Eine ungewöhnliche Begegnung (2)

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Ali saß missmutig in einem Café im Geomatikum der Universität Hamburg. Er rührte mit einem Löffel in seinem mit Zimt und Ahornsirup angereicherten Kaffee und starrte mechanisch auf seine Hausarbeit über die missliche Plattentektonik im fernen Japan. „Was für ein Thema“, murrte er in sich hinein. „Genau auf so ein Thema hat die gesamte Welt gewartet!“. Es war ein verregneter Tag wie jeder andere im noch jungen Jahr, und es herrschte auf dem Campus ein wuseliges Treiben von zukünftigen Wetterfröschen und Lehrern. Auf mittlerer Entfernung sah er seine Studienkollegin Sibylle Flyer auf den Tischen des Cafés verteilen. „Hey Ali“, rief sie und schwatzte mit einem freudigen Lächeln drauflos: „In der sozialwissenschaftlichen Fakultät gibt es bald im Antifa-Café eine kleine Sause, und du bist natürlich herzlich eingeladen!“ Wie ein perfekter Schauspieler nahm Ali den Flyer entgegen und tat so, als würde er sich für eine weitere x-beliebige Party der Studentenschaft interessieren. „Danke, danke“, flötete er und wandte sich wieder mit gespielter Geschäftigkeit seiner Hausarbeit zu. Gerade als Sibylle im Begriff war, sich ohne Ankündigung neben Ali zu setzen, bimmelte das Handy von Ali. Auf dem Display erschien eine ihm anscheinend fremde Nummer. Erschreckt von der Aussicht, einige Zeit mit Sibylle an einem Tisch verbringen zu müssen, nahm er den Anruf an. „Ja was gibt’s?“, nuschelte er in sein Smartphone. „Salam, Max hier“, ertönte es von der anderen Seite der Leitung. Ali überlegte kurz und entsann sich aber dann des angetrunkenen Studienkollegen mit diesem bündigen Namen, den er vor ein paar Wochen auf der Party von Emanuela und Boris kennengelernt hatte. „Wollen wir uns treffen?! Ich habe eben in meiner Wahlbereichs-Vorlesung, über die morgenländische Ideengeschichte, einiges über den Islam gehört und hätte ein paar Fragen.“ Ali war ausgesprochen dankbar für diesen unverhofften Anruf, klappte schnell seinen MacBook Pro zu und stand abrupt auf. „Ja, sehr gerne“, rief er etwas zu aufgesetzt und laut – um Sybille auf Distanz zu halten – ins Telefon. „Wollen wir uns Lohmühlenstraße, auf dem Steindamm, treffen? Ach was, wir treffen uns gleich am Hauptbahnhof vor der Polizei, dann gehen wir gemeinsam den Weg zum Bahnhofsviertel hoch.“.

Draußen schwammen große Regenwolken am Himmel. In regelmäßigen Abständen schlug der Regen das große Gebäude des Zentralbahnhofs mit nassen Ruten und fühlergleich peitschten die Regentropfen auf die Straßen und Gassen der Hansestadt. Ein eisiger Wind komplettierte die unsäglich schwermütig anmutende Szenerie. Ali stand an der Polizeistation des geschäftigen Hauptbahnhofs und wartete auf Max, der kurze Zeit später, mit einem Regenschirm in der Hand, auf ihn zusteuerte. „Da bist du ja“, rief Ali und grüßte ihn wie einen langjährigen Freund. Max schien kurz zu stutzen, war aber dann freudig überrascht und erwiderte den kräftigen Händedruck. Gemeinsam gingen sie eiligen Schrittes in Richtung des Kiezes, der muslimischen Community, in der Hansestadt. „Ein Viertel wie aus einer anderen Welt, oder besser: ein Viertel zwischen den Welten“, sinnierte Ali in seinem Kopf. „Moschusgeschwängerte Gebetshäuser reihen sich an türkische Supermärkte und an schwule Szenetreffs, new brave world…“, waren beiläufig seine Gedanken, als sie zu einem viel frequentierten türkischen Café gelangten. Sie nahmen den nächstbesten freien Tisch. Bestellt wurde jeweils ein Mokka und unter den verwunderten Blicken Alis ließ Max sich eine größere Menge Baklava hinzu kredenzen. „Ich bin ganz Ohr“, setzte Ali an. „Was hast Du denn heute in der Vorlesung erfahren?“. „Ach, wir haben jede Menge über das theoretische Ideengebäude des Islams und ferner auch einiges über die allgemeinen philosophischen Strömungen des Orients erfahren, fasste Max kurz zusammen. „Mir ist aber insbesondere der Begriff der Shahada im Kopf geblieben, wovon ich von Dir einiges gerne hören würde“, lächelte er. „Die Shahada ist die majestätischste und gewichtigste Säule des Islams. Sie ist eine gewaltige Anbetung und thematisiert im ersten Teil den wahrhaftigen Glauben an Allah, erklärte Ali. „Der Glaube an Allah ist die elementarste Grundlage des Glaubens, die Basis seiner allgemeinen Formation. Der Glaube an Allah ist der Glaube an die Einzigkeit seiner Herrschaft, an die Einzigkeit seiner Göttlichkeit und an die Einzigkeit seiner Namen und Eigenschaften“, führte er dann weiter aus. „Es ist die Unterwerfung unter den Willen Allahs, die das absolute Glück für den Gläubigen darstellt“, sagte Max leise. „Davon habe ich im Koran gelesen…“[1], ergänzte er vorsichtig. „Genau“, meinte Ali nüchtern und sagte weiter: „Ich habe früher in der Moschee auch noch gelernt, dass die Shahada einen zweiten, weiteren, sehr wichtigen Aspekt beinhaltet: Die absolute Zustimmung der Prophetenschaft Muhammads, des Siegels der Propheten.[2]“. Interessant“, äußerte Max aufrichtig und blätterte etwas ziellos in seiner Koranausgabe. „Dieses Thema müssen wir unbedingt vertiefen!“, sagte er zu Ali. Dieser nickte nur und stibitzte ein Stück von Max‘ Baklava. Nachdem Ali sein Stück vom süßen Gebäck vertilgt hatte, sagte er: „Unser Prophet Muhammad hat in einer Überlieferung gesagt, dass man ihn über alles Lieben muss!“ [3] Und weiter ausführend meinte er noch: „Im zweiten Teil des Glaubensbekenntnisses wird bekräftigt, dass der Prophet Muhammad ein Vorbild für uns ist. Wir müssten eigentlich immer seinen Taten und Aussagen folgen und gehorchen, nur so sind wir erst richtige Muslime.“. Ein Schatten schlich über das Antlitz von Ali und sein Gesichtsspiel, zuvor noch freudig erregt, wurde trübe.

 „Du, ich habe wieder eine Einladung zu einer Party bekommen, kommst du mit?“, meinte Ali zweifelnd. „Alleine habe ich nämlich keinerlei Lust!“. Max seufzte tief und erwiderte trocken: „Nee du, lass mal, ich habe genug Partys für mein ganzes Leben besucht, da passiert eh immer nur das Gleiche. Lieber auf einen Tee treffen!“. „Was bist du denn für ein Muselmane?!“, argwöhnte Ali lachend. „Islamisierung des Abendlandes, du verstehen, Akhi?“, gluckste Max, der durch das längere Gespräch vermehrt aufgekratzt wirkte. Sie schwiegen nun eine Weile und blickten nach draußen. Aus dem Fenster konnten sie auf einen Seitenarm der Straße „Kleiner Pulverteich“ blicken und in der nun einsetzenden abendlichen Dämmerung Gläubige zum Gebete eilen sehen. Der Regen hatte nachgelassen und eine entfernte Stille im Herzen setzte bei Ali ein. Er sann über sein Leben nach, und wo er eigentlich hinwollte. Ihm fiel auf einmal der Anfang eines Gedichtes vom Heidelberger Romantiker Achim von Arnim ein, welches damals im Deutschleistungskurs durchgenommen wurde:

Komm Trost der Nacht, o Nachtigall!

Laß deine Stimm mit Freuden-Schall

Aufs lieblichste erklingen,

Komm, komm, und lob den Schöpfer dein,

Weil andre Vögel schlafen seyn,

Und nicht mehr mögen singen;

Laß dein Stimmlein

Laut erschallen, denn vor allen

Kannst du loben

Gott im Himmel, hoch dort oben.

Ihn schauerte, und im Inneren seiner Seele fing er wie ein kleines Kind an zu weinen. Abrupt stand er auf und ging aus dem Café. Er eilte in Richtung Gebetshäuser davon und ließ einen verwunderten Max zurück. „Wo willst du denn hin?!“, rief der erstaunte Max hinterher, doch Ali war schon aus der Tür entschwunden.

[1] Sure 22, Vers 77: „O ihr, die ihr glaubt, beugt euch und werfet euch nieder und dienet eurem Herrn und tut das Gute; vielleicht ergeht es euch wohl.“

[2] Sure 33, Vers 40: „Muhammad ist nicht der Vater eines eurer Männer, sondern der Gesandte Allahs und der letzte aller Propheten, und Allah besitzt die volle Kenntnis aller Dinge.“

[3] Abu Huraira, Allahs Wohlgefallen auf ihm, berichtete, dass der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Heil auf ihm, sagte: „Ich schwöre bei Dem, in Dessen Hand mein Leben ist, dass keiner von euch sich als gläubig ansehen darf, bis seine Liebe zu mir stärker ist als seine Liebe zu seinem Vater und zu seinem Sohn.“ [Sahih al-Buchari, Kapitel 2/Hadithnr. 14]

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2 Antworten auf “Eine ungewöhnliche Begegnung (2)”

  1. Amin

    Assalamu alakium Akhi, deine Erzählungen sind wunderbar und eine wahre Bereichung! Weiter so.

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    • Nuruddin

      Nuruddin

      Wa alaykum salam, es freut mich das sie Dir gefallen. 🙂
      In shaa Allah folgen im Laufe der Zeit noch einige.

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