Adil und die fünf Orangenkerne

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Aufgeregt kam der kleine Adil in die geräumige Lehmhütte seiner Eltern gestürmt. Er war diesen Morgen besonders früh aufgestanden, da heute sein erster Tag auf der kleinen Orangenbaumplantage der Eltern sein sollte. Draußen hatte er sich auf das naheliegende Plateau gesetzt und sich dem Aufgehen der Sonne entgegengesehnt. Aus der Ferne war der Hahn vom alten Großbauern Majid zu hören und auch die zunehmend lauter surrenden Zikaden, in den versteckten Ebenen und natürlichen Nischen, begannen, sich scheinbar auf den neuen Tag zu freuen. Adil lief direkt in die Arme von seiner treuherzigen Mutter Imaan, die gerade mit dem kleinen Essenspaket – welches hauptsächlich nur aus ein paar goldenen Früchten und Tschapati bestand – fertig wurde und nach Adil schauen wollte. „Na, da bist du ja“, sagte sie und lächelte still in sich hinein. Verträumt blickend, nahm sie den, in letzter Zeit doch deutlich schwerer geworden, Jungen, kurz auf dem Arm und küsste ihn. Trotz des bleiernen Lebens hier im Panjab und dem dörflichen Widrigkeiten, wiegelte Adil die ganzen anstrengenden Tage immer wieder zu einer positiven Lebensauffassung auf. Aus der Schlafecke kam ein leises Grummeln von seinem Vater, der sichtlich weniger begeistert von dem nun beginnenden Tage schien. Bedächtig richtete sich Faisal auf und sortierte seine noch trüben, traumgeschwängerten Gedanken, die aber durch den Duft des Morgens, immer klarer und deutlicher wurden. Auch er begann zu lächeln. Kurz vor dem Aufbrechen von Vater und Sohn, nahm Imaan, Adil kurz zur Seite. Sie sagte in einem innigen Ton zu ihrem Sohn: „Bei jeder guten Tat, die du an deinem großen Tag heute begehst, tust du einen von diesen Orangenkernen in die rechte Hosentasche.“ Adil nickte stumm, feixte daraufhin aber und strahlte eine tiefe, innere Freude aus. Sie drückten sich und auch Faisal kam und küsste seine Frau flüchtig auf den Mund.

Sie hatten nun einen weiten Weg zu ihrem wichtigsten Eigentum überhaupt vor sich. Die Orangenbaumplantage. Manchmal lag Imaan Faisal im Ohr: „Du, bete für eine gute Ernte. Am besten jeden Tag. Schließlich wollen wir einmal, dass es unserem Kind besser geht.“ Bisweilen konnte Faisal dann ganz schön zynisch werden, was alle dann traurig stimmte: „Wie, hier Pakistan soll es Adil mal besser gehen?!, Pah!“ und er verschwand für einige Zeit und ging zu seinem besten Freund Rizwan, der ihn über die neusten Cricket-Ergebnisse unterrichten konnte. Doch heute war keine Zeit für solcherlei Zipperlein. Faisal holte weit aus und Adil hechtete hinterher. Als sie an eine kleine Quelle gelangten, befand Faisal, dass es nun Zeit für das Mittagsgebet sei. Die sengende Sonne setzte den beiden schon seit einiger Zeit zu und die Luft wurde immer drückender. Die kleine Erfrischung tat gut und sie stellten sich zum Gebet auf. Faisal wurde nach den Gebeten immer sehr nachdenklich. Er verfiel in eine beseligte Melancholie und sann über das Leben nach. „Wir beten immer nur in unserer Verzweiflung und Not innig zu Allah. Ich wünschte, wir würden auch richtig beten, wenn wir von Freude erfüllt und reich beschenkt sind,“ sagte er. „Möge Allah uns vergeben für unsere Nachlässigkeiten“, meinte er betrübt. „Schau mich mal an“, sprach Faisal mit einer Bestimmtheit, die im Nachhinein etwas unangebracht erschien. Adil wurde etwas bang, doch er schaute unerschrocken seinen Vater an, der nun auch wieder einen gnädigeren Eindruck machte. „Wiederhole öfters das Glaubensbekenntnis aschhadu an la-ilaha-ill-allah wa aschhadu anna muhammadan rasulullah in deinem Leben. In vielen Situationen deines Lebens werden diese Worte dir den Weg zum Rechten weisen.“ Adil, der spürte, dass er gerade etwas sehr Gewichtiges gehört hatte, sagte leise „Amin“ und wiederholte das Bekenntnis, während er auf die noch recht weit weg erscheinenden Ebenen, mit den vielen Plantagen im Tale, schaute. Adil steckte mit seinen kleinen Händen den ersten und zweiten Orangenkern in die rechte Tasche seines beigen Salwar Kamiz. Einen für das Bekenntnis zum alleinigen Schöpfer, Herrscher und Lenker und den anderen Kern für das verrichtete Gebet.

