Eine Replik: abgesagtes Gedenkkonzert. Beschämendes Verhalten?

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Eine Replik: Herr Gottschlich, Aghet, die Resolution des Bundestages und die historischen Ereignisse um 1915

In seinem Beitrag für die taz vom 26.10.2016 bezeichnet der Journalist Jürgen Gottschlich die Konzertabsage der Bundesregierung für das Gedenken der Opfer des angeblichen Völkermordes als ein beschämendes Verhalten. Das Konzert hätte aus seiner Sicht einen Beitrag zur Aussöhnung zwischen Türken und Armeniern beigetragen.[1]

Mein vorliegender Beitrag versteht sich als eine Antwort auf die Ansicht des Herrn Gottschlich und nicht als eine Reproduktion der Ereignisse von 1915. Mein Anliegen besteht in einem kurzen Kommentar.

Die Ereignisse von 1915 und deren politische Instrumentalisierung

Seit Jahrzehnten instrumentalisieren armenische Lobbyorganisationen das historische Leiden der osmanischen Armenier um mittels politischer Organe die historischen Ereignisse als Völkermord zu erklären. In ihrem Bestreben versuchen sie der Öffentlichkeit glauben zu machen, sie seien die ersten Opfer eines Völkermordes im 20. Jahrhundert. Überdies versuchen sie stets Parallelen zum Völkermord an den europäischen Juden zu ziehen. Das Ziel besteht hierin, die Öffentlichkeit zu manipulieren, in dem zwei vollkommen unterschiedliche historische Ereignisse gleichgesetzt werden.

Was sind die wahren Hintergründe/Umstände der Ereignisse von 1915? Die letzten Jahre des Osmanischen Reiches

Gegen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts befand sich das Osmanische Reich im sukzessiven Untergang. Die osmanische Intelligentsia suchte unterschiedliche Antworten für den Niedergang des einst so mächtigen Reiches zu finden.

Versuche, durch die Reformation des Rechts- und Militärwesen dieser Agonie entgegenzutreten, blieben erfolglos. Das Zarenreich machte Unternehmungen zum Mittelmeer und strebte nach einer Rückeroberung Istanbuls als einstiges Zentrum der christlichen Orthodoxie an. Faktoren wie das Aufleben des ethno-säkularen Nationalismus unter den osmanischen Christen als auch deren Bündnis mit den europäischen sowie zaristischen Mächten führten zu großen territorialen Verlusten auf dem Balkan. Diese territorialen Verluste wurden begleitet von Massakern, der Flucht und Vertreibung einer großen Anzahl von Muslimen. Schätzungen zufolge wurden ca. 5 – 7 Millionen Muslime unterschiedlicher ethnischer Herkunft aus dem Balkan, dem Kaukasus und Tripolitanien in das noch verbliebene Reich vertrieben.

Als die Julikrise 1914 ausbrach, befand sich das Osmanische Reich bereits seit Jahren im Kriegszustand. Dabei verlor man Libyen im Jahre 1911 an die Italiener, 1912/13 den Balkan an die christlichen Balkanvölker und den Kaukasus an den Zaren. Darüber hinaus konnten die Großmächte, insbesondere Russland, ein Autonomieprojekt im Frühling 1914 gegen die osmanische Regierung durchsetzen. Auf diese Weise sollten in den sechs Ostprovinzen trotz mehrheitlich muslimischer Bevölkerung ein Provinzparlament mit armenischer Mehrheit gebildet werden. Auf welcher Seite das Osmanische Reich in den Ersten Weltkrieg eintreten sollte, stand zu diesem Zeitpunkt noch nicht fest.

Im Herbst 1914 schlossen sich osmanische Armenier in Freiwilligenbataillonen den zaristischen Truppen an. Zwar war ihre Anzahl gering, doch stellten sie einen wichtigen Beitrag als ortskundige militärische Einheit dar. 1914/15 wurden die osmanischen Truppen in der Schlacht von Sarikamis geschlagen. Mit dem Beginn des Aufstands von Van (Mai 1915) und dem Einmarsch der Freiwilligenbataillone beginnt die umfassendere Delokalisierung der osmanischen Armenier.

Eine zweite Front der Entente-Mächte bevorzugten die Briten in Iskenderun (Januar 1915) und erhofften die Unterstützung der örtlichen armenischen Aufständischen in Kilikien. Da die Osmanen davon erfuhren, begannen sie die ansässigen Armenier im Februar 1915 nach Konya umzusiedeln.

Die zweite Front wurde am 25. April 1915 mit der Invasion in den Dardanellen (Gallipoli) gestartet. Die osmanischen Truppen siegten in der Schlacht gegen die französischen, britischen und ANZAC-Truppen.

Gibt es unter den Historikern einen Konsens zum sog. Völkermord? Ein kurzer Blick auf die Forschung

In Medien, Politik und Forschung wird das Bild eines „Völkermord-Konsens“ gezeichnet.

Dabei spielen Vahakn Dadrian[2] und sein Schüler Taner Akcam eine wichtige Rolle. Der türkische Soziologe Taner Akcam gilt als ein Vorzeigehistoriker in der Wissenschaftsliteratur zum Thema „Armenier-Völkermord“. Er gehört zu den schärfsten Befürwortern eines Völkermordes an den osmanischen Armeniern. Dafür wird er vom westlichen Establishment und der armenischen community weltweit zelebriert. Bei der Auseinandersetzung mit der themenspezifischen Forschungsliteratur wird das vermeintliche Bild eines Konsenses schnell durch andere Historiker getrübt:

Historiker wie der Franzose Maxime Gauin ( zu The Young TurksCrime against: The Armenian Genocide and Ethnic Cleansing in the Ottoman Empire[3]) oder Erman Sahin ( zu A Shameful Act: The Armenian Genocide and the Question of Turkish Responsibility[4]  und Ermeni Meselesi Hallolunmuştur: Osmanlı Belgelerine Göre Savaş Yıllarında Ermenilere Yönelik Politikalar [The Armenian Question Resolved: Policies Toward the Armenians in the War Years according to Ottoman Documents][5]) haben kritische Rezensionen zu Akcams Büchern geschrieben. Dabei werfen sie dem Wissenschaftler die bewusste Manipulation von Dokumenten, eine selektive Nutzung von Quellmaterialien und das Übernehmen von kontext-und sinnverzehrende Zitaten vor. So bin ich der Ansicht, dass jeder „aufrichtige“ Historiker Akcams wissenschaftliche Reputation in Abrede stellen wird.

Der Bundestag und der sog. Völkermord an den Armeniern

Wenn wir einen Abgeordneten fragen würden was Er/Sie über die Ereignisse von 1915 weiß und/oder welches Buch Er/Sie zu diesem Thema gelesen hat, könnten wir ihre Anzahl sicherlich an einer Hand abzählen. Die meisten Abgeordneten haben weder ein Buch zum Thema gelesen noch sonst irgendeinen wichtigen wissenschaftlichen Beitrag rezipiert. Es ist bezeichnend, dass das herrschende politische Klima, die Emotionalisierung des Themas „Völkermord“ in Deutschland, das ständige „Opfergeschrei“ der Armenier den entscheidenden Beitrag geleistet haben.

Wie kann es also sein, dass deutsche Abgeordnete einen Beschluss fassen, in der sie dem Osmanischen Reich vorwerfen, einen Völkermord begangen zu haben?

Solange Armenier und Türken ihre Geschichte schönreden und die Verantwortung für die unterschiedlichen Entscheidungen der jeweiligen Anführer – sowohl der armenischen Revolutionäre, die einen armenischen Staat gründen wollten als auch die Umstände und Bedingungen unter denen die Umsiedlung der Armenier stattfand – nicht kritisch beäugen, ist es das Anliegen ihrer Nachkommen sich kritisch mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen.

Entscheidend ist, dass es sich die Armenier zur Aufgabe gemacht haben ihre Verantwortung vor der Geschichte nicht anzuerkennen. Sie versuchen ihr eigenes Geschichtsbild durch Lobbyarbeit und politische Anerkennung in unterschiedlichen Parlamenten der Erde als einzig wahre Version der historischen Ereignisse darzustellen. Und der Bundestag ist Ihnen zu Diensten.

Warum versucht man ergo der anatolischen Bevölkerung ein bestimmtes Geschichtsbild aufzudrängen? Die Absage des geplanten Konzerts zum Gedenken der armenischen „Völkermord-Opfer“ ist ein gutes Zeichen. Ein besseres wäre der sofortige Widerruf der Armenier-Resolution, um den Historikern das Feld zu überlassen.

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[1] Kommentar „abgesagtes Gedenkkonzert Beschämendes Verhalten“ von Jürgen Gottschlich

[2] Zur Kritik an Dadrian. Siehe: Lewy, Guenter: Der armenische Fall: Die Politisierung von Geschichte Was geschah, wie es geschah und warum es geschah, Klagenfurt/Celovec, Wieser Verlag, 2009.

[3] Review Essay“Proving”a“Crime against Humanity”?, Journal of Muslim Minority Affairs, 2015 Vol. 35, No. 1

[4]Review Essay: A Scrutiny of Akçam’s Version of History and the Armenian Genocide“, Journal of Muslim Minority Affairs, Vol. 28, No. 2, August 2008

[5]Review Essay: The Armenian Question,” Middle East Policy, XVII-1, Spring 2010.

 

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3 Antworten auf “Eine Replik: abgesagtes Gedenkkonzert. Beschämendes Verhalten?”

