Ein muslimisches Plädoyer für die Gewerbefreiheit

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Immer wieder vernehme ich unter Muslimen Empörung darüber, dass man es als Muslim – und besonders als kopftuchtragende Muslima – schwerer habe, seine Jobsuche erfolgreich zu gestalten. Es gibt gar keinen Zweifel, dass Enttäuschung über so ein Erlebnis berechtigt ist. Dass solcherlei Sachverhalte sich negativ auf die besonders jetzt im Vorwahlkampf beschworene Integration auswirken, dürfte ebenfalls völlig außer Zweifel stehen.

Aber dennoch muss ich in einem Punkt zur Besinnung rufen, und das ist der Ruf nach staatlicher »Hilfe«, in diesem Falle nach staatlich verordneter Toleranz auf dem Arbeitsmarkt, welcher einigen Muslimen in solchen Situationen vielleicht naheliegend erscheinen mag. Staatlich erzwungene Toleranzmaßnahmen sind ein zweischneidiges Schwert: sie können morgen denen zur Last werden, die heute von ihnen profitieren.

Sollte der Staat beispielsweise neben der schon existierenden Frauenquote eine »Muslimenquote« einführen, so könnte ich als solcher theoretisch davon profitieren. Angenommen aber ich bin selber Unternehmer muslimischen Glaubens und versuche am Arbeitsplatz die Regeln der islamischen Scharia einzuhalten, worunter dann ja auch die Geschlechtertrennung fallen würde, so könnte mir nun wiederum die Frauenquote zum Verhängnis werden. Meinen Entschluss, nur Männer einzustellen um nicht die Regel der islamischen Geschlechtertrennung zu übertreten, könnte man mit Verweis auf die Frauenquote kippen. Werde ich mich nun noch der staatlich erzwungenen Beschäftigungsquote erfreuen können?

Als Arbeitgeber muss ich darüber hinaus nach ökonomisch-rationalen Gesichtspunkten entscheiden können, wen ich einstelle: es muss sich für mich als Geschäftsführer lohnen. Der Mitarbeiter muss fähig, zuverlässig und ehrgeizig sein. Doch könnte mich eine staatlich erzwungene Beschäftigungsquote zwingen, jemanden einzustellen, der diese Voraussetzungen nicht erfüllt. In diesem Falle müsste ich dann die ökonomischen Nachteile dieser unfähigen Arbeitskraft selber ausbaden, da der Staat mir die durch seine Zwangsmaßnahmen entstandenen Schäden sicherlich nicht erstatten wird. Dass ich die Folgen meiner Handlung selber auszuhalten habe ist aber nur solange gerecht, wie meiner Handlung auch eine dementsprechende Entscheidung vorausging, der gleichzeitig immer mindestens eine Alternative gegenüberstand. Dass ich als Unternehmer die negativen Folgen einer staatlich erzwungenen Postenvergabe aber selber auszuhalten habe offenbart ja den zutiefst ungerechten Charakter solcher Maßnahmen.

Des Weiteren denke ich, dass große und namhafte Unternehmen es sich aufgrund ihrer PR auch schlichtweg nicht erlauben könnten, einer bestimmten Bevölkerungsgruppe pauschal und kategorisch den Zugang zum Unternehmen zu versperren. Im Zeitalter der »sozialen« Netzwerke verbreiten sich die Stürme der Endrüstung innerhalb weniger Tage über ganze Kontinente hinweg. Als großes Unternehmen, dass auf das öffentliche Wohlwollen weitaus mehr angewiesen sein dürfte als ein Kleinbetrieb in irgendeinem Hinterhof, wird man es sich daher wohl gründlich überlegen, gegenüber bestimmten Bevölkerungsgruppen offen diskriminierend aufzutreten.

Ich kann mich also reinen Gewissens als überzeugten Befürworter der Gewerbefreiheit – zu der ja auch das Recht des Arbeitgebers gehört, sich seine Mitarbeiter nach eigenem Gutdünken auszusuchen – und als ebenso überzeugten Gegner staatlich erzwungener Beschäftigungsquoten bezeichnen. Sei es nun eine Frauen-, eine Ausländer-, oder sonst irgendeine »diskriminierte-Gruppe«-Quote. Abschließend würde ich den Muslimen raten, ihre ökonomischen Kräfte dahingehend zu fokussieren, vermehrt Arbeitgeber als Arbeitnehmer hervorzubringen, sodass wir gar nicht erst zu denen gehören, die auf irgendwelche staatlichen Zwangsquoten angewiesen sind. Die gesellschaftliche Gruppe, der man nachsagt sie habe »die da oben« auf ihrer Seite, wird ohnehin immer mehr als alle anderen den Groll der übrigen auf sich ziehen. Wir haben dieses Phänomen ja schon erlebt. Als es beispielsweise hieß, man hab an manchen Orten den Sankt Martinszug in »Laternenfest« umbenannt, um die religiösen Gefühle von Nichtchristen zu schonen, traf die (virtuelle) Entrüstung vornehmlich die Muslime, von denen (soweit ich weiß) niemals eine derartige Forderung zur Umbenennung ausging. Das ist der gefährliche Doppelcharakter behördlich erzwungener Toleranz.

