Ein muslimisches Plädoyer für die staatliche „Homo-Ehe“

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von Yahya ibn Rainer

Es gibt derzeit – auch (und besonders) unter Muslimen – sehr viel Aufregung um die Institution der sogenannten „Homo-Ehe“. Bevor ich mich nun in meinem Plädoyer ergehe, muss hierzu unbedingt noch etwas Erwähnung finden: Das, was in diesem Zusammenhang als „Ehe“ bezeichnet wird, ist streng genommen eigentlich keine Ehe, sondern lediglich eine verwaltungstechnische Registrierung im Regulierungsmoloch des modernen Wohlfahrtsstaates. Der Staat verlangt diese Registrierung u.a., um seine staatliche Diskriminierung zu begründen (z.B. bei seinem willkürlichem Raub oder der willkürlichen Umverteilung fremden Eigentums).

Im Islam jedoch ist die Ehe ein religiöser und privatrechtlicher Vertrag, der keinen Staat, sondern lediglich einen Ehevormund für die Frau (Wali), zwei männliche Zeugen und eine Verlautbarung benötigt. Und auch im Christen- und Judentum ist die staatliche Registrierung kein Erfordernis für eine religionsrechtlich gültige Ehe.

Im Grunde teilt man dem Staat mit dieser Registrierung lediglich mit, dass man in einer Lebenspartnerschaft ohne allgemeine Gütertrennung lebt, also in einer Gütergemeinschaft. Weder setzt der Staat hierbei voraus, dass zwischen den güterteilenden Lebenspartnern gegenseitige sexuelle Handlungen vorgenommen werden, noch verbietet er, dass sexuellen Handlungen außerhalb dieser Lebenspartnerschaft stattfinden. Letzteres disqualifiziert diese Institution also als tatsächliche Ehe (im islamischen Sinne).

Das Leben zweier gleichgeschlechtlicher Partner in einer reinen Gütergemeinschaft ist im Islam nichts verbotenes, vielmehr ist diese Form der Lebenspartnerschaft sogar ausschließlich bei gleichgeschlechtlichen Partnern überhaupt erlaubt – es sei denn es handelt sich um Personen aus dem engsten Familienkreis (Maharim) -. Laut einigen Gelehrten, wie Imam al-Ghazali – Allah sei ihm gnädig – ist eine solche freiwillige Gütergemeinschaft sogar mit religiösen Vorzügen gesegnet.

Der islamische Wirtschaftsprofessor Dr. Abdul Azim Islahi und sein Kollege Prof. Dr. S. Mohammad Ghazanfar, beides Autoritäten auf ihrem Gebiet, legten in ihrem Werk «Economic Thought of Al-Ghazali (Ökonomische Lehre des Al-Ghazali)» dar, dass der große Rechtsgelehrte des 11. Jahrhunderts (n. Chr.) eine wirtschaftliche und soziale Gleichstellung der Bürger und somit eine zwangsweise und willkürliche Umverteilung von Wohlstand (z.B. durch Besteuerung) strikt ablehnte. Stattdessen legte er den Muslimen nahe, durch freiwillige Güterteilung besondere Lebenspartnerschaften zu pflegen. Hierzu zitiere ich aus dem o.g. Werk (übersetzt von mir – Yahya ibn Rainer):

„Al-Ghazali nimmt eine kritische Meinung zu allen Mitteln ein, die eine Gleichheit von Einkommen und Wohlstand in einer Gesellschaft erzwingen. Ebenso kritisiert er diejenigen die darauf bestehen, dass alle Menschen allgemein ein bestimmtes Existenzminimum zum Leben brauchen – ein solcher Ansatz wäre lediglich für jene Menschen geeignet, die fromm sind und ausschließlich das Jenseits begehren; es kann aber kein Rezept für eine Gesellschaft als Ganzes sein. Wäre dies ein allgemeingültiges Konzept, dann bietet es den Herrschern nämlich einen guten Grund zu Tyrannen und Dieben zu werden und den Menschen unter Zwang all jenes Abzunehmen, was ihrer Ansicht nach übrig und über den Bedürfnissen der Menschen ist. Darüber hinaus wird es zu einem Problem für den Staat, nicht nur in Bezug auf die Einziehung (Eintreibung) dieses “Überschusses”, sondern auch bezüglich der angemessenen Verteilung an diejenigen, über deren Bedürftigkeit ja auch noch geurteilt werden müsste.

