Eine Einführung im Usul al-Fiqh nach ash-Shafi’i

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Eine Einführung im Usul al-Fiqh nach ash-Shafi’i

 

Erstveröffentlichung von Abu Taymiyyah 24.06.2011 

 

Ahl al-Hadith, Ahl al-Ra’y und Imam al-Shafi’i

Die historischen Schriftsteller der islamischen Jurisprudenz betonten, dass die rationalistische Schule des al-Ra’y eine Erweiterung der Schule von Saiyyduna Umar und Abdullah Ibn Masud war, welche unter den Prophetengefährten, in ihrem Gebrauch von Ra’y am weitreichendsten waren. Wiederrum wurde Alqamah al-Nakha’i (gest. 60 o. 70 n.H.), der Onkel und Lehrer von Ibrahim al-Nakha’i, davon beeinflusst. Ibrahim unterrichtete Hammad Ibn Abu Sulayman (gest. 120 n.H.), der wiederrum der Lehrer von Abu Hanifa – möge Allah wohlzufrieden mit ihm sein – war.

Dieselben Historiker hoben ebenso hervor, das die traditionalistische Schule der Ahl al-Hadith eine Weiterführung der Schule jener Gefährten war, welche sich zu sehr fürchteten den Texten der Quelltexte zu widersprechen, was sie umsichtiger in diesem Punkt machte, wobei sie nimmer weiter als die Texte gingen. Dies war im allgemeinen der Fall mit Abdullah Ibn Umar Ibn al-Khattab, Abdullah Ibn Amr al-As, al-Zubayr und Abdullah Ibn Abbas – Allahs Wohlgefallen auf ihnen.

Auf der anderen Seite erlangte die Schule der Ahl al-Ray im Irak Popularität. Die Gelehrten dieser Gruppe vertraten die Meinung, das die gesetzlichen Interpretationen der Scharia eine Basis in der Ratio haben sollten, welche das beste Interesse der Menschen in Betracht zieht und durch die erkennbare Weisheit unterstützt werden sollte.

Als Antwort einer Bitte von den Ahl al-Hadith, schrieb al-Imam al-Shafi’i sein Buch al-Hujjah in Bagdad, um die Argumente welche die Ahl al-Ray gegen ihn vorbrachten, zu widerlegen. Dann reiste al-Imam al-Shafi’i nach Ägypten, wo er die Mehrheit der Leute strikt und bedingungslos an der Meinung von Malik festhaltend, vorfand. Infolgedessen begann al-Imam al-Shafi’i eine kritische Analyse von Imam Malik’s rechtlichen Meinungen aufzustellen und befand das in manchen Fällen

„[…] er (Malik) Meinungen auf der Grundlage von einem allgemeinen Prinzip ausarbeitete während er die spezifischen Sachverhalte ignorierte; wohingegen er manchmal ein Rechtspruch auf einen spezifischen Sachverhalt darreichte und (dabei) die allgemeinen Prinzipen ignorierte.“

Ebenso befand al-Imam al-Shafi’i, das Imam Malik’s Meinung, dass der Ijma (bzw. die Praxis) der Medinenser als eine Beweisquelle betrachtet werden könne, in Wirklichkeit nicht sehr stark ist. Er schrieb ein Buch mit dem Titel „al-Ikhtilaf ma’a Malik – Unstimmigkeiten mit Malik“, worin er sich mit all den Sachen befasst, welche oben erwähnt sind.

Unter Beachtung dieser Sachen, gelang al-Imam al-Shafi’i zum Resultat, dass das Unterfangen welches am meisten die Aufmerksamkeit verdient = die Sammlung der Grundsätze der Rechtswissenschaft, die Gliederung der Grundlegenden Regeln für ihre Verwendung und die Ausarbeitung einer Quellmethode war, wodurch die Fragen des Fiqh beschlossen werden können, mittels den korrekte Rückanspruch der Rechtsgültigkeit und den maßgeblichen Formen der Beweise.
Aus diesem Grund schrieb al-Imam al-Shafi’i die Risalah und konstruierte (darin) seinen Fiqh und Rechtswissenschaftlichen Lehren auf den Fundamenten der Prinzipen und Methologien, die er in sein Buch erklärte.

Al-Imam Ahmad Ibn Hanbal – möge Allah Wohlzufrieden mit ihm sein – sagte:

„Bis al-Shafi’i kam, dachten wir nie an Sachen, wie das allgemeine und spezifische (al-Umum wa’l Khusus).“

Die Gelehrten, welche über das Thema der Geschichte des Usul al-Fiqh (Grundlagen der Rechtswissenschaft) schrieben, haben sich einstimmig darüber geeinigt das der erste Schreiber auf dem Gebiet al-Imam al-Shafi’i war und dass das erste jemals verfasste Buch darüber die Risalah war.
Al-Imam al-Zarkashi (gest. 794 n.H.) – möge Allah wohlzufrieden mit ihm sein – widmete in seinem Buch al-Bahr al-Muhit ein Kapitel diesem, worin er sagte:

„Al-Imam al-Shafi’i war der erste der über Usul al-Fiqh schrieb. Er schrieb die Risalah, Ahkam al-Quran (Gesetzliche Interpretationen des Koran), Ikhtilaf al-Hadith (Gegensätzliche Berichte), Ibtal al-Istihsan (Die Ungültigkeit des juristischen Vorzugsrecht), Jima al-Illm (Die Kongruenz des Wissens) und al-Qiyas (Analoges Argumentieren) – ein Buch worin er die Fehler der Mu’tazila diskutierte und seine Meinung bezüglich ihrer Akzeptanz des Bekenntnisses änderte (in diesem Kontext bezieht sich das Bekenntnis auf das Gericht oder bei Verträgen etc.). Sodann, folgten ihm andere Gelehrten im Schreiben von Büchern über Usul al-Fiqh.“

Al-Imam al-Juwayni – möge Allah Wohlzufrieden mit ihm sein – schrieb in seinem Kommentar zur ar-Risalah:

„Niemand vor al-Imam al-Shafi’i schrieb Bücher über das Thema Usul, oder hatte so viel Kenntnisse, wie er darüber. Es ist berichtet das Ibn Abbas etwas über die Schilderung aller Einzelheiten des allgemeinen erwähnte und das einige der anderen unter den früheren Gelehrten Verkündigungen abgaben, welche suggerieren das sie diese Prinzipen verstanden. Und doch, jene die nach ihnen kamen, sagten nichts über al-Usul und trugen dazu nichts bei. Wir haben die Bücher der Tabi’un und der dritten Generation gesehen und fanden vor das niemand von ihnen Bücher über den al-Usul schrieb.“

 

Al-Risalah und seine Kommentare

Der Lob von al-Muhaqiq al-Shaykh Ahmad Muhammad Shakir zu Imam al-Shafi’i:

هذا كتاب (الرسالة) للشافعي

 

وكفى الشافعي مدحا أنه الشافعي

 

وكفى (الرسالة) تقريظا أنها تأليف الشافعي

 

وكفاني فخرا أن أنشر بين الناس علم الشافعي


Dies ist die Risalah von al-Shafi’i

 

Es genügt als Lob für al-Shafi’i, dass er al-Shafi’i ist

 

Es genüg als Lobesrede für die Risalah, dass es von al-Shafi’i geschrieben wurde

 

Es genügt für mich als eine Ehre, dass ich unter den Leuten das Wissen al-Shafi’is verbreite.
Imam al-Shafi’i – möge Allah wohlzufrieden mit ihm sein – schrieb die al-Risalah zweimal; 1) die alte Risalah, und 2) die neue Risalah. Die alte Risalah ist jene, welche Imam al-Shafi’i – möge Allah wohlzufrieden mit ihm sein – als Reaktion auf die Anfrage von Abd al-Rahman Ibn Mahdi schrieb. Die neue Risalah verfasste er nachdem er die meisten Bücher in al-Umm fertigstellte.

Der bevorzugte Standpunkt ist jener, dass Imam al-Shafi’i die neue Risalah Imam al-Rabi diktierte. Lediglich zwei Kopien des Original Risalah wurden gefunden, nämlich die Kopie von Imam al-Rabi und Ibn Jama’ah. Unter jenen welche die Risalah aus der Kopie des al-Rabi hörten, waren al-Hafidh al-Humaydi Sahib al-Jam bayn al-Sahihan, al-Hafidh Ibn Makula, al-Hafidh Ibn Asakir, al-Hafidh Abd al-Qadir al-Rahawi und noch andere.[1]

Imam al-Shafi’s Risalah dominierte das Studium der islamischen Jurisprudenz, ab dem Moment als es erschienenen war. In Folge darauf, spalteten sich die Gelehrten in zwei Lager. Eine Gruppe, die Mehrheit der Ahl al-Hadith, akzeptierte es und verwendeten es zugunsten der Madhahib von Imam al-Shafi’i.

Einige jener Gelehrten – welche al-Shafi’i zugeneigt waren – widmeten ihr Augenmerk auf die Anfertigung von Kommentaren der Risalah von al-Shafi’i.