Nachdem sie einige Zeit schweigend weitergezogen waren, sahen sie in der Ferne ein kleines Männlein humpelnd auf sie zukommen. Als sie sich näherten, bemerkte Adil die zerfurchte, braune Haut des Bettlers und ein Gesicht, welches einer Walnuss glich. Stumm hielt der Mann, der seine Tränen kaum verbergen konnte, einen Korb hin und Faisal begriff sofort. Er tat einiges von dem Proviant und einen geringen Betrag an Rupien hinein. „Möge Allah euch reichlich belohnen“, krächzte der kleine Gnom und buckelte sich zum Boden und schlurfte davon. Faisal sagte in einem bedächtigen Ton zu seinem Sohnemann: „Es gibt Menschen, die trotz ihres Vermögens, was sie besitzen, wenig geben.- Sie geben es, um Ansehen zu erlangen und ihr triebseliges Verlangen vergrault damit die wahrhaftigen Gaben. Dann gibt es aber auch solche, die gänzlich wenig besitzen und dennoch alles geben. Diese glauben an Allah und an die Fülle des Diesseits.“ Adil schaute seinen Vater mit seinen klaren, braunen Augen an und spielte scheu mit seinen Händchen, gab aber dann mit einem heftigen Nicken zu verstehen, dass er in etwa begriff, was Faisal geäußert hatte. Sie hatten jetzt deutlich weniger Proviant für ihre Pilgerreise zum Ort der Ernte, aber ein reines Gewissen. Faisal schwieg eine Weile und dachte über das Geschehnis mit dem unterwürfigen Bettler nach. Ihm fiel wieder eine Überlieferung ein, die ihm schon in so manch einer traurigen Stunde Trost gespendet hatte:

Abu Huraira (r.) überliefert, dass der Gesandte Allahs (s.) sagte: „Die armen Menschen werden das Paradies fünfhundert Jahre früher betreten als die Reichen.“[1]

Wir haben es aber dennoch im Vergleich zu ihm richtig gut, alhamulillah!“, sinnierte er dann in seinen rötlichen Bart hinein. „Manchmal ist Enthaltsamkeit der Schlüssel zum wahren Erkennen“, sagte er dann doch zu Adil und weiter: „Weißt du mein lieber Sohn, fasten kann man nicht nur mit dem Magen, wie es auch in unserem heiligen Monat Ramadan vorgesehen ist, sondern auch mit den Gedanken und den lustvollen Beschäftigungen. So kann eine neue Lebensausrichtung erlangt werden.“ Adil versuchte seinem Vater gedanklich zu folgen, schien aber nicht die ganze Tragweite der Worte erfassen zu können. Er fühlte jedoch tief im Herzen, dass es nun an der Zeit sei, zwei weitere Orangenkerne in seine rechte Tasche zu stecken. Einen für die Enthaltsamkeit und einen für das Geben. So pilgerten sie zum Lohne Allahs, in Richtung der Orangenbaumplantagen, weiter.

Faisal blickte später – nach  mehreren schweißtreibenden Stunden in den Büschen und Bäumen der Plantage – versonnen auf die getane Arbeit und sinnierte über die immer wieder geheimnisvolle Pracht des Lebens. Er sprach mehr zu sich: „Die Essenz des Kosmos ist die Liebe. Alle Lebewesen bewegen sich um der Liebe willen. Letztlich haben alle Bestimmungen ihre Quelle in der Liebe.“ Adil, der erschöpft vom anstrengenden Tag, am Wegesrand mit seinen Murmeln spielte, hörte seinen Vater jedoch und fragte: „Die Essenz der Liebe? Was ist das Baba?“ Faisal blickte liebevoll zu seinem einzigen Sohn hinunter und sagte: „Weißt du Adil, das Bekenntnis, das Beten und auch die Formen der Enthaltsamkeit enden letztlich alle in den einen Aspekt der Liebe Allahs!“ Adil schaute ihn fragend an und sein Vater begann leise zu lachen. „Wenn Du größer bist, wirst du meine Worte besser verstehen. Ich bin stolz auf deine Taten von heute!“ Die schwüle Hitze des Junitages, begann des späten Nachmittags, sich langsam zu konzentrieren und sich in dem wilden Wuchs der Orangenbäume einzunisten. Adil steckte mit seinen nun mehr verschwitzen Händen den fünften und letzten Orangenkern für den heutigen Tag in die rechte Tasche. Die Arbeit war getan und das Ziel dieser jungfräulichen Pilgerreise erreicht. Die Erfüllung der Aufgabe stimmte ihn erschöpfend frohgemut. Ein leichter Windhauch begann die beiden zu umspielen und Faisal nahm Adil an die Hand und sie gingen den gleißenden Feldweg in Richtung Heimatdorf von dannen.

Der Prophet (Allahs Segen und Friede auf ihm) sagte: „Der Islam wurde auf fünf (Säulen) gebaut: dem Zeugnis, dass es keinen zu Recht anbetungswürdigen Gott außer Allah gibt und dass Muḥammad der Gesandte Allahs ist, dem Verrichten des Gebets, dem Entrichten der sozialen Pflichtabgabe (Zakāh), der Pilgerfahrt (Ḥaǧǧ) und dem Fasten im (Monat) Ramadan.“[2]

[1] (Tirmidhi)

[2] (Buḫārī und Muslim)

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2 Antworten auf “Adil und die fünf Orangenkerne”

  1. Muhammad Ibn Maimoun

    السلام عليكم

    Keep it up, bro 🙂

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