Der unaufgeregte Islamanalyst

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Die ungeschlachten Menschenmassen stolpern gegen die angebliche „Islamisierung des Abendlandes“ durch die dunklen Gassen dieses Landes. Für viele Menschen stellt der Islam eben eine aggressiv expandierende Religion, – wenn nicht gar Ideologie, – dar. In Zeiten, in denen demagogische Autoren wie Thilo Sarrazin das Ende des Abendlandes prophezeien und sogar gezielt demographische Statistiken verzerren, tut sich im Herbst diesen Jahres der Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume mit einer neuen Buchveröffentlichung hervor, in der er im sachlichen Duktus, stattdessen eine hausgemachte Krise des Islams konstatiert. Am Anfang des Buches stellt er unmissverständlich klar:

„Nein, der Islam ist noch nicht tot, doch er gleicht einem Schwerkranken, der vor Verzweiflung und Schmerz um sich schlägt. Und erst, wenn wir – Nichtmuslime und Muslime gleichermaßen – dies realistisch wahrnehmen und verstehen, besteht die Chance auf eine bessere, gemeinsame Zukunft.“ (S.8)

Auf den fast 200 Seiten des Werkes arbeitet Blume dabei einige Grundannahmen heraus, die er mit handfesten Fakten versucht zu belegen.

Vom stillen Rückzug

Der Religionswissenschaftler stellt in seiner anfänglichen Analyse einen vermehrten Rückzug von vielen Muslimen von der Religion der Wahrheit fest.- die sogenannten Fasiquun. Blume bezeichnet diesen Prozess den „stillen Rückzug“. Doch woran macht er dies fest?

„Weil aber der Islam keine Entscheidungsreligion wie das Christentum war und ist, hat sich das Verständnis von Mitgliedschaft, Staat und Religion grundlegend anders entwickelt. Dies hat Auswirkungen auf alle islamisch geprägten Nationen – sogar auf vorgeblich laizistische Republiken wie die Türkei.“ (S.16)

Muslim wird man eben nicht durch eine Taufe oder ähnlichen Initiationshandlungen, sondern durch die Geburt an sich. Es findet also keine bewusste Entscheidung für den Islam statt – wie es jedoch bei den Konvertiten der Fall ist – sondern der Mensch aus dem islamischen Kulturraum wird, wie in der Türkei automatisch, als Muslim registriert. Dieses sagt natürlich so gut wie gar nicht über die eigentliche Religiosität und seine Einbettung in religiöse Organisationsformen aus. Er schreibt:

„Es kostet ja auch nichts – nicht einmal eine Kirchensteuer oder einen freiwilligen Mitgliedsbeitrag – als Pseudo-„Muslime“ mitzulaufen und sich dabei von Moscheen anderen Versammlungen der islamisch Frommen möglichst fernzuhalten. Ich nenne diesen Ausdruck der millionenfachen inneren Abkehr vom Islam“ (S.25)

Die subjektive Wahrnehmung vieler praktizierender Muslime sieht jedoch deutlich anders aus: Gerade bei religiösen Anlässen wie dem Freitagsgebet, bersten die meisten Moscheen voller junger Männer aus allen Nähten. In den Ballungszentren der großen Städte dieser Republik zeichnen sich jedenfalls deutliche Vitalisierungsprozesse des Islams ab. Klar ist natürlich, dass dieses keine empirisch fundierten Erkenntnisse sind. Blume stellt demnach lapidar fest:

„Es behaupten zwar eher mehr Menschen, muslimisch-religiös zu sein, während immer weniger von ihnen die traditionellen Glaubenspflichten auch wirklich einhalten! Der Islam wird zu einer bloßen Bekenntnisreligion – und häufig zu einer Lippenbekenntnisreligion…“ (S.29)

Blume assoziiert dabei jedenfalls nicht in den freien Raum, sondern nimmt konkreten Bezug auf diverse Befragungsstudien auf internationaler und nationaler Ebene betreffs der wirklich gelebten Religiosität von Muslimen. Es seien als Umriss die Pew-Studie, die Befragungsstudie für die Deutsche Islamkonferenz (DIK) und der Religionsmonitor von der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahre 2008 genannt.

