Muslime in ernsthaften Glaubenskrisen

7 Kommentare

von Yahya ibn Rainer

Mich erreichen in letzter Zeit leider vermehrt Berichte und Nachrichten von Muslimen die sich in ernsthaften Glaubenskrisen befinden. Ausgelöst werden diese u.a. durch plötzliche/drastische Imantiefs, hartnäckige Zweifel und auch durch schlechte Erfahrungen im persönlichen Umgang mit äußerlich rechtschaffend wirkenden Glaubensgeschwistern.

Imantiefs gehören zum Glauben eines jeden Muslims. Der Imam steigt und sinkt,  der Muslim merkt das und muss lernen damit umzugehen. Ebenfalls sind Zweifel an allgemein anerkannten und sogar fundamentalen Lehren des Islams keine Seltenheit, auch und speziell bei Gelehrten und Intellektuellen.

Was jedoch besonders schlimm dieser Tage scheint, ist das erbärmliche Benehmen vieler Muslime, die äußerlich die Zeichen einer vorbildlichen muslimischen Lebensführung darbieten.

Egal ob es sich um Muslime in den sozialen Netzwerken handelt, die durch Profilbilder und religiös motivierte Postings einen gewissen Anschein pflegen, oder Geschwister, die möglichst streng und tadellos das äußere Erscheinungsbild gestalten; beide Gattungen bergen heutzutage leider einen erschreckend hohen Anteil an äußerst fragwürdigen Charakterzügen in sich.

Ein häufiger Fehler, den (scheinbar besonders fromme) Muslime hierzulande gern begehen, ist das ständige öffentliche Beschweren über diejenigen Glaubensgeschwister, die anscheinend nicht dermaßen vorbildlich und tadellos den Islam praktizieren können wie sie, und das ruppige Zurechtweisen selbiger.

Meine Erfahrung in den letzten fast 10 Jahren als Muslim ist, dass es speziell für diese „ruppigen Frommen“ eine geradezu existentielle Prüfung wird, wenn der Iman einmal sinkt oder gewisse Zweifel den Verstand herausfordern. Denn den eigenen hohen Anforderungen nicht mehr gerecht zu werden, wegen denen man zuvor zahlreiche Muslime tadelte, ist wie ein zusätzliches schweres Gewicht am Fuß, wenn man hinabsteigt in die Sphären der Schwäche und Zweifel.

Manche können sich noch in die Heuchelei retten, das äußere Bild wahren, aber gerade diese Form der Lebenspraxis ist alles andere als förderlich für eine Wiederzunahme des Glaubens und eine Ausräumung der Zweifel. Vielmehr setzt sich der Wesenszug der Heuchelei im Charakter fest und wird Teil der eigenen Persönlichkeit. Dies merken einige und sehen teilweise keinen anderen Ausweg mehr als die Abtrünnigkeit.

Ich habe so viele Muslime (Revertiten und Konvertiten) kommen und gehen sehen. Die längsten Bärte, die größten Hijaabs, die strengsten Auffassungen … und einige Wochen, Monate oder Jahre später komplett raus aus der Religion.

Fürchtet Allah, meine lieben Geschwister, seid gutmütig zu denen, die sich nicht in der Lage sehen den Islam dermaßen streng auszulegen wie ihr es derzeit könnt, denn nur Allah weiß, ob Er euch mit dem Islam bis zu eurem Lebensende ehren wird, oder ob Er euch von eurem hohen Ross stößt.

Und an diejenigen gerichtet, die gerade ein Glaubenstief plagt oder ein großer Zweifel: Lasst euch nicht von oben herab, von irgendwelchen scheinbar Frommen, die Religion schwer machen. Die Sünde und der Zweifel gehören zur Ummah und Allah ist barmherzig und vergebend.

„Er liebt eine Sünde, die dich vor Ihm demütig werden lässt, mehr als ein Gottesdienst, der dich vor Ihm selbstgefällig werden lässt. Es ist besser für dich, dass du die Nacht schlafend verbringst, und den Morgen bereuend erreichst, als dass du die Nacht betend verbringst, und den Morgen selbstbewundernd erreichst, denn die Taten eines jemanden, der sich selbst bewundert, steigen nicht empor. Es ist besser für dich, dass du lachst, während du [deine Sünden] erkennst, als dass du weinst, während du selbstgefällig bist.

