Über die Frage nach der Gewalt/des Jihad

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Die historische Lage in der sich die Muslime befinden

Das erste Problem besteht in dem Bewusstsein für die historische Lage, in der sich die Muslime befinden. Als Muslime sind wir davon überzeugt, dass wir die Enkel einer glorreichen Zivilisation sind, in denen Menschen unterschiedlicher ethnischer und religiöser Überzeugung gelebt haben. Selbstverständlich gab es auch in unserem Kulturkreis Kriege, Bürgerkriege, Sultanate/Königreiche die untergingen und Herrscherhäuser, die von neuem erwachten. Allerdings müssen wir feststellen, dass seit dem Zerfall des Osmanischen Reichs und seinem endgültigen Untergang 1922, die westlichen Mächte unsere islamischen Herrscher, Staatsgrenzen u.ä. in eine Vielzahl an Staaten aufgeteilt haben. Während ein großer Teil der islamischen Welt unter die Herrschaft der westlichen Kolonialmächte gelangte, wurde das letzte islamische Großreich, mit dem Ende des 1. Weltkriegs, faktisch begraben. Zwar führte Mustafa Kemal Pascha den Jihad für die Unabhängigkeit von Sultanat und Kalifat, doch verbarg er seine wahre Absicht und versuchte den Islam in allen Bereichen des politischen und gesellschaftlichen Lebens zu vernichten. Schließlich schaffte er das Sultanat und Kalifat ab. Gleichzeitig teilten die Sieger des 1.Weltkriegs, die eroberten Gebiete unter sich auf. Dadurch entstanden mehrere Staaten [Jordanien, Israel, Syrien, Irak etc.] mit ihren jeweiligen Grenzen.

Als Muslime lehnen wir diese Grenzen ab. Die gegenwärtigen Konflikte sind eine Form der religiösen Rebellion gegen den säkularen Staat. Genauso wie die afrikanischen Nationen im 20. Jahrhundert ihre nationalen Unabhängigkeitskriege gegen die Kolonialmächte führten, werden die Muslime früher oder später den Nationalismus überwinden und auf ein einheitliches islamisches Reich hinarbeiten.

Als Nachkommen mehrerer islamischer Weltreiche, wollen wir als Muslime in einem Staat leben, der in der Tradition derselben steht. Dieser Anspruch führt unweigerlich zu einer Auseinandersetzung mit dem ethno-säkularen Nationalstaat.

Zwischen Internet-Jihad und politischer Verdrängung

Schon in der Schule lehrte man uns „Gewalt ist keine Lösung“. Diesen ethischen Grundsatz versucht man den Schülern zu indoktrinieren und erhofft sich dadurch, dass anständige Staatsbürger aus Ihnen werden. Als Muslime werden wir immer wieder zur „Rolle der Gewalt“ im Islam gefragt. Seit dem 11. September 2001 überlagert der Begriff der „Gewalt“ die Presselandschaft. Dabei spielen vor allem unterschiedliche Anschläge der Organisation „al-Qaida“ und – seit der Abspaltung von ihrer Mutterorganisation – der „IS“ eine wichtige Rolle. Man fragt uns was der Begriff „Dschihad/Jihad“ bedeutet. Wie wird der Begriff verstanden? Was lehrt man uns eigentlich in den Moscheen zu diesem Thema?

An das nichtmuslimische Publikum möchte ich sagen: “Nichts“. Das ist wohl das zweite Problem. In dem die Moscheen durch ihr vasallenhaftes Benehmen den „Dschihad/Jihad“ lediglich auf einen spirituellen Kampf reduzieren, geben sie sich damit der Lächerlichkeit preis. Dadurch das die Moscheen – vor allem auf Druck des Verfassungsschutzes, der Politik und co. – das Themengebiet „Dschihad/Jihad“ nicht allumfassend abhandeln, bleibt dem nach Wissen strebenden Muslim eine einzige Möglichkeit: Das Internet. Während also muslimische Autoritäten, die den Islam studiert haben, die ethische Dimension des mit Waffen ausgetragenen „Dschihad/Jihad“ lehren könnten, wird Ihnen eben jene Lehrtätigkeit erschwert und der Imam, in den Augen der zumeist jugendlichen Anhänger, zu einer unglaubwürdigen Person. Deshalb übernimmt das Internet die Rolle des Lehrkörpers.

