Das rote Kopftuch

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Manch einer, der aus dem Hinterland in die große Stadt kommt, verliert sich. Die vielen Gerüche und die bunte Vielheit an Menschen verwirren den Geist und lassen den vormaligen Dörfler ratlos zurück. Als vor etwa fünf Jahren der 29 Jährige Ömer von einer kleinen Ansiedlung, malerisch gelegen im pontischen Gebirge, nach Istanbul wegen familiärer Zwistigkeiten floh, zerlief er wie ein Spiegelei in der pulsierenden Pfanne der Großstadt. Das Beben, das den Stolz einer ganzen Region ungerechtfertigt erschütterte, vernahm er nur noch leise und nach ein paar Wochen gar nicht mehr. Er fand eine unschickliche Aushilfstätigkeit als Parkplatzwart – als vorübergehende Notlösung – in Pangaltı und nachdem er einige Tage von einem entfremdeten Bekannten in der Wohnung ertragen wurde, eine schäbige Einzimmerwohnung in den fernen Randbezirken der Armen und Unseligen. Wenn er früh morgens den weiten Weg in die Stadt fuhr, holte er sich immer einen Kaffee, wie es jeder moderne Mensch auf der europäischen Seite des Bosporus praktizierte. Er kam sich dadurch normaler vor und meinte, dass er so nicht mehr mit seinen gedankenversunkenen Augen auffalle. Er schrieb dabei immer seine tiefsten Sehnsüchte aufs Papier und behielt sie für sich. Seine Augen füllten sich in einsamen Stunden mit Tränen und ließen ein leises „Ya Allah“ aus seinem Munde aufsteigen.

Heute kann Ömer sich nur noch über seine damaligen Verhaltensweisen belustigen. Früher stellte er eher eine karge Erscheinung dar und sein jetziger Aufzug war ein einziger, quietschiger Kontrast zum damaligen Leben und Wesen. Er trug eine knallige, signalfarbene rote Hose, ein blaues Sakko und frisch polierte Halbschuhe. Der neuste Schrei der modischen Oberschicht Istanbuls, waren Sonnenbrillen von Ray Ban, die, im Falle von Ömer, jedoch auch seine kleinen Pupillen des Rauschs versteckten und damit nicht nur eine hippe Komponente hatten. Er hatte sich, nach Jahren in der heimlichen Hauptstadt der Türkei, einen Namen als Journalist für diverse Zeitungen erarbeitet, der jedoch mit steigender Dekadenz und ihrem besten Freund – dem Hedonismus – einherging. Er verfiel zunehmend in Gedanken der Weltlichkeit und der Ausschließlichkeit des Diesseits. Kommunisten und sich „modern gebende“ Türken wurden seine besten Freunde. Das Whiskyglas war zu seinem besten Weggefährten hin zum irdischem Wohlstand und Genuss geworden. Oftmals stieß er nach einer langen Redaktionssitzung mit seinen Kollegen von Cumhuriyet in Nişantaşı an und sie erzählten sich Geschichten aus dem fernen Paris und wie freiheitlich dort die Frauen seien und noch mehr. So auch an einem saumseligen Nachmittag im Spätsommer des nun mehr alternden Jahres. „Wie hießen noch mal diese Leute, die den einfältigen Wüstenmuselmann und Ziegenhirten karikiert haben?!“, gluckste betrunken Ahmet in die Runde. „Charlie…Charlie Hebdo“, frohlockte Zeynab und guckte gierig in die Runde, so als würde sie Beifall von allen Seiten erwarten wollen. Ömer versank auf einmal in ein in diffuses Gefühl von Melancholie und Trauer. Das Gefühl des erfolgreichen Scheiterns. Ein Gefühl der heimatlosen Heimat. Einem Meer aus „hüzün“, was eigentlich nur den lokal Beheimateten zu Gesichte stand. Ömer stand rasch auf und murmelte etwas zum Abschied. Er trottete an den Ständen und Wägelchen der Simit- und Eisverkäufer vorbei, ohne auf etwas Außerordentliches zu achten. Abrupter Sommerregen setzte ein und sogleich bildeten sich kleine Pfützen an den Ecken der verzweigten Wege und Gassen der Großstadt. Die Straßenbeleuchtung begann zögerlich ihr orangenes Licht zu werfen und hinterließ in den Wasseransammlungen verzerrte Spiegelbilder ihrer selbst zurück. Scheinwerfer ließen die kleinen Striche des Wetterumschwunges deutlicher werden. Und dann passierte es: Er sah in der Ferne ein rotes Kopftuch mit verzierter Spitze sich aus der nunmehr grauen Masse hervorheben.

