Hast du mal nen Euro?

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Wer kennt es nicht? Man steht gerade an der Supermarktkasse und der Kassierer fordert von einem die Bezahlung des Einkaufs. Die Kasse zeigt einen hässlich ungeraden Betrag von 45,37 € an und man weiß selbstverständlich, dass die Kasse immer mehr anzeigt, als man eigentlich bezahlen muss. Man legt dem Kassierer einfach 40 € hin und geht seines Weges.

Ach, das kennt man gar nicht? Man bezahlt bei den bösen Kapitalisten, die die ganzen Discounter betreiben, immer den vollen Preis? Centgenau?

Einer meiner besten Freunde ist Taxifahrer in einer deutschen Großstadt. Er erzählt mir oft Anekdoten aus dem Leben eines Taxifahrers, so auch letzte Woche, als er vor einem Luxushotel zwei Emiratis empfing. Diese wollten zum Flughafen und hatten davor noch schnell dem Pagen jeweils 100 € für seine Dienste in die Hand gedrückt. Als sie ins Taxi stiegen machten sie ihm schnell deutlich – natürlich mit den üblichen „Hab-dich-ganz-doll-lieb-Akhi-für-Allah“-Floskeln, dass sie nicht mehr als 50 € für die Fahrt zum Flughafen zahlen würden. Allerdings wusste er, dass diese Fahrt mindestens 70 € Wert ist und verweigerte daher den Transport für den Preis. Beide verließen daraufhin das Taxi und fluchten noch lautstark auf Löwen-Latein vor sich hin.

Nein, das ist kein Plädoyer gegen den Akhi-Rabatt oder dafür, dass man den Preis nicht mehr verhandeln darf. Die Leute sind frei und haben die freie Verfügung über ihr Eigentum. Wenn sie meinen, dass der Page 200 € Trinkgeld verdient hat, dann ist es ihre freie Entscheidung. Wenn sie meinem Freund nicht den vollen Preis zahlen wollen, ist es genauso legitim, da mein Freund ja die Fahrt verweigern konnte und sie ja so zivilisiert waren vor Fahrtantritt über den Preis zu diskutieren und nicht erst am Ende der Fahrt.

Allerdings ist dieses Verhalten symptomatisch für eine äußerst fragwürdige Einstellung.

Der Spaß hört da auf, wo ein Akhi wirklich um sein Geld oder ein anderes Gut geprellt wird. Die Löwen von heute schmarotzen nicht nur bei den hiesigen Ämtern, sondern auch bei anderen Akhis. Kleine wie größere Beträge, die man sich von den „Bonzen“ ausleiht, werden nicht mehr zurückerstattet. Dem Verleihenden ist es oftmals peinlich, das „Hast du mal nen Euro“ eines anderen Akhis vor versammelter Akhischaft zu verneinen und es ist noch peinlicher, wenn man sich nach 2 Wochen an den Leihvorgang erinnert und wegen ein paar Euros nachfragen MUSS, wann man denn das Geld wiederbekommt. „Inshallah“ ist dann immer eine gute Antwort. Oftmals bekommt man auch zu hören, er solle sich nicht so anstellen und es als „Sadaqa“ oder Almosen sehen, wenn er das Geld nicht zurückbekommt. Zwangsalmosen natürlich.

Man geht mit einem sehr einseitigen Anspruchsdenken durch die Welt. Gespeist durch die „Wo-ist-die-Ummah?“-Schlachtrufe auf Facebook u. Co. wissen die Leute nicht viel, aber eine Sache mit großer Bestimmtheit: Muslim X schuldet mir etwas. Er schuldet mir Geld, er muss für meine Dummheit mit seinem Eigentum aufkommen („Ein Bruder wurde in einer 30er Zone mit 70 geblitzt und braucht nun die Ummah, bitte weiterleiten!!!“), er muss meine Familie versorgen, wenn ich für das Hochladen eines IS-Hinrichtungsvideos verknackt werde, er muss mir eigentlich 24/7 mit seiner Zeit, seinem Geld und wenn es geht auch mit vollem Körpereinsatz zur Verfügung stehen! Natürlich ist der Leistungsfluss nur uniteral und man braucht nicht erwarten, dass der mashallah Akhi auch nur einen Finger „für die Ummah“ rührt. Leider haben sehr viele Leute dieses Anspruchsdenken, so dass es schon krankhafte Züge angenommen hat. Das sollen doch die Reichen, die Wissenden, die…, schlichtweg die „Anderen“ erledigen. Tolle Einstellung!

Anderes Beispiel. Anfangs war das Klamottengeschäft, also der Verkauf qualitativ minderwertiger, aber hochpreisiger Lumpen aus Pakistan, noch fest in Akhi-Händen. Allerdings haben in den letzten Jahren viele Hijabmodebloggerinnen ihr unternehmerisches Kalkül bewiesen und sich im Orient-Klamottengeschäft etabliert. Leider ist die Zahlungsmoral der Ukthis genauso fragwürdig, wie die der Akhis. Anstatt einfach die Finger vom Produkt zu lassen, wenn man keinen reichen Löwen abbekommen hat, der dafür aufkommt, wird erstmal schön auf der Facebookpräsenz gestänkert.

