Bei der Beseitigung ungerechter Herrscher ist der allgemeine soziale Zusammenhalt wichtiger als religiöser Eifer

15 Kommentare

Walī ad-Dīn `Abd ar-Rahmān ibn Muhammad Ibn Khaldūn al-Hadramī (kurz: Ibn Khaldun / gest. 808 n.H.) dürfte unter Kennern weitestgehend Bekanntheit genießen. Besonders seine viel gerühmte Muqaddimah machte den Universalgelehrten und malikitischen Richter – bis in die heutige Zeit – zu einem Meister der modernen Historiographie und einem Grundleger der Soziologie.

Im folgenden Auszug behandelt er das Thema der Revolte/Revolution gegen ungerechte Herrscher, was eine Voraussetzung für deren Erfolg ist und was sündhaft daran sein kann:

«In dieses Kapitel gehören die Fälle von Rebellen aus dem allgemeinen Volk und von den Rechtsgelehrten, die sich erhoben, um dem Übel zu begegnen. Denn viele religiöse Menschen, die sich dem Dienst an Allah widmen und auf den Pfaden der Religion wandeln, schicken sich an, sich gegen ungerechte Führer zu erheben und rufen in der Hoffnung auf Allahs Belohnung dazu auf, dem Übel zu begegnen, ihm zu entsagen und Gutes zu tun.

Zahlreich sind (gewöhnlich) ihre Gefolgsleute und Anhänger aus der breiten Masse, die dabei ihr Leben aufs Spiel setzen – und die meisten von ihnen kommen auf diese Weise unbelohnt und als Sünder um. Denn Allah, gepriesen sei er, hat sie hierzu nicht bestimmt! Er bewegt nur etwas, wo (ausreichend) Macht vorhanden ist.

Muhammad – Allah segne ihn und schenke ihm Heil – sagte:

«Wer von euch Übel erblickt, der soll ihm mit seiner Hand begegnen. Vermag er dies nicht, so tue er es mit seiner Zunge. Vermag er (auch) dieses nicht, so tue er es mit seinem Herzen.»

Herrscher und Staaten sind fest und stark verankert. Ihre Grundlage kann nur durch gewaltigen Druck, der den Zusammenhalt (asabiya) von Stämmen und Sippen hinter sich weiß, erschüttert und zerstört werden, so wie wir es bereits zuvor behandelt haben.

Auch die Propheten – Allah segne sie und schenke ihnen Heil – bedurften, wenn sie zu Allah aufriefen, der Sippen und Gruppen, wo sie doch (eigentlich) diejenigen sind, die die Unterstützung Allahs mit allem, was es gibt, hätten erhalten können, sofern Er gewollt hätte. Doch Er ließ vielmehr (selbst bei ihnen) die Dinge ihren (natürlichen) Verlauf nehmen. Allah ist weise und allwissend.

Schlägt nun ein Mensch einen solchen Weg ein und folgt dabei der (religiösen) Wahrheit, lässt ihn die Unterlassung der Asabiya (selbst) dabei fehlgehen, und er kommt um.

Benutzt ein solcher Mensch (außerdem noch) die Religion, um die Führerschaft zu erlangen, geschieht es zu Recht, dass er daran gehindert wird und ihn der Untergang ereilt. Denn ein solches Unterfangen ist eine Sache Allahs, die nur mit Seinem Wohlgefallen und Seinem Beistand sowie durch aufrichtige Ergebenheit gegenüber Ihm und Wohlwollen gegenüber den Muslimen Erfolg hat. Kein Muslim wird Zweifel, kein Mensch mit Einsicht wird Argwohn daran hegen.»

(Ibn Khaldun, Buch der Beispiele – Die Einführung/al-Muqaddima, übersetzt von Mathias Pätzold, Seite 114-115, leicht redigiert und Unterstrich von Yahya ibn Rainer)

Ähnliche Beiträge

15 Antworten auf “Bei der Beseitigung ungerechter Herrscher ist der allgemeine soziale Zusammenhalt wichtiger als religiöser Eifer”

  1. Milat

    Asalamu Aleykum.

    d.h also einzelne Gruppen oder eine kleine Anzahl an Individuen sollten es unterlassen Regierungen zu stürzen, selbst wenn dies eine Breite Masse ist?

    Was meint man aber genau mit Sippen und Stämme?

    Ich meine, wo gibts dies noch ausser vlt. in Dörfern und in vereinzelnten Ländern z.B Irak?

    Die meisten Menschen leben heutzutage in grossen Städten, wo man zwar Familie hat aber oftmals nicht von einem Stamm oder einer Sippe sprechen kann, oder hast du dazu eine Definition vom Gelehrten?

    Und entsprechend, so sollte es doch ausreichen, wenn eine grosse Horde an Menschen sich zusammentun, einen Führer haben und eine Führung und diese würde dann doch die Stämme ersetzen, da sie dadurch selbst eig. guten Nationalbewusstsein erhalten müssten?

    Antworten
    • Yahya Jens Ranft

      Yahya Jens Ranft

      Wa alaykum assalam wa rahmatullah

      Das ist freilich ein hervorragender Einwand zum oben zitierten.
      Man könnte jetzt tatsächlich dem Rückschluss erliegen, dass in einer Gesellschaft ohne natürliche Familien-, Sippen- und Stammesstrukturen, das oben zitierte hinfällig wird.

      Dieser Rückschluss wäre m.E. jedoch falsch und würde auch dem Problem nicht gerecht.