Als Alternative, meint al-Ghazali, muss der Geist der islamischen Brüderlichkeit zu einem voluntaristischen (freiwilligen) Teilen des Reichtums leiten. Auch hier spricht al-Ghazali von drei Arten des Teilens und er ordnet sie im Hinblick auf ihre Erwünschtheit entsprechend der Scharia. Die unterste Stufe ist, wenn eine Person ihren Bruder als Helfer oder Diener betrachten kann und sie macht es sich ebenfalls zur Aufgabe, ihrem Not leidenden Bruder zu helfen, ohne zu erwarten um Hilfe gebeten zu werden.

Eine höhere Ebene ist, seinen Bruder wie sich selbst zu betrachten und es ihm zu erlauben Anteil am (eigenen) Eigentum zu haben, als ob auch er der Besitzer des selbigen sei.

Der höchste Rang ist es, den Bedürfnissen des Bruders einen größeren Vorzug einzuräumen als den eigenen. Laut al-Ghazali ist diese höchste Stufe des voluntaristischen (freiwilligen) Teilens und Gebens ein Kennzeichen des wahren islamischen Verhaltens.

Und er zitiert den quranischen Vers 42:38

“[…] und diejenigen, die […], ihre Angelegenheiten durch Beratung untereinander regeln und von dem ausgeben, womit Wir sie versorgt haben, […]”,

den er als Verweis auf die frühen Muslime interpretiert, die ihr Eigentum untereinander und miteinander teilten, manchmal sogar ohne zu unterscheiden was wem gehört, wie beim Reiten auf Tieren.“

Wir sollten uns also nicht allzu sehr echauffieren, auch wenn wir vermuten, dass die allermeisten gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften und (bald vielleicht) „Homo-Ehen“ hierzulande auch den verbotenen und abscheulichen Geschlechtsverkehr beinhalten. So lange sie dies im Privaten tun und uns damit unbehelligt lassen, ist allein Allah ihr Richter. Und da die allermeisten von ihnen sowieso keine Muslime sind, gilt zudem für sie der Ausspruch «Es gibt keine Sünde nach dem Unglauben».

Nur weil die Kuffar dieser Institution (oder Registration) den Namen „Ehe“ geben, muss das für uns noch lange nichts bedeuten. Vorteile, die hierzulande aus einer solchen staatlich registrierten „Ehe“ resultieren, könnten im Dar al-Islam allesamt testamentarisch und vertraglich (also privatrechtlich) geregelt werden. Da zwangsweise und willkürliche Besteuerung im Islam sowieso verboten ist, sind steuerliche Vorteile ebenfalls nicht gegeben.

Mich würde das Urteil eines Gelehrten zu dieser Angelegenheit sehr interessieren. Unter der Prämisse, dass man ausschließlich eine Gütergemeinschaft bezweckt und hier im staatlichen Raubsystem (mit einer Staatsquote von nahezu 50%) lediglich einen steuerlichen Vorteil erreichen möchte (gleich: weniger Futter in den Rachen des Staaes), könnte eine staatlich eingetragene Lebenspartnerschaft zwischen zwei gleichgeschlechtlichen Partnern ggf. auch islamrechtlich erlaubt sein.

Meine eigene Großmutter (väterlicherseits) verbrachte ihren Lebensabend übrigens selbst in einer solchen gütergemeinschaftlichen Lebenspartnerschaft, mit einer engen Freundin fast gleichen Alters. Bis auf das Schlafzimmer teilten sich die Damen fast alles. Für eine alte Frau, die nicht noch einmal heiraten möchte, hat das fast ausschließlich Vorteile, sozial (gegen Vereinsamung) als auch wirtschaftlich (sprich: Arbeitsteilung).

Wa Allahu alem.

