Das Problem mit den Freitagsübersetzungen

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Es ist bunt geworden in den Moscheen. Beispielsweise sind selbst in so manchen dem Vereinsnamen nach explizit „marokkanischen“ Gebetshäusern jene Marokkaner kurz davor, bei den Freitagsgottesdiensten in die Minderheit zu geraten. Kulturell-sprachlich sind sie es womöglich schon längst, angesichts dessen, wieviele junge Marokkaner die deutsche Sprache mittlerweile besser beherrschen als die marokkanische, geschweige denn das Hocharabisch der Freitagspredigten überhaupt verstehen. Noch mehr zu schweigen von den deutschen, bosnischen, albanischen und anderen Muslimen, die kaum ein Wort Arabisch verstehen.

Darum ist das relativ junge Phänomen, dass eine Vielzahl der arabischen Moscheen Übersetzungen der Predigt anbieten, durchaus begrüßenswert. An der Art der Umsetzung hapert es allerdings gewaltig: Die eleganteste Methode ist noch bei den Moscheen zu finden, welche Simultanübersetzung über Funkkopfhörer anbieten, oft zusätzlich über eine Radiowelle. Soweit, so fortschrittlich. Heißt es aber nicht in der prophetischen Lehre, dass wer während der Predigt auch nur mit dem Kies am Boden spielt oder zu seinem Nachbarn „Sei still!“ sagt, dessen Freitagsgottesdienst als solcher für ihn wertlos wird? Ist das durchgängige Reden des Übersetzers vor diesem Hintergrund überhaupt legitim? Ganz zu schweigen davon, dass es ständig Ausfälle und technische Probleme gibt und manchmal mitten in der Predigt plötzlich irgendwelche Leute aufgeregt hin- und herlaufen und beginnen, miteinander über die Technik sprechen, und das nicht einmal immer erfolgreich. Sind außerdem mit dem Equipment nicht so einige Ausgaben verbunden?

Aus eigener Erfahrung als Simultanübersetzer bei solchen Gelegenheiten kann ich sagen, dass es deprimierend ist, ausgerechnet bei dieser großen, gottesdienstlichen und gemeinschaftlich ausgelegten Veranstaltung in ein einsammes Kämmerlein abgesondert zu werden, und beim atemlosen Hinterherübersetzen keine Gelegenheit zu finden, die Worte des Predigers „sacken“ zu lassen oder sie kritisch zu reflektieren und sich die ganze Zeit zu fragen, inwieweit der Zweck hier die Mittel heiligt, zumal ein fester Ritus, den man als Übersetzer erheblich anders als die anderen anwesenden Muslime ausübt, sich schon sehr nach Negativinnovation (bid`ah) anfühlt. Beim Gemeinschaftsgebet würde es ja auch niemand wagen, die Suren simultan zu übersetzen, obwohl die Worte Gottes – auch inhaltlich – sicher wichtiger sind als die irgendeines Freitagspredigers. Ganz abgesehen davon ist Simultanübersetzung die schwierigste und fehleranfälligste Form des Übersetzens überhaupt, so dass ohne einen bezahlten Profi (eigentlich auch mit vermeintlichem Profi, siehe Übersetzungen im TV) diese in den seltensten Fällen gänzlich akzeptabel sein wird. So elegant diese Methode sein mag, der Weisheit letzter Schluss ist sie sicher nicht.

Die andere, oft anzutreffende Methode ist, zwischen den beiden Predigthälften, oder, in manchen Moscheen, zwischen Predigt und Gebet, oder nach dem Gebet jemanden die deutsche Version des Vortrags halten zu lassen. Dies ist sehr aufwendig, wenn die Predigt im Voraus komplett schriftlich fixiert übersetzt wird, und verlängert in so mancher Moschee die Gesamtzeit des Freitagsgottesdienstes auf ein – besonders für Ältere – schwer erträgliches Maß. Dies widerspricht eindeutig dem prophetischen Usus, gemeinschaftliche Pflichtveranstaltungen nicht zu sehr in die Länge ziehen, um die Menschen nicht an der Teilnahme zu demotivieren. Suboptimal hoch zehn.

Zu guter Letzt übernehmen einige wenige Prediger die Übersetzung als integralen Bestandteil ihrer Predigt selbst, die erste Predigthälfte arabisch, die zweite deutsch. Auf Wunsch habe auch ich das bisher so gehalten. