Eine ungewöhnliche Begegnung (1)

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Max saß in einem schmuddeligen Zug, der sich in Richtung der Zielhaltestelle „Landwehr“ seinen Weg bahnte. Max kam von einer studentischen Party im hippen Schanzenviertel. Dem Viertel, in dem die schicken Hipster, aber auch neureiche Schnösel, auf cool taten und sich mit der traurigen Punkarmut verbrüderten. Obwohl es schon spät war, waren noch erstaunlich viele Menschen unterwegs. „Nachts kommen sie alle raus, aus ihren Zufluchten,“ dachte er. Es waren Menschen, die man am geschäftigen Tage so nicht erblickte. Menschen, denen man ihr aggressives Scheitern ansah, oder aber Leute, die in der Arbeitswoche auf seriös taten und jetzt ihre Hemmungen verloren. Seine Augen waren wund und ausgetrocknet von den Anstrengungen der Feier. Das erbarmungslose Licht fiel auf jeden Kopf und machte die unreinen Poren der Menschen sichtbar. Er hatte Furcht vor diesem künstlichen Licht. Aus diesem Grunde empfand er Bahnfahrten anstrengend und vermied sie eigentlich ganz gerne. Am liebsten wäre er zu Fuß gegangen. Seine despektierliche Haltung wurde durch Dönergestank und Erbrochenes verstärkt. Er kehrte in sich, schloss die Augen und sann über seine jüngsten lustvollen Ausschweifungen nach. „Die Sarah war ja ein heißer Feger!“. Er ärgerte sich, dass sie von Thorsten, nach ein bisschen Wodka Bull, zum Rauchen von Gras verleitet wurde und später dann mit ihm in der Dunkelheit entschwand. Den morgigen Tag konnte er jetzt schon vergessen. Sein Zustand war bereits jetzt alles andere als gut, und er überlegte nun schon des Öfteren, warum er dieses wilde Partyleben immer wieder in Betracht zog. So oft er auch innerlich dem Ganzen abschwor, mindestens genauso oft verfiel er dann doch wieder diesem unwürdigen Farben – und Fahnenrausch der abendlichen Touren um die Kneipen und Etablissements. Morgen würde das Graue der Sinnentleertheit seine Seele hässlich streicheln und ihn unglücklich machen. Traurig, verdammt traurig machen. Er wurde vermehrt griesgrämig und dachte dann aber plötzlich an Ali, den angehenden Geologen, den er auf der Party neu kennengelernt hatte.

Mit seinem Pferdeschwanz und den Koteletten wirkte Ali wie ein Bülent-Ceylan-Verschnitt. In einem ruhigen Moment, auf dem Balkon der WG von Emanuela und Boris, hatten sie in den sternenklaren Himmel geblickt, und Ali hatte unvermittelt gefragt: „Glaubst Du an Gott?“. Max war vollkommen überrumpelt, aber gleichzeitig von dieser Frage ausgesprochen angetan, da er gerade auf Feiern oftmals die tiefsinnigen Fragestellungen vermisste, die er so gerne verfolgt hätte. Er blickte Ali kurz an, nippte an seinem fruchtigen Cocktail und sagte dann: „Ich weiß es nicht, wie kommst du denn ausgerechnet jetzt auf diese Frage?“ „Hast du dir mal den Sternenhimmel angeschaut?“, versetzte Ali markig. „Ja, schon sehr sehr beeindruckend, du meinst also, dass dahinter eine höhere Macht steht?“, antwortete Max lasch. „Die unvorstellbare Größe des Universums ist einfach unfassbar! Hunderte Milliarden Galaxien, von denen jede aus mehreren tausend Millionen Gestirnen besteht, die zum Teil Milliarden Lichtjahre voneinander fern sind. Das sind Billionen an Kilometern, ein Umfang, den wir gar nicht richtig in unseren Kopf bekommen, Max. Diese galaktischen Bündel sind doch so verteilt, dass sich zu etwas ganz Wunderbarem formieren. Kann das alles zufällig entstanden sein? Ist es nicht irgendwie lächerlich, wenn ein Winzling namens Mensch sich auf einem kleinen Seitenarm einer gewöhnlichen Galaxie befindend und verkündet: ‚Es gibt keinen Gott?‘ ‘“referierte Ali. Max stieß auf und schloss kurz die Augen, so als würde er den alkoholischen Geist dadurch bannen können. Er verspürte auf einmal eine Erhabenheit, die er in dieser Form noch nicht gespürt hatte. Plötzlich räusperte sich jedoch Maria im Hintergrund und fragte Max nach einem Feuerzeug. „Da haben sich ja zwei gefunden!“, lachte sie wild und stieß hervor: „Wir leben doch eh‘ nur einmal, also YOLO!“ und rannte schnell wieder hinein, weil gerade eine Reggae-LP aufgelegt wurde, die sie so gerne mochte. Max rollte mit den Augen und Ali musste kurz grinsen, verfiel aber schnell wieder in einen eher missmutigen Blick.

„Wie sieht es denn eigentlich mit dem Koran bei euch aus? Das ist doch eurer heiliges Buch. Was steht denn da so drinnen“, lallte Max. „Max, der Koran besteht aus Weisheitsgeschichten, Gleichnissen, Prophezeiungen und auch gesetzlichen Lehren. Er ist das unerschaffene Wort Gottes. Er ist stellt quasi ein Handbuch für das Leben des Muslims dar. Es gibt eine Sure namens ‚Die Aufrichtigkeit‘, sie gilt als ein Drittel in der Wertigkeit des edlen Koran.[1] Hier wird die Quintessenz des Islams deutlich: Gott wendet sich an die Menschheit, alle gottesdienstlichen Handlungen Ihm allein zukommen zu lassen. Sie lehrt die absolute Einheit Gottes. Er gibt sich ihnen als ihr Herr, Erhalter und Schöpfer zu erkennen. Laut islamischer Auffassung darf man Gott weder zeugend oder gezeugt denken.“  Max wunderte sich ein wenig über die selbstsicheren Reden von Ali. Ihm brannte eine Frage auf den Lippen. „Aber eines möchte ich jetzt wissen: Warum bist Du denn in Gottes Namen hier?!“, fragte Max verwundert. „Überall werden Drogen genommen, es wird rumgehurt und wie nichts Gutes gesoffen! Passt das wirklich zum Glauben an deinen Allah?“, stieß Max hervor. Ali wandte sich leicht ab und zündete sich fahrig eine Zigarette an. Er schwieg einige Momente und blickte hinunter zur Straße. Max folgte seinen Blicken. Vereinzelte Partygänger waren im Begriff ihren ureigensten Weg nach Hause zu suchen, welches aber durch den Suff bei so manchem ein Problem darstellte. „Weißt du“, sagte Ali abrupt: „Würde ich eine logische Antwort darauf haben, würde ich wahrscheinlich schon längst gegangen sein…“. Er holte mit seinen Armen aus, so als müsste einen imaginären Feind zu Boden ringen. „… Max, ich fühle mich einsam…“ Euphorisch-naiv warf Max ein: „Aber ich dachte, du hättest Gott!“ „Weißt du mein lieber Freund – ich darf dich doch Freund nennen, oder? – in einer Gesellschaft wie dieser wird der Einzelne sehr schnell schwach. Die bunten Verlockungen des Diesseits fordern ihren Tribut, und das Weltliche umschmeichelt die Lippen wie mit einem schönen großen Honigbrot. Ich habe mich immer einsam und nicht angenommen gefühlt. Einen Großteil dazu haben auch meine Eltern beigetragen, die mich in eine Moschee geschickt haben, wo ich mit Schlägen malträtiert wurde. So vereinzelte ich und schloss mich immer mehr von dem Gemeinschaftsleben aus.“ „Das ist doch schon ein Erklärungsansatz“, meinte daraufhin Max. Trotz seines benebelten Zustands wurde er immer nachdenklicher und war von der Ehrlichkeit Alis überrascht. „Wollen wir Nummern tauschen?“, fragte er dann endlich leicht verschämt. „Warum nicht“, meinte Ali nur und gab Max seine Nummer. „Irgendwie ist mir nicht mehr nach Feiern, ich gehe jetzt“ flüsterte Max. „Mir auch nicht“, erwiderte Ali. Gemeinsam verließen sie das schicke Apartment, ohne dass die anderen Partygäste großartig Notiz davon nahmen. An der Ecke Schulterblatt, schräg gegenüber der Roten Flora, verabschiedeten sie sich wortlos und gingen ihrer Wege.

„Was für eine Type“, dachte Max und war nun schließlich im Begriff einzudösen. Langsam fuhr jedoch der Zug in die Zielstation ein. Er schrak hoch. Ein paar grölende Leute kamen hinein gepoltert. Sie schreckten wohl auch andere in sich versunkene Personen auf, denn den Blicken nach zu urteilen waren diese ebenfalls kurzzeitig irritiert. Montag musste er wieder in die Universität und sein leidiges BWL-Studium – vom bürgerlichen Elternhaus aufoktroyiert – durchdeklinieren. „Ein Graus, ein Jammerspiel!“, dachte er und stieg „Landwehr“ aus. Er hatte jetzt noch fünf Minuten Torkelmarsch vor sich. Er würde sich aber den Koran besorgen. Das schwor er sich.

[1] Von Friedrich Rückert (1788–1866) übersetzt:

„Sprich: Gott ist Einer, (1)

 ein ewig reiner, (2)

hat nicht gezeugt und ihn gezeugt hat keiner, (3)

 und nicht ihm gleich ist einer. (4)“

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2 Antworten auf “Eine ungewöhnliche Begegnung (1)”

  1. Aisha bint Ali

    Aisha bint Ali

    Asalamu aleykum wa rahmatullah,
    eine wirklich schöne und authentische Erzählung.
    Mir gefällt diese hier sogar ein bisschen mehr als Deine sonstigen Geschichten, Ma sha Allah.
    Meiner Meinung nach ein wahrheitsgemäßiger Einblick in die Welt einiger junger Menschen. Besonders Ali und das Paradoxe zwischen seinem Denken und seiner Handlung ist nicht unüblich, besonders unter vielen Muslimen heutzutage eine gängige Praxis.

    Max aber auch Ali scheinen sehr interessante und kluge Persönlichkeiten zu sein, ich freue mich auf weitere Erzählungen von Ali und Max.

    Barakallahu feek
    Wa-sSalam

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    • Nuruddin

      Nuruddin

      Wa alaykum salam wa rahmatullahi wa barakatuh liebe Blog-Kollegin,
      jazakiAllahu khairan für Deinen schönen Kommentar.
      Deine Analyse trifft ins schwarze. Wir benötigen Erzählungen, die die Lebensrealität der hiesigen muslimische Jugend abbilden, um in shaa Allah Leute zum wahren Glauben zu führen. Ohne Wiedererkennungswert gibt es keinen Resonanzboden.
      Wa barakAllahu feeki
      Was-salaam

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