      Dieser Zustand, in dem wir uns heutzutage hier in Deutschland und an vielen anderen Orten der Welt befinden, ist ein widernatürlicher Gesellschaftszustand, den zeitgenössische Wissenschaftler und Denker als „atomistisch“ bezeichnet haben.

      Widernatürlich ist er, weil er herbeigeführt wurde, durch den modernen Staatsgedanken. Und der Grund, weshalb der moderne Staat die natürlichen sozialen Strukturen zerstört, liegt genau darin, dass es damit keine ausreichende Machtfülle mehr außerhalb des Staates gibt, die in der Lage wäre sich gegen ihn zur Wehr zu setzen.

      Besonders hat zu diesem Thema Prof. Bertrand de Jouvenel geforscht und geschrieben. Er schreibt in seinem Buch „Über die Staatsgewalt – Die Naturgeschichte ihres Wachstums“ auf Seite 204-205:

      «Das Ziel [der expandierenden Staatsgewalt] ist die Zerstörung jeder Befehlsgewalt außerhalb der des Staates. Es bedeutet völlige Unabhängigkeit eines jeden von familiären und sozialen Autoritäten; aber sie muß mit vollständiger Unterwerfung unter den Staat bezahlt werden. Es bedeutet die völlige Gleichheit aller Bürger um den Preis einer vollständigen Nivellierung vor der staatlichen Macht. Es bedeutet das Verschwinden aller Kräfte, die ihren Ursprung nicht im Staat haben, die Verneinung intermediärer Herrschaft. Es bedeutet in einem Wort die Atomisierung der Gesellschaft, die Zerschneidung aller besonderen gesellschaftlichen Bindungen zwischen den Menschen, deren einzige jetzt darin besteht, gemeinsam dem Staat zu dienen. Es bedeutet gleichermaßen extremen Individualismus und extreme Vergesellschaftung.

      Alle historischen Gesellschaften scheinen sich auf eine Verfassung hin entwickelt zu haben, die alles Leben und alle Bewegung auf die Staatsgewalt konzentriert. Und es ist eine despotische Verfassung, in der Reichtum, Macht und sogar Freiheit nur über den Staat zu erlangen sind, in der er zum Einsatz wird, um den sich alle streiten, und dessen Inhaber sich vor einer in Anarchie führenden Konkurrenz nur dadurch zu schützen vermögen, daß sie den Prozeß ihrer eigenen Vergötterung einleiten.»
      http://www.al-adala.de/Neu/buchauszug-bertrand-de-jouvenel-das-ziel-der-expandierenden-staatsgewalt

      Einem Muslim wird in diesem Zitat sicherlich der letzte Satz ins Auge fallen. Der „Prozeß ihrer eigenen Vergötterung“ geht nämlich nicht nur mit der Zerstörung der natürlichen sozialen Bindungen einher, sondern auch mit einer Bekämpfung der Glaubenshaltungen. Dies auszuführen würde jedoch den Rahmen dieses Kommentars sprengen, weshalb ich für den interessierten Leser hier lediglich diese Links zur Verfügung stelle:

      Buchauszug: Bertrand de Jouvenel – Glaubenshaltungen, das Hindernis der expandierenden Staatsgewalt
      http://www.al-adala.de/Neu/buchauszug-bertrand-de-jouvenel-glaubenshaltungen-das-hindernis-der-expandierenden-staatsgewalt/

      Buchauszug: Bertrand de Jouvenel – Auf den Weg zum echten Staatsabsolutismus
      http://www.al-adala.de/Neu/buchauszug-bertrand-de-jouvenel-auf-den-weg-zum-echten-staatsabsolutismus

      Zur weiteren Erklärung des Begriffes der „Atomisierung“ der Gesellschaft, empfehle ich folgende Beiträge, in denen Prof. Dr. Habermann die Erkenntnisse de Jouvenels ausführt:

      Buchauszug: Habermann / de Jouvenel – Über Pflicht, Schuld und Gesellschaftsvertrag (II)
      http://www.al-adala.de/Neu/buchauszug-habermann-de-jouvenel-ueber-pflicht-schuld-und-gesellschaftsvertrag-ii

      Buchauszug: Habermann / de Jouvenel – Kleingruppenideal und Großgesellschaft (III)
      http://www.al-adala.de/Neu/buchauszug-habermann-de-jouvenel-kleingruppenideal-und-grossgesellschaft-iii

      Buchauszug: Habermann / de Jouvenel – Der Mensch ohne Gott, ohne Vorfahren, ohne Glaubenshaltungen und ohne Bräuche (V)
      http://www.al-adala.de/Neu/buchauszug-habermann-de-jouvenel-der-mensch-ohne-gott-ohne-vorfahren-ohne-glaubenshaltungen-und-ohne-braeuche-v

      Wir sehen also, dass unser größtes Problem ist, dass die expandierende (ungerechte) Staatsgewalt keine konkurrierende Autoritäten mehr außerhalb des Staates zu fürchten hat und dass ohne diese natürlichen Autoritäten auch keine größeren Sippen und Stämme o.ä. mehr existieren.

      Die Religion allein, als Stifterin einer festen Einheit gegen den ungerechten Herrscher, lässt leider an der nötigen Verbindlichkeit gegenüber den Autoritäten fehlen, da sie sich (wie uns auch schon überliefert wurde) spaltet und weiterhin spalten wird. Die Blutsverwandtschaft ist und bleibt das stärkste Band zwischen den Muslimen innerhalb der Ummah.

    • Muhammad Ibn Maimoun

      السلام عليكم

      Recht hast Du mit der Feststellung, dass die modernen Gesellschaften sich bezüglich familiärer und stammesbezüglicher Bindungen in einem unnatürlichen Zustand befinden. Meiner Ansicht nach lässt sich die Zerstörung dieser Bindungen aber nicht mit der expandierenden Staatsgewalt alleine erklären. Einen großen Anteil daran, wenn nicht gar den größten, hat die zeitgenössiche Finanz- und Versicherungswirtschaft.

      In etwas natürlicher verbliebenen Gesellschaften versammelt sich der Stamm, wenn jemand schwer erkrankt ist und eine teure medizinische Behandlung braucht, oder wenn jemand in Geldnot geraten ist. Plant man etwas Größeres und hat nicht die nötigen finanziellen Reserven, geht man zum Onkel, zum Cousin oder zum Schwiegervater und leiht sich relativ problemlos (verglichen mit hier) etwas aus. Hierzulande und heutzutage aber gibt es ausbeuterische Kreditinstitute, Krankenversicherungen und Rentenversicherungen (statt fürsorglicher Kinder), die dergleichen scheinbar obsolet machen. Kapitalismus eben.

      Wenn ich außerdem an manche Gegenden in Pakistan und anderswo mit ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten und die Opfer dieses „natürlichen Zustands“ denke, kann ich dem Gedanken an einen zumindest aspektweise starken Staat durchaus Positives abgewinnen.

      والله أعلم

    • Milat

      Ich wollte nicht die Aussage vom Gelehrten angreifen sondern lediglich darauf aufmerksam machen, dass diese Aussage heutzutage nicht mehr passt überall und würde auch gerne danach fragen, was nun die Lösung ist?

      z.B:

      Kinder zeugen über merere Generationen + seine eigene Familie gut erziehen = Bildung einer Sippe ? + wenn jeder das macht = obige Aussage von Ibn Khaldūn findet wieder Anwendung ?

    • Yahya Jens Ranft

      Yahya Jens Ranft

      Ich wollte nicht die Aussage vom Gelehrten angreifen

      Ich hatte den Kommentar auch gar nicht als Angriff auf die Gelehrten (oder ihre Aussagen) aufgefasst. Vielmehr war der Einwand vollkommen berechtigt. Ich habe mich in meinem Kommentar vielleicht zu sehr darauf konzentriert das Problem an sich darzulegen, anstatt Lösungsansätze zu präsentieren.

      Als allererstes benötigt der derzeitige Zustand allgemeine Erkenntnis. Die Leute müssen diesen Zusammenhang erkennen, der aus moderner Politik (Herrschaft und Staatlichkeit) resultiert, vor allem in Wohlfahrtsstaaten. Wenn diese Erkenntnis in den Köpfen der Muslime Einkehr hält, entsteht von ganz allein eine allgemeine Ablehnung (oder zumindest eine kritische Haltung) gegenüber der staatlichen Zentralgewalt und man beginnt sich wieder den natürlichen Autoritäten und Abhängigkeiten zuzuwenden.

      Wir müssen wieder beginnen lokal zu denken und zu handeln. Wir müssen die Familien, Sippen und ähnlichen Gemeinschaften stärken, anstatt international zu denken und uns größtenteils für die Probleme woanders auf dieser Welt verantwortlich zu fühlen. Es braucht außerparlamentarische und somit außerstaatliche Alternativen. Die Zeugung vieler Kinder gehört dazu sicherlich auch, aber ist kein Hauptfaktor.

      Am Anfang steht die Erkenntnis und Realisierung unserer Situation.

    • Milat

      Wa Aleykum Salam,

      „Hierzulande und heutzutage aber gibt es ausbeuterische Kreditinstitute, Krankenversicherungen und Rentenversicherungen (statt fürsorglicher Kinder), die dergleichen scheinbar obsolet machen. Kapitalismus eben.“

      Wenn der Staat mir Gel abnehmt für die Rente oder für die Versicherung so ist dies eher sozialistisch als kapitalistisch.

      Kapitalismus heisst ja, der Staat greift grundsätzlich nirgendsein.

    • Muhammad Ibn Maimoun

      @Milat Stimmt schon irgendwo, was du sagst, wobei durchaus vorstellbar (und vielerorts weitgehend auch Fakt) ist, dass das Kapital den Staat instrumentalisiert. Eingriffe des Staates und Kapitalismus schließen sich nicht unbedingt aus, es kommt darauf an, wie die Richtung des Zwecks gelagert ist.

      Beispiel John Maynard Keynes: Seine Idee der Inkaufnahme bzw. Förderung der Staatsverschuldung zur Stärkung des Arbeitnehmers entstand sicher nicht aus reiner Nächstenliebe, sondern in der Betrachtung des Arbeitnehmers als bloßen, Kaufkraft besitzenden Faktor im kapitalistischen Wirtschaftssystem.

      Es gibt also verschiedene Arten von Kapitalismus, die einen etwas grobschlächtiger, die anderen komplexer – in Form von Ideologien ist ihnen allen die latente Anbetung des Kapitals gemein, und nur dieses Letztere taugt als Definition für Kapitalismus.

      Darum vertragen sich auch Kapitalismus und Sozialismus nicht, nicht weil das eine gut und das andere schlecht wäre – sie sind beide schlecht (nicht aber freie Marktwirtschaft, organisierte Läuterungsabgabe und wohltätige Solidarität) – sondern weil sie zwei hinsichtlich ihrer Interessen im Konflikt miteinander stehende Götzen anbeten, das eine Geld und Materie, das andere Mensch und Gesellschaft (als idealisiertes Kollektiv).