Das Ächzen eines Sünders ist besser als der Gesang eines selbstgefälligen Lobpreisenden. Es mag sein, dass Allah ihn mittels dieser Sünde eine Heilung kosten lässt, mit der eine verheerende Krankheit in ihm geheilt wird, von der du auch heimgesucht bist, ohne es zu wissen.“

— Imam Ibn al Qayyim [Gest. 751 n.d.A] رحمه الله.
(Besten Dank an Bruder Behzad Zibari)

Bitte verliert niemals die Hoffnung.

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7 Antworten auf “Muslime in ernsthaften Glaubenskrisen”

  1. Abdallah

    „Die Sünde und der Zweifel gehören zur Ummah und Allah ist barmherzig und vergebend.“

    Allah vergibt jedem, außer dem, der seine Sünde offen macht.

    Wir wissen alle, dass jeder sündigt. Wir tun aber so, als gäbe es die Sünde nicht und reden niemals über unsere Sünden.

    Analog bezeichnen wir die Ummah daher nicht als Etwas, zu dessen Bestandteil auch die Sünde gehört (auch wenn es stimmt).

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    • Yahya Jens Ranft

      Yahya Jens Ranft

      Assalamu alaykum Bruder Abdallah,

      du hast geschrieben:

      «Allah vergibt jedem, außer dem, der seine Sünde offen macht.»

      Allah subhanahu wa ta 3ala sagt jedoch sinngemäß im Quran (39:53):

      Sag: O Meine Diener, die ihr gegen euch selbst maßlos gewesen seid, verliert nicht die Hoffnung auf Allahs Barmherzigkeit. Gewiß, Allah vergibt die Sünden alle. Er ist ja der Allvergebende und Barmherzige.

      Und in dieser Aya (4:48) sagt Er sinngemäß:

      Allah vergibt gewiß nicht, daß man Ihm (etwas) beigesellt. Doch was außer diesem ist, vergibt Er, wem Er will.

      Daraus lässt sich schließen, dass Allah auch die Sünden vergibt, die Sein Diener offen/öffentlich begangen hat, wenn Er nur will. Wobei eine aufrichtige Reue sicherlich der sicherste Weg ist, diese Vergebung zu erlangen.

      Zudem hast du geschrieben:

      «Analog bezeichnen wir die Ummah daher nicht als Etwas, zu dessen Bestandteil auch die Sünde gehört (auch wenn es stimmt).»

      So ist es leider. Dabei haben Allah und Sein Gesandter in zahlreichen Ayat und Ahadith die Sünde als Bestandteil der Ummah erwähnt. So berichtet Abu Huraira radiAllahu anhu, dass der Gesandte Allahs sallAllahu alayhi wa sallam sagte:

      „Bei Dem, in Dessen Händen meine Seele ist, wenn ihr nicht sündigen würdet, so würde Allah euch durch ein anderes Volk ersetzen, das sündigt und Allah um Vergebung bittet, und Allah wird ihm vergeben.“

      (Muslim)

      Den ähnlichen Wortlaut berichtet auch Abu Ayyub Khalid ibn Zaid radiAllahu anhu vom Gesandten Allahs sallAllahu alayhi wa sallam:

      „Hättet ihr nicht gesündigt, so hätte Allah gewiss ein Volk erschaffen das sündigt und Ihn um Vergebung bittet, und Er wird ihm vergeben.“

      (Muslim)

      Das dürfte wohl mehr als deutlich darlegen, dass die Sünde ein fester Bestandteil dieser Ummah ist.

      Und zu guter Letzt möchte ich noch diesen Hadith Qudsi bemühen, denn Abu Huraira radiAllahu anhu überliefert auch, dass der Prophet sallAllahu alayhi wa sallam unter dem, was er von Seinem Herrn, dem Gesegneten und Erhabenen, erzählte, sagte:

      Ein Diener Allahs beging eine Sünde und betete dann: „Oh Allah, vergib mir meine Sünde.“ Darauf sagt Allah, der Gesegnete und Erhabene: „Mein Diener hat gesündigt, und erkannte darauf, dass er einen Erhalter hat, Der Sünde vergibt und der auch ruft, dafür zu büßen.“ Der Diener sündigte erneut und bat: „Oh mein Erhalter, vergib mir meine Sünde.“ Der Gesegnete und Erhabene sagt: „Mein Diener hat gesündigt, und darauf erkannte er, dass er einen Erhalter hat, Der Sünde vergibt und der auch ruft, dafür zu büßen.“ Der Diener beging nochmals eine Sünde und bat dann: „Oh Allah, vergib mir meine Sünde.“ Der Gesegnete und Erhabene sagte: „Mein Diener hat gesündigt und erkannte dann, dass er einen Erhalter hat, Der Sünde vergibt und der auch ruft, dafür zu büßen. Ich habe Meinem Diener vergeben, so lasst ihn tun, was er mag.“

      (Al-Bukhari und Muslim)

      Dies ist ein Beleg dafür, dass der Sünder niemals die Hoffnung aufgeben sollte, wenn er nur Reue verspürt.

  2. Khalid Amin

    Assalaamu aleykum wa rahmatullah,

    ich habe solche Probleme bei vielen, für eine Zeit sogar mir selbst, beobachten können. Für mich persönlich liegt eine Ursache darin, dass manche „Neumuslime“ evtl. nur für eine Zeit das Gruppengefühl und die klare Weltsicht genießen wollten – ohne die Absicht, eine langfristige und tiefe Spiritualität zu erfahren und zu leben.

    Andere wiederum sind oft enttäuscht, dass viele Muslime den Islam tatsächlich primär an Äußerlichkeiten festmachen und es bisweilen wenige Möglichkeiten gibt, spirituelle, philosophische oder wissenschaftliche Probleme zu diskutieren, ohne sich selbst damit auf lange Sicht auszugrenzen. Die ganze Religion und ihr Praktizieren sind immer ein balancieren zwischen Orthodoxie und spiritueller Entwicklung, oft mit wenig Verständnis der jeweiligen extremeren Lager füreinander.

    Wie zb. Abdul Hakim Murad sagte: „Manche Wahabiten verstehen nicht, dass manche Fische nur in tiefen Gewässern überleben können.“

    Ich persönlich wurde letztendlich gefestigter in meinem Islam durch das Schauen über den Tellerrand mit offenem Herzen, inshaAllah.

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  3. ehrlicher akhi

    Was ist das für ein unsinn?

    Wenn man zweifel hat an der religion so fällt man ab davon.

    Waswasah die kontrolle bekommen über herz,zunge und taten sind „zweifel“ alles andere wie im kopf schwirrende einflüsterungen wie“boa wenn der muslim ist, dann kann diese religion nicht wahr sein(audhubillah!).

    Ich sehe, dass viele im diesem blog keinen blassen schimmer vom manhaj der aahabah geschweige denn der aqudah von ahlus sunnah wal jamaat haben.

    Wenn jemand sagt zweifel bringen dich nicht aus der rekigion aus so ist dies die aqidah der jahmiyyah.

    z

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  4. ehrlicher akhi

    Korrektur liste

    *Sahabah

    *Aqidah

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  5. Khalid Amin

    Assalaamu aleykum,

    mir scheint es, als hätten manche Muslime und ehrliche „mein Bruders“ (#arabisch für Anfänger) vor allem den Adab der Sahaba und der Ahlu-s-Sunnah nicht verstanden.

    – man hat zu grüssen
    – man hat nicht irgendwelche Behauptungen aufzustellen (wer sprach von Zweifeln an der Religion selbst?)

    Zweifel am Gesamtzustand der Ummah und einiger ihrer Angehörigen beschleichen einen bisweilen durchaus, wenn man erschrocken feststellen muss, wie der Krawall- und Pippi-Langstrumpf-Manhaj innerhalb weniger Jahre eine halbe Generation von Jungmuslimen ruiniert hat.

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  6. Elif

    Ich erlebe auch oft in den sozialen Medien, wie andere muslimischen Schwestern mich kritisieren, dass ich mich nicht so präsentieren soll ect. Dabei wissen sie auch nicht meine wahren Hintergründe, warum ich nicht eben so streng meine Religion ausleben kann, wie sie sich vorstellen oder wünschen.
    Zweifel habe ich auch erlebt. Das passiert es dann, wenn ich zu schnell das Ziel erreichen wollte und es schief ging. Lieber lasse ich mir mehr Zeit.

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