Der Tag beginnt mit dem Morgen

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In einer Unterführung wurde ich eines Abends Zeuge eines schönen Szenarios. Ein jüngeres Flüchtlingsehepaar mit ihren zwei kleinen Kindern kamen einem älteren deutschen Ehepaar entgegen. Sie waren offensichtlich Muslime, denn die Frau trug die islamische Bedeckung. Eines der Kinder hatte das Laufen anscheinend neu erlernt und konnte gerade noch eigenständig mit tapsigen Schritten laufen. Es war ein schöner Anblick, welches auch dem deutschen Ehepaar gefiel und mit dem Kind herzhaft versuchte zu kommunizieren. In Zeiten heutiger Probleme war dies ein selten schönes Ereignis und nachdem ich an ihnen vorbeigegangen war, hielt mein lächeln noch an. Dabei fiel mir jedoch eine Aussage der freundlichen deutschen Dame besonders auf. Es war neun Uhr abends und die ältere Dame sagte zu dem Kind in verniedlichenden Worten: „Ja bist du denn immer noch wach mein Schatz?“

Monate nach dieser Begegnung konnte ich diese Aussage nicht vergessen. „Sie hat doch eigentlich recht“, dachte ich mir selbst. Oft sehe ich in meinem muslimischen Umfeld und auch an Muslimen, die ich nicht persönlich kenne, dass ihre Kinder bis in die späte Nacht aufbleiben, um schließlich in kuriosesten Positionen in Moscheeräumen einzuschlafen, sichtlich erschöpft. Am erschöpft sein ist sicherlich nichts schlimmes auszusetzten, aber wenn ich Kinder zu Stunden um mich herumtollen sehe, an denen ich schon das Gähnen anfange, stelle ich mir die Frage, ob die Ummah nicht seinem Potential dadurch beraubt wird.

Der Schlaf zählt gewiss zu den vielen Wundern Allahs. So wundersam, dass sie im Qur’ân erwähnt wird, um bis ans Ende der Zeiten erwähnt zu werden.

<< Und Er ist es, der die Nacht zu einem Gewand für euch macht und (euren) Schlaf zur Ruhe und jeden (neuen) Tag eine Auferstehung sein lässt. >> [25:47]

<< Und ER ist Derjenige, Der für euch die Nacht als Kleidung machte und den Schlaf zum Ausruhen, und ER machte den Tag zur Auferstehung.“ >> [ar-Rûm; 23]

<< Es ist Gott (allein, der diese Macht hat – Er) der alle Menschen zur Zeit ihres (körperlichen) Todes sterben lässt und jene, die noch nicht gestorben sind, während ihres Schlafes (wie tot sein lässt): also hält er jene (vom Leben) zurück, für  die Er den Tod bestimmt hat und lässt die anderen frei für eine (von Ihm) gesetzte Frist. In all diesem, siehe, sind führwahr Botschaften für Leute, die denken! >> 39:42

<< Und er ist es, der euch in die Nacht (wie) tote sein lässt… >>

<< …und wir haben euren Schlaf zu (einem Symbol des) Todes gemacht und die Nacht zu (seinem) Gewand gemacht und den Tag zu (einem Symbol des) Lebens gemacht. >> [ an-Naba‘; 9-11]

Es gehört zur Verantwortung und Pflicht der Eltern, ihre Kinder in Hinblick auf eine gesunde Schlafdisziplin zu erziehen. Eine islamische Erziehung begnügt sich nicht damit, Kinder in ihren Schulferien in die Moscheen zu schicken und dem Imâm zu überlassen, damit sie den Qur’ân lesen lernen. Vielmehr gilt es dort anzufangen, an der auch der Qur’ân beginnt und zwar erfahren wir dies in einer Sura, die zu den ersten Offenbarungen gehört und die vierte in der Reihenfolge der Offenbarung ist. Die Bestimmungen des Islam, wie wir sie heute kennen, wurden noch nicht offenbart. Die Pilgerfahrt, das Fasten im Ramadan, die Abgabe der Zakât, die Verschleierung der Frau, die fünf täglichen Ritualgebete, all dies, ist noch keine Pflicht. Nur ein kleiner  Teil des Qur’an ist vorhanden. Der Gesandte Allahs – Segen und Frieden auf ihm – und seine Gefährten – Allahs Wohlgefallen auf ihnen – sollten in den nächsten Jahren den Qur’an in ihren Herzen tragen.

Wie beginnt nun die Vorbereitung für einen derartigen Weg? Welche Voraussetzungen mussten sie erfüllen, damit sie die Botschaft des Qur’an auf die Weise tragen können, wie es keiner nach ihnen zu tragen vermochte?

<< O du Eingehüllter!

Bleibe wach (im Gebet) des Nachts, außer einen kleinen Teil, der Hälfte davon – oder mache es etwas weniger als dies oder füge hinzu (nach Belieben); und (während dieser Zeit) rezitiere den Qur’an ruhig und deutlich, mit deinem Geist auf seine Bedeutung eingestimmt. >> [73:1]

<< Siehe, Wir werden dir eine gewichtige Botschaft erteilen… >> [73:5]

Wir denken, wir hätten einen guten Start hingelegt, indem wir unseren Kindern erst das Lesen von arabischen Buchstaben beibringen. Allah – der Erhabene – beginnt jedoch damit, von seinem Gesandten – Segen und Frieden auf ihm- und den Gefährten des Gesandten – Allahs Wohlgefallen auf ihnen – zu erwarten, dass sie es schaffen, ihren Schlaf unter Kontrolle zu bringen.

Ungefähr ein Jahr nach der Offenbarung dieser Verse, nämlich die ersten 19 Verse der Sura al-Muzammil, kam der 20. Vers herab.

<< Siehe (o Prophet), dein Erhalter weiß, dass du fast zwei Drittel der Nacht (im Gebet) wach bleibst oder die Hälfte von ihr oder ein Drittel von ihr, zusammen mit einigen von jenen, die dir folgen . Und Gott, der das Maß von Nacht und Tag bestimmt, ist gewahr, dass ihr es niemals widerwillig tun würdet; und daher wendet Er Sich in Seiner Gnade euch zu. >>

Die erste Generation der Muslime begann ihre große Aufgabe also damit, Herr über ihren Schlaf zu werden. Vorne mit dabei unser verehrter Prophet – Segen und Frieden auf ihm.

Die große Botschaft des Qur’an kam auf die Kerngruppe von Gläubigen herab, nachdem sie bewiesen hatten, dass sie, wenn es darauf ankommt, ihre Decke mit Füßen treten können.

„Morgenstund hat Gold im Mund“ mag zwar ein deutsches Sprichwort sein, aber über 1400 Jahre vor unserer Zeit, hatten wir den Propheten (s.a.s), der sagte:

Der frühe Morgen wurde meiner Gemeinschaft gesegnet. [Abu Dawud, Dschihad, 85; Tirmidhi, Buyu‘, 6]

Dies ist der Qualitätsstandard der Ummah Muhammads (s.a.s.). Es ist jedem selbst überlassen, wenn er sein eigenes Potential sabotieren möchte, indem er sich in dieser Hinsicht nicht selbst erzieht. Hier muss sich jeder selbst die Frage stellen, was passiert wäre, wenn die Gefährten es nicht geschafft hätten, in der Nacht aufzustehen? Wären sie von Allah dazu bereit erklärt worden, die weitere Botschaft des Qur’an über den Propheten (s.a.s) zu erhalten? Es muss sich jedes Elternteil auch selbst die Frage stellen, in welche Krisen sie ihre Kinder treiben, die durch mangelnde Schlafdisziplin in eine verschlafene Zukunft steuern.

An jene, die Aussagen tätigen wie: „Was ist nur aus der Ummah geworden“, und sich zu Mittagszeiten ihre gequollenen Augen reiben – Die Ummah kennt noch Menschen, die weder lesen noch schreiben können, aber trotzdem ein Leben leben, dass du nur aus Büchern kennst, nämlich ein Leben nach der Sonne und mit göttlicher Barakah.

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