Bildung Bildung Bildung!

Jeder halbwegs verständige Mensch weiß wie wichtig Bildung für das Überleben von Kulturen und Zivilisationen ist. Wenn das Bildungssystem darbt, darbt im Umkehrschluss auch die gesamte Gesellschaft und die zukünftigen Generationen eines Landes. Die Folge ist Stagnation in vielerlei Lebensbereichen. Gerade in Zeiten der Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft, in der die Bildung von Mann und Frau gleichermaßen immer wichtiger wird, bedarf es in den islamischen Ländern mehr als nur religiöse Medressen, in denen rein repetitiv und unreflektiert Koranverse eingetrichtert werden. Blume benennt diesbezüglich mehrere erstaunliche Aspekte die den Bildungsrückstand in der islamischen Welt furios illustrieren:

„Derzeit werden in der arabischen Welt lediglich 330 Bücher jährlich übersetzt; etwa ein Fünftel der Anzahl von Büchern, die ins Griechische übertragen werden. Allein Spanien übersetzt pro Jahr ebenso viele Bücher, wie in den vergangenen 1.000 Jahren ins Arabische übersetzt wurden.“ (S.61)

Und weiter:

„Der gesamte arabische Raum mit über 370 Millionen Menschen erreichte 2013 rund 1.800 Patentanmeldungen. Der Kleinstaat Israel mit gerade einmal acht Millionen überwiegend jüdischen Einwohnern erreichte im gleichen Jahr 4.789 Patente.“ (S.65)

Diese dramatischen Befunde zeigen deutlich auf, dass es ein großes Bildungsproblem in der islamischen Welt gibt. Es reicht eben im 21.Jahrhundert nicht mehr aus sich auf religiöses Wissen zu beschränken. Zusätzlich müssen in unserer heutigen Zeit vermehrt Frauen in den Bildungssektor eingebracht werden. Dieses war in den früheren Glanzzeiten des Islams übrigens gang und gäbe. Kernproblem der islamischen Bildungskrise stellt laut Blume das Buchdruckverbot des Osmanischen Reichs aus dem Jahre 1485 dar. In diesem Schicksalsjahre herrschte Sultan Bayasid II. (1447-1512) über das sich expandierende Reich. Eine Schar an Kaufleuten richtete wegen einer ominösen Wundermaschine, die sie aus Europa in das Osmanische Reich einführen wollten, eine Anfrage an den Sultan: Eine Druckerpresse. Mit ihr wurde die Herstellung gedruckter Texte in unfassbarer Schnelligkeit, Masse und geringen Kosten möglich. Erkenntnisse und Schriften konnten dadurch standardisiert, vervielfältigt und verteilt werden; neue Wirtschaftszweige eingerichtet werden. Der Sultan lehnte dankend ab: Arabische Lettern drucken? Was für ein Frevel! In Europa entwickelte sich hingegen eine nie dagewesene Dynamik die das dort dominierende Christentum und die Geschichte des Kontinents ausnehmend verändern sollte.

Der Verschwörungsglaube und die Krise der Systeme

Aus dem Bildungsmangel resultiert unmittelbar eine große Anfälligkeit für Weltverschwörungen jeglicher Art und die permanente Einnahme der Opferrolle von vielen Muslimen, denn:

„Niemand urteilt schärfer als der Ungebildete; er kennt weder Gründe noch Gegengründe und glaubt sich immer im Recht.“ (Anselm Feuerbach, Ein Vermächtnis von Anselm Feuerbach)

Blume fasst dieses im folgenden Zitat sehr gut zusammen:

„Doch in den islamisch geprägten Gesellschaften haben Verschwörungsmythen – teilweise aktiv durch Regime, politische und religiöse Bewegungen verbreitet – sogar die Deutungshoheit über das Weltgeschehen gewonnen. Statt dem Vertrauen in internationale Institutionen und abstrakte Regeln sind deutliche Mehrheiten der Menschen muslimischer Herkunft weltweit überzeugt: Böse Menschen aus dem Westen reißen sich mithilfe korrupter Eliten die Öleinnahmen unter den Nagel und haben sich dazu gegen die wahren Muslime verbündet. Entsprechend steht das unterdrückte Gute (‚der wahre Islam‘, die Botschaft Gottes) einer weltweiten bösen Superverschwörung (der Freimaurer, der Zionisten, der US-Amerikaner, des Westens, letztlich des Satans selbst) gegenüber.“ (S.97f.)

Es erscheint mehr als evident, dass diese Problematiken den Geist lähmen und zu einer passiven Rolle im Weltgeschehen verleiten. Diese Prozesse hängen unmittelbar mit der tiefen und bis zum heutigen Zeitpunkt nicht aufgearbeiteten Bildungskrise zusammen. Das Konglomerat aus Bildungsrückstand und dem weitverbreiteten Verschwörungsglauben wird zudem zusätzlich durch die vorherrschenden, instabilen politischen Zusammenhänge in einer Vielzahl von islamisch geprägten Ländern befeuert. Blume meint:

„Solange die restliche (nicht nur die westliche) Welt Tag für Tag Millionen Fässer Öl importiert und damit Renteneinnahmen in Milliardenhöhe generiert, wird es in den ölproduzierenden Regionen keinen echten Frieden und schon gar keine Demokratien geben. Durch die Verbrennung von Öl und Gas verschmutzen wir nicht nur die Umwelt, sondern finanzieren auch direkt die autoritären Regime, Milizen und Terrorgruppen der Region.“ (S.83)

Ungeachtet dessen, dass die Heilige Kuh der Demokratie in diesem Buch nicht fehlen darf, erscheint es mehr als schlüssig, dass eine gewisse Befriedung der unbeständigen politischen Systeme in den islamischen Ländern für mehr Bildungsmöglichkeiten und einem erhöhten Lebensstandard führen dürfte. Es bleibt also zu hoffen, dass das Öl so langsam versiegt und die politischen Systeme gezwungen werden andere Schritte einzuleiten.

Der Nutzen und die Grenzen des Werkes

Das Buch „Islam in der Krise“ kommt gerade zur rechten Zeit: In Tagen in denen hysterische Populisten von jeglicher politischer Couleur Stimmung gegen Religion und insbesondere gegen den Islam verbreiten, braucht es ruhige Köpfe, die mit Argumenten und empirischer Genauigkeit Probleme benennen und ausformulieren. Blume leistet dazu einen wichtigen Beitrag für unsere Debattenkultur, gerade weil er erfrischende Thesen und Perspektiven auf den Themenkomplex Islam eröffnet. So fasst er gegen Ende noch einmal die Krisen des Islams folgendermaßen zusammen:

„Mangelhafte Religionsfreiheit, die Nachwirkungen des Buchdruck-Verbots ab 1485, die insbesondere arabischen Ölrentenstaaten und die auch bildungsbedingte Verbreitung von Verschwörungsmythen bilden somit ein ganzes Krisenbündel, zu dem auch der derzeit schnelle Geburtenrückgang und der (noch) überwiegend ‚stille‘ Rückzug von Muslimen aus dem Islam verfolgt.“ (S.141)

