat sie in einem Buch verarbeitet, das auch für Muslime interessante Lektüre ist. Eine Rezension.

Als Charlotte Stapenhorst im Herbst 1987 von einem Arbeitsaufenthalt auf der griechischen Insel Naxos zurückkehrt, wirkt sie vollkommen verändert. Schon bald wird Eltern, Geschwistern und Kommilitonen an der Berliner Kunsthochschule klar, dass der ehrgeizigen Studentin etwas Existenzielles widerfahren sein muss. Zunächst gibt sie sich verschlossen, lässt neugierige und besorgte Fragesteller lediglich wissen, „Gott gefunden“ zu haben. Weihnachten verbringt sie in Griechenland, unerhört in einer Familie, die, wie ihre, so viel Wert auf Zusammenhalt legt. Im Februar 1988 packt Charlotte ihre Koffer. Ohne ein Wort Griechisch zieht sie nach Athen, wo sie sich als Katechumenin zum griechisch-orthodoxen Glauben hinführen lassen will. „Wie stellst du dir deine Zukunft vor?“, fragt ihre Mutter Luise entsetzt.

Charlottes Zukunft beginnt in der Gemeinschaft des Priestermönchs Dionysios. Ihn begleitet sie nach Jerusalem, wo sie sich orthodox taufen lässt. Zurück in Griechenland tritt sie in ein Frauenkloster in Theben ein. 1992 wird sie als Nonne geweiht, bald darauf überträgt man ihr als „Gerondissa“ den Wiederaufbau und die Leitung eines Klosters in Thessalien. Nach einem abgeschlossenen Bildhauerei- und Theologiestudium absolviert sie ab 2004 noch ein Jurastudium im südfranzösischen Toulon, wo sie sich – eine interessante Fußnote – erfolgreich gegen das gerade erlassene Gesetz wehrt, das das Tragen religiöser Kleidungsstücke in öffentlichen Einrichtungen untersagt.

Obwohl Charlotte, die sich inzwischen Diodora nennt, augenscheinlich in ihrem neuen Leben angekommen ist, bleibt für ihre Jugendfreundin Ilka Piepgras die Frage lange unbeantwortet, was einen Menschen dazu bewegt, scheinbar ohne Not „mit einer Existenz zu brechen, die ich bemerkenswert schön fand.“ Um das herauszufinden, macht sich Ilka, damals Journalistin beim Hamburger ZEIT Magazin, 2008 nach Griechenland auf. Drei Wochen wird sie mit Diodoras Gemeinschaft im Kloster verbringen, mit Ausnahme der beiden ältesten allesamt Konvertitinnen, westlich erzogen und hochgebildet.

Herausgekommen ist dabei ein Buch, dessen Kurzfassung zunächst als Reportage im ZEIT Magazin erschien. Piepgras zeichnet den gemeinsamen Weg der Freundinnen nach, der in den 1970er Jahren im saarländischen Homburg beginnt, wo die Väter beider Mädchen als Medizinprofessoren lehren. Charlottes große Familie („Sechs Kinder, das war schon damals etwas Besonderes“) ist protestantisch. Man praktiziert, im Zweifelsfall hat die Ratio jedoch Vorrang. Insbesondere Vater Kurt ist alles Mystische fremd. „Wie soll man die Probleme von heute lösen, wenn man so lebt wie vor 2000 Jahren?“, wird er die Tochter später immer wieder fragen. Dem ausgeprägten Leistungsdenken steht eine typisch bürgerliche Bildungsaffinität gegenüber. Man besucht Ausstellungen, Konzerte, Lesungen. Ilka und Charlotte verbringen die letzten Schuljahre im Internat. Es folgt ein Auslandsjahr, an dessen Ende Charlotte die Aufnahmeprüfung an der Kunstakademie besteht, Ilka sich in München für Politik und Wirtschaftsgeschichte einschreibt. Mit der Konversion und der neuen „Superreligiosität“ der Freundin kann auch Ilka nichts anfangen, lässt die Verbindung schließlich einschlafen. Beinahe 20 Jahre lang.

Piepgras versteht es, die Befindlichkeiten der Umwelt herauszuarbeiten, die mit dem „Schock“ der Konversion umgehen muss. Vor allem Charlottes Eltern trifft die Entscheidung der Tochter hart. Sie fühlen sich infrage gestellt, zurückgewiesen. „Woran hat es dem Kind bloß gefehlt?“, fragt sich die Mutter. Archimandrit Dionysios ist für sie ein Seelenfänger, der ihnen die Tochter weggenommen hat. Kurt Stapenhorst erträgt es nicht, dass Charlotte den Priester als ihren „geistigen Vater“ bezeichnet. „Sie hat doch schon einen Vater – einen richtigen“, denkt er. Die Gespräche und Reflexionen lassen deutlich erkennen, dass Religion – auch im „aufgeklärten Westen“ – ein essentieller Teil von Kultur und Identität ist, von dem man sich nicht folgenlos trennt. Nicht einmal dann, wenn es sich, wie im Falle von Charlotte/Diodora, nicht einmal um einen Glaubenswechsel im strengen Sinne handelt. Wie viel Sensibilität es auf beiden Seiten erfordert, geschlagene Wunden zu schließen und zu einem normalen Umgang und gegenseitiger Anerkennung zurückzufinden, ist auch für konvertierte Muslime interessant und mit Gewinn zu lesen.

