Kritik der islamischen Vereinsmeierei

2 Kommentare

Die Atmosphäre im Saal ist erhaben und wohlig seit von dem Kollektiv ein Fahnenmeer geschwungen wird. Hin und wieder branden Zurufe auf und die Festlichkeit wird durch martialisch-islamische Blockbustermusik weiter geschürt. Sie haben sich versammelt, um etwas zu bewegen. Man will Elite sein und die Deutungshegemonie im innerislamischen Diskurs erstreiten. Militärischer Zack ist regelrecht in jeder Ecke des Konferenzsaals zu spüren. Alle Tagungspunkte werden folgernd mit Stechschritt durchgenommen. Emsig wie Ameisen laufen junge Männer im Einheitslook – nebst kleiner Anstecknadel – im Saal geschäftig hin und her.

Die Vereinheitlichung des Denkens – eine Paradedisziplin von politischen Bewegungen – wird erzielt mit der Hilfe einer klaren Agenda, die von der Gruppierung vorgegeben wird. Schablonenartig wird an einem technokratischen Idealtypus gezimmert, welcher der neue Kader werden soll. Dabei stellt gerade die Aktionsform von Bewegungen und Organisationen jeglicher Couleur ein ziemlich behäbiger Koloss dar. Die Geschichte hat uns gelehrt, dass die Politik nach Plan und die damit verbundenen Formierungen von Kollektiven herrlich ineffizient waren.- dieses sieht man insbesondere bei politischen Bewegungen wie dem Kommunismus verwirklicht. Schauen wir jedoch auch in die islamische Geschichte, erkennen wir, dass es immer Einzelne waren die mit bahnbrechenden Ideen in Wissenschaft, Kriegskunst und Kunst brillieren konnten.- und nicht der Retorten – Ken des Islams. Große Persönlichkeiten wie Ibn Chaldūn, Ibn Sina,  Ibn Taymiyyah oder auch al-Ghazālī sprechen für sich.

Dem gegenüber steht die Bürokratisierung des Islams in Form der beengten politischen Vereinigung. Neben der offensichtlichen Unterdrückung und Bremsung der Fähigkeiten des Einzelnen, verursachen islampolitische Organisationen eine Verallgemeinerung ihrer rein subjektiven Deutung des Islams und verarmen damit die reiche geistige Tradition des Islams. Die Kollektivität ist dabei natürlich ein bejahendes religiöses Phänomen: Der gläubige Muslim benötigt das gemeinsame Gebet und die verbindende Kraft der Tradition. Beispielhaft kann jedoch immer nur der mündige Muslim sein. Die historische Singularität der Juwelen des Islams – den Sahaba und den rechtschaffenen Gelehrten– verunmöglicht es uns in heutiger Zeit ihr Niveau zu erreichen. Die islamische Dynamik zu Zeiten unseres geliebten Propheten Muhammad (s.) lässt sich somit nicht auf unsere heutige Zeit übertragen. Was wir aber können, ist die Großen der islamischen Nation nachzuahmen und zu unserer ganz eigenen islamischen Qualität zu gelangen. Vitalität kann also nur dann entstehen, wenn der Muslim sich über die Schranken der kollektiv-politischen Ideologie erhebt und sich ausschließlich den as-Salaf aṣ-Ṣāliḥ und nicht zuletzt natürlich Allah(t) verpflichtet fühlt.

Ähnliche Beiträge

2 Antworten auf “Kritik der islamischen Vereinsmeierei”

  1. Muhammad Ibn Maimoun

    السلام عليكم

    „Was wir aber können, ist die Großen der islamischen Nation nachzuahmen und zu unserer ganz eigenen islamischen Qualität zu gelangen.“

    Das ist erklärungsbedürftig, denn „nachahmen“ und „eigene Qualität“ beißen sich zunächst.

    „…sich ausschließlich den as-Salaf aṣ-Ṣāliḥ und nicht zuletzt natürlich Allah(t) verpflichtet fühlt.“

    Ich vermute, dass dieser Satz in großer Eile geschrieben wurde. Das logische Problem, dass sich durch eine Umformulierung beseitigen ließe, stellt nicht einmal das größte Fragezeichen dar. Dieses steht nämlich in der Frage, was es konkret bedeutet, einer historischen Menschengruppe „verpflichtet“ zu sein, und wo diese Verpflichtung herkommen soll.

    Ansonsten: Vielen Dank für den schönen Artikel, der durchaus wichtige Probleme in der muslimischen Gemeinschaft (soweit man noch von einer solchen sprechen kann), anspricht.

    Antworten
  2. Nuruddin

    Nuruddin

    Wa alaykum salam wa rahmatullahi wa barakatuh,

    danke für den Kommentar. Freut mich das aus dem Artikel Nutzen gezogen wurde.

    Ich bin der Auffassung, dass das Nachahmen von lobenswerten Taten und Charaktereigenschaften kein „kopieren“ darstellt. Jeder Mensch hat seine individuelle Qualität und Note, die unmittelbar mit der Nachahmung verschmilzt. Eben die urtümlich eigene Qualität.

    Wollen wir uns nicht den frommen Vorfahren, der rechtgeleiteten Generation verpflichtet fühlen? Aus deren Verständnis von Religion nutzen ziehen? Als Muslim sind wir Allah(t) verpflichtet – in der Funktion der Dienerschaft – und folgernd auch mittelbar seinen besten Dienern.

    Antworten

Antworten