Mekka oder Disney-Land? Warum nicht beides?

5 Kommentare

Die meisten Muslime bekommen von ihren Eltern eine romantische Darstellung von den heiligen Stätten des Islams in die Wiege gelegt. Dass die Realität damals wie heute eine andere ist, müssen viele erst durch einen Vorortbesuch oder über die verschiedenen Berichte aus alter und neuer Zeit erfahren.

 

Nun, es ist bekannt, dass Abfall auf den Pilgerrouten wahllos auf den Boden geworfen wird, es ist auch bekannt, dass nigerianische Prostituierte über ein Pilger-Visum einreisen, um die dortige Bevölkerung mit HIV zu beglücken. Schaut man noch ein bisschen weiter in die Geschichte, so stellt man fest, dass im Haram auch Krieg geführt wurde, der schwarze Stein der Kaaba „entführt“ und erst unter Vermittlung eines Fatimiden an seinen ursprünglichen Ort zurückgebracht wurde.

 

Mit diesen Fakten im Hinterkopf könnte man ja, wenn es um die heutige Respektsbekundung vor diesen Stätten geht, salopp mit „Ja, wenigstens schlägt man sich nicht mehr die Köpfe ein“ antworten, um die Situation zu relativieren.

 

In der Tat geht es mir auch um ein wesentlich banaleres Thema. Nämlich die Selbstdarstellung vor diesen Orten. Kitschige Eheanträge vor der Prophetenmoschee (meint man damit sicherzustellen, dass derart vermählte sich nicht scheiden lassen werden, wie es ja neuerdings vermehrt Sitte nicht nur im KSA geworden ist?), Selfies vor der Kaaba oder in der Prophetenmoschee, lustige Gruppenfotos in den Trikots der eigenen Lieblingsmannschaft.

 

Fragen, die sich jeder selber stellen möge:

 

Was genau ist denn der persönliche Sinn der Pilgerreise? Dass man zu Hause oder in der alten Heimat damit prahlen kann (was viele auch tun)?

 

Kann man diese Selbstdarstellung nicht woanders durchführen? In der Disko, in der Shisha-Bar oder bei sich zu Hause zum Beispiel? Muss man diese Orte mit den jämmerlichen Belanglosigkeiten seines Lebens degradieren? Mekka und Medina als Rummelplatz für Eitelkeiten?

 

Was kommt als nächstes? Hijab-Rap im Haram? Homophiler Poetry-Slam vor der Prophetenmoschee? Eine millionenfach auf YouTube angeklickte Break-Dance-Session auf einer Pilgerroute?

 

Ein Bruder, dem ich diese Worte vorab zukommen ließ, antwortete mir mit: „Diese Orte sind doch kein Friedhof!“.

 

In der Tat, einem Friedhof würde man auch mit viel mehr Respekt begegnen! Es verlangt auch niemand 24/7 Trauerbeflaggung, die Sache ist eine ganz andere!

 

Wenn man weder die emotionale noch die religiöse Reife mitbringt, um zu verstehen warum der Muslim die Pilgerfahrt vollführt, so möge man bitte erstmal in sich gehen und evtl. einem alten Pakistani, der sein ganzes Leben auf diesen Moment hingearbeitet und hingespart hat, den Vortritt lassen. Denn dieser wird in der Regel sehr wohl wissen, warum er diese Strapazen auf sich nimmt und was der große Sinn hinter der Pilgerfahrt ist.

 

Ein Final-Ticket für die Champions-League ist übrigens auch wesentlich günstiger als die Hajj und ja, auch da kann man sein alkoholfreies Bier per Selfie dokumentieren. Ist ganz leicht!

Ähnliche Beiträge

5 Antworten auf “Mekka oder Disney-Land? Warum nicht beides?”

  1. Abdallah

    Handelt es sich bei den Trikots um Mannschaften aus dem islamischen Raum?

    Antworten
    • Zia ul Haq

      Zia ul Haq

      Nein, sind zumeist europäische Vereine.

  2. Muhammad ibn Maimoun

    السلام عليكم

    Auf der Pilgerfahrt zeigt sich in der Tat der Zustand der islamischen Nation in einer besonders konzentrierten Dosis.

    Ich will hier nicht in Einzelheiten gehen, aber was mich am allermeisten enttäuscht hat, ist, dass weder ein Respekt vor der von Gott {erh.} erschaffenen Natur der Arafat-Landschaft noch vor ihrem religiösen Status Muslime davon abgehalten hat, diesen Ort mit Plastikmüll und leeren Getränkedosen zu verschandeln. An freiwilliges Aufräumen hat scheinbar auch keiner gedacht.

    Antworten
    • Abdur-Rahman

      Ich war vor 3 Jahren zur Hadsch. Das erste mal und wohl auch das letzte Mal in meinem Leben. Alhamdulillah! Leider muss ich zu meiner Schande gestehen, dass ich in Arafat den Müll und Dreck einfach übersehen habe. Obwohl ich normalerweise gerne auch den Müll anderer Menschen freiwillig wegräume.
      ABER: ich war nur mit Allah beschäftigt. Ich habe mich nur um Allah gekümmert. Für mich der wichtigste Tag in meinem Leben.
      Vielleicht geht es vielen Muslimen auch so wie mir in Arafat und sie „sehen“ einfach den Müll nicht.

    • Muhammad Ibn Maimoun

      @Abdur-Rahman

      Na ja, vielleicht hat es sich in letzter Zeit verbessert, das wäre ja mal ein Lichtblick.

Antworten