„Mein Leben als IS-Sympathisant“ – Gastbeitrag, 1. Teil

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Heute kann ich etwas besonderes präsentieren, den Bericht unseres jungen Bruders im Islam Umeyr von seiner Zeit als IS-Sympathisant. Wie so viele fühlte er sich von dem angezogen, was er für DIE Lösung der Probleme aller sunnitischen Muslime weltweit hielt. Und wie so viele junge Menschen, insbesondere Buben und junge Männer, wollte er sich im Kampf für die gute Sache einsetzen, ein Held sein. Mit diesem Artikel und den ihm folgenden Teilen möchte er uns, bi-idhni_Allâhi ta3âlâ, erzählen, was daraus wurde. Hören wir ihm zu:

 

Bismi_Llâhi_r-Rah°mâni_r-Rah°îm

Wa-l_h°amdu li-Llâhi Rabbi_l-3âlamîn(a), wa-s°alâtu_Llâhi wa-salâmuhû 3alâ rasûlihi_l-karîm(i).
Ash.hadu an lâ ilâha illâ_Llâh(u) wa-anna sayyidanâ Muh°ammadan 3abduhû wa-rasûluh(û).
As-Salâmu 3alaykum wa-rah°matu_Llâh.

 

Es ist 2014 und die Sunniten sagen: es reicht. Das Versprechen der Amerikaner, die Sunniten des Irak vollends zu integrieren, wird von Nuri al-Maliki nicht eingehalten, stattdessen werden sie zahlreich getötet, unterdrückt und ohne Haftbefehl in Gefängnissen gehalten. Die Mutter, die mit ansehen musste, wie ihr Sohn auf der Straße ermordet wird, der Sohn, der seine Mutter verloren hat, beide sehnten sich nach Rache. ISIL („Islamischer Staat in Syrien und der Levante“) im Irak, verspricht der sunnitischen Jugend die Gelegenheit zur Vergeltung. Und vormals dort zurückgedrängt kehrt ISIL in den Irak nun mit vielen Kämpfern und dem Versprechen auf Verbesserung der Lage zurück.

Hunderte Sunniten schließen sich den Extremisten in der Hoffnung auf Erleichterung isis-kaempfer knieendund auf sogar einen Sieg gegen die Unterdrücker an. ISIL erobert schnell die Provinz Anbar, und am 4. Juli ist es soweit: ISIL’s Kämpfer marschieren in Mosul ein. Mit bloß 500 bis 1400 Mann gewinnen sie gegen eine Übermacht von 30.000 irakischen Sicherheitskräften. Die Sunniten gehen auf die Straßen der Stadt und empfangen ISIL mit Freudenschreien. Dabei tönt es den Lautsprechern aller Moscheen „Sieg! Sieg!“ und so zeigt sich: Diese Menschen begrüßten ISIL.

Ich freute mich über ihren Sieg, denn schon seit Jahren hatte ich mich mit der Situation der Sunniten im Irak befasst: Mir war das Leid dieser Menschen bewusst, und irgendwie musste doch eine Veränderung her. In sozialen Medien und unter meinen Freunden verbreitete ich die gute Nachricht: Im Irak kehren die Sunniten an die Macht zurück. Ich fing an, reichlich ISIL-Videos zu konsumieren, schaute mir an, wie sie kämpfen und Propaganda mit der Zivilbevölkerung betrieben. Damals fand ich, dass diese Leute ganz offenbar wahre Mujahedin und Helden des Islams waren. Hatten sie nicht die Unterdrückung der Sunniten beendet und diesen wieder Glück und Freude gebracht, was sie jahrelang entbehrt hatten?

Zwar hörte ich in den Medien, dass sie Unschuldige töteten, vergewaltigten und Christen massakrierten, aber ich konnte daran nicht glauben. Denn es gelang mir nicht, unabhängige Belege für diese Anschuldigungen zu finden. Offensichtliche Lügen über sie verstärkte meine Ansichten noch mehr; zudem führte ich zu dieser Zeit mehrere Diskussionen über sie, die ich alle gewann. Und am 29. Juni 2014 geschah dann das, was wir seit bald hundert Jahren nicht gesehen hatten: das Islamische Kalifat wird ausgerufen. baghdadiAbu Bakr al Baghdadi hält eine Predigt in der grossen Moschee von Mosul, ein Ereignis, das von Sunniten auf der ganzen Welt begrüsst wird.

Ein richtiges Islamisches Kalifat, davon träumten wir doch seit hundert Jahren, und nun war es endlich wahrgeworden. Der ISIL änderte seinen Namen in „Islamischer Staat“ (IS), um damit auszudrücken, dass er sich in die ganze Welt verbreiten wollte. Nach diesen wunderbaren Nachrichten fing ich an, nur noch mit IS-Kämpfern und -Sympathisanten in Facebook zu schreiben, die Glaubens- und Rechtslehre des IS zu lernen und und umzusetzen, für sie zu werben und mehr und mehr Diskussionen zu führen. Außerdem begann ich, den Takfir auf Freunde und Familie auszusprechen, sie zu hassen und mich mit ihnen zu streiten. Ich entfernte mich immer mehr von der Gesellschaft, fing sie an zu hassen, und sah sie als schlecht und falsch an.