Es bleibt zu wünschen, dass diese Streitschrift mehrere Leser bekommt, sodass endlich eine differenziertere Betrachtungsweise gegenüber dem durchaus vielseitigen Islam Einzug hält. Insbesondere Muslime ist die Lektüre anzuraten, da gerade die Bevölkerungsgruppe der Muslime endlich eine kritische Perspektive bzgl. der eigenen Politiken entwickeln muss. Dies bedeutet natürlich nicht, dass man unreflektiert alle Thesen übernehmen soll, zumal auch von einem Religionswissenschaftler, der leider auch immer wieder in seinem Buch modernistische Allgemeinplätze bedient, die herrlich zeitgeistgemäß erscheinen. Ja, der Präsident der Türkei ist böse und die Salafiten sowieso blöde. Was der Religionswissenschaftler wahrscheinlich nicht sehen will: Gerade puritanisch-reformistische Orientierungen in der islamischen Theologie bieten Potentiale für freiheitliche Bildung und die Akzeptanz auch von weltlichen Ideengebungen. Im Umkehrschluss hofiert Blume tendenziös den Euroislam, da er Personen wie Ahmad Mansour, Lamya Kaddor und Mouhanad Khorchide empfiehlt. Diese stellen doch nichts als nur mittelmäßige Zeitgeistverwalter ohne Schicksal in den Augen dar! Sie haben in der deutsch-islamischen Community kaum bis gar keinen Rückhalt, weil jeder praktizierende Muslim intuitiv spürt, dass diese Personen an der Substanz der Glaubenslehre herumdoktern. Was bleibt also? Haltet am Islam fest, denn er ist so wie er in seiner religiösen Konzeption von Allah(t) festgelegt wurde perfekt! Lasst es nicht zu, dass ein paar Modernisten an der Religion herumspielen. Doch kapiert endlich, dass es Freiheit zur weltlichen Entfaltung bedarf, um Innovationen und Ideen auszuformulieren. Es ist kein Frevel weltliches Wissen zu frequentieren. Es ist außerdem kein Frevel Frauen den Weg zur Bildung zu ermöglichen. Viele Nichtmuslime werden hingegen gar nicht erst zu diesem Buch greifen wollen, weil sie eigentlich nur ihre plumpen Ressentiments mit Büchern wie von Hamed Abdel Samad – Deutschlands bekanntester atheistischer „Muslim“ – und allen anderen Sarrazins dieser Republik bedienen wollen. Und das ist schade.

Eine Leseprobe findet ihr hier

Michael Blume: Islam in der Krise. 192 Seiten, Patmos Verlag 2017. 19,00 Euro.

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Eine Antwort auf “Der unaufgeregte Islamanalyst”

  1. Imène

    As-salamu alaikum wa rahmatullahi wa barakatuh, liebe Brüder und Schwestern im Islam.

    Wie ich finde, passt die unten aufgeführte Meinung als Kommentar zum „unaufgeregten Islamanalyst“ , aber durchaus auch zur „Krise des guten Benehmens der Muslime“, denn es steht und fällt nun einmal alles mit dem, was sich jeweils in unserem Herzen befindet, was sich wiederum jeweils Ausdruck über unser Handeln verschafft…

    „Die Wüstenaraber sagten: „Wir glauben!“ Sage ihnen: „Ihr glaubt nicht. Sagt lieber: ‚Wir haben uns nur scheinbar ergeben‘ (den Islam angenommen). Der Glaube ist nicht in eure Herzen eingedrungen. Wenn ihr Gott und Seinem Gesandten gehorcht, belohnt Gott euch voll und ganz für eure Werke.“ Gott ist voller Vergebung und Barmherzigkeit.
Die wahrhaft Gläubigen (mu’min) sind die, die sich zu Gott und Seinem Gesandten bekannt haben und keinen Zweifel hegen und mit ihrem Vermögen und ihrem Leben auf Gottes Weg kämpfen. Das sind die Rechtschaffenen.“
    – Qur´an 49:14-15

    Ein Muslim sollte Gott ergeben sein. Kann es da in der Praxis ausreichend sein, wenn er bezeugt, dass es keinen Gott gibt außer Allah, der Erhabene, und dass Muhammad, Allahs Segen und Heil seien auf ihm, Sein Diener und Gesandter ist?

