Alfred Rosenberg über die «moslemitische Kampfbewegung»

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Dank diverser Islamkritiker ist es mittlerweile stiller Konsens, den «Islamismus» oder gar den Islam selbst mehr oder weniger stark in eine Linie mit modernem Faschismus zu stellen. Inwiefern eine sich als Gegenstand supranaturaler Offenbarung begreifende Religion mit einer materialistisch-naturalistisch-anthropozentristischen Ideologie geistesgeschichtlich gleichgesetzt werden kann, sei mal dahingestellt. Als Belege dafür dienen islamophile Zitate führender Nationalsozialisten, die sich in gleicher Art auch über andere Glaubenssysteme finden lassen.

Neulich stolperte ich über eine Passage im «Mythus des 20. Jahrhunderts», der wirren Schrift des 1946 in Nürnberg gehängten NSDAP-Ideologen Alfred Rosenberg, die von der durch Islamkritiker propagierten Nähe zwischen Nationalsozialismus und Islam/«Islamismus» wenig erblicken lässt.

So denn nun Rosenberg über die «moslemitische Kampfbewegung»:

«Äußerlich betrachtet ist die islamitische Welt heute zerklüftet: in Arabien toben erbitterte religiöse Fehden zwischen verschiedenen Sekten, die Inder von der Sorte des hilflos-pazifistischen Gandhi strecken ihm Arme im Sinne einer indisch-nationalen Verbrüderung entgegen, Angora ist nationaltürkisch geworden und weigert sich, weiter den „westlichen Arm Mekkas“ zu spielen; dazu kam die Abschaffung des Kalifats durch Kemal Pascha. Trotzdem aber erhebt sich eine von der oberflächlichen Allgemeinheit nicht genügend beachtete heftige geistige Angriffsstimmung in den islamitischen Zentren. Vor allem in Kairo. Hier wirkt die alte El-Ashar-Universität in modern propagandistische, Sinne antieuropäisch, antichristlich und züchtet eine fanatische Jugend heran. Von Kairo aus gehen viele Tausende von religiösen Werken, Hunderttausende von Flugschriften in alle Welt hinaus, welche die moslemische Geistlichkeit in Afrika und Ostasien mit Haß versorgen und einen Angriffsgeist schärfster Art predigen. (Kenner erklären, ein einziger Buchladen Kairos versende monatlich 5000 Schriften allein nach Java.) „Die Schlacht (des Islams) ist gewonnen, nur die Gegenstände haben wir noch nicht im „Besitz“, erklärt, als Echo auf diese Werbearbeit, eine große moslemische Zeitung in Madras. „Von Sierra Leone auf der einen und Borneo auf der anderen Seite fragt man uns über die Schönheit des Islams“, jubelt ein anderes Blatt in Danka. In Indien allein werden drei Koranübersetzungen vertrieben, eine davon wurde nur in Kalkutta in 20.000 Stücken in einem Jahr abgesetzt. Flugschriften in Form von Amuletten werden in Millionen Exemplaren an die Gläubigen versandt. Britisch-Westafrika zählt heute unter 16 Millionen Einwohnern 11 Millionen Moslems, Ostafrika von 11 fast 2, Togo gilt als zur Hälfte moslemisch, Nigeria zu zwei Dritteln, Holländisch-Indien weist gar von 50 Millionen Einwohnern 36 Millionen als Mohammedaner aus. Überall da, wo Rassenmischungen in den Kolonien vor sich gehen, findet der Islam unter den Mischlingen begeisterte Anhänger, während er zu gleicher Zeit den Negern ihre Freiheit durch gemeinsamen Kampf gegen Europa verspricht. Der Inder Basvani schreibt: „Ich sage auch (Europäern), seid auf der Hut! Ein alter Inder sagt: ,Hütet euch vor den Tränen der Schwachen.‘ Bereits alle Schwachen im Osten, die Hindus und Mohammedaner in Indien, Ägypten, Persien, Algier und Afghanistan leiden unter der Herrschaft des selbstischen aggressiven Imperialismus des Westens.“ Vor diesem einst vielleicht geeinigten Haß der farbigen Rassen […] haben die weißen Rassen mehr denn je alle Ursache auf der Hut zu sein.

Daß England in Suez bleibt als Schützer des nordischen Europas vor dem Einbruch Vorderasiens, zugleich aber auch, um die islamitische Kraft im Umkreis von Mekka, in Indien, Ägypten und Syrien in Schach zu halten, bedeutet also einen Akt der Selbsterhaltung Europas.»

– Rosenberg, Alfred: Der Mythus des 20. Jahrhunderts. Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit, München 1935, S. 664f. [Erstausgabe von 1930]

Dieser Auszug ist in zweierlei Hinsicht interessant für das Thema. Einerseits zeigt er, dass das Phänomen des «Islamismus» bereits in den 1920er Jahren in Europa rezipiert wurde – Rosenberg beruft sich zum Teil auf Bücher aus diesen Jahren -, zum anderen verdeutlichen sie eben, dass die heute plakativ-anklagend präsentierte Islamfreundlichkeit führender Nationalsozialisten nicht zwangsläufig aus der eigenen Ideologie stammen muss, denn Rosenbergs Kritik an der «moslemitischen Kampfbewegung» ist selber insofern ganz im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie, als dass er diese mit «Rassenvermischung» gleichsetzt. Rosenberg erkennt richtig den antikolonialistischen und dadurch aufgrund der Zeitumstände notwendigerweise antiwestlichen Impuls dieser Bewegung, den sich das Deutsche Reich im Zweiten Weltkrieg und die Sowjetunion im Kalten Krieg dienstbar machte, um den eigenen Einfluss im Nahen Osten zu stärken. Interessanterweise ergreift Rosenberg angesichts der Gefahr eines «Einbruchs Vorderasiens» sogar Partei für die Sache des angelsächsischen Kolonialismus. Man sollte sich fragen ob, nationalsozialistische Islamophilie nicht eher ein Zugeständnis an die Umstände des Krieges, als denn ein Resultat weltanschaulicher Parallelität darstellt. Zweifelsfrei erkennt man, womit allerdings ein anderes Thema berührt wird, ähnliche Tendenzen in der Zeit des Kalten Krieges, als diverse muslimische und außermuslimische Kräfte des Ostblocks versuchten, den Islam als Sozialismus mit religiösem Antlitz weltpolitisch-pragmatisch umzuinterpretieren, wobei die schwerwiegenden und ausweglosen Gegensätze zwischen Islam und Marxismus konsequent ignoriert wurden und werden.

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