      والله أعلم

    • Yahya Jens Ranft

      Yahya Jens Ranft

      @Muhammad Ibn Maimoun:

      Ich muss deinem Kommentar leider in vielerei Hinsicht widersprechen.

      Das System, in dem Staat und Kapital zum gegenseitigen Nutzen kooperieren, wird (zumindest von den gängigen wissenschaftlichen Autoren die ich kenne) nicht als Kapitalismus bezeichnet, sondern als Korporatismus. Ganz besonders John Maynard Keynes wird von den Protagonisten der Österreichischen Schule – die weithin am ehesten als kapitalistische Wirtschaftsschule bezeichnet werden kann – einer fundamentalen Kritik unterworfen, da seine Theorie hochgradig etatistisch ist und nicht freiheitlich und marktwirtschaftlich orientiert.

      Auch, dass der Kapitalismus angeblich irgendeine Götze anbetet, ist m.E. lediglich eine subjektive Wahrnehmung. Behauptungen solcher Art, besonders wenn sie aus einer Gegenüberstellung mit dem Sozialismus resultieren, lassen den Eindruck erwecken, der Kapitalismus sei, ebenso wie der Sozialismus, eine politische Theorie, das ideologische Konstrukt eines Denkers. Während wir mit Bezug zum Sozialismus von Marxismus, Leninismus, Trotzkismus, Maoismus usw. sprechen, was Hinweis gibt auf den Urheber der Lehre, haben wir es beim Kapitalismus lediglich mit der Bezeichnung eines Zustandes zu tun, der ohne Lehrbuch und ideologischen Urheber zustande kam, bevor die Sozialisten ihn als Feindbild prägten, weil darin der Kapitalist (Investor) die Produktionsmittel besaß und allein aus diesem Besitztum heraus Profit erwirtschaften konnte.

      Dass der Kapitalist (also Besitzer von verfügbarem Geld / Mobilien) grundsätzlich ein böses Wesen ist, das sein Kapital (oder den Profit, den er durch die Investition erwirtschaftet) anbetet, ist eine der ideologischen Winkelzüge der frühen Sozialisten, um den Arbeiter für seine Sache zu erwärmen. Einer näheren Überprüfung kann diese Verleumdung jedoch nicht standhalten. Ein Kapitalist kann gläubig sein und nur Allah anbeten, oder er kann ein Muschrik sein, ebenso wie jeder Bauer, Handwerker, Arbeiter, Schriftsteller und Beamter auch.

      Es gibt keinen „Karl Kapital“, der die Ideologie bzw. die Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung „Kapitalismus“ erfunden und mit Dogmen versehen hat. Der frühe Sozialist hat lediglich ein Feindbild auserkoren, den wohlhabenden Bürger, der Besitztum an den Produktionsmitteln hatte, an denen die Arbeiter angeblich ausgebeutet wurden. Dass dieser rechtmäßige Besitzer seines Kapitals, dieses gern behalten und weiterhin frei investieren möchte, das nannte der Sozialist sodann den Kapitalismus.

      Wa Allahu 3alem

      P.S.: Immer übrigens, wenn ich mich teils sehr leidenschaftlich mit dieser Thematik auseinandersetze (immerhin seit nun fast 8 Jahren durch intensive Lektüre), muss ich an die erste Ehefrau des Gesandten Allahs denken, Allah segne ihn und schenke ihm Heil. Khadidscha bint Khuwaylid, möge Allah mit ihr zufrieden sein, war eine äußerst wohlhabende Frau, die aber trotz ihres Reichtums weiterhin Kapital in profitträchtige Unternehmungen investierte. Die beste Beste aller Frauen war eine Investorin, also im guten alten Deutsche eine „Kapitalistin“. Diese Tätigkeit brachte sie mit dem Gesandten Allahs zusammen und ihm nahe. SubhanAllah. Ich habe einmal zu diesem Thema geschrieben. Vielen Geschwistern gefiel das gar nicht …

      Islam und Marktwirtschaft: Die weise Kapitalistin und der Kaufmann
      http://www.al-adala.de/Neu/islam-und-marktwirtschaft-die-weise-kapitalistin-und-der-kaufmann/

    • Abdussalam bin Abdillah

      Abdussalam bin Abdillah

      Bismi_Llâhi_r-Rah°mâni_r-Rah°îm.
      Wa-3alaykum-u_s-Salâmu wa-rah°matu_Llâh.

      Hier könnte, lieber Jens, ggf. einfach ein Missverständnis auf Grund verschiedenen Wortgebrauchs vorliegen.
      Was Du „Kapitalismus“ nennst, scheint Ibn Maimoun nach meinem Empfinden als „freie Marktwirtschaft“ zu bezeichnen.

      Was er umgekehrt „Kapitalismus“ nennt, nämlich den modernen westlichen Kapitalismus, das nennst Du „Korporatismus“.

      Ich möchte in dem Zusammenhang darauf hinweisen, dass natürlich der modernen westliche Kapitalismus AUCH ein Kapitalismus ist, aber ein korporatistischer, und auch eine Marktwirtschaft, aber eine grundsätzlich unfreie (dies nicht wie bei Hayek u. Co.).

