Gegen-Aufklärung

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Die wichtigste Erkenntnis, derer ein Mensch in seinem Leben teilhaftig werden muss, ist, dass er in der Tat nicht mehr ist als ein Sklave, der seinem Herrn zu jedem Augenblick, an jedem Ort und in jeder Hinsicht ausgeliefert ist. Und so ist ja auch der Kern des Menschenbildes der abrahamitischen Orthodoxie Gottes Souveränität über den Menschen als dessen Schöpfer und Herr. Freilich aber tut sich hier ein unversöhnlicher Gegensatz zum Menschenbild der Moderne hervor, die letztlich den Menschen selbst ins Zentrum jeden Denkens und jeder Erkenntnis stellt. Descartes «cogito ergo sum» ist ein Meilenstein jenes Anthropozentrismus der Neuzeit, der sich von der Philosophie auf alle Bereiche des Lebens ausgeweitet hat.

Die Herr-Werdung des Menschen, seine Emanzipation von Offenbarung und Überlieferung sind Leitmotive der Moderne. Der autonome Mensch soll ohne geoffenbarte Religion, allein durch die Bedienung seiner Geisteskraft zur Erkenntnis des Guten und Rechten gelangen. In Europa nimmt dieses Denken seinen Anfang und in der Tat erleben wir bald darauf die Dominanz der europäischen Mächte in sämtlichen zivilisatorischen Bereichen sowie über die Welt selbst.

Jedoch liegt auf dem hier eingeschlagenen Weg nicht zuletzt auch die Gefahr einer regen Selbstüberschätzung des Menschen sowie eines blinden Vertrauens in seine eigenen Fähigkeiten. Dem Verlangen nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit folgt die Revolution, der Revolution folgt die Guillotine. Diese Feuersbrunst jakobinischen Eifers ist eine der Folgen der angestrebten Herr-Werdung des Menschen. Eine andere, der feurigen Leidenschaft entgegengesetzte scheint erst in jüngerer Zeit sich zu enthüllen – Relativismus. Nachdem der menschliche Intellekt versucht hat, die Religion als Schlüssel zur Erkenntnis des Guten und Rechten abzulösen, geraten nun die Begriffe des Guten und Rechten und dementsprechend auch der Begriff des Falschen selber ins Visier, man spricht ja zunehmend von «Konstrukten». Hier sehen wir schließlich den Einsturz des errichteten Turmes der menschlichen Herr-Werdung und die zerstörerischen Auswirkungen kulturellen und moralischen Relativismusses zeigen sich uns überall in der «freien Welt» gar noch viel deutlicher. Diejenige Zivilisation, die berauscht durch ihren Wohlstand leichtfertig an den eigenen metaphysischen Pfeilern sägt, betreibt ihren eigenen Verfall.

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3 Antworten auf “Gegen-Aufklärung”

  1. Ben Adam

    Friede sei mit euch,

    Ethik: Ein umstrittenes Thema, gewiss.

    Will man ohne Religion eine Ethik auf die Beine stellen, so verweist man auf den Altruimus. In der Tat kann man dadurch einige Gebote begründen, man denke mal an die goldene Regel. Aber das ist es ja: Nur Teile, kein umfassendes ethisches System.

    Da traut sich auch nicht ein Frans de Waal, der ja ethische Handlungen bei Bonobos beobachtet hat, eine solche Ethik ohne Religion zu begründen. Guckt man sich auch 3 der 4 „apokalyptischn Reiter“ des neuen Atheismus an, so sind ihre Aussagen zu diesem Thema sehr vage: Man kann ohne Gott gut sein, es wird in Namen Gottes viel Unheil angerichtet, Altruismus halt, usw..
    Was ist mit Sam Harris? Seine Thesen sind weder neu noch bahnbrechend, und bei Theisten als auch Atheisten umstritten.

    Und: Säkulare Humanisten verleugnen es, dass sie zum Großteil von den Kerngedankengängen des Christentums beeinflusst worden sind. Dieser Meinung ist auch der atheistische Historiker Tom Holland, der sich als stolzen kulturellen Christen sieht.

    Ein komplexes aber auch faszinierendes Thema, kann nicht alles was ich dazu noch sagen möchte reinstopfen. Aber leider: Wir Gläubige setzen uns kaum damit auseinander. Humes‘ Gesetz? Naturalistischer Fehlschluss? Fehlanzeige!
    „Ist doch alles Satanswerk, diese Philosophie!“
    Nein, das können wir besser…

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    • Suleyman

      Danke für diesen aufschlussreichen Kommentar.

  2. Eine Schwester

    Mashallah, bitte mehr davon. Auch der Bruder Ben Adam hat ein paar sehr interessante Gedankengänge. Würde mich wirklich außerordentlich darüber freuen, wenn es irgendwann hier auch einen Artikel gäbe, der sich mit den „neuen Atheisten“/humanistischen Atheisten auseinander setzt, auf die ich sehr oft treffe. Ich bin nicht ganz so tief darin drin, wo die Unterschiede zwischen Dawkins und Harris bspw. liegen, darum wäre es wirklich äußerst spannend, wenn man sich dem irgendwann einmal widmen könnte inshallah. Gute Arbeit von dem Autorenteam wie fast immer.

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