[Bildquelle:http://images.google.de/imgres?imgurl=http%3A%2F%2F1.bp.blogspot.com%2F-rDEfCvmmQ-o%2FUOrQelVxQ4I%2FAAAAAAAAA2E%2Faq2BJOur4H4%2Fs1600%2FState-vs-Market.png&imgrefurl=http%3A%2F%2Fwww.petersdurchblick.com%2F2013%2F01%2Fmarkt-oder-befehl_7.html&h=190&w=190&tbnid=9vjwRw7wbwRmSM%3A&docid=y1E255tsFrpxYM&ei=oS3pV8qnMImKsAH7mqzYBw&tbm=isch&client=firefox-b&iact=rc&uact=3&dur=431&page=0&start=0&ndsp=29&ved=0ahUKEwiK_KeknK3PAhUJBSwKHXsNC3sQMwgeKAIwAg&bih=864&biw=1280]

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6 Antworten auf “Ein muslimisches Plädoyer für die Gewerbefreiheit”

  1. Abdallah

    Man sollte vielleicht nicht in jeder Gemeinschaft sich für das einsetzen, was prinzipiell überwiegend richtig ist.

    So wäre es den Sahaba gleichgültig, ob sie anarchokapitalistisch oder sonst wie leben, sie würden immer gleich handeln.

    Hierzulande aber hat man es häufig mit seelenlosen Giermonstern zu tun, sodass die Gesetze Schaden verhindern und weniger ein Hindernis für das Gute sind.

    Bei den Sahaba hingegen wäre das nicht nötig, weil diese von sich aus das Richtige tun, vielmehr würden die Gesetze sie womöglich beim Ausüben des Guten behindern.

    Jagd ist im Islam erlaubt, aber einem Großwildjäger würde ich dennoch nicht das Gefühl vermitteln wollen, Jagd und Allahs Erlaubnis in einem Satz verbinden zu dürfen.

    Schade, dass einige diese Zusammenhänge nicht sehen wollen.

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  2. Pali

    Ich denke Muslime müssen ihre ,,Gegner“ einfach in ihren eigenen Disziplinen schlagen, besonders was Bildung angeht, muss nachgebessert werden. Man muss ein Monopol der Bildung aufbauen, so stark, dass Unternehmen keine andere Wahl haben als Muslime in Ihren Reihen – auch, besser sogar hauptsächlich in hohen Positionen – einzusetzten, sie müssen unverzichbar für die Wirtschaft werden und das in allen Bereichen (ja auch komplizierte Bereiche wie die Medizin), sie müssen sich zum Klebstoff der Gesellschaft entwickeln, bei dem es keiner wagen würde ihn zu entfernen oder gar an ihm zu rütteln, ein – zugegebenermaßen eher schlechtes aber dennoch ausreichendes – Beispiel ist die zu recht umstrittene ausrichtung der Gülenbewegung, welche sich dafür einsetzt, in jeden wichtigen Bereich Anhänger in Schlüsselposition zu besetzen wenn man es schafft diese nicht Sektenartig zu realisieren, wäre es denke zumindest ich, ein wesentlicher schritt in die richtige richtung. Ob die Geschäfte dann in muslimischer Hand sind ist dann beinahe(!) schon nebensächlich, da sie auf Muslime angewiesen sind und nicht aktiv gegen muslime agieren können, dennoch ist ein starkes islamisches Unternehmen natürlich einem nicht Islamischen Unternehmen welches lediglich auf Muslime angewiesen ist vorzuziehen.

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  3. Catherine

    As salamu aleikoum.

