Türken in Berlin 1871-1945

3 Kommentare
Türken in Berlin 1871-1945 – Eine Metropole in den Erinnerungen osmanischer und türkischer Zeitzeugen
von Ingeborg Böer, Ruth Haerkötter und Petra Kappert
©2002 by Walter de Gruyter GmbH & Co. KG Berlin, 374 Seiten
ISBN 3-11-017465-0

von Yahya ibn Rainer

Lesen? Das machte mir schon in der Grundschule keinen Spaß. Kaum hatte ich gelernt wie es geht, da fand ich es auch schon blöd und langweilig. Das zog sich so durch meine komplette Jugendzeit. Nichts ödete mich mehr an, als ruhig irgendwo zu sitzen und auf ein Blatt Papier zu starren. Lesen war für mich eine suspekte Handlung. Alle guten Bücher wurden sowieso irgendwann verfilmt, und einen Film anzuschauen war einfach gemütlicher.

Während meiner gesamten Jahiliyya (vorislamischen Zeit), und dass war immerhin bis zu meinem 32. Lebensjahr, brachte ich es lediglich fertig ein einziges komplettes Buch zu lesen. Es hieß „Freddy Kruegers Nightmare on Elm Street“ und war eigentlich ein „verbuchter Film“, also genau das Gegenteil von einem verfilmten Buch. Die Freddy Krueger Filme waren damals total angesagt und ich bekam das Buch dazu geschenkt. Ich war mehr als erleichtert, als ich das Buch endlich zu Ende gelesen hatte. Danach las ich nie wieder ein Buch vom Anfang bis zum Ende …

… bis ich Muslim wurde. Es ist eines der großen Wunder, die damals mit meiner Konversion einher gingen. Ich änderte mich von Grund auf und viele Laster denen ich damals verfallen war und von denen ich dachte das sie mich im Islam sehr belasten würden, wurden wie ein Nichts von mir genommen und ich verspürte zusätzlich eine unbändige Freude am Lesen. In kürzester Zeit sammelte ich eine nicht unbeträchtliche Anzahl an Büchern und PDF-Dateien an, die ich alle nach und nach genüsslich in mich aufnahm.

Dann, wenige Jahre später, wollte ich mich mal an ein Buch trauen, welches keinen expliziten Islambezug hatte und ich wurde auch relativ schnell fündig. „Türken in Berlin“ würde wohl heutzutage eher eine Negativschlagzeile in der einschlägigen Boulevardpresse lauten. Ich war selber einige male in Berlin und durfte miterleben, wie sich einige (nicht nur) Türken dort (und leider auch anderswo) benehmen. Das ein Musik-Label namens AGGRO Berlin aus dieser Stadt stammt, ist nach meinen Dafürhalten nicht verwunderlich. Aber in dem Buch, welches ich hier heute vorstellen möchte, geht es natürlich nicht um den Türken der Gattung Alphajacke, den selbsternannten Azzlack, Abzieher und Stresser, sondern um (meist) kultivierte Studenten, Akademiker, Geschäftsleute und Diplomaten, die damals als gern gesehene Gäste das befreundete Deutsche Reich bzw die Deutsche Republik besuchten. Der Zeitraum, aus welchem die wahren Geschichten dieses Buches stammen, markiert eine Ära, in der sich zwei große Reiche gerade in einem unumkehrbaren Rückwärtsgang befanden.

Das ehrwürdige, prinzipientreue und disziplinierte Preußische Reich, dass 1871 mit dem Beginn einer tragischen Kolonialpolitik und innenpolitischer Zentralisierung den eigenen Untergang besiegelt hatte und als Deutsches Kaiserreich dann 1890 auch noch seinen eisernen Kanzler Fürst Otto von Bismarck absetzte, kostete seine letzten Jahre im alten (Ab-)Glanz aus. Und das ehemals gewaltige, glorreiche und legendäre Osmanische Reich, nur noch bekannt als der „kranke Mann am Bosporus“ und mit der sogenannten Tanzimat-Periode ebenfalls seinen Untergang einläutend, versuchte seine selbst verschuldete Rückständigkeit und die wachsenden Konflikte im eigenen Einflussbereich mit unislamischen Gesetzen und Verwestlichung der Gesellschaftsform zu bekämpfen.