Das rote Kopftuch erinnerte ihn an seine Kindheit in der atemberaubenden Schönheit der unzähligen Gebirgszüge und die damalige Lust und Freude an den roten Früchten, den Erdbeeren, die er dort mit der Dorfjugend eifrig vernaschte. Er beschloss, dem roten Kopftuch zu folgen und erschrak sich zugleich, da etwas unerhört Irrationales ihm befiehl. „Was mache ich hier“, dachte er und bemerkte Schweißperlen, die immer ungenierter an seinen Wangen herunterrannen. Im Gedränge der verregneten, feierabendlichen Metropole, wurde er immer nasser. Das Rot schien in ihm einiges zu bewegen, was er sonst gar nicht mehr für möglich hielt: „Meine Wurzeln, meine Heimat, mein Glaube…“. Jemand rempelte ihn unwirsch an und seine heißgeliebte Sonnenbrille flog von seinen Augen. Es kümmerte ihn nicht. Sowieso war sie im Regen eher unpraktisch und er raste dem seligmachenden Tuch hinterher. Später würde er diesen Moment seinen Glaubensbrüdern immer wieder als gesundes Fieber – als einen Beginn der klaren Sicht – bezeichnen. Das Tuch machte jedoch auf einmal eine wilde Biegung und plötzlich entschwand es in einem Seiteneingang mit dem Titel „Nur für Frauen.“ Jäh blieb Ömer stehen. Wie ein nasser Kristall lag eine Tekke vor ihm. Er trat zögerlich in den muffigen Haupteingang ein und sah einen großen Kreis an Muslimen, die an einem Unterricht teilnahmen. Es ging um die Reue zu Allah. Ein kleiner, runder Mann, erwähnte gerade eine Überlieferung:

Abu Abdur-Rahman ibn Umar al-Khattab (r.) berichtet, dass unser Prophet (s.) sagte: „Allah nimmt die Reue des Sünders an, bis zu seinem letzten Atemzug.“[1]

Ömer begann hemmungslos zu weinen und alles begann sich um ihn zu drehen. Er fiel auf den Boden und stützte seinen zittrigen Oberkörper mit den Armen ab. Ab da an war nur noch schwarz.

Als er langsam erwachte, lag er in einem ihm fremden Bett. Gerade trat eine junge Frau mit rotem Kopftuch ein und zündete eine Kerze im Raum an, sie rief: „Vater, er ist aufgewacht!“ und mehr in Richtung Ömer gerichtet: „Subhanallah, Sie haben aber lange geschlafen!“. Ömer Bey konnte nur ein zögerliches Nicken vollziehen. Sein ganzer Kopf brummte. Ohne auf seine Reaktion einzugehen, redete die Frau einfach weiter und zündete noch eine Kerze an: „Sie haben hohes Fieber gehabt!“. Er stammelte daraufhin leise: „Wo bin ich hier?“. „In einer Tekke, hier in Istanbul“, sagte sie überrascht. Und weiter: „Mein Vater ist der hiesige Hoca, ich stehe auch im Dienste dieser Einrichtung.“ Ein älterer, liebenswürdiger Mann trat nun in den Raum und sah gutmütig zum bettlägerigen Ömer hinunter. „Sie sind vor zwei Tagen in einem außerordentlichen Zustand hierhergekommen!“. Ömer stammelte nur noch: „…rot…, …rot…, …rot…“. Der Hoca und seine Tochter – mit dem schönen Namen Gül wie er später von ihr erfuhr – schienen ihn zu verstehen, jedenfalls sagte daraufhin die junge Frau: „Rot ist die Farbe der Liebe. Wir stehen im Dienste der Liebe zu unserem Schöpfer Allah(t)!“. Der Hoca ergänzte: „Für wen es Allah gibt, der bekommt alles und für wen es Allah nicht gibt, für den gibt es gar nichts, alles ist nichtig.“. Ausschweifend fuhr er fort: „Da der Erdenbürger das umfassendste Ergebnis des Kosmos ist, wurde in sein Wesen der Keim der Herzenswärme gelegt, die das Universum zur Erfüllung führen vermag. Doch solch eine große Liebe kann sich ausschließlich an jemand richten, der unzählbare Makellosigkeit besitzt.“. Ömer nickte lächelnd und entschwand in einen seligen Schlummer.

[1] Bei at-Tirmidhī verzeichnet

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4 Antworten auf “Das rote Kopftuch”

  1. Muhammad Ibn Maimoun

    السلام عليكم

    Ob da wohl ein Code hinter den sprachlichen und visuellen Früchte-Bildern steckt? 😉

    Jedenfalls tut es der Ästhetik des Blogs unheimlich gut!

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    • Nuruddin

      Nuruddin

      Wa alaykum salam lieber Bruder,
      Ein direkter Code nicht 😉 Ich arbeite einfach gerne mit gewissen Motiven und wiederkehrenden Farben.

  2. Mohammed Isa

    Mohammed Isa

    As-Selam Aleykum,
    In shaa Allah folgt noch mehr. Ein Genuss!

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