„Viele Schwestern können sich kein $_FILL_IN_FANCY_KLEIDUNGSSTÜCK leisten, willst du etwa, dass sie nackt rumlaufen?“

„Warum ist das so teuer? Karl Lagerfeld oder was?“

„Schade, dass wir nur noch an Dunya denken müssen…“

„Leider viiiiiiiiiel zu teuer für mich“

Diese Beispiele zeigen eigentlich nur auf, wie selbstverständlich man die Hand aufhält um sich irgendeinen Vorteil von einem anderen Akhi oder einer anderen Ukthi zu ergattern, aber man selber niemals dafür bereit ist auch nur einen Finger krummzumachen. Es sagt viel über den Respekt und über die Wertschätzung aus, die man anderen Orientalen entgegenbringt.

Warum ist der Preis an der Supermarktkasse in Ordnung und wird in voller Höhe beglichen, aber der Preis einer Hijabmodebloggerin ist per se Wucher? Warum muss ein Akhi, der einen Geldbetrag ausleiht, sich SELBST darum kümmern, dass er das Geld wiederbekommt? Warum ist es nicht selbstverständlich, dass man nach einer gewissen Zeit selber auf die Idee kommt, seine Schulden zu begleichen?

Genau die Leute, die in den sozialen Medien immer „Wo ist die Ummah?“ schreien, sind auch diejenigen die die Hand offenhalten, aber niemals etwas zur allgemeinen Verbesserung beitragen würden. Schmarotzen und Stänkern, das sind die Qualitäten der Akhis und Ukthis von heute.

Wo ist der Respekt vor dem Eigentum anderer? Man muss nicht bei der Ukthi oder beim Akhi kaufen, aber wenn es „Festpreis“ heißt, dann heißt es auch, dass nicht gehandelt wird. Dann lässt man einfach davon ab und sucht sich was Billigeres, was dem eigenen Hartz4-Einkommen eher gerecht wird.

Selbiges gilt natürlich auch für penetrante Marktschreier, die jedes erdenkliche Medium missbrauchen um ihren Müll loszuwerden. Sie haben ebenfalls moralisierende Tränendrüsen-Floskeln parat, wenn es darum geht ihre minderwertigen, aber überteuerten Lumpen, an den Mann zu bringen.

„Wieso unterstützen wir uns nicht gegenseitig?“

„Wieso kauft ihr lieber bei einem Ungläubigen ein als bei mir?“

„Wieso bezahlst du 400 € für Nike-Schuhe und gibst kein Geld für Sunnah-Klamotten aus? Hasst du die Sunnah etwa?“

Oder der Hajj-Reiseanbieter, der seine Opfer mit 100 Dingen  anlockt, wie toll die Hajj / Umrah bei ihm sei, aber wenn es ums Einlösen geht, kontert dieser mit:

„Du beschwerst dich über das heruntergekommene Zimmer das wir dir als Deluxe Suite in Rechnung gestellt haben? Bist du wegen Luxus oder wegen Ibada hier? Früher mussten die Leute über Wochen auf dem Kamel reisen um hier her zukommen und du beklagst dich über sowas!“

Das Ganze geht dann so weit, dass man nicht mal davor zurückschreckt WhatsApp-Gruppen von Moschee-Vereinen zu kapern. So liest man öfters, dass eine Koran-und-Hadith-Gruppe, wo man nur Koran und Überlieferungstexte posten darf, mit mehr oder weniger offener Werbung vollgespammt wird. Spricht man den Verkäufer darauf an, ist er schnell beleidigt und unterstellt den Gruppenmitgliedern Hass auf seine Produkte und damit Hass auf den Islam. Denn wer seine pakistanischen Lumpen oder das billige Parfüm ablehnt, ist nämlich erklärter Feind der Sunnah.

Tolle Logik! So macht man Geschäfte!

Es wäre schön, in einer Welt zu leben, in der Muslime sich gegenseitig unterstützen und JEDER, absolut JEDER, seinen Teil dazu beiträgt. Aber hierzu müsste man aufhören zu moralisieren, aufhören einseitig die Hand offenzuhalten. Man müsste auch aufhören jeden Akhi und jede Ukthi mit Floskeln auszunehmen!

Also, wer leiht mir nen Euro? Mein Studium in Cambridge zahlt sich nicht von selber! Wo ist die Ummah, wenn man sie mal braucht? Für das neuste Smartphone 500 € ausgeben, aber für einen Akhi, der erfolgreich sein will, ist auf einmal kein Geld mehr da? Hasst ihr etwa erfolgreiche Muslime? Habt ihr überhaupt den Tawheed verstanden?