      Man darf m.E. nicht vergessen, dass fünf Dinge die Gesellschaft und ihre Wirtschaft so durchweben, dass ihre Abschaffung wohl eine grundsätzliche Neuordnung aller (mittlerweile globalen!) ökonomischen Beziehungen mit sich brächte:

      • Zinswirtschaft, d.h. Kreditfinanzierung von Kapital als fundamentaler, regelrecht lebensspendender Erwerbszweig
      • Existenz von juristischen Personen mit meist sehr eingeschränkter Haftung, aber weitgehenden „Grundrechten“, deren Anteilsscheine ggf. sogar frei und anonym handelbar sind
      • Reines Papiergeld, d.h. vom Deckungszwang durch reale Güter bzw. dem Eintauschrecht des Inhabers befreite, vom Staat herausgegebene Wechsel, die aufgrund eines Annahmezwangs als Geld fungieren (Papiergeld, engl. zurecht „fiat money“ genannt), aber in Wahrheit einen unsittlichen Vertrag darstellen und nicht nur nach meinem Urteil schon an sich als Wucher (Schaffung von Wert aus dem Nichts) zu betrachten sind
      • Schaffung aller möglicher Formen von noch fiktiverer Zahlungsfähigkeit in der privaten Kreditwirtschaft
      • Spekulation, d.h. Wetten, als völlig legalem Erwerbszweig, von der Konstruktion der „Lloyd’s of London“ bis zur heutigen enormen Börsenspekulation auf so ziemlich alles unter dem Himmel, bis zu einer Spekulation auf die Spekulation (Derivatsgeschäfte) und der „Versicherung“ der so resultierenden schwindelerregenden Spekulation x-ten Grades durch – natürlich schon wieder – Spekulation (Hedging)

      Das Thema der juristischen Personen wird zumeist unterschätzt, dabei ist es für die moderne Gesellschaft m.E. als regelrecht zentral anzusehen. Dazu gibt es eine hervorragende Dokumentation unter dem Titel „The Corporation“, die anzuschauen ich nur jedem interessierten Muslim nachdrücklichst empfehlen kann. Man findet diese leicht im Netz, häufig sogar eine Version mit deutschen Untertiteln.

      Wenn wir jetzt „Kapital“ einfach mal als „ausreichende Menge Geldes, um ein Geschäft mit mindestens einem Angestellten zu beginnen“ fassen, so müssen wir dies als Muslime auch vor dem Hintergrund eines wohl gesunden Hadîth betrachten, nach dem die am wenigsten sündige Form von „ribâ“ (Wucher) dem Ehelichen der leiblichen Mutter an Verdorbenheit gleichkommt. (Hadîth auffindbar in „Bulûgh al-Marâm“ des Großgelehrten Ibn Hajar al-Asqalâni im 7. Buch über „Handelsgeschäfte“, dort im 3. Kapitel „Ar-ribâ“ als zweiter Hadîth des letzteren (in dieser Ausgabe hier auf Seite 269, in der von Darussalam Publ. von 1996 auf Seite 291). Wie können wir dann eine große Geldsumme, die ja irgendwie auf Basis der oben dargestellten Verhältnisse erwirtschaftet wurde, mit dem Kapital eines ehrlichen arabischen Kaufmannes des vierten Jahrhunderts der Hijra gleichsetzen? Insofern bin ich, was die Verwendung des Begriffes „Kapitalismus“ angeht, sehr vorsichtig.
      Außerdem dürfen wir m.E. nicht vergessen, dass ein Begriff wie „Kapitalismus“ gerne das Verständnis mit sich bringt, dass in einer solchen Gesellschaft das Kapital, also das große Geld, regiert. Auch das lehne ich für die vom Islam explizit gutgeheißenen Gesellschafts- und Wirtschaftsformen (sic: Plural) ab. Da finde ich den Begriff „freie Marktwirtschaft“ auch viel treffender, weil er erstens nur von der Wirtschaft spricht, zweitens das wirklich gemeinsame UND regierende Prinzip angibt. Wenn man mag, kann man auch zusätzlich von einer „freien Eigentumswirtschaft“ u./o. „freien Individualwirtschaft“ sprechen (also die Regel des Schutzes der Privatsphäre und des persönlichen Eigentums herausheben), das fände ich angemessener.

      Wa-Llâhu a3lamu dâ’iman, wa-nastagfiru_Llâha wa-natûbu ilayh(i).
      Wa-s-Salâm.

    • Muhammad Ibn Maimoun

      @Yahya
      Sowohl Kapitalismus als auch Sozialismus sind viel älter als mancher denkt. Womöglich sind die Vorformen des Sozialismus sogar noch viel älter als die des Kapitalismus (Jäger-Sammler-Gesellschaften, die sich alles unabhängig von der Leistung gleichermaßen teilen). Keines der beiden braucht von einem Vordenker „erfunden“ zu werden, um sich im modernen Zeitalter in eine Ideologie oder ein künstliches System zu verwandeln. Mittlerweile gibt es durchaus auch zum Kapitalismus ideologische Ausformulierungen. Der Unterschied ist vielleicht lediglich, dass der Kapitalismus auf große Worte und Pathos aufgrund der geringen Möglichkeiten, die Massen von der Moralität des Geldscheffelns zu überzeugen, verzichten muss und sich so auch leichter abstreiten/übersehen lässt, dass er mittlerweile ebenfalls auch als Ideologie existiert.