In diese Zeit fallen die Geschichten von osmanischen und türkischen Besuchern in der deutschen Reichshauptstadt Berlin. Eine Zeit voller Umbrüche und rascher Änderungen, die in beiden Reichen letztendlich zum Untergang der Monarchien führte und zu einem Wechselspiel von Republik und Diktatur verkam. Ein Spiegelbild des Wandels, auch der Menschen und ihrer Prioritäten. Aus aufrichtigen, bescheidenen, disziplinierten und weltoffenen preußischen Monarchisten, wurden laute, zügellose und rassistische Nationalsozialisten und aus gläubigen, poetischen, bescheidenen und gönnerhaften Osmanen wurden verbitterte, ultranationalistische, prinzipienlose und opportunistische Kemalisten.

Am Ende bekommt jeder was ihm gebührt und das Resultat dessen können wir heute auf unseren Straßen bestaunen. Derjenige jedoch, der ein Interesse daran hegt zu erfahren, wie und wer wir gestern waren und was im Laufe dieser Geschichte über uns und unsere (Reichs-)Hauptstadt gesagt und geschrieben wurde, sollte sich unbedingt dieses Buch zu Gemüte führen.

Für mich als Deutschen, mit einem ausgeprägten preußischen Bewusstsein, ist die Lektüre dieses Buches streckenweise reinstes Balsam für die Seele, quasi ein permanentes Bauchpinseln. Wie osmanische Besucher das Land, die Stadt und die Leute umschreiben, lässt nur wage vermuten, welche schönen Eigenschaften, edlen Moralvorstellungen und starken Prinzipien der allgemeine Preuße damals gehabt haben muss … im Gegensatz zu heute.

Das Buch wartet mit vielen netten Anekdoten auf. Hier und dort wird man an Eigenheiten des Deutschen erinnert, die er auch bis heute nicht abgelegt hat. Wie z.B. die Begebenheit von der Ahmed Tevfik Berkman, dem Begründer der Radiotherapie in der Türkei, der 1917, mitten im 1. Weltkrieg, in Berlin sein Studium begann. Einen Tag nach seiner Ankunft in Berlin weiß er folgendes zu berichten:

„… Bald darauf kam Hamdi Bey, und wir fuhren mit der Straßenbahn nach West-Berlin, um eine Unterkunft in einer Pension zu suchen und mit einem Lehrer unseren Deutschunterricht zu vereinbaren. Ich hatte noch keine Gelegenheit gefunden, mir einen Hut zu kaufen. Es war regnerisches Wetter, und ich hatte meinen roten Fes aufgesetzt. Wir sprachen Türkisch miteinander. Plötzlich forderte uns eine ältere Dame in nicht sehr freundlichem Ton auf, Deutsch zu sprechen. Sofort beschloß ich, mir einen Hut zu kaufen. … Bis zum Sommersemester wollte ich  mit voller Kraft Deutsch lernen und Berlin von allen Seiten gut kennenlernen. …“

Tja, so sind sie nunmal, unsere alten deutschen Damen.

Lustig ist auch das erste Deutsche Abendbrot der bekannten türkischen Opernsängerin Saadet Ikesus Altan, die 1935, im Alter von 19 Jahren, für ihre Gesangsausbildung nach Berlin reiste.

„Das Abendessen sollte mit den beiden anderen Mietern und den Wohnungsbesitzern eingenommen werden. Doch es endete mit einer Enttäuschung und einem leeren Magen. Bei uns wurde auch abends ein ganzes Menue gegessen. Hier aber stand vor mir eine Tasse trübes Wasser als Tee und mitten auf dem Tisch eine Platte mit dünnen Broten, hauchdünn mit Butter bestrichen und belegt mit sehr dünnen halben Wurstscheiben, Sardinenstücken und Tomaten. Ich dachte, dies sei die Vorspeise  und nahm ein Brot und, als der Hausherr darauf bestand, noch eines, um nicht unhöflich zu sein, und wartete auf die Hauptspeise. Als die anderen Mieter die Platte bis auf den letzten Krümel leergegessen hatten und dann aufgestanden waren, merkte ich, daß das Essen zu Ende war. Andere Länder, andere Sitten …“

