„Mein Leben als IS-Sympathisant“ – Gastbeitrag, 4. Teil

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Wir kommen nun, nach dem bisherigen dramatischen, traurigen Höhepunkt der Reihe in deren dritten Teil zum vierten, in dem Umeyr Bilanz über das Denken der jugendlichen IS-Sympathisanten zieht. Dazu beschreibt er uns die Ansichten zweier junger Kämpfer, mit denen er damals über soziale Medien in Kontakt stand. Außerdem geht er ausführlich auf seine eigene damalige geistige Verfassung ein, bevor er uns im nächsten, fünften Teil vom Beginn seines Loslösungsprozesses berichten wird, in shâ’a_Llâh.

 

Bismi_Llâhi_r-Rah°mâni_r-Rah°îm

Wa-l_h°amdu li-Llâhi Rabbi_l-3âlamîn(a), wa-s°alâtu_Llâhi wa-salâmuhû 3alâ rasûlihi_l-karîm(i).
Ash.hadu an lâ ilâha illâ_Llâh(u) wa-anna sayyidanâ Muh°ammadan 3abduhû wa-rasûluh(û).
As-Salâmu 3alaykum wa-rah°matu_Llâh.


Zur Erinnerung: Im ersten und zweiten Teil berichtet uns Umeyr über seine Radikalisierung im Sommer 2014, und wie es ihm, während eines Sommeraufenthalts bei den Verwandten in der Westtürkei, fast ge“glückt“ wäre, mit einem anderen IS-Sympathisanten zur ISIS auszureisen. Im dritten Teil erfahren wir mehr über das völlig erschütternde Schicksal zweier junger Paare aus seiner Verwandtschaft, die ihre Ausreise zur ISIS teuer bezahlen müssen. Alle diese lohnt es sich unbedingt zusätzlich zu dem unteren zu lesen.



Liebe Geschwister im Islam und liebe Nichtmuslime

niwelt2Vorab möchte ich sagen, dass der Gründer von NIWelt, der Herr Abdullah Kaya, ein Lügner und Betrüger, nach unserer Widerlegung gegen ihn und seiner Behauptungen, ich hätte mir vieles ausgedacht, zum Schweigen gebracht worden ist. Bis heute hat er es nicht annähernd geschafft, uns zu widerlegen, obwohl er nach seinen Worten die Widerlegung der ersten beiden Teile und unserer Antwort in „NIWelt blamiert sich und ihre Khilafah“ schon vor über zwei Wochen geschrieben haben will.

In diesem vierten Teil werden wir viel mehr über die Erfahrungen und Ansichten meiner Kontaktpersonen in Syrien sprechen, nicht über mein alltägliches Leben, denn der Monat November brachte hier keine Veränderungen, besonderen Geschehnisse usw. Aus dem Grund werden wir auf meine 2 Kontakte(Auswanderern) in Syrien eingehen, ihre Erfahrungen dort bis zum November, ihre Gefühle und Sympathie zum IS. Außerdem möchte ich ein bisschen von meinem damaligen Denken erzählen, weil ja im folgenden Monat Dezember bereits die großen Zweifel begannen und so der Umschwung seinen Anfang nahm.

 