      Ich stimme Dir durchaus darin zu, dass in der Religion Gottes der Einzelne die Pflicht hat, sich und seine Familie vor dem Zwang zur Bettelei und zum Diebstahl zu schützen, und dass es ein moralisch vortreffliches Werk und ebenfalls u.U. eine Pflicht ist, finanzielles Potential zu akkumulieren, soweit

      • die entsprechende Absicht hierzu intakt ist
      • man seiner hohen Verantwortung, die der Reichtum mit sich bringt, bewusst ist und ihrer gerecht wird
      • man sich davon nicht spirituell korrumpieren lässt oder höhere Pflichten hierdurch vernachlässigt

      Kein Problem also, denn für Deinen Standpunkt (aber auch für die Relativierungen) gibt es genügend Belege im Sendschreiben Gottes und in der Ususlehre seines Gesandten, und sei es auch nur etwas ganz Allgemeines/Abstraktes wie Sure 8:60. Fleiß, auch auf wirtschaftlicher Ebene, ist ein wertvoller Charakterzug, Faulheit ist als widerwärtig verpönt.

      Ich stimme Dir auch darin zu, dass der Etatismus – insbesondere die moderne Form – mit dem Islam nicht vereinbar ist.

      Das, worin unsere Meinungen allerdings divergieren (außer in der Frage, wieviel Staat denn nun genau für eine Gesellschaft heutzutage gut und mit der herabgesandten Lehre vereinbar oder gar von ihr gefordert ist), ist die Anwendung des Terminus „Kapitalismus“.

      Meiner Meinung nach rechtfertigt das Vorkommen mancher mit dem Kapitalismus gemeinsamer Prinzipien nicht, den Islam oder eine rechtschaffene Person „kapitalistisch“ zu nennen. Wir glauben an Moses (s) und die Thora, und nach der stärkeren Gelehrtenmeinung sind die Gesetze der Thora, wenn sie authentisch belegt sind, mit Ausnahme der gesondert abrogierten unter ihnen, auch für uns Muslime gültig, und noch viele andere Gemeinsamkeiten haben wir mit den Juden. Das rechtfertigt aber nicht, uns „Juden“ zu nennen, oder „Christen“, weil wir an Jesus (s) und das Evangelium glauben.

      Verständlicherweise gehört aus historischen und politischen Gründen „Kapitalismus“ zu den meistumkämpften Ausdrücken der Menschheitsgeschichte und wurde im Zuge dessen in so viele unterschiedliche Definition zerrissen, dass es legitim ist, sich unabhängig von Denkern und Ideologen Gedanken darüber zu machen, ihn so zu definieren, dass er eine möglichst sinnvolle Anwendung findet. Wenn ein Kapitalist einem Kapitalisten abspricht, Kapitalist zu sein, fällt dies hierbei übrigens nicht besonders ins Gewicht, wir kennen das ja von anderen Ideologien/Religionen 😉

      Zu allererst bietet sich an, ihn im Wortsinne zu benutzen. @Abdullah hat schon richtig festgestellt, dass es den Typus des von der Kapitalvermehrung im Sinne eines Lebensinhalts besessenen Menschen nun mal gibt (m.E. gibt es ganze Systeme dieses Schlags) und hat auch schon eine beweiskräftige Surah hierzu zitiert. Auch erinnere ich an die vom Gesandten Gottes (s) verwendeten, authentisch überlieferten Ausdrücke „Knecht des Dinar“ und „Knecht des Dirham“. Wenn es eine treffendere Bezeichnung als „Kapitalisten“ im Wortsinne für diese Leute gibt, möge diese bitte von jemandem vorgestellt werden.

      Übrigens sorgten ja erst die neuzeitlichen Sozialisten mit ihrer Terminologie für die Popularität des Ausdrucks „Kapitalismus“, so sehr, dass dieser trotz ihnen bereits vorausgegangener vereinzelter Verwendung mehr oder weniger als von ihnen eingeführt angesehen werden kann, was zwar vielleicht nicht unbedingt automatisch eine absolute Definitionshoheit mit sich bringt, aber dennoch bei der Definition nicht außer Acht gelassen werden sollte.

      Zum Wechsel von der Sprachanalyse zum real und aktuell Gegebenen: Es ist außerdem ein Merkmal kapitalistischer Systeme, dass eben nicht die in manchen von ihnen trügerisch vielbeschworene „harte Arbeit“ der alleinige Hauptfaktor für Macht und Erfolg ist, sondern dort, wer viel hat, noch mehr gewinnt, hauptsächlich weil er eben viel hat, und wer wenig hat, verliert, nur weil er wenig hat – und zwar systembedingt. Ebenso gibt es kein allgemein als kapitalistisch anerkanntes System, das nicht auf dem Zins-, Pump- und Geldschöpfungsprinzip beruht. Gibt es irgendeine größere Firma in diesen Systemen, die nicht cash-flow-bedingt in den Seilen der zinsbasierten Kreditindustrie hängt?

      Knapp ausgedrückt:

      Nimm das Zinselement raus, setze die Zakah-Pflicht rein => Kapitalismusbegriff nicht mehr anwendbar.
      Analog, vom Sozialismus ausgegangen:
      Setze das Recht auf individuelles Gewinnstreben rein, nimm die totale Gleichverteilung der Güter raus => Sozialismusbegriff nicht mehr anwendbar

      Der Islam ist die Religion der Mitte, nicht nur zwischen Juden und Christen, und zwischen Atheisten und Polytheisten, sondern auch zwischen Kapitalismus und Sozialismus.