Dabei wäre eine richtige Auseinandersetzung über die Prinzipien und Regeln des „Dschihad/Jihad“, sofern er auf authentischen Quellen beruht, ein wichtiger Beitrag zum richtigen Verständnis.

Das Internet hingegen bietet verschiedene Möglichkeiten der Informationsbeschaffung. Es geht sogar so weit, dass ein im IS-Gebiet befindlicher Muslim, ein Video drehen und Muslime im Westen zu Anschlägen aufrufen kann. Beispielsweise sollte man mit dem Messer kurz mal den Nachbarn ermorden, oder sich in der Bahn in die Luft jagen. Es erscheint alles legitim. Sollten die Moscheen weiter als Vasallen des Staates, statt als Vertreter des Islams fungieren und die Moscheevorstände den Islam nicht in allen Facetten unterrichten, wozu auch die ethischen und rechtlichen Aspekte des „Dschihad/Jihad“ gehören, werden sich die, vor allem jugendlichen Muslime, in Bezug auf das Wissen, auf das Internet verlassen.

Der Fetisch der Gewaltlosigkeit der Modernisten

Ist die Anwendung von Gewalt die größte Herausforderung für die Muslime der Gegenwart?

Es bedarf schon einer gewissen Ironie, dass „modernistische Muslime“ sich Gedanken über die Rolle der Gewalt im Islam machen, obwohl sich westliche Nationen mit ihrem Drohnenterror, Unterstützung von diktatorischen Terror- und Folterregimen auszeichnen. Auf der anderen Seite fühlen sie sich als „Vertreter“ des Islam dazu berufen, die Muslime aus dem Inneren zu kritisieren. Das kann man Ihnen grundsätzlich nicht vorwerfen, da sie sich dem Islam zuschreiben.

Daher besteht die Ironie nicht in ihrer Kritik, die zumeist über das Ziel hinausschießt, sondern in dem was sie von Muslimen fordern: Sie reden unaufhörlich über die Gewalt die von Muslimen ausgeht, während die westlichen Nationen die islamischen Länder mit Terror überziehen.

Von „modernistischen Muslimen“ hört und liest man ständig ein Plädoyer zur Gewaltlosigkeit und eine Neuinterpretierung der islamischen Quellen. Das Problem der „Modernisten“ besteht aus ihrem falschen Blickwinkel: Sie sehen nirgendwo die Gewalt des Westens, ihrer Verbündeten und Vasallen mit der die Muslime überall auf der Welt bekämpft und vernichtet werden. Lieber schwadronieren sie über die Gewaltlosigkeit der Muslime. Jetzt wird man behaupten, dass dies nicht stimmt. Selbstverständlich kritisiere man die Gewalt des Westens. In der Wahrnehmung vieler Muslime hört man hingegen die „Modernisten“ nur, wenn mal wieder ein Muslim, einen Anschlag verübt. Dabei wies schon damals der Politikwissenschaftler Huntington uns auf einen interessanten Punkt hin:

„Der Westen eroberte die Welt nicht durch die Überlegenheit seiner Ideen oder Werte oder seiner Religion (zu der sich nur wenige Angehörige anderer Kulturen bekehrten), sondern vielmehr durch seine Überlegenheit bei der Anwendung von organisierter Gewalt. Oftmals vergessen Westler diese Tatsache; Nichtwestler vergessen sie niemals.“ [Huntington, Samuel P.: Kampf der Kulturen, 2006/2007, S. 69 – 70.]

Warum herrscht solch ein Drang „Gewaltlosigkeit zu fordern bzw. zu predigen“?

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5 Antworten auf “Über die Frage nach der Gewalt/des Jihad”

  1. Pflichtangabe

    Salam,

    bis „auf das Internet verlassen“ kann ich es noch nachvollziehen.
    Den Rest verstehe ich folgendergestalt, und bitte gegebenenfalls um Korrektion:
    Man solle nicht lehren, nie Gewalt anwenden zu müssen( westliche Polemik) und die ganze Situation selektiv zu betrachten, sondern eben islam-rechtlich argumentieren, das sehr wohl die Anwendung von Gewalt in besonderen Situationen kennt (also zunächst mit Worten, und wenn schon Leib und Seele davon abhängen gemäßigt sich verteidigen)

    Ist das so korrekt?