Kontakt Nummer 1

daesh-ramadanSoweit ich mich noch an ihn erinnern kann, würde ich  ihn so beschreiben: Ein männlicher Jugendlicher, 17 Jahre alt und kommt aus Österreich. Er ist arabischer Herkunft. Die Person hat nur eine geringe Schulbildung genossen, verließ die Schule in der 7. od. 8. Klasse. Bevor er sich zur Hijrah aufmachte, war er arbeitssuchend. Er ist wohl jemand, der in der Kindheit und Jugend immer weiter in falsche Kreise geriet. Religiöse Bildung besaß er gar nicht und praktizierte den Islam damals erst seit ungefähr einem Jahr. Seine Hijrah zum IS vollzog er in dieser Zeit, von Oktober bis November 2014. Seinen Standort im IS-Gebiet würde ich in der Nähe von Raqqah vermuten. Über den IS erzählte nur gutes: Dass der Islam von ihnen richtig praktiziert werde (Achtung: er konnte das eigentlich nicht beurteilen, denn er hatte ja keine religiöse Bildung genossen) und dass der IS sich um die Bevölkerung materiell gut kümmere. isis_manbijEr war nahezu begeistert und hielt die Hijrah für das Beste, was er in seinem bisherigen Leben unternommen hatte. Aus meiner Sicht würde ich sagen, dass seine Hijrah hat ihn zum negativen entwickelt hat. Denn erst in Syrien hat er eine regelrecht barbarische Haltung angenommen, was die Kriegsführung angeht. So befürwortete er die Massenabschlachtung von Sufis und überhaupt von Muslimen mit von denen des IS abweichenden religiösen Ansichten. Alle, die gegen den Islamischen Staat eingestellt waren, galten ihm als Juhhâl (Achtung: er selber hatte keine religiöse Bildung genossen!) und hatten vom Islam gar keine Ahnung und auch nicht von der Lage in Syrien. Zusammenfassend kann man sagen, dass dieser Kontakt von mir vom IS zu diesem Zeitpunkt voll und ganz begeistert war.

 

Kontakt Nummer 2

isis_soldiersRückblickend würde ich schätzen, dass er noch unter 25 Jahren war. Er war arabischer Herkunft und kam aus Deutschland. Was seine Bildung angeht, würde ich vermuten, dass er ein Gymnasium besucht und das Abitur erlangt hatte. Er vollzog die Hijrah im September oder Oktober. Vor seiner Hijrah war er sehr radikal drauf, erklärte seine ganze Familie zu Abtrünnigen und hasste jeden, der nicht mit seiner Einstellung in Einklang war. Er liebte den Islam – so wie er ihn verstand – über alles. Er hatte über längere Zeit religiöse Bildung genossen – über 10 Jahre Quran-Schule – und dort sehr viel gelernt. Er recherchierte aber viele Fragen selbstständig in Büchern und ging mit dieser Forschung auf eigene Faust gründlich in die Irre. In Syrien wurde er nicht mehr radikaler, denn das war er schon, als er dort hinging. Nach der Hijrah hatte er die gleiche Gesinnung wie vorher, bloß dass er seine Worte jetzt wahr machte.

Mein Weltbild

Um mein damaliges Weltbild euch besser verständlich zu machen, nenne ich euch gewisse Ansichten die ich damals hatte:

14716350_195300790910676_1057311244627977654_n1. Nichtmuslime betrachtete ich gemäß der IS-Ideologie: Alle im Westen seien dem Islam feindlich gesinnt und bekämpften ihn. So war ich Nichtmuslimen gegenüber in der Regel selber feindselig eingestellt.

2. Die breite Masse der Muslime: Nach meinem Weltbild waren die meisten Muslime auf Kufr und Shirk, auf Bâtil und Bid’ah. Die meisten Gelehrten waren Diener des Tâghût und daher, entsprechend der IS-Ideologie, Kuffâr. Im Islamverständnis abweichende Gruppen gehörten abgeschlachtet.

3. Anschläge im Westen: Anschläge im Westen habe ich natürlich begeistert begrüßt, wie den Mord an den Leuten von Charlie Hebdo, sowie die weiteren kleineren Angriffe. Ich sah das Blut aller Menschen die im Westen leben als halal an, unabhängig von ihrer Religion.

4. Alle anderen kämpfenden Gruppierungen waren für mich Kuffâr: auch wen ich ihren „Kufr“ gar nicht näher kannte oder begründen konnte, habe ich den Takfir auf sie gesprochen und sie als von der Religion Abtrünnige betrachtet.