Neben solchen amüsanten Vorkommnissen, gibt es auch diverse Schilderungen, die wie eine Fusion aus Be- und Verwunderung daherkommen, wie die folgenden 3 Zitate veranschaulichen:

„Ach Deutschland! Das ist ein Amt mit vier Abteilungen: Schule, Kaserne, Fabrik und Bank! Diese vier Abteilungen gehen ineinander über, eine arbeitet für die andere – und über alle regiert das Wissen. (…) Was auch immer ein menschliches Gehirn heutzutage wissen kann, die Deutschen haben es sich angeeignet.“

(Arzt und Dichter Cenab Shahabeddin)

„Wie eine Schar Vögel ein Nest baut, so befaßt sich eine Armee Deutscher mit der Arbeit. Jeder deutsche Kopf und jeder deutsche Körper arbeitet einem Werkzeug gleich, und diese Zaubermaschine funktioniert nach einer bestimmten mathematischen Gleichung.“

(ebenfalls Cenab Shahabeddin)

„Soweit wir wissen, wird die Straße gefegt, und zwar ohne Wasser, nicht wahr? Der Chirurg Cemil Pascha führte uns vor, wie man Straßen schrubbt. Danach hat niemand je wieder gesehen, daß eine Straße geschrubbt worden wäre!

In Deutschland jedoch werden die Straßen mit Bächen von Wasser geschrubbt. Mehr noch, sie werden auch getrocknet. Doch auch damit noch nicht genug: mit Gummibesen werden sie auf Hochglanz poliert! Mutet dieses polieren auch wie eine gewöhnliche Reinigungsarbeit an, so ist es doch nicht einfach. Es gehört schon eine besondere Einstellung dazu, diese Arbeit auf allen Straßen Berlins mit derselben Sorgfalt, Regelmäßigkeit und Leidenschaft zu verrichten. Es gilt, an die Aufgabe zu glauben, sie als absoluten Befehl zu nehmen, der keine Kompromisse duldet, und sie bis auf den letzten Punkt zu erfüllen. Genauso verrichtet der germanische Straßenreiniger seine Arbeit, wie einen Gottesdienst. So sind alle Deutschen, so pflichtbewußt. Schauen Sie sich den Wachsoldaten vor dem Reichstag an, die blonden Kellner, die in den Restaurants bedienen, den Lehrer oder Professor, der pünktlich die Klasse betritt – sie alle erfüllen ihre Pflichten genau, hundertprozentig und unbedingt. Diese Art der Pflichterfüllung verdient Beachtung.“

(Ismayil Hakki Baltacioglu)

Ich würde diese Buchbesprechung am liebsten nur mit Zitaten aus dem Buch spicken, denn es gibt viele derartige interessante Passagen.

In seiner Einführung beginnt das Buch mit einer geschichtlichen Aufklärung über die deutsch-osmanischen Beziehungen, die wohl mit der Ankunft des ersten osmanischen Diplomaten (namens Mektupcu Azmi Said Efendi) auf deutschem Boden begannen, den Sultan Mustafa II. 1701 zur Überbringung „großherrlicher Glückwünsche“ zur Krönung Friedrich I. zum König von Preußen entsandte, und mit einer Kriegserklärung der Türkischen Republik gegen das Deutsche Reich zum Ende des 2. Weltkrieg endeten. Wie man lesen kann, keine sehr ehrenhafte Handlung der opportunistischen Kemalisten …

„Die Errichtung des nationalsozialistischen Regimes durch Hitler ab 30. Januar 1933 brachte keinen Wandel in den deutsch-türkischen Beziehungen. Solange die Außenpolitik sich „völkisch“ gestaltete, gab es auf türkischer Seite gewisse Sympathien. […]

Nach einem Dreierabkommen der Türkei mit England und Frankreich (Oktober 1939), unterzeichnete sie noch im Juni 1941 einen Freundschaftsvertrag mit Deutschland. Wenige Monate später sicherte ein neuer Handelsvertrag Deutschland türkische Lieferungen an Chromerz und Kupfer sowie landwirtschaftlichen Produkten mit der Gegenleistung von Kriegsmaterialien, Transportmitteln, Maschinen, Kupfererzeugnissen und Pharmazeutika zu. Die inlandische Presse hielt sich weitgehend an das oktroyierte Neutralitätsgebot.