    Sonst finde ich, dass du ein sehr interessanten Punkt ansprichst: Die staatlichen Repressionen schaffen im Grunde nur mehr Probleme.
    Fundierte Muslime dürfen nicht über dieses Thema reden, also begibt man sich ins Internet wo jede Perversion ohne jeglichen Rahmen Form annehmen kann, und so die Jugend schlussendlich
    radikalisiert wird, was eventuell mit ersterem nicht in solch einer Form geschehen würde.

    Und Allah weiß es am aller besten und besser.
    Salam.

    Antworten
    • Mohammed Isa

      Mohammed Isa

      Wann unter welchen Umständen Gewalt legitim ist muss behandelt werden. Sowohl im Bezug auf den Einzelnen als auch in staatstheoretischer Hinsicht. Rasulullah salallahu alayhi wa salam war auch Feldherr.

      Zur staatlichen Repression und seinen Auswüchsen empfehle ich http://www.ahlu-sunnah.com/blog/?p=682

    • hö?

      Nun, das, was du als „Perversion“ bezeichnest, sehe ich womöglich nicht nur als legitim, sondern eventuell sogar als [islamisch] obligatorisch. Aber darauf will ich nicht weiter eingehen, weil sich dieser „islamische“ Blog ja auf dem Boden des Grundgesetzes und der „Freiheitlich demokratischen Grundordnung“ bewegt.

      Ich verstehe den Beitrag und auch deinen Comment keineswegs als Aufforderung für einen FREIEN DIALOG, in dem also jeder Quellen und deren Tafsir von ausgewählten Gelehrten mit einbringen kann, sondern schon eher als:

      „Die im Internet verbreiteten Perversionen sind nicht mein Verständnis des wahren Jihad, lass uns dir mitteilen, was der wahre Jihad wirklich ist! Der ist gar nicht so „pervers“, sondern eben genauso, wie wir es dir schreiben! Wir haben die Wahrheit gepachtet, im Ggs. zu den Uncle-Tom-Verbänden und Radikalisieren des Daesh! ‚Selbstmord‘ ist doch haram, da gab es doch diese Ayah…? Und überhaupt: Zivilisten sind Zivilisten sind Zivilisten sind…“

      Wenn ich das richtig auffasse, wärt ihr mit diesem Verhalten dem der kritisierten Verbände identisch… Somit wären die kritisierten Dinge nur wieder verlagert, aber gar nichts gelöst.

      Dialog aber geht anders und ist offen für Argumente aus anderen politisch-religiösen Richtungen, solange diese Argumente auf Qur’an, Sunna und Einigkeit beruhen, jedenfalls.

    • Mohammed Isa

      Mohammed Isa

      1.) Zunächst einmal existiert hier kein „Wir“. Jeder Autor ist individuell für das verantwortlich was er schreibt. Warum machst du mich für die Beiträge anderer Autoren verantwortlich?
      2.) Mit deiner negativen Attitüde solltest du es vermeiden mir etwas zu unterstellen wenn du nicht dazu in der Lage bist etwas zu verstehen. Deine bewusste Manipulation meines Beitrags impliziert das du entweder nicht das nötige Wissen besitzt oder den typischen Internet-Mujahideen angehörst. Er beweisst aber definitiv das du mir direkt etwas negatives unterstellst.
      3.) Der Beitrag sollte so verstanden werden wie er dort steht. Er verwehrt sich der Perversion des Jihad („Töte deinen Nachbarn“) auf der einen und der bewussten Veränderung/Manipulation des Jihad („Jihad ist nur mit dem Nafs“) auf der anderen Seite.

    • Pflichtangabe

      Salam,
      „Nun, das, was du als „Perversion“ bezeichnest, sehe ich womöglich nicht nur als legitim, sondern eventuell sogar als [islamisch] obligatorisch“

      Mit „Perversion“ meine ich z.B. den „Jihad“-„Vorschlag“, man solle sich in ein Krankenhaus begeben und einen unschuldigen kranken Menschen die Kehle durchschneiden.
      Ist das etwa empfohlen, oder gar obligatorisch?
      Mitnichten! Wer sowas sagt gehört an die Wand gestellt.

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