5. Die Kurden und ihre kämpfenden Gruppen: Ich feierte jeden toten PKK- und YPG-Kämpfer auf eine Art und Weise, wie ich bei keinem anderen Anlaß zuvor getan hatte. Jedes verfügbare Foto und jedes Video von toten Kämpfern dieser Organisationen habe ich mir heruntergeladen und weit herumgezeigt. Dazu habe immer gesagt, dass es der IS im Gegensatz zur türkischen Armee richtig mache. Massenexekutionen habe ich auch richtig gefeiert.

6. Kopf-ab-Propaganda: Ich liebte diese Propaganda, ich liebte es zu sehen, wie die Köpfe dieser Menschen rollten. Ich liebte es, sie in Massen sterben zu sehen. Die Propaganda des „Islamischen Staates“ war damals noch perfekt für mich.

Die Propaganda des „Islamischen Staates“ und seiner Propagandisten und Sympathisanten ist natürlich attraktiv und verführerisch, zugleich aber sehr schädlich. Sie verleitet die Jugend mit der Aussicht auf ein besseres Leben, auf Märtyrertum und dem vermeintlichen Streben nach etwas höherem; aber gleichzeitig verroht sie die Jugendlichen gezielt durch ihre Videos. Wenn man diese Videos konsumiert, wird man schließlich in Bezug auf das Leben und Sterben von Menschen und deren elementare Rechte ganz kalt. Man hat kein Problem mehr damit, Menschen regelrecht abzuschlachten, sie weinen und betteln zu sehen. So erging es mir jedenfalls, ich wurde zunehmend kälter und befand mich immer mehr in einem richtigen Blutrausch, wollte nur noch Blut und Tote sehen. Ich hatte keinen Respekt vor Menschenleben, dies hatte bei mir keinen Wert mehr. In meinem ganzen Leben war ich nicht so drauf, außer in meiner Zeit als Sympathisant des „Islamischen Staates“.

 

Demnächst möchte ich Euch über die Entwicklungen bei mir im Dezember 2014 berichten. Damals kam der wahre Charakter der „Dawlah“ immer mehr zum Vorschein, denn die ersten richtig negativen Berichte verbreiteten sich unter jihadistisch orientierten Muslimen. Mehr und mehr ihrer Lügen wurden aufgedeckt, und mehr und mehr Zweifel an Baghdadi kamen bei mir hoch.

 

Angesichts des Beginns der Schlacht um Mosul möchte ich Euch wieder bitten, Euch meinem Bittgebet anzuschließen:

„Oh Allah, schütze die Muslime in Syrien und Irak und alle an den jetzigen Wirren unschuldigen Menschen vor dem Übel und den Fitan aller Kriegsparteien und belohne all jene, die sich DIR jetzt reuevoll zuwenden, mit dem höchsten Lohn, insbesondere wenn sie ihr Leben oder ihre Lieben oder ihre Gesundheit oder ihr Heim verlieren.“

 

Diesem Bittgebet, dem ich, Abdussalam bin Abdillah, mich selbstverständlich anschließe, möchte ich ein weiteres hinzufügen, zu dem ich auch die Leser einlade:

„Oh Allah! Kein Mensch war je mitfühlender den Muslimen dieser Ummah gegenüber als DEIN Gesandter Muhammad ibn Abdillah (sAs), so erbitte ich das von DIR, was er (sAs) für die Muslime und die unschuldigen Menschen in Irak und Syrien und besonders in der Frontnähe und im ISIS-Gebiet erbeten hätte, wenn er (sAs) Zeuge dieses Unglücks geworden wäre.“



Zum ersten, zweiten sowie dritten Teil des Berichtes von Umeyr

Als besondere Leseempfehlung und Ergänzung zum 1. Teil: „Niwelt blamiert sich und ihre Khilafah“