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12 Antworten auf “Ein muslimisches Plädoyer für die staatliche „Homo-Ehe“”

  1. Abdallah

    Warum sollte man sein Leben nach der optimalen Geldverwendung ausrichten?

    So viel Energie, nur um paar hundert Euro zu sparen?

    Es gibt Wichtigeres.

    Und zu Al Gahzali: Er sagt ja, Umverteilung auf freiwilliger Basis. Und die einzige Möglichkeit, dass es zu sowas kommt, wäre ein Land, wo die Menschen weitgehend Barmherzigkeit etc. verinnerlicht haben.

    Sprich: Al Gahazalis obige Aussagen und eine gottlose Gesellschaft= Die Armen werden wie Hundekadaver von der Straße gefegt.

    So wie es bereits in Ländern passiert, wo es keine Wohlfahrt gibt.

    Und was ist hiermit gemeint:

    „So lange sie dies im Privaten tun und uns damit unbehelligt lassen, ist allein Allah ihr Richter.“

    Gilt das auch in einem nach Shariah gelenktem Staat?

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    • Yahya Jens Ranft

      Yahya Jens Ranft

      Gilt das auch in einem nach Shariah gelenktem Staat?

      Ja, auch unter der Scharia können nur solche strafbewehrten Sünden zur Bestrafung gebracht werden, die öffentlich vollzogen wurden.
      Wer seine Sünden versteckt (und Allah ihm dies ermöglicht, indem Er diese Sünde vor den Augen der Menschen verdeckt), der wird erst von Allah gerichtet werden. Weder wird den Leuten hinterher spioniert, noch wird aufgrund von Vermutungen bestraft.

      Wa Allahu alem

  2. Abdallah

    Nachtrag: was ist mit Frauen? Kann man den verheiratet sein und zugleich so eine Güterehe führen?

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    • Yahya Jens Ranft

      Yahya Jens Ranft

      Um ganz im theoretischen Bereich zu bleiben:

      Du heiratest eine Frau (islamisch korrekt) und lebst mit ihr in einem Haus. Dann erfährst du, dass dein bester Freund (der keine Familie hat) krank geworden ist und nicht mehr komplett für sich selbst aufkommen kann.
      Du bietest ihm also an, mit dir in einer Gütergemeinschaft zu leben. Du bietest ihm Wohnraum in einem Anbau oder im Gartenhaus an und meldest diese Gütergemeinschaft als „Homo-Ehe“ beim Standesamt an.

      Du musst dich weder von deiner Frau scheiden lassen (zumindest nicht islamisch) und alles ist i.O.

  3. Abdallah

    „Wir sollten uns also nicht allzu sehr echauffieren, auch wenn wir vermuten, dass die allermeisten gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften und (bald vielleicht) „Homo-Ehen“ hierzulande auch den verbotenen und abscheulichen Geschlechtsverkehr beinhalten.“

    Es ist von der Sunnah, sich zu echauffieren, wenn solche Dinge passieren.

    Kann ich dir unzählige Beispiele nennen.

    Könntest du im Gegenzug ein Beispiel nennen für diese mir im Islam nie untergekommene Toleranz für Abscheulichkeiten?

    Antworten
    • Yahya Jens Ranft

      Yahya Jens Ranft

      Es ist von der Sunnah, sich zu echauffieren, wenn solche Dinge passieren.

      Ja, wenn man es sieht, aber nicht wenn man es vermutet.

      „Wer von euch etwas Übles SIEHT, soll es mit eigener Hand ändern, und wenn er dies nicht vermag, so soll er es mit seiner Zunge verändern, und wenn er dies nicht kann, dann mit seinem Herzen, und dies ist die schwächste Form des Glaubens.“

      (Muslim)

  4. Abdallah

    Ist es islamisch erlaubt, und sei es auch nur dem Anschein nach, sich als Teil einer Homoehe anzugeben?

    Man stelle sich einfach mal vor, ob bekannte, mannhafte Sahaba so etwas mit ihren Prinzipien vereinbaren könnten, auch nur dem Augenschein nach sich als Teil einer Homoehe anzugeben.