  1. Yahya Jens Ranft

    Yahya Jens Ranft

    Es gibt von einem deutsch-französischen Konvertiten namens Muhammad Adil Schmitz du Moulin einen Text von 1904, in seinem Buch „Der Islam“. Er schildert darin die Anfänge des Konfliktes und nennt einige Thesen über den Ursprung. Recht interessant im historischen Vergleich:

    Buchauszug: Schmitz du Moulin – Zum Konflikt zwischen Armeniern und dem Osmanischen Reich (1894–1896)
    http://www.al-adala.de/Neu/buchauszug-schmitz-du-moulin-zum-konflikt-zwischen-armeniern-und-dem-osmanischen-reich-1894-1896/

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  2. Mohammed Isa

    Mohammed Isa

    Am 22 April 2017 behauptete Taner Akcam in der New York Times [1] ein richtungsweisendes Dokument gefunden zu haben mit der er endgültig darlegen würde das der Osmanische Staat die Intention der Vernichtung hatte. Das Dokument wäre „the smoking gun“ und es würde ein Erdbeben in der Forschung auslösen
    Dies widerlegte der irische Historiker Sean Patrick Smyth. Er bewies, dass dieses Dokument seit den „Istanbuler Prozessen“ bekannt ist und in der Forschungsliteratur seit den 80ern, insbesondere von Verfechtern der Genozid-These, genutzt wird. In seiner Kritik wies er auf die Fragwürdigkeit der Authentizität hin, stellte Akcams Interpretation infrage und ordnete Bahattin Sakir und seine Rolle in den historischen Kontext ein. Und wiedereinmal hat sich gezeigt das der Märchenerzähler Taner Akcam kein ernstzunehmender Wissenschaftler ist.[2]

    [1] ‘Sherlock Holmes of Armenian Genocide’ Uncovers Lost Evidence‘ https://www.nytimes.com/2017/04/22/world/europe/armenian-genocide-turkey.html
    [2] FROM SMOKING GUN TO MUDDIED WATERS: THE ALLEGED TELEGRAPH OF BAHAEDDIN ŞAKIR http://avim.org.tr/en/Analiz/FROM-SMOKING-GUN-TO-MUDDIED-WATERS-THE-ALLEGED-TELEGRAPH-OF-BAHAEDDIN-SAKIR

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  3. Mohammed Isa

    Mohammed Isa

    Die Istanbuler Prozesse

    „Man hat die Kriegsgerichte der Nachkriegszeit in Istanbul, welche die Führung des Komitees für Einheit und Fortschritt wegen Verbrechen gegen die Armenier anklagte, überbewertet. Nach allem, was man liest, war der hauptsächliche Grund dafür, Militärtribunale einzuberufen, der Druck der allierten Mächte, die auf Vergeltung für das Töten der Armenier bestanden. Die osmanische Regierung jener Zeit hoffte auch auf eine mildere Behandlung bei der Pariser Friedenskonferenz, wenn sie die Schuld auf wenige Mitglieder des Komitees für Einheit und Fortschritt schob.
    Unter diesem Druck waren die Verfahren kaum maßgeblich als Gremien zur Ermittlung von Fakten. Zum Beispiel fehlten den Gerichten die grundsätzlichen Voraussetzungen eines ordentlichen Prozesses. Das Recht auf Kreuzverhör wurde nicht anerkannt. Der Richter wog dem mutmaßlichen Wert aller Beweise ab, die während der Vorbereitungsphase und des Gerichtsverfahrens vorgebracht wurden, und er verhörte die Angeklagten. Bei den Verfahren von 1919/20 agierte der vorsitzende Beamte eher wie ein Strafverfolger als ein unparteiischer Richter. Der Verteidigung wurde der Zugang zu den Ermittlungsakten im Vorfeld des Verfahrens verwehrt, und sie durften ihre Mandanten nicht zu den Befragungen vor dem Verfahren begleiten. Auch wenn Anklage wegen Misshandlung von Armeniern erhoben wurde, war die Mehrheit der Anklagen und Verurteilungen durch politische Vergeltung motiviert, die sich nicht auf Verbrechen gegen Zivilisten bezog, sondern auf das Management oder Missmanagement des Krieges, wie aus den Mitschriften des Gerichtsverfahrens hervorgeht. Vier Mitglieder des wichtigsten Militärtribunals wurden später von der Regierung verhaftet, weil sie gegen das gerichtliche Vorgehen verstoßen hatten. Der letzendliche Wert der Beweise ist am besten durch einen einzigen Punkt einzuschätzen: Als die britische Regierung beschloss, Gerichtsverfahren gegen angebliche osmanische Kriegsverbrechen auf Malta abzuhalten, neigte sie dazu, jeden Beweis zu verwenden, der bei den Kriegsgerichten von 1919/20 zum Vorschein gekommen war.“
    [Güclü, Yücel: Der Holocaust und der Armenische Fall im Vergleich, S. 23 – 25]

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