Erst als der Krieg praktisch entschieden war, brach die Türkei im August 1944 die Beziehungen zu Deutschland ab, erklärte Deutschland noch am 23. Februar 1945 den Krieg und konnte damit als Gründungsmitglied der Vereinten Nationen zeichnen.“

Darauf folgen dann die Berichte von 35 osmanischen bzw türkischen Berlin-Besuchern, kommentiert und erklärt von den Autoren des Buches. Im letzten Kapitel gibt es dann noch Berichte von prominenten Zeitzeugen, die extra für das Buch kontaktiert wurden und in Briefen Auskunft über ihre Erlebnisse als Studenten in Berlin gaben. Diese kürzeren Berichte behandelt einen Zeitraum von 1929-1943.

Alles in allem ist dieses Buch eine wunderbare Fundgrube für Deutsche und Türken, die einen Blick in die Vergangenheit werfen wollen und Interesse an der Geschichte unserer gemeinsamen Beziehungen haben. Hier und da entlockt es ein Schmunzeln, es lässt aufhorchen, ist lehrreich und unterhaltend. Es lässt Zeugen aus einer Zeit berichten, die wir selber nicht erleben durften und zeigt auf, dass das Verhältnis zwischen Deutschen und Türken auch mal anders gestrickt war als heute.

Ich kann es nur empfehlen …

Ähnliche Beiträge

3 Antworten auf “Türken in Berlin 1871-1945”

  1. cairn

    “ Es lässt Zeugen aus einer Zeit berichten, die wir selber nicht erleben durften und zeigt auf, dass das Verhältnis zwischen Deutschen und Türken auch mal anders gestrickt war als heute.“

    Welche Erleuchtung, gibts überhaupt noch Verhältnisse die wie 1929… gestrickt sind.
    Sitzt der Autor jetzt tränengetrieft über den guten alten Verhältnissen.
    Wie war da noch früher , als die Türken vor Ofen und Wien standen .
    Was soll das werden, Geschichtsunterricht ?

    Antworten
  2. Oum Mokhtar

    In welchem Rhetorikseminar lernt man denn das: Drei Viertel des Textes (und damit nicht unbeträchtliche Teile seiner Gesamtaussage) ignorieren, und sich stattdessen auf einen winzigen Ausschnitt fokussieren, der der eigenen Absicht dienlich ist ? In diesem Fall soll wohl der Beweis für eine Affinität orthodoxer Sunniten zum Faschismus hergeleitet werden.

    Zitat: „gibts überhaupt noch Verhältnisse die wie 1929… gestrickt sind (?)“. Aus Sicht des Pragmatismus wiederholt sich Geschichte im strengen Sinne zwar nicht. Dennoch lässt sich aus Geschichte lernen. Denn jede Problemsituation, mit der wir konfrontiert werden, ist zumindest in ähnlicher Weise schon einmal aufgetreten. Anknüpfungspunkte zu 1929 gibt es derer einige. Ein bißchen Geschichtsunterricht kann da sehr erhellend wirken.

    Antworten
  3. Wunna

    Ich teile zwar nicht die Gefühlsduselei des Autors und seine Glorifizierung des preußischen Reiches, sich aber auf türkische Spurensuche zu begeben ist an sich schon interessant.
    Hätte ich von der Sonderausstellung „Türcken, Mohren und Tataren“ in Wustrau schon eher gehört, hätte ich sie mir ja mal anschauen können.
    Zumindest hat mich der Artikel mal zum Weitergooglen angeregt. Interessant fand ich den Wikipediabeitrag über die „Beutetürken“. Darin wird aufgeführt, dass unser guter alter Goethe mütterlicherseits einen muslimischen Ahnen hatte. Das ist aber noch kein Indiz dafür, dass er selbst Muslim geworden wäre.

    Antworten

Antworten