Fragen über Fragen!

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8 Antworten auf “Hast du mal nen Euro?”

  1. Muslim

    Du und ich könnten glatt Freunde werden. Wir müssen uns mal sehen. Zia ul Haqq. Wir werden bestimmt gute Freunde. Das habe ich auch vor kurzem erwähnt:

    Muslimischen Händler ausbeuten?

    Einige Geschwister glauben sie können die Ware/Dienstleistung eines Muslim umsonst kriegen. Nur weil er Muslim ist, heißt es noch lange nicht, dass du ihn ausnutzen kannst. Ich sehe es immer wieder und es ist echt abartig.(sorry, muss aber mal sein) Der Bruder macht sich all die Mühe die Produkte / Dienstleistung zu organisieren und da kommt ein fauler und geiziger Bruder, der den Preis so frech runterpushen möchte, sodass der Verkäufer sogar Verlust machen würde. Vor kurzem sagte ein Sheikh, dass Sahaba sogar zusätzlich mehr Geld dem Verkäufer gegeben haben.

    Entnommen von „Gärten des Wissens“ (Facebook)

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  2. Abdallah

    Ich empfehle Ghazalis „Elixier der Glückseeligkeit“

    Das statt jenen PDFs auswendig lernen und anwenden und wir haben eine feine Ummah.

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  3. Abdullah ibn Masud

    Warum dies und das, warum musst du so übertreiben und verallgemeinern ? Warum arbeitest du soviel mit Vorurteilen und Klischees ? Warum musst du immer alles generalisieren ? Warum sind alle schlecht in dieser Ummah ? Das ist doch kein Sarkasmus mehr bei dir, mit dir stimmt doch was nicht. Ja wir haben alle die Nase voll mit all dem was so schief läuft bei uns Muslimen oder die sich zum Islam bekennen, ist das aber der richtige Weg den Islam und Muslimhassenden Menschen im muslimischen Gewand nachzueifern und all seinen Frust oder was auch immer über die allgemeinheit der Muslime auszuschütten ? Hinterfrage dich mal selber anstatt immer auf andere zu zeigen, zu beeidigen, sich lustig machen, was oder wenn willst du damit erreichen ? Es gibt hier durchaus gute Autoren, die mich und ich hoffe auch andere mit ihren Worten ereicht und etwas positives bewirkt haben, aber du bist fast nur am provozieren und das gefährliche dabei ist du nehmst nicht mal mehr auf die Religion Rücksicht.

    Allah Yahdina

    Antworten
    • Abdussalam bin Abdillah

      Abdussalam bin Abdillah

      As-Salâmu 3alaykum wa-rah°matu_Llâh.

      An welchen konkreten Sätzen (Behauptungen etc.) des obigen Textes hast Du was? auszusetzen?

      Ich für meinen Teil finde die Darstellung von Zia nämlich z.T. noch untertrieben.

      Aber auf allgemeiner Ebene werden wir nicht kommunizieren können. Insofern wäre es freundlich von Dir, konkrete Thesen bzw. Darstellungen von Zia per Zitat anzugeben und auf die Dir bestmögliche Art zurückzuweisen.
      Darum würde ich Dich freundlichst bitten.

      Wa-Llâhu a3lamu dâ’iman wa-astagfiru_Llâha wa-atûbu ilayh(i).
      Wa-s-Salâm.

    • Abdussalam bin Abdillah

      Abdussalam bin Abdillah

      PS.: Heißt Dein Vater „Mas`ud“? Wenn nein: Warum nennst Du Dich dann hier so?

      Wa-Llâhu a3lamu dâ’iman wa-astagfiru_Llâha wa-atûbu ilayh(i).
      Wa-s-Salâm.

    • Zia ul Haq

      Zia ul Haq

      Die anderen Autoren machen ihr Ding und ich meins. So einfach ist das.

      Niemand zwingt dich das hier zu lesen, wenn du stattdessen lieber lesen möchtest, wie maschaAllah alle Akhis sind und wie toll die Löwen brüllen können, dann bist du schlichtweg bei mir an der falschen Adresse. Gibt genug maschaAllah Internetseiten in denen man sich selbstbeweihräuchern und die Realität ausblenden kann.

      PS: Ich kann nichts für die Realität, ich beschreibe sie nur.

  4. Abdullah ibn Masoud

    Das mit der Realität ist so eine Sache, darüber sind schon ganz andere Menschen gestolpert.

    Stattdesen dies und das spiegelt meine Realität nicht wieder. Ich bin offen für knallharte konstruktive Kritik die etwas bewirken kann. Ich kann auch nichts für die Realität, aber sie richtig zu beschreiben mit samt ihrer Komplexität ist eine Kunst für sich.

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  5. easewithhardship

    Eben den Beitrag entdeckt. Masha Allah, sehr gut.
    Möge Allah den Verfasser des Textes belohnen, Ameen!

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