    Die Toleranz wächst mit dem Abstand zum Problem, würde ich sagen.
    Wenn Qualifikation das einzig ausschlaggebende Einstellungskriterium wäre, gut.
    Faktisch fallen Entscheidungen aufgrund von Vorannahmen über den Zusammenhang zwischen persönlicher, nicht beeinflussbarer Merkmale des Kandidaten (Alter, soziale/ethnische Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht) und seiner Eignung für die vakante Stelle. Da wird dann eben „vermutet“, dass Sie als Muslim – obwohl MINTler mit Berufserfahrung – nicht „ins Team“ passen. Schließlich geht man nach Feierabend gern noch mal gesellig einen trinken und man weiß ja, wie Muslime da sind…
    Man „weiß“ ja auch, dass Schwarze faul sind, Frauen könnten schwanger werden, dann arbeiten die nur noch Teilzeit, wer soll das denn zahlen?
    Schon mal vor eine Ladentür gerasselt, wo Ihnen die Silhoutte einer Frau mit Kopftuch mit schönem roten Querbalken mittendurch bedeutet: „Wir müssen leider draußen bleiben“? Nein? Sie nennen das „unternehmerische Freiheit“, ich nenne es schlicht und ergreifend Diskriminierung.

    Nur, weil ein Arbeitergeber aufgrund einer gesetzlichen Quotenregelung quasi „gezwungen“ wird, auch mal über den Rand seines bevorzugten Kandidatenpools zu schauen (ja, IT können auch schwarze Frauen!), sind Sie doch nicht genötigt, den Erstbesten einzustellen. Wenn Cindy, Schakkeline-Schantall oder Yildiz während der kritischen Jahre ihrer Schullaufbahn eben lieber „am Kotti gechillt“ oder im Nagelstudio abgehangen haben statt etwas zu lernen, und deshalb nicht einmal die notwendige Eignung besitzen, um im „Backwerk“ die SB-Theke zu befüllen, werden sie abgelehnt. Immerhin ist dann wenigstens transparent, dass die Ablehnung wegen nachweislich miserabler Qualifikationen erfolgt ist. Spart Ihnen übrigens ggf. auch Ärger, der nämlich ziemlich sicher auf sie zukommt, wenn die Betroffenen auf der Basis des AGG vor Gericht ziehen.
    Könnte umgekehrt aber auch gut möglich sein, dass Sie eine Spitzenkraft finden, die Ihre Personalabteilung andernfalls nach einem kurzen Blick aufs Foto einfach aussortiert hätte.

    Um nicht missverstanden zu werden: auch ich sehe eine absolute Quote kritisch. Schlicht deshalb, weil sich a) nicht alle gesellschaftlichen Funktionen paritätisch besetzen lassen und b) weil seitens der Initiatoren die untere Hälfte der Berufsskala keine Berücksichtigung findet. Oder hat schon mal jemand über eine 50%-Frauenquote für das Taxi-Gewerbe in Großstädten nachgedacht? Fände ich angenehm…
    Ich bin auch ganz bei Ihnen, dass man bestimmte „unkonventionelle“ Lebensentwürfe auch selbst finanzieren können sollte und sei es durch eine Selbständigkeit. Aber da geht es ja erst richtig los:
    Gibt es verlässliche Zahlen, wie viele unserer Geschwister denn eine potenzielle Unternehmerkarriere mit Aussicht auf Schaffung von Arbeitsplätzen starten könnten? Wie lange dauert es im Mittel, bis ein Unternehmer in die Gewinnzone gelangt und es sich somit erlauben kann, Arbeitskräfte sozialversicherungspflichtig zu beschäftigen? Fünf Jahre? Zehn? Selbst wenn jetzt alle muslimischen Ingenieure, IT-ler, Architekten, Anwälte…anfingen sich selbständig zu machen, hätten wir das Diskriminierungsproblem immer noch so lange. Wie sieht es mit Vorlaufkosten aus? Wer zahlt, wenn man beim Unternehmenausfbau so richtig Geld in die Hand nehmen muss? Großfamilie? Reicher Förderer aus dem Morgenland?
    Haben wir denn überhaupt so viele „Human Resources“? Oder wird der Aufruf zur Selbständigkeit wieder von denen missverstanden, die „Döner aufmachen“ oder den zwölfzillionsten „Shop für islamische Mode“? Man will vllt. als Softwareingenieur auch einfach keine Shawarma grillen oder als Neurologin eine Umschulung zur Tagesmutter machen, sondern einen Job, der einem das feuchte Kellerabteil mit mobiler Heizung erspart.

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    • EinMathematiker

      wa aleikum as-salam, dem ist nichts hinzuzufügen, chapeau.

      fi amanillah

  4. Catherine

    As salamu aleikoum.