Staat_voll_auf_HackAn diesem Bericht sehen wir, über welche furchtbaren Waffen die heimtückische Propaganda der ISIS verfügt. Diese stützt sich natürlich im wesentlichen auf den engen Wissens- und Erfahrungshorizont der Jugendlichen und zielt daher insbesondere auf solche mit geringer religiöser Vorbildung und allgemeinem, insbesondere historischem Wissen. Zweitens appelliert sie, entgegen der Beteuerungen, für „Jannah“ und den Weg dorthin zu werben, an niederste Instinkte, insbesondere die Gewaltbereitschaft emotional völlig unreifer junger Menschen unter Testosteron-Überschuss (gilt, unbekannterweise, auch für die Mädchen) bei sexueller Frustration. Welche letztere mit der Aussicht auf Sklavinnen bzw. Heirat ja auch angesprochen wird. Drittens wird mit der Gewaltpropaganda, auch dem Herausstellen muslimischer Opfer, eine extreme Stresssituation bei den Dauerkonsumenten produziert und der erwünschte Tunnelblick weiter verschärft.


niwelt1Viertens, und das erwähnt unser junger Berichterstatter nicht, dient natürlich die völlige Nachrichtensperre und sorgfältige Dosierung jeglicher Nachrichten von ihrer Seite den ISIS-Machern als wichtiger Schirm für ihre maßlosen Verbrechen. Sie ähneln darin allen totalitären Projekten der letzten hundert Jahre extrem, was wieder nur demjenigen auffällt, der die Zeitgeschichte ein wenig genauer studiert.


In diesem Bereich nutzen sie dann auch wieder völlig skrupellos die in wesentlichen Bereichen des islamischen Rechts vollständige Unbildung ihrer Anhänger. Es geht hierbei im wesentlichen um die Regeln für die Bewahrung der öffentlichen Amânât (Treuhänderschaft des Staates), die ja z.B. eine Geheimhaltung der wesentlichen Vorgänge des Rechtswesens völlig verbieten.

Und so hat auch Umeyr mir gegenüber mehrfach betont, wie wichtig für ihn das Nachlesen anderer islamischer Rechtsmeinungen für ihn beim Prozess der ideologischen Loslösung von ISIS war. Klassischer Rechtsmeinungen, wohlgemerkt, da es sich bei ISIS auch, wie bei den klassischen Khawârij, um ein durch und durch revolutionäres Projekt handelt, eines der Einführung bzw. Verankerung von Bida’ât in wichtigsten Bereichen, u.a. im Umgang mit dem Leben von Muslimen oder der Ahli_dh-Dhimmah.

 

Alle Fotos sind meines Wissens aus der „Public Domain“.



LINKS zu Beiträgen hier auf dem Blog zum Themenkomplex ISIS sowie insb. zum ‚Predigerstreit‘:

  1. Umeyrs Bericht von seiner „Leben als IS-Sympathisant“: Teil 1 und Teil 2 sowie Teil 3
  2. Eine Rezension dazu und meine Antwort: „NIWelt blamiert sich und ihre Khilafah“
  3. Filmberichte aus und über ISIStan
  4. Umeyrs „Fragen eines Ex-IS-Sympathisanten an ‚Abu Walaa'“
  5. „Abu Walaa“’s ISIS-SeminarAnkündigung und Folgeentwicklungen
  6. Dokumentation Predigerstreit (Pierre Vogel vs. „Abu Walaa“
  7. Einiges von „Dawa-Pics“ und falscher „Gottergebenheit“
  8. Eine Internet-Begegnung mit ISIS-Befürwortern
  9. „Loewenkundliches Magazin“ mit dem Thema „Verdummung bei Islamisten“


Kommentare und Leserbriefe sind erwünscht. Allerdings sollte nach wie vor auf das bei mir speziell geltende Regelwerk, auch im Lichte einer neueren Erläuterung und ihrer aktuellen Ergänzung hier unten, be- und geachtet werden. Insbesondere bitte ich aufgrund leidvoller Erfahrung alle Kommentatoren um die Erwiderung des Friedensgrußes ggf. in jedem Kommentar.
Leser- und insbesondere Beschwerdebriefe können auch gerne per Email eingereicht werden. Die Adresse findet sich in meinem Autorenprofil.


Wa-Llâhu a3lamu dâ’iman wa-nastagfiru_Llâha wa-natûbu ilayh(i).
Wa-s-Salâm.

 

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