Überall fing ich Fitna an, weil ich glaubte, dass ich das richtige tue. Mein Leben wurde immer schlechter, ich verlor meine Freunde und stritt mich jeden Tag mit meiner Familie. Es hörte gar nicht auf, ich wollte sie unbedingt bekehren und gab nicht auf. Die Schule begann ich zu vernachlässigen, da ich davon träumte, Hijra ins Kalifat zu machen. Ich sprach auch öfters mit anderen IS-Sympathisanten, die das gleiche vor hatten. Wir tauschten uns aus, überlegten wie wir am besten vorgehen könnten.

Dies ging bis August des Jahres so weiter, da war es soweit: ich fliege mit der Familie in die Türkei. In der Türkei ging es gleich so weiter wie in Deutschland, von Diskussion zu Diskussion. Meine Verwandten zeigten mir Videos von Massenhinrichtungen, ich redete mich raus und sagte, es wäre schon alles richtig. Ich hasste meine Verwandten und Bekannten, für mich waren sie alle auf der Irreleitung, im Kufr und Shirk. Ich schmiedete Pläne für meine Hijra und war immer noch voll überzeugt, das dies das richtige sei. Ende August reiste meine Familie wieder zurück nach Deutschland, ich aber musste bleiben, da meine deutsche Aufenthaltsgenehmigung abgelaufen war. Dies war doch die perfekte Gelegenheit auszureisen! Und so beschloss ich, mich Anfang September auf den Weg zu machen.

Derweil las ich, was in Shingal passierte, und suchte Ausreden dafür und fand sie. Ich

Damals hat Umeyr fest an diese Propaganda geglaubt
Damals glaubte Umeyr fest an solche Propaganda von IS-Sympathisanten

konnte die schlimmen Behauptungen über IS in Shingal einfach nicht glauben und suchte nach Belegen. Für die von den westlichen Medien behaupteten Greueltaten konnte ich keine Beweise finden, keine Bilder noch Videos, keinerlei Belege, dass IS für so etwas verantwortlich war; ich fand jedoch Videos, die scheinbar das Gegenteil bewiesen, Videos, in denen Verantwortliche des IS bezeugten, dass sie die Jesiden beschützen würden, und alle, die ähnlichen Glauben hätten.

Andererseits hatte man mich in den sozialen Medien zu Gruppen wie ,,Jagd auf Yeziden‘‘ hinzugefügt, deren Diskussionen mich doch am Ende abschreckten. Leute, die Kinder, Jugendliche und Frauen angreifen und Unschuldige für die Taten anderer bestrafen wollten – so etwas konnte ich nicht ertragen. Dies führte zum ersten Bruch in meinem Weltbild vom Kampf der „Guten des IS gegen die bösen Ungläubigen der ganzen Welt“. Noch handelte es sich nicht um Zweifel an der eigentlichen IS-Ideologie. Ich merkte aber, dass viele der IS-Sympathisanten, mit denen ich in Dauerkontakt stand, nicht die Sorte Mensch waren, für die ich sie gehalten hatte.


Zum zweiten und dritten sowie vierten Teil dieses Berichts

Zu einer Antwort auf ein Rezension dieses ersten Teils durch Abdullah Kaya (!) geht es hier


Kommentare und Leserbriefe
sind erwünscht. Allerdings sollte nach wie vor auf das bei mir speziell geltende Regelwerk, auch im Lichte einer neueren Erläuterung, be- und geachtet werden. Leser- und insbesondere Beschwerdebriefe können auch gerne per Email eingereicht werden. Die Adresse findet sich in meinem Autorenprofil.

 

Beiträge hier auf dem Blog zur deutschen ISIS-Sympathisantenszene:

  1. Zur Fortsetzung von Umeyrs „Leben als IS-Sympathisant“: Teil 2 sowie Teil 3  und Teil 4
  2. Eine Rezension zu diesem Teil und meine Antwort: „NIWelt blamiert sich und ihre Khilafah“
  3. Filmberichte aus und über ISIStan
  4. Dokumentation Predigerstreit (Pierre Vogel vs. „Abu Walaa“)
  5. „Abu Walaa“’s ISIS-Seminar-Ankündigung und Folgeentwicklungen
  6. Einiges von „Dawa-Pics“ und falscher „Gottergebenheit“
  7. Eine Internet-Begegnung mit ISIS-Befürwortern
  8. „Loewenkundliches Magazin“ mit dem Thema „Verdummung bei Islamisten“

 

Wa-Llâhu a3lamu dâ’iman wa-nastagfiru_Llâha wa-natûbu ilayh(i).
Wa-s-Salâm.

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