    Ich bin der Auffassung, dass man diese Frage mit „Nein“ beantworten kann, denn ich stelle hierzu fest, dass es sich beim Ablegen dieses Zeugnisses viel zu oft um eine bloße (kulturell bedingte) Sympathiebekundung handelt, die mit dem Zustand der „Gottergebenheit“ in der Praxis nicht das Geringste zu tun hat.

    Wie kann ich „Gott ergeben“ sein, wenn ich im besten (Basis-)Wissen um das, was Er uns Menschen abfordert, nicht danach handele, sondern heimlich mein schlechtes Gewissen darüber verwalte und mir einrede, dass sich mit Seinem Willen schon alles beizeiten zum Besseren wenden werde, oder wenn ich – schlimmer noch – dieses Wissen innerlich ablehne indem ich nicht anstrebe, es zu erlangen und bereits vorhandenes Wissen zu Gunsten meiner Neigungen abwandele und „vergesse“?

    Warum nennen sich Menschen Muslime, die außer dass sie dieses Zeugnis ablegen nicht mehr islamische Werte vertreten als der durchschnittliche Mitteleuropäer? Und manchmal, in die sogenannte muslimische Welt geschaut, nicht einmal das?

    Weshalb können diese Menschen nicht ein andere Bezeichnung für sich finden?

    Wir unterscheiden heute gern zwischen Muslimen und praktizierenden Muslimen. Für mich handelt es sich um ein Paradoxon. Jemand, der den Islam nicht praktiziert ist seinem äußeren Handeln nach so sehr Gott ergeben, wie ein ein nicht praktizierender Christ oder Jude, ein Hindu, Buddhist, Schamane oder Esoteriker.

    Denn es ist der Grad der Ergebenheit, der uns praktizieren lässt. Ich spreche hier nicht davon, dass ich am Anfang dessen stehe, was Islam bedeutet, wenn ich die fünf Säulen des Islam praktiziere und die sechs Säulen des Iman verinnerlicht habe und das damit die Gottergebenheit überhaupt erst beginnt. Nein, ich spreche davon, dass (in seinem deutschen Wortsinn) von einer Gottergebenheit in ausschließlicher Anerkenntnis des islamischen Glaubensbekenntnisses nicht die Rede sein kann.

    Das ist es auch, was meiner Meinung nach Verwirrung in der nicht-islamischen Welt hervorruft hinsichtlich dessen, was Islam und Muslim-sein bedeutet.

    Nun haben es sich die Muslime nicht selbst ausgesucht, dass sie sich den meisten islamischen Gelehrten nach mit stetigem Ablegen des islamischen Glaubensbekenntnisses Muslim nennen können.

    Das aber heißt nur, dass sie es können und dürfen.

    Weshalb aber legen sie Wert darauf?

    Oder ist es die westliche Welt, vielleicht die globalisierte Welt, an der auch die muslimische Welt Anteil hat, die so und so viele Muslime, Christen, Juden oder Mitglieder sonstiger Religionsgemeinschaften und Glaubensrichtungen deklariert?

    Würde es dann aber nicht mehr Sinn machen, diejenigen zu zählen, die eine Idee von der Bedeutung ihres jeweiligen Glaubens haben und diesen vertreten in ihrem Denken und Handeln – wenn man denn zählen muss, beziehungsweise die Dinge beim Namen benennen?

    Es könnte uns ja auch egal sein, wer sich nun Hindu oder Muslim nennt, und wer als solcher tituliert wird.

    Ist es aber offenbar nicht. Wir benötigen diese Bezeichnungen, weil unser Gegenüber etwas damit verbindet oder vielleicht verbinden soll.

    Und leider werden zum Teil die abstrusesten Dinge mit dem Ausdruck „Muslim“ verbunden, wie wir alle wissen, nicht aber unbedingt ein stiller, bescheidener, freundlicher und erfüllender Gottesdienst in allen Lebensbelangen.