      والله أعلم

      PS: Der Ausdruck „hedonistischer Kapitalismus“ ist problematisch – Kapitalismus ist tendenziell asketisch, er dürfte sich in Sachen Lust auf den speziellen Genuss der Beobachtung des Vermögenswachstums beschränken. Aber der populäre (nicht unbedingt der epikuräische) Hedonismus ist das Geschwisterbein des Kapitalismus, keines kann ohne das andere weit laufen. Der Hedonismus sichert dem Kapitalismus die ins Krankhafte gesteigerte Nachfrage, der Kapitalismus dem Hedonismus das unnatürlich wuchernde, den Planeten überlastende Angebot.

    • EinMathematiker

      As-salamu aleikum wa rahmatullahi wa barakatuh,

      ich stimme den Brüder Muhammad ibn Maimoun, Abdussalam bin Abdillah und Abdallah fast vollumfänglich zu, aber darüber habe ich mit Yahya ohnehin schon die ein oder andere Diskussion geführt und will ich das gar nicht weiter vertiefen. 🙂

      Weil es von Abdussalam bin Abdillah erwähnt wurde, würde ich nur gerne noch auf das Thema ‚Spekulation‘ eingehen (eigentlich wollte ich dazu mal einen Artikel schreiben, aber ich starte mal mit diesem Kommentar). Wie Du richtig erwähnst, gehören zum gegenwärtigen (und vielen vergangen) Finanzsystem der Zins und das Handelbarmachen von Risiko, d.h. der Einsatz von Derivaten.

      Nun habe ich mir hinreichend viele Fataawa durchgelesen, um zu sehen, wie die zeitgenössische Gelehrsamkeit zum Thema Optionen und Co. steht. Bei Optionen (bedingte Termingeschäfte) ist man sich einig: haraam, weil der Pay-off zum Vertragsabschluss nicht genau feststeht, da dieser (das ist ja genau der Sinn von Optionen) von dem stochastischen Prozess des Underlyings (Aktien- oder Wechselkurs oder/und Zinssatz) abhängt. Bei Futures und Forwards (unbedingte Termingeschäfte) gehen die Meinungen auseinander, die einen sagen so, die anderen so.
      Beim ‚Zins‘ (wobei m.E. mit diesem Begriff viel Schindluder getrieben wird) ist man sich wieder einig, er ist haraam, die einschlägigen Stellen aus Koran und Sunnah sind bekannt.

      Was ich aber komischerweise nie finde ist die Diskussion, wie unser Wirtschaftssystem ohne derlei Derivate aussehen würde? Oder auch ohne ‚Zins‘, die meiner Beobachtung nach in jeder Bank kassiert werden (sie heissen dann halt Gebühren)? Wie würden Staatsfinanzierungen laufen? Wie würden sich Farmer ihre Ernteerträge absichern (lassen)? Auf der einen Seite lese ich, dass das Sozialsystem, wie es bspw. in Deutschland existiert, eigentlich haram wäre und dass es keine Steuern geben dürfte, auf der anderen Seite würde man, um beim Beispiel zu bleiben, die Farmer bei einem Preisverfall sich selbst überlassen müssen, weil sie sich nicht absichern dürfen und dann bei etwaiger Pleite wiederum sich selbst überlassen wären. Ausserdem: wie will man denn ohne Gegenleistung Geld verleihen, irgendeine Gegenleistung muss es geben, sonst würde man nicht rational handeln, wozu man im Koran ja angehalten wird…. Und manchmal muss man Geld leihen, denn heutzutage startet man ein Business nicht mehr einfach so….

      Kurzum: während es tausende Publikationen über alle möglichen Themen gibt, gibt es zum Finanzsystem, zur Rettung der Biodiversivität oder genetisch manipulierten Lebensmitteln, weil es offensichtlich nicht mehr en vogue ist, sich sowohl diesseiten als auch jenseitigen Themen zu widmen….

      Falls jemand eine Quelle zu obigen Themen hätte, wäre ich ihm sehr dankbar.

      wa Allahu ‚alem.

      salam

    • Muhammad Ibn Maimoun

      وعليكم السلام ورحمة الله

      Ausserdem: wie will man denn ohne Gegenleistung Geld verleihen, irgendeine Gegenleistung muss es geben

      Das ist kapitalistische Logik 😉 . Wäre es ein Geschenk, könnte man es Leistung nennen. So aber gibt es keine echte Leistung, also darf man auch keine Gegenleistung erwarten. Hierzu passen die Worte Gottes: { ذلك بأنهم قالوا إنما البيع مثل الربا } „Dies, weil sie gesagt haben, Handel sei ja das Gleiche wie Zins.“ – Schon Aristoteles schrieb: „So ist der Wucher hassenswert, weil er aus dem Geld selbst den Erwerb zieht und nicht aus dem, wofür das Geld da ist. Denn das Geld ist um des Tausches willen erfunden worden, durch den Zins vermehrt es sich dagegen durch sich selbst. […] Diese Art des Gelderwerbs ist also am meisten gegen die Natur.

      Man kann es aber einen Gefallen nennen. Dass dieser ungerne getan wird, hat natürlich etwas damit zu tun, dass die zwischenmenschlichen Bindungen in modernen Systemen stark abgeschwächt sind, erst recht, wenn man sich an den Gedanken gewöhnt hat, dass Geld zu verleihen eine Leistung sei und ständig die Banken im Hinterkopf hat, die Geld damit verdienen, so dass sich ein zinsloser Darlehensgeber vom ersten Moment an ausgenutzt fühlt. Nimm noch hinzu, dass ein weiterer Grund der intrinsische Wertverfall moderner Währungen ist, so dass zinslos verliehenes Geld in diesen unnatürlichen Systemen unterm Strich ein Verlustgeschäft ist – von diesem Wertverfall aber ist eine islamische Gold-Silber-Währung langfristig frei.

