Ein Hamburger Granatensplitter

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Die Blicke von Amina schweiften in die entlegensten Vertiefungen am Horizont. Am Firmament sah man, wie unter Zeitlupe die Bauarbeiter hantieren und fuhrwerken. Aus ihren Mäulern kam hauchende Luft, die sich im nebligen Smog verflüchtigte und auflöste. Sie zogen mal wieder einen der vielen nichtssagenden Bürokomplexe hoch. Es war ein gleißender Wintertag, und die kalte Sonne umspielte die Handelskontore, Kirchtürme und in der Ferne den Fernsehturm, eines der vielen Wahrzeichen der Elbmetropole. Nervös nestelte die dunkle Schönheit mit der einen Hand an ihrem Hijab, während ihre andere Hand immer noch mechanisch das Smartphone umklammerte. Der Anruf war gekommen aus der Wüste. Dem dürren Leben im fernen Bürgerkriegsland. „Abdi ist Shahid, in sha’Allah!“, klang es euphorisch aus der uferlosen Leitung. Sie stand stumm wie eine einsame Krähe auf dem Balkon und in ihrem Inneren wurde es schummrig. Sie versuchte zu greifen und zu fassen, was passiert war. Ihre Versuche liefen jedoch ins Leere und gebaren nur Dämmerungen. Sie verstand nicht ganz. Sie sackte in sich zusammen und ergab sich der inneren Ödnis.

Amina saß am Esstisch und pulte gedankenverloren an dem leckeren Granatapfel. Sie mochte seit jeher diese kleinen roten Perlen, die so süß sauer im Mund ihren Geschmack entfalteten. Sie sann über die vergangenen Jahre nach, die Zeiten der Freude und des Leides mit ihrem einzigen Sohn Abdi. Im Hintergrund machte die Wanduhr ihr leises Tick-tack und sie dachte: „Jetzt kommt er gewiss von der Berufsschule nach Hause…nein, das passiert nie wieder… aber nein er wäre erst mal in die Moschee zu seinen neuen Freunden gegangen. Später wäre er wie immer vollkommen aufgekratzt heimgekommen und hätte seine Tasche in die Ecke gepfeffert. ‚Mutter wir müssen reden. Ich habe einiges erfahren, was uns allesamt als Muslime angeht.‘ “ Sie wurde jäh aus ihrem Gedankenkreisel gerissen, als es an der Tür klingelte. Zwei Männer, ordentlich angetan, standen am Eingang der kleinen Wohnung und wollten dieses und jenes von Amina erfahren. „Dürfen wir reinkommen?“, meinten sie. „Nein, dürfen sie nicht“, entgegnete daraufhin Amina. Es klingelte nochmal an der Tür; und sie meinte schon, dass der Alptraum kein Ende nehmen würde, als sie ihre Freundin Farah erblickte: „Meine Liebe, ich habe für dich gekocht. Ich habe Sambusa für Dich gemacht.“ Gemeinsam aßen sie, still, stumm, und dachten an vieles. Beide machten schließlich dhikr ohne Unterlass.

Ich, Abdi, verbrachte sehr viel Zeit mit Ahmed, da wir nun zusammen wohnten. Hassan kam uns oft besuchen und wir redeten über die Ereignisse und die Bedürftigkeit in der islamischen Welt. Nach einer kurzen Zeit verlies Hassan das Land, er hatte sich von mir verabschiedet, aber ich wusste nicht, wohin er gegangen war. Wir verfolgten die Abenteuer in den Regionen des Jihad und sahen uns Filme an, wie Mujahideen gegen die Kreuzzügler kämpften. Uns entsetzte vor allem die Nachrichtenlage, wie Ungläubige mit unseren Brüdern umgingen, wie sie sie folterten und unterdrückten. Auch der Aspekt, dass die Kuffar unschuldige Frauen in Gefängnisse steckten, sie permanent vergewaltigten, und dass manche von ihnen danach Kinder von ihren Peinigern in ihren Bäuchen tragen mussten, versetzte mich in einen schmerzhaften Zustand. Die ehrenwerten Schwestern wurden wie Schmutz behandelt, und das schürte die Wut auf die Kuffar in mir. Ich wollte nicht verstehen, wie die meisten Muslime in der Welt diese schlimmen Frevel einfach ignorieren und sich stattdessen mit anderen Angelegenheiten beschäftigten konnten. Ich beschloss auszureisen.

„Ich liege im Sterben. Und mein Glaube entweicht. An was glaube ich nochmal?! Es ist vorbei mit mir… Mutter, Mutter, was ist mit mir?!“ Die Choreografie und das Drehbuch waren brillant einstudiert. Abdi bekam ein weißes Kopftuch umgebunden, welches sich deutlich von seiner dunklen Haut hervorhob. „Du läufst zum Hügel und benutzt deine RPG-29. Dann springst du über die Anhöhe und läufst zu dem kleinen Bauernhof. Laufe immer weiter nach rechts, als wäre der Shaytan höchstpersönlich hinter dir her!“ Abdi nickte verwirrt, stumm, während die Kugeln um sie herum kleine hässliche Sandfontänen produzierten. Zehn Minuten später roch es nach verbranntem Fleisch und es sprudelte aus ihm heraus. Als wäre er unter dem saftigen Einfluss von Qat, ummantelte ihn eine durch alle Poren gehende Betäubung. Er merkte, dass er mit dem einen Auge nicht mehr sehen konnte. „Mutter, Mutter, was ist mit mir?! Ich verliere mich, verliere mich… verliere mich…“ Wie ein geborstener Granatapfel lag er im Schutt da. Es wurde dunkel in ihm.

Amina stand wieder auf dem Balkon, und sie dachte über die Zeit und die Schöpfung Allahs nach. Es wurde Frühling und das neue Bürogebäude war fertig gestellt. Es waren keine Bauarbeiter mehr zu sehen, dafür aber geschäftig wirkende Büroangestellte, die wie kleine Ameisen dahin wuselten. Sie hatte mit der Hilfe Allahs einiges verkraften können. Sie hatte vermehrt im Edlen Quran gelesen und die ahadith des Propheten (s.) konsultiert. Ihr kamen feuchte, leichte Tränen, als sie sich eines hadith entsann, den sie von einem jungen engagierten Imam der afrikanischen Community gehört hatte:

`Ali, Allahs Wohlgefallen auf ihm, berichtete: Ich hörte den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Heil auf ihm, sagen: Am Ende der Zeit erscheinen Leute, die jung und unreif sind. Sie sagen Worte, die am besten unter den Menschen erscheinen. Sie rezitieren den Koran, und er überschreitet ihre Kehlköpfe nicht. Sie dringen durch den Glauben durch (d.h. sie fallen vom Glauben ab), genauso wie der Pfeil, der durch das geschossene Tier durchdringt. Wenn ihr solchen begegnet, dann tötet sie! Wer solche tötet, der hat bei Allah seinen Lohn dafür am Tag der Auferstehung. [Sahih Bukhari Nr. 5057 und Sahih Muslim Nr. 1066]

„Wie mein armer Abdi“, dachte sie. Sie dachte an das vergossene Blut, aber auch an das Recht, welches sie am Jüngsten Tag einfordern würde. Sie wurde ruhig und ging zurück in ihre Wohnung. Die Kirschblütenbäume verströmten unter ihrem Balkon einen unendlichen Duft der Liebe und Freude.

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