    Wenn ein „nichtpraktizierender Muslim“, dem ein „praktizierender Muslim“ im seltensten Fall sein „Muslim-sein“ absprechen wird in Anerkenntnis des Konsens der Mehrheit der Gelehrten, von sich selbst behaupten würde, er sei zwar der Ansicht, dass nichts und niemand anbetungswürdig ist außer Allah, der Erhabene, und dass Mohammad, Allahs Segen und Heil seien auf ihm, Sein Diener und Gesandter ist, dass er selber jedoch bisher keinen Zugang dazu gefunden habe, die Anbetung auch ausschliesslich Allah zukommen zu lassen und sich deshalb auch nicht „Gott ergeben“ nenne, sondern „den Gottergebenen nahe stehend“, dann könnte das doch eine Lösung sein?

    Es ist ja nicht so, dass irgendeinem menschlichen Wesen seine Fähigkeit zur Gottergebenheit abgesprochen werden soll. Schon gar nicht das Vermögen dazu, diese umzusetzen. Jeder, der will, soll sich „Gott ergeben“ nennen können.

    Aber irgendwann im Leben lernt man normalerweise, inshaAllah, dass man nicht alles tun muss, was man tun kann.

    Und es ist unabdingbarer Teil der Gottergebenheit, freiwillig zu Gottes Wohlgefallen auf vieles, was wir tun könnten, zu verzichten. (Ein möglicher Anfang also…)

    Warum nicht auch, uns „Muslim“ zu nennen, wenn wir nicht praktizieren? Oder ist es ein Gefühl? Vielleicht sollte derjenige, der nicht den Islam praktiziert, sich zuallererst einmal nicht als Muslim fühlen, danach wird es sich vermutlich auch nicht als solcher bezeichnen. „Einsteigen“ kann er zu jeder Sekunde seines Lebens, in dem er sein Handeln nach der Sunnah von Gottes Gesandten ausrichtet, in kleinen Schritten – doch das Gebet sollte doch wohl schon sein als Beweis (vor sich selbst!) für den ernsthaften Versuch, sich Gott zu ergeben, ebenso wie gleich danach das Einhalten von so klaren Verboten wie der Genuss von Alkohol oder das Betreiben von Glücksspielen und der Verzehr von Schweinefleisch oder islamisch nicht korrekt geschlachteten Tieren.

    Danach wird es auch nicht mehr so leicht sein, den Islam als gesamtes zu diskreditieren, denn schlechte und unerwünschte und normalerweise von den Gelehrten klar als solche definierte Verhaltensweisen könnten dann von niemandem mehr als „islamisch“ bezeichnet werden, weil ein praktizierender Muslim die Gröbsten von ihnen, die von der Weltöffentlichkeit angeprangert werden, selbst am Anfang seines Weges im Regelfall nicht ausüben wird.

    Als Fazit sage ich, dass die muslimische Welt per se zunächst einmal nichts mit dem Islam zu tun hat und dass ich finde, dass sich dies ändern sollte, inshaAllah, indem wir versuchen beides miteinander in Einklang zu bringen. Wie? In der Besinnung darauf, dass Muslim nur sein kann, wer nach innen und außen islamische Werte lebt, innerlich und äußerlich Vorgaben und Verbote befolgt und dass derjenige, der sich dafür entscheidet, dies nicht zu tun, zunächst einmal Abstand davon nimmt, „Gottergebenheit“ für sich zu beanspruchen. Die muslimische Welt könnte eines Tages eine islamische Welt sein, auch wenn sie sich dann zunächst stark verkleinerte. Aus der Konzentration aber bestünde dann endlich (wieder) die Aussicht auf eine Stärkung der Ummah.

    Möge Allah subhanahu wa ta´ala jedem einzelnen von uns den ehrlichen Willen und die Kraft dafür geben, den Islam auf die beste mögliche Weise allein zu Seinem Wohlgefallen zu leben. Allahumamin.

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