Davon abgesehen bleibt das Buch leider hinter den Erwartungen zurück. Die Orthodoxie bzw. die Suche nach Charlottes Beweggründen, sich ihr anzuschließen, werden eher am Rande behandelt. Umso intensiver widmet sich die Autorin ihren eigenen Befindlichkeiten, was sich über weite Strecken recht zäh liest. Die Unverbindlichkeit, mit der der „moderne Mensch“ gewohnt ist sich allem, auch dem Göttlichen, zu nähern, kann und will die Autorin nicht hinter sich lassen, obwohl die Hingabe der Frauen an dieses Göttliche zweifellos eine große Faszination auf sie ausübt. Glaube oder eher eine unbestimmte „Spiritualität“ sollen helfen, „das Leben zu vereinfachen“ ohne freilich an diesem etwas Substanzielles zu verändern. Und so muss notwendigerweise auch die Beantwortung der eigentlichen Ausgangsfrage vage bleiben.

Wo Piepgras allerdings Diodora oder deren Ordensschwestern zu Wort kommen lässt, scheinen ein ums andere Mal die Gemeinsamkeiten auf, die gerade diese ursprüngliche Form des Christentums trotz aller Diskrepanzen im Bereich der Aqida mit dem Islam verbinden. Wenn Diodora auf Ilkas Frage, ob Beten denn überhaupt noch „zeitgemäß“ sei, antwortet: „ Es gibt nichts Stärkeres als das Gebet. Ich bin überzeugt davon, es kann Berge versetzen. Und ich finde es fast arrogant zu glauben, man könne die Welt verbessern. Ich muss mich bessern und Gott nahekommen, dann kann ich ein Licht für andere sein“ ist dies für den muslimischen Leser durchaus anschlussfähig.

So kann das Buch zumindest als Einladung sein, sich mit der Gedanken- und Glaubenswelt der Orthodoxie auseinanderzusetzen, die selbst im Rahmen interreligiöser „Dialog“-Veranstaltungen weitgehend unbeachtet bleibt.

Ilka Piepgras: „Meine Freundin, die Nonne“. Knaur Taschenbuch Verlag, 297 Seiten, 8,99 €

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2 Antworten auf “Expedition in geistliches Gebiet”

  1. Muhammad Ibn Maimoun

    السلام عليكم

    Vielen Dank für diese Rezension, Catherine, hoffentlich werden wir weitere Artikel von dir lesen dürfen!

    Ein schöner Zufall: Gerade erst habe ich einen kleinen Kommentar „Gedanken zum Evangelium“ fertiggestellt und überlegte, ob ich ihn nicht direkt hier bei AS ebenfalls veröffentlichen sollte, oder doch lieber einen anderen Kommentar. Da öffne ich AS und finde deinen Artikel, der ebenfalls auf Schnittpunkte zwischen der muslimischen und der christlichen Gedankenwelt Bezug nimmt. Mit meinem Artikel warte ich dann erstmal. 🙂

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    • Catherine

      Wa aleikum as-salaam.

      insha’Allah werden in regelmäßiger Folge weitere Rezensionen erscheinen. Dabei ist die „Gefälligkeit“ der Bücher nachrangig, da ich die Ansicht vertrete, dass kritisches und reflektiertes Denken nur in der Auseinandersetzung auch mit kontroversen Meinungen und Weltsichten erworben bzw. geschult werden kann. Bei der Auswahl wird die Frage im Vordergrund stehen, ob die dargelegten Gedanken für den Diskurs innerhalb unserer Gemeinschaft und den Austausch mit anderen gesellschaftlichen Gruppen fruchtbringend sind.

      Der Grund, weshalb ich gleich im ersten Beitrag ein Buch zum Thema christliche Orthodoxie ausgewählt habe, ist der, dass viele Muslime (aber eben auch viele wortführende Nichtmuslime) diese überhaupt nicht „auf dem Schirm“ zu haben scheinen, wenn sie sich über die Gemeinsamkeiten und mehr noch die Gegensätze beider Religionen unterhalten. Sichtbar wird das z. B. beim Thema Fasten.

      Ich würde mich freuen, wenn du deinen Artikel insha’Allah auch hier einstellst.

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