    Außerdem wäre das streng genommen eine Lüge und Lügen gehören zu den größten Sünden überhaupt.

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  5. Abdallah

    Danke für deine Ausführungen, aber:

    „So lange sie dies im Privaten tun und uns damit unbehelligt lassen, ist allein Allah ihr Richter.“

    Rein grammatikalisch geht aus diesem Satz ja hervor, dass man um die Sünde weiß und sie damit kommentiert, da sie einen damit in Ruhe lassen sollen.

    Das Konzept der Sündenverdeckung sieht aber eben vor, dass es geheim bleibt.

    Sobald man aber konkret weiß, was vor sich geht, muss man handeln, sonst würde Allah uns zerstören, da wir eine offene, aber privat ausgelebte Sünde tolerieren würden.

    Antworten
    • Mohamed

      Assalamu alaykum :))
      Abdallah kennst du das Geschehniss, wo Umar (r) als Kalif unerlaubt in Haus eingetreten ist, in dem Männer Alkohol tranken und er es verlassen mussten, weil er ihnen ihre Rechte nahm?

      https://m.youtube.com/watch?v=dPVxI6FKo9M

    • Yahya Jens Ranft

      Yahya Jens Ranft

      Oder auch diese Begebenheit:

      „Öffentlich Tabak zu rauchen , ist verboten , aber es ist eine bekannte Sache, daß alle Bewohner von Nebschid in ihren Häusern diese Gewohnheit fortsetzen, ja selbst die Wahaby des Nachts in ihren Lagern. Bei der Einnahme von Mekka gab Saud den Befehl, daß alle Einwohner der Stadt ihre Persischen Pfeifen (von den Arabern schische genannt) auf einen grünen Platz vor dem Hause bringen sollten, in welchem er wohnte. Nachdem daraus ein großer Haufen gebildet worden war, zündete er denselben nebst allem Tabak an, den er in den Kaufläden finden konnte. Einige Zeit nachher meldete ihm einer aus seinem Gefolge , daß die Bewohner von Mekka seine Befehle nicht achteten und noch immer rauchten. „Wo hast du sie rauchen sehen?“ fragte Saud. „In ihren eignen Häusern,“ antwortete der Ankläger. „Weißt du nicht, erwiderte Saud, daß da geschrieben steht: Du sollst nicht ausspionieren die Geheimnisse der Häuser des Gläubigen.“ Nachdem er diesen Spruch des Koran angeführt hatte, ließ er den Angeber durchprügeln, und von dem Rauchen in den Privatwohnungen wurde fernerhin keine Notiz genommen.“

      (Quelle: Johann Ludwig Burckhardt, Bemerkungen über die Beduinen und Wahaby, 1831)

  6. Zeytin

    Muss man sich als Homo ausgeben, wenn man diese Eintragung vornehmen will?

    Wenn ja, würde doch kein Moslem mit einem Funken Würde und Ehre so etwas tun, schließlich geht es ja nicht um Leben und Tod, sondern um Geldeinsparungen.

    Würde man so was einem arabischen oder türkischen Mann vorschlagen, er würde dir den Kopf abhauen.

    Und bei der Frage, welche Mentalität in dieser Hinsicht denn nun näher am Islam ist, ist die Antwort m. E. auch eindeutig.

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    • Yahya Jens Ranft

      Yahya Jens Ranft

      Wenn man in Deutschland als Mann eine Frau heiraten möchte, muss man sich zuvor ja auch nicht explizit als Hetero ausgeben. Wenn ein schwuler Mann eine Frau heiraten möchte, dann darf er das (in Deutschlamd) in der Regel auch tun. Von daher kann ich mir nicht vorstellen, dass Homosexualität eine zwingende (rechtliche) Voraussetzung für eine sogenannte Homoehe sein kann.

      So lange man also nicht vor der Behörde lügen muss und klar zu seiner heterosexuellen Präferenz stehen darf, ist gegen die Homoehe an und für sich wohl nichts einzuwenden. Man denke nur an die finanziellen Vorteile (LSt-Klasse, Witwenrente, Erbschaftssteuerfreibetrag usw.)

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