    Anlässlich des gestrigen Grundsatzurteils des EuGH zur Rechtmäßigkeit eines Kopftuchverbots auch in Privatunternehmen ein kurzer Nachtrag: Zumindest die Klägerin Samira A. wusste zum Zeitpunkt ihrer Einstellung um die hausinterne Regelung ihres ehemaligen Arbeitgebers, die das Tragen religiöser/politischer Symbole am Arbeitsplatz grundsätzlich untersagt. Mit der Unterzeichnung ihres Vertrages hat sie diese Regelung akzeptiert. Nachem sie sich entschlossen hatte, ihr Kopftuch ständig, statt wie bisher nur in der Freizeit zu tragen, bestand sie auf einer Änderung dieser Regeln bzw. eine Ausnahme. Der Arbeitgeber wollte keinen Präzedenzfall schaffen und kündigte Frau A.
    Sie hätte sich in Kenntnis der geltenden Regeln einfach im Vorfeld nach einem anderen, vergleichbaren Job umsehen können, in dem ihr Kopftuch unproblematisch gewesen wäre. Nennt man Eigenverantwortung bzw. die Bereitschaft, absehbare Konsequenzen des eigenen Handelns als mündiger Bürger, Mensch, was auch immer selbst und bewusst zu tragen.
    Aber Frau A. besaß offenbar genug Zeit und (finanzielle) Ressourcen, um sich bis zur aller-allerletzten Instanz der europäischen Rechtsprechung durchzuklagen.

    Was steht im Ergebnis dieses Unterfangens? Die Existenzgrundlage hunderttausender Muslimas in Europa (denn die Rechtsprechung des EuGH ist zwingend in nationales Recht aufzunehmen) trägt seit gestern ein Fragezeichen. Auch wenn sie bis dahin kein Problem hatten, der Arbeitgeber aber vllt. nur auf ein solches Signal gewartet hat, um ganz legal und von jeglichen Regressansprüchen befreit, gegen sie vorgehen zu können.
    Tolle Leistung!

    Brutal gesagt: Millionen Frauen zahlen jetzt die Zeche dafür, das eine Einzelperson im Wissen um die gegenwärtige politische und gesellschaftliche Großwetterlage nicht bereit war, mit allen Konsequenzen für eine privat getroffene Entscheidung einzustehen.

    Antworten
  5. Imène

    As-salamu alaikum wa rahmatullahi wa barakatuh,

    @ Catherine

    Die Entscheidung von Frau A. war privat getroffen. Und für diese steht sie mit allen Konsequenzen doch ganz offensichtlich ein?

    Es sollte wohl mehr noch als in Ordnung, nämlich durchaus lobenswert sein, sich auch ungeachtet einer politischen und gesellschaftlichen Großwetterlage, die eher zu Schweigen und Opportunismus einlädt, was dann als kluges, maßvolles und voraus schauendes Handeln verbucht werden mag, im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten für die UNEINGESCHRÄNKTE Ausübung der jeweils praktizierten Religion, da, wo sie niemand Andersgläubigen konkret schadet, einzusetzen. Oder?

    Das Ergebnis des Unterfangens ist nach Deiner Meinung im Vorwege absehbar gewesen?

    Für mich ist es denkbar, dass man als Mensch persönliche Entwicklungsschritte vollzieht, in dessen Verlauf man eine Regel, die man zuvor als nicht anstößig empfunden hat, zu einem späteren Zeitpunkt durchaus als inakzeptabel bewerten kann. Und dies dann auch über seinen individuellen Horizont hinaus gesehen so empfinden mag.

    Die Absicht hinter der Klage von Frau A. war sicher ERLEICHTERUNG in der Rechtssicherheit (nicht nur in Ungewissheit mit Kopftuch stillschweigend und aus Angst vor Regressansprüchen am Arbeitsplatz „geduldet“ zu sein) bezüglich der Existenzgrundlage hunderttausender Muslimas in Europa zu schaffen.

    Diese Absicht stellst Du nun als grob fahrlässig hin.

    Da wünsche ich mir unter Brüdern und Schwestern in der Religion Solidarität – denn wir sind uns doch in der Schnittmenge einig darüber, was unsere Pflichten gegenüber Allah subhanahu wa ta´ala sind?

    Wenn es sich um Millionen von Frauen handelt, dann stehen neben diesen auch Männer, was die Zahl beinahe verdoppeln dürfte. Und da wir niemandem etwas Böses tun, und Allah subhanhu wa ta´ala weiß es am Besten, wovor genau haben wir Angst, und welche Taktik sollten wir sonst fahren, liebe Schwester?

    Möge Allah subhanahu wa ta´ala uns rechtleiten und als reumütig anerkennen und uns den kommenden Ramadan erreichen lassen, inshaAlla. Amin.

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