      Das mal nur als Ansatz, es gäbe sicherlich noch viel mehr dazu zu sagen.

  2. ibn Masoud

    @Bruder Milat, da steht auch Gruppen nicht nur Sippen.

    Das was ibn khaldun ra. geschrieben hat, kann man in Anbetracht der Ereignisse in unserer heutigen Welt, mehr als nur unterschreiben.
    Wenn man seht was in Lybien, Syrien ect. los ist, so kann man meiner Meinung nach sagen, das es besser ist nicht zu rebelieren, wir sehen ja was dabei rausgekommen ist.

    Antworten
    • Milat

      Diese Meinung vom Sheikh bezieht sich ja auf die Aussage, dass Gruppen(also grosse Gruppen z.B Sippen und Stämme) wichtiger als einzelne religiöse Gruppen sind.

      Ich würde dies daher für die momentane Lage nicht überall als richtig erachten.

      Ich meine, z.B Syrien, Assad war eig. schon durch das Volk gestürzt wurden, hätten da Iran und Russland nicht mitgemischt.

      Die Aussage vom Sheikh ist also eine Allgemeine Aussage, die sicherlich man auch als allgemein richtig anerkennen kann aber für die Praxis gibt es weit aus mehr Variablen, sodass seine Aussage meiner Meinung nach nicht Anwendbar ist für die heutige Zeit.

      Auch in Lybien sieht man das. Man hat die Regierung erfolgreich gestürzt aber dadurch, dass die Leute da zumteils sehr unreligiös sind und politische und nicht religiöse Ziele verfolgen, herrscht ein Bürgerkrieg.

  3. Abdallah

    @Jens Raft

    Salamu alaikum.

    Ich meine, du und Ibn Maimoun redet aneinander vorbei. Er zielt mehr auf die Verhaltensweisen des durchschnittlichen, gottlosen Kapitalisten, der auch im Koran und in zahlreichen Überlieferungen anklagend bedacht wird.

    Dieser ist in erster Linie an eine (ins absurde gesteigerte) Steigerung seines Reichtums interessiert und schert sich wenig bis gar nicht um die Folgen und das Leid für Mensch und Umwelt.

    Wenn etwa die Tabaklobby ernsthaft versuchte, Zigaretten als nicht schädigend darzustellen oder Nestle afrikanische Säuglinge von ihrem Milchpulver abhängig machte, sodass ihre Mütter nun sie nicht mehr säugen konnten , zeitgleich aber kein Geld für das teure Pulver hatten und wenn Arbeiter ausgebeutet werden, damit die Leute hier günstig Kleider kaufen können – dann haben wir es mit Dämonen zu tun, die Blut und Würde der Schwachen fressen.

    Nur jemand ohne Verstand kann leugnen, dass es diese von Gier zerfressenen und ruchlosen Menschen gibt.

    Aber: Was hat der Kapitalismus damit zu tun? Ist ja nicht so, dass die Mechanismen des Kapitalismus dich sterben lassen, wenn man nicht besonders gierig und unbarmherzig seine Profite jagt.

    Es sind also in erster Linie die Menschen, die geändert werden müssen und weniger das System.

    Wir wissen aber, dass dies nie passieren wird, man kann aus dem Koran und anderen Quellen relativ deutlich herauslesen, wie sich die Menschen bis zum Ende verhalten werden…

    Inwieweit man deshalb durch den Staat zumindest die völlige Enthemmung des (westlichen) Kapitalismus stoppen muss (Mindestlöhne etc.), ist eine andere Frage.

    Gier ist im Islam stark negativ konnotiert, ist aber oft der ursächliche Antrieb für eine Vielzahl von Entscheidungen auf allen Ebenen von Unternehmen und weniger eine vernünftig durchdachte Kalkulation, bei der man seinen Anteil nur soweit bedacht, dass man, je nach Stellung, gerade so oder komfortabel leben kann.

    Ein gottloser Kapitalist aber kennt keine derartige Selbstreflexion, kein Philosophieren über Reichtum als Prüfung, über Allah als wahren Besitzer seins Reichtums und der Vorzug des jenseitigen Reichtums, der nur durch Wohltaten auf dem Weg Allahs erlangt werden kann.

    Wie sagt Allah über diese Menschen:

    Wehe jedem Stichler und Nörgler,
    der Besitz zusammenträgt und ihn zählt und immer wieder zählt,
    wobei er meint, daß sein Besitz ihn ewig leben ließe!

    Niemand lebt ewig. Wieso glauben gutgebildete Banker, Unternehmer, sie würden ewig leben?

    Leiden sie an pathologischer Realitätsverdrängung? Woher kommt diese durch und durch irrationale Verhalten?

    Der Kapitalismus des Islams und der darwinistische, folgenlose, hedonistische Kapitaismus des Westens gleichen sich nur oberflächlich.

    Denn im Islam gibt es keine Trennung von Geschäft und Moral, im letzteren wird die Trennung rechtlich abgesichert.

    Und die einhellige Meinung fast aller Sufis ist ja: Reichtum voll out, Jenseits voll in.

    Die haben’s gecheckt.

    Antworten

Antworten