  • Abu Bakr Muhammad Ibn Abdallah al-Sayrafi (gest. 330 n.H.); So wird über ihm gesagt, dass er, nach al-Shafi’i, der am meist kenntnisreichste bezüglich des Usul war. Sein Kommentar wurde in al-Kashf al-Zunun, Tabaqat al-Shafi’iyyah und in der Khutab von al-Zarkashi, erwähnt.
  • Abu’l Walid al-Naisaburi Hasan Ibn Muhammad Ibn Ahmad al-Qurashi (gest. 349 n.H.). Er ist ein von Student von Imam Ibn Surayj als auch der Lehrer von al-Hakim Abu Abdullah und der Autor von al-Mustakhraj ala Sahih Muslim gewesen. Sein Kommentar wurde in Kashf al-Zunun al-Zarkashi, erwähnt. Er verstarb am Freitag, den 5 Rabi al-Awwal, 349 n.H.
  • Al-Qaffal al-Kabir al-Shashi Muhammad Ibn Ali Ibn Ismai’l. Er wurde im Jahr 291 n.H. geboren und starb im Jahr 365 n.H. Sein Kommentar wurde bei al-Zarkashi, Kash al-Zunun und in al-Tabaqat, erwähnt.
  • Al-Imam al-Hafidh Abu Bakr Muhammad Ibn Abdullah al-Shaybani al-Juzaqi al-Naisaburi (gest. 388 n.H.). Er ist der Student von Imam al-Asam und Abu Nu’aym und der Lehrer von al-Hakim Abu Abdullah und der Autor von al-Musnad alaa Sahih Muslim. Sein Kommentar wurde in Kashf al-Zunun erwähnt.
  • Abu Muhammad Abdullah Ibn Yusuf al-Juwayni, der Vater des renommierten Imam al-Haramayn; dem Lehrer von Imam al-Ghazali.

Keiner dieser Kommentare, aus denen die Gelehrten bis nach dem siebten Jahrhundert zu zitieren pflegten, sind in der Moderne (d.h. unserer Dasein Epoche) ans Licht gekommen.[1*]

 

Die Methodik von al-Shafi’i in Risalah
Al-Imam al-Shafi’i beginnt sein Buch mit der Beschreibung der Lage der Menschen vor der Entsendung des Propheten. Dabei hat er die Menschen in zwei Gruppen eingeteilt:

  • Ahl al-Kitab – Die Leute der Schrift (d.h. die Anhänger früherer Offenbarungen, die ihre Schrift veränderten und sich an rechtskräftigen Verfügungen zu schaffen machten. In Wirklichkeit verfielen sie in Kufr und versuchten dann ihre Lügen mit der Wahrheit, die von Allah offenbart wurde, zu vermischen.
  • Die Mushrikun und Kafirun – die Götzendiener und Ungläubigen (d.h. welche Götzen anstelle von Allah anbeteten)

Dann fährt er damit fort, dass Allah alle Menschen vor der Irreleitung bewahrt hat, indem Er den letzten der Propheten schickte und ihm Sein Buch offenbarte (welches die Menschen von der Verblendung des Unglaubens) zum Licht der Rechtleitung führt:
Danach diskutiert al-Imam al-Shafi’i im Detail den Status des Korans im Islam.
Es folgt ein Kapitel über al-Bayan, in welchem das Wort als Rechtsbegriff definiert und dann in Kategorien eingeteilt wird, um die Wege zu erklären, wie die Koranischen Aussagen auf Angelegenheiten mit rechtlicher Bedeutung hinweisen. Es gibt fünf solcher Kategorien:

  • Das, was Allah als spezifische Rechtsvorschrift formulierte, welche keine andere Interpretation als die wörtliche Bedeutung zulässt. Diese Kategorie von al-Bayan benötigt keine andere Erklärung als den Koran selbst.
  • Das, was der Koran erwähnt, was aber unterschiedlich interpretiert werden kann und für das die Sunna die Interpretation benennt, die zutrifft.
  • Das, was eindeutig obligatorisch ist und für das der Prophet erklärte, wie, warum, für wen, wann es anzuwenden ist und wann nicht.
  • Das, was vom Propheten erklärt wurde aber nicht im Koran erwähnt ist. Allah befahl im Koran, dass dem Propheten gefolgt werden muss. Deshalb ist das, was der Prophet (bzgl. der Religion) sagte, von Allah.
  • Das, was Allah von seinen Geschöpfen fordert, über Ijtihad[2] zu suchen. Dies ist der Qiyas[3] (juristischer Analogieschluss). Nach al-Imam al-Shafi’i ist Qiyas eine Methode, um zu einer Rechtsentscheidung zu gelangen auf der Basis von Belegen (Präzedenzfall), auf die ein allgemein benennbarer Grund oder eine wirksame Ursache benannt werden kann.

Al-Imam al-Shafi’i erklärt sodann diese fünf Kategorien in fünf separaten Kapiteln mit jeweiligen Beispielen und Belegen.
Hierauf folgen in der Risalah, die nachfolgenden Kapitel:

  • Die Allgemeingültige Proklamation im offenbarten Koran, womit „‘Am[4] (Allgemeingültigkeit)“ gemeint ist, aber den „Khass[5] (Spezialfälle, d. h. in einem bestimmten Zusammenhang, anwendbar sind; Eingeschränkt) einschließt
  • Die explizit Allgemeingültige Proklamation des Koran, was das allgemeine und das spezielle einschließt.
  • Die explizit Allgemeingültige Proklamation des Koran, was allgemein zu sein scheint, aber damit etwas völlig spezielles gemeint ist.
  • Die Kategorie von al-Bayan im Koran, mittels dessen die Bedeutung durch den Zusammenhang erklärt wird.
  • Die Kategorie von al-Bayan im Koran, dessen Formulierung die al-Batin (inbegriffene/implizierte) Bedeutung anstatt der al-Zahir (expliziten) Bedeutung indiziert.
  • Was, vom, Koran allgemein offenbart wurde, doch welches die Sunnah spezifisch als etwas Spezielles indiziert

In den oben erwähnten Kapitel, erklärt al-Imam al-Shafi’i die Gültigkeit der Sunnah als Beweis und dessen Status in der Religion. Aus diesem Grund bezog er die folgenden Kapitel mit ein:

  • Die von Allah im Koran an uns auferlegte Pflicht, die Sunnah des Gesandten Allahs zu befolgen.
  • Der Befehl Allahs den Anordnungen des Gesandten Allahs zu gehorchen, ist sowohl mit dem Gehorsam gegenüber Ihm als auch einer Unabhängigen Anordnung assoziiert.
  • Die Angelegenheiten in denen Allah den Gehorsam gegenüber den Gesandten Allahs befahl.
  • Wie Allah verständlich machte, dass der Gesandte Allahs verpflichtet war jenes zu befolgen, was ihm offenbart wurde und den Befehlen zu gehorchen, die Allah ihn auftrug; und das Allah jeden Leiten wird, der ihn (also Muhammad) folgt.

In diesem Kapitel bestätigt al-Imam al-Shafi, dass Teile der Sunnah des Gesandten Allahs sich mit dem Koran befassen und damit verbunden sind, während andere Sachen die Angelegenheiten erklären, worüber im Buche keine maßgeblichen Texte existieren.
Al-Imam al-Shafi’i zeigt, dass die Sunna unabhängig vom Koran existiert – d. h. eine zusätzliche Quelle für rechtliche Bestimmungen darstellt und nicht nur eine Erläuterung zum Koran ist – und führt auch Beweise an, die solche widerlegen, die mit ihm in dieser Angelegenheit nicht übereinstimmen.
Dann sagte er: „Ich werde erklären, was ich bereits zur Sunnah sagte, (ob) sie den Koran spezifiziert oder ob sie zusätzliche Rechtsvorschriften liefert, die nicht im Koran erwähnt werden; und dies wird zeigen, was ich oben diskutiert habe, so Allah will. Ich werde zunächst etwas zur Sunnah basierend zum Buch Allahs durch die Befassung anhand des Analogieschluss über das Thema der Sunnah in Bezug auf die Stellen des al-Nasikh (Abrogierendes) und al-Mansukh (Abrogiertes) aus dem Koran erzählen. Sodann, werde ich die Pflicht-Angelegenheiten (aus dem Koran) und der Sunnah in Bezug auf sie angeben; die Pflicht-Angelegenheiten wurden in allgemeinen Begriffen geoffenbart, die der Gesandte Allahs – Allahs Segen und Friede auf ihm – gründlich durch sein spezifizieren von Details in Bezug auf das wie und wann anfertigte; die allgemeinen Texte, die als allgemein zu verstehen seien sollen; und die allgemeinen Texte, die als speziell verstanden werden sollen; und letztendlich die Sunnah des Gesandten Allahs – Allahs Segen und Friede auf ihm –für die es keine textliche Befugnisse aus dem Buche Allah gibt.

Es folgt ein Kapitel mit dem Titel, „Der Ursprung des Abrogierenden und des Abrogiertes“, welches erklärt, dass Allah die Abrogation benutzt um die Scharia leichter und flexibler zu machen. Dieses Kapitel weist außerdem darauf hin, dass ein Vers nur von einer anderen Vers aus dem Koran; und dass die Sunnah nur durch die Sunnah abrogiert werden kann.

Sodann folgt die Erwähnung der Pflicht-Angelegenheiten des Gebets (Salah) und die Erklärung im Koran und in der Sunnah betreffend jener die entschuldigt sind es zu verrichten, und (über) jene dessen Gebet nicht akzeptiert wird, aus Gründen einiger Ungehorsamkeiten, die sie begangen haben.

Dann schreibt al-Imam al-Shafi’i über das Abrogierende und das Abrogierte, welche in der Sunnah und dem al-Ijma angegeben sind.

Im nächsten Kapitel diskutiert er die Mängel in den Hadithen und erklärt dass die scheinbaren Widersprüche zwischen Hadithen viele Gründe haben können. Sodann erläutert er einige von diesen Gründen. Beispielsweise könnte ein Widerspruch auftreten, weil ein Hadith durch einen anderen abrogiert wurde oder aber weil Fehler in der Überlieferung der Hadithe passierten. Er erklärte die Fehler welche die Gründe für die Widersprüchlichkeit in den Hadithen sein können und die vielen anderen Gründe für solches. Dann beschäftigt er sich mit den verschiedenen Arten von Verboten und erklärt, dass einige Hadithe andere Hadithe klarstellen.

Al-Imam al-Shafi’i schloss auch ein Kapitel auf das Wissen ein und erläutert, dass es zwei Arten von Wissen gibt. Die erste Art ist Allgemeinwissen, über welches jeder vernünftige, mündige Erwachsene verfügt. All dieses Wissens wird im Koran erwähnt und jeder Muslim weiß alles darüber, weil es vom Propheten zu jeder folgenden Generation übermittelt wurde. Es gibt keinen Disput hinsichtlich der Authentizität dieses Wissens und alle stimmen darin überein, dass es verbindlich ist. Allerdings ist es die Natur dieses Wissens, dass es keine Fehler in der Übermittlung oder Interpretation geben kann.

Die zweite Art des Wissens bezieht sich auf Details, die von dem Pflichten und den damit zusammenhängenden spezifischen Gesetzen abgeleitet werden. Diese sind nicht im Text des Koran erwähnt und die meisten sind auch nicht in den Texten der Sunna erwähnt, ausgenommen über einen einzelnen Prophetengefährten überlieferte Hadithe (Ahad).

Daher führt al-Imam al-Shafi’i einen neuen Begriff ein, die einzeln überlieferte Erzählung (Khabar al-wahid). Al-Imam al-Shafi’i erklärte dann, was mit diesem Begriff gemeint ist und die Bedingungen, welche festlegen, ob eine Erzählung von der einzel-individuellen Art ist oder nicht. Der Unterschied diesbezüglich zwischen Zeugenaussage (Shahada) und Bericht (Riwayah) ist der, dass es Angelegenheiten gibt, die durch einen einzel-individuellen Bericht akzeptiert werden und andere, für die der Khabar al-Wahid allein nicht ausreichend ist.

Al-Imam al-Shafi’i diskutierte dann die Beweiskraft von Khabar al-Wahid und ob solche Berichte als Belege herangezogen werden können. Seine Schlussfolgerung, bestätigt durch gesunde Argumente, dass sie tatsächlich herangezogen werden können. Demnach war al-Imam al-Shafi’i erfolgreich mit der Widerlegung aller Bedenken, die von seinen Gegnern diesbezüglich vorgebracht wurden.
Danach folgen die Kapitel über

  • Über den Ijma[6] – seine Definition und gesetzliche Autorität
  • Über den Qiyas – seine Bedeutung und Natur, das Bedürfnis danach, die Varianten des Qiyas und wer dazu fähig ist und wer nicht
  • Über den Ijtihad – wie es zuerst auf dem Koran und dann auf die Sunnah beruht; was einen richtigen und falschen ausmacht
  • Über den al-Istihsan[7] – d.h. Juristische Bevorzugung – al-Shafi’i war darauf bedacht zu erklären das es keinem Muslim erlaubt ist den al-Istihsan anzuwenden um gegen Hadithe zu verstoßen, noch das jemand irgendein Juristischen Urteil verkündet welches nicht auf dem Koran, der Sunnah, den Ijma oder al-Qiyas beruht. Auch erklärt er die Differenzen zwischen den Qiyas und al-Istihsan.
  • Meinungsverschiedenheiten bei den Gelehrten: Er zeigt auf, dass es zwei Arten davon gibt, eine Art, die erlaubt ist und eine, die nicht erlaubt ist. Die nicht erlaubte Art betrifft Dinge, die Allah in den Offenbarungstexten klar darlegt, die erlaubte Art der Meinungsunterschiede betrifft Dinge, die man verschieden interpretieren kann.

Die Risalah schließt mit einer Erklärung über al-Shafi’is Meinung zu den “Kategorien der Beweise”, welche oben erwähnt wurden ab:

„Wir gründen unsere Urteile primär auf Koran und die sicher überlieferte Sunna, hinsichtlich der es keine Kontroversen gibt und sagen: ‚Dies ist unser Urteil, nachdem wir die expliziten und impliziten Bedeutungen des Textes studiert haben.‘ Dann, wenn wir uns auf die Sunna beziehen müssen, die nur von einigen Personen überliefert ist und Dinge betrifft, über die es keine Einigung gibt, sagen wir: ‚Wir akzeptieren den Hadith, wie er ist, sind uns aber bewusst, dass es versteckte Fehler in der Überlieferung geben kann.‘ Dann folgt bei uns der Ijma und dann der Qiyas. Der Qiyas ist schwächer als der Ijma und wird nur wenn nötig angewendet, weil es nicht rechtmäßig ist, Qiyas anzuwenden, falls es eine Überlieferung über die zu betrachtende Angelegenheit gibt.“

Die autorisierten Bücher bezüglich des Usul al-Fiqh in der Shafi’i Madhhab

 

In den Grundlagen der Jurisprudenz (Usul al-Fiqh) sind zwei Methoden sehr bekannt:

  • Tariqat al-Mutakallimin (wird allgemein als die muslimischen Theologen/Scholastiker übersetzt)
  • Tariqat al-Fuqaha (Juristen)

Tariqat al-Mutakallimin ist die Methode welche von den Shafiiyyah, Malikiyyah, Hanabilah und Mu’tazila befolgt wird.
Es ist als die Methode der Mutakallimun bekannt, weil:

  • Die Autoren, welche ihre Bücher entsprechend dieser Methode schrieben, würden sie mit Diskussionen von theologischen und philosophischen Angelegenheiten beginnen.
  • Die Verwendung der deduktiven Methode in definieren der Prinzipen der Quellmethodik beim Ermitteln der Gültigkeit jener Grundsätze und in Widerlegung jener Meinungen welche sich (davon) unterscheiden), ohne viel Aufmerksamkeit den Angelegenheiten und Details zu huldigen, welche von der Anwendung dieser Grundsätze stammen.

Die Bücher der Shafiyyah, Hanabilah, Malikiyyah und Mu’tazila befolgen allesamt ein ähnliches Muster in der Anordnung ihrer Kapitel und der Behandlung des Inhalts des Buches/Gegenstandes.

Die Bücher der Shafiyyah

Al-Risalah von Imam al-Shafi’i (gest. 204 n.H.)

Al-Amad von al-Qadi Abd al-Jabbar Ibn Ahmad al-Mu’tazili (gest. 415 n.H.)

Al-Mu’tamad von Abu al-Husayn al-Mu’tazili (gest. 436 n.H.)

Al-Burhan von Imam al-Haramayn al-Ash’ari (gest. 478 n.H.)

Al-Mustafa von Imam al-Ghazali al-Ash’ari (gest. 505 n.H.)

Imam Ibn Khaldun – möge Allah wohlzufrieden mit ihm sein – erwähnte:

„Unter den besten Büchern der Mutakallimun über Usul al-Fiqh sind al-Burhan von Imam al-Haramayn und al-Mustafa von al-Ghazali von den al-Ash’arirah. Was von den Mu’tazila ist, sind al-Ahd (oder al-Amad) von Abd al-Jabbar und sein Kommentar al-Mu’tamad von Abu al-Husayn al-Basri. Diese vier Bücher sind die Fundamente und Säulen in dieser Wissenschaft.“

Al-Mahsul von al-Razi (gest. 606 n.H.), eine zusammenfassung von den oben erwähnten vier Büchern, dessen Methode es ist die Nachweise und Belege zu erwähnen.
Diese vier Hauptbücher wurden auch von  Sayf al-Din al-Amidi (gest. 630 n.H.) zusammengefasst, nämlich als al-Ihkam. Seine Methode ist es, dass er die verschiedenen Gesichtspunkte der Madhahib erklärt und er Rechtliche Angelegenheiten im Gegensatz zu Ibn al-Khatib al-Razi ableitet.

Ibn al-Hajib (gest. 646 n.H.) verkürzte al-Ihkam zweimal, nähmlich (einmal) als al-Muntahi, worauf dann Mukhtasar al-Muntahi folgte. Taj al-Subki (gest. 771 n.H.) erläuterte Mukhatasar dann und nannte es Raf al-Hajib an Ibn al-Hajib – in zwei Bändern.

Al-Hasil von al-Armawi (gest. 652 n.H.) verkürzte al-Mahsul von al-Razi,

Al-Minhaj von al-Baidawi, eine kürzung von al-Hasil. Al-Qadi al-Baidawi (gest. 685 n.H.) fasste al-Hasil in sein Buch Minhaj al-Wusul Ila Illm al-Usul zusammen; doch seine Zusammenfassung war so verkürzt, dass das Resultat wie ein Rätsel und sehr schwer zu verstehen war. Deshalb haben sich viele Gelehrten dazu verpflichtet ein Kommentar vom Buch hervorzubringen. Unter den besten dieser Kommentare ist das von al-Isnawi (gest. 772 n.H.), welches als Nihayat al-Sul betitelt ist. Dieses Buch beschäftigte die Aufmerksamkeit der Gelehrten in diesem Feld für eine lange Zeit und die Shafi Gelehrten der al-Azhar widmen sich diesem noch.
Taqi al-Din al-Subki (gest. 756 n.H.) schrieb dann ein Kommentar zu al-Minhaj, (nähmlich) al-Ibhaj bi Sharh al-Minhaj bis zur Einleitung von „al-Wajib“ (schrieb), welches von seinem Sohn Taj al-Din al-Subki (gest. 771 n.H.) vervollständigt wurde.

Unter den Shafi Gelehrten schrieb Taj al-Din al-Subki sein berühmtes Buch Jam‘ al-Jawami‘. Imam Taj al-Din al-Subki versuchte so viele Grundsätze des Fiqh zu sammeln wie möglich, er nahm sein Kommentar zu al-Muntahi (Raf‘ al-Hajib) und al-Minhaj (al-Ibhaj) zusammen und kompilierte sie als Jam‘ al-Jawami‘. In der Einleitung erwähnt er, dass er dieses Werk von einhundert verschiedenen Bücher über al-Usul zusammentrug. Viele Gelehrten schrieben dazu kommentare und fügten fußnoten zu Imam al-Subki’s Buch hinzu. Von denen eventuell das am wichtigste und weit verfügbares Kommentar Sharh al-Jalal al-Mahalli ist, welches selbst gegenwärtig die Grundlage für das Studium in al-Usul bleibt, besonders für die Shafi Gelehrten.

Badr al-Din al-Zarkashi (gest. 794 n.H.) schrieb ein Kommentar mit dem Titel Tashnif al-Masam’i. Imam al-Zarkashi schrieb auch al-Bahr al-Muhit, worin er die Unterbreitungen der Gelehrten des al-Usul von über einhundert Büchern sammelte.

Das Studium des Usul al-Fiqh ist ein riesengroßer zu erforschender Ozean. In dem Studium der islamischen Gesetze ist es wichtig den Usul al-Fiqh zu studieren, speziell für uns Shafiyyah. Denn unser Fiqh basiert auf einen al-Usul und wir sind jene welche dieses Thema als ein vollendetes Thema einführten, es entwickelten, propagierten und in die Welt verbreiteten. [7*]

 

 

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[1] Ahmad Muhammad Shakir: al-Muqaddimah von der al-Risalah

[1*] Referenz:

Dr. Taha Jabir al-Alwani: Islamic Jurisprudence

Dr. Muḥammad Hasan Hitu: Al-Wajiz fī uṣul al-Tashriʿi al-Islami

Shaykh Ahmad Muhammad Shakir: Al-Risalah mit dem Tahqiq (Überprüfung) von ihm

[2] Linguistisch/entsprießt es aus der Wortwurzel Ja-Ha-Da (جاهد), mit der Bedeutung: Eifer, Anstrengung, Bemühung Vermögen, Ausdauer; Terminologisch/al-Kamal al-Din Ibn al-Human sagte: „In der islamischen Fachterminologie bezeichnet es die Urteilsfindung eines Mudjtahid Faqih (Rechtsgelehrten), der unter Einsatz seines gesamten Vermögens zu einer speziellen Angelegenheit, wozu im Buch, in der Sunna und in dem vorhandenen Ijma (Konsens) keine absolute (Eindeutige) Aussage vorhanden ist, zu einem (im islamischen Fiqh gültigen) Resultat findet.“ [At-Tahrir, 3:291]; Abu Hamid Muhammad al-Ghazali sagte: „Wenn man so eingehend in einer Sache forscht, bis man selbst das Gefühl hat, dass man nicht mehr weiter forschen kann, d. h., dass man das Thema gänzlich erforscht hat.“ [Al-Mustafa min al-Illm al-Usul, 1:350]

 

[3] Qiyas entsprießt aus der Wortwurzel Q-Y-S (Qayasa). Es bedeutet linguistisch „zwei Sachen miteinander messen bzw. vergleichen und die Ähnlichkeit zwischen zwei Dingen feststellen. [Ibn Manzur: Lisan al-Arab] In den Büchern des Usul al-Fiqh wird der Qiyas, wie folgt definiert: „Ein Urteil zu einer Sache hervortreten lassen, über das kein Offenbarungstext (Nass) vorhanden ist, indem die Ursachen und die Gründe feststehender Urteile im Buch, in der Sunna und Ijma beachtet werden, bezeichnet man als Qiyas.“ [Abu’l Barakat al-Nasafi: al-Manar fi Usul al-Fiqh, S.22]

 

[4] Ein allgemeingültiger Ausdruck im Sinne der Usul-Gelehrten bedeutet, dass ein Umstand für eine unbeschränkte Anzahl von Individuen oder Arten gleichermaßen gilt. Beispiele: 1. unbeschränkte Anzahl von Individuen: eine Bestimmung gilt gleichermaßen für „alle Männer“ 2. unbeschränkte Anzahl von Arten: eine Bestimmung gilt gleichermaßen für „alle Menschen“

[5] Ein Ausdruck, der nur für einen eingeschränkten Fall gültig ist, bedeutet im Sinne der Usul-Gelehrten, dass ein Umstand nur für eine bestimmte Person oder eine bestimmte Art gültig ist. Angewendet auf die oberen beiden Beispiele: 1. Ein spezielles Individuum: eine Bestimmung gilt nicht für alle Männer, sondern „nur für Herrn Maier“ 2. Eine spezielle Art: eine Bestimmung gilt nicht für „alle Menschen“, sondern „nur für die Götzendiener auf der arabischen Halbinsel“

[6] Einstimmigkeit bezüglich einer Fragestellung – wer jene sind die über dessen Einstimmigkeit entscheiden gibt es eine Differenz unter den Gelehrten; manche akzeptieren lediglich den Ijma der Prophetengefährte, andere fügen dem der lauteren Altvorderen hinzu, andere den der Gelehrten und andere den der Gemeinschaft oder der Ahl al-Bayt (Familie des Propheten)

[7] Die Abweichung in einer Rechtsfrage vom Rechtsspruch ihresgleichen, wegen der Existenz eines stärkeren Aspekts, das diese Abweichung erfordert. Oder: Das Kappen einer Rechtsfrage von ihresgleichen wegen eines stärkeren Kriteriums

[7*] Islamic Jurisprudence, Dr. Taha Jabir al-Alwani
Al-Wajīz fī uṣūl al-tashrīʿi al-Islāmī, Dr. Muḥammad Hasan Hītū, First Edition 2006, Muassasah al-Riṣalāh, Beirut

 

 

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2 Antworten auf “Eine Einführung im Usul al-Fiqh nach ash-Shafi’i”

  1. Jahil

    Was ist denn damit gemeint:

    „wie das allgemeine und spezifische (al-Umum wa’l Khusus)“

    sind das eigenschaften und zustände von den Wörtern oder wie ist das zu verstehen?

    Antworten
  2. Abu Maryam Ash-Shafi'i

    @jahil

    Dies sind Bereiche im Usul al-Fiqh, so gibt es ‚Amm und Khass. ‚Amm ist die bloße uneingeschränkte Aussage. Und Khass ist jene Aussage, die ‚Amm einschränkt. Z.B. jemand sagt: „Alle meine Frauen sind geschieden…“ (dies wäre ‚Amm), dann sagt er jedoch weiter: „… außer x und y…“(dies wäre Khass). Imam ash-Shafi’i hat auch vieles diesbezüglich eben in seiner Risalah geschrieben, ebenso viele andere ‚Ulema, wie Imam al-Ghazali in al-Mustasfa, oder Imam al-Juwayni in al-Burhan, und ebenso findest du es in vielen weiteren Usul al-Fiqh Werken detailiert erklärt In Sha’a Allah. Hoffe mein Beitrag hat es dir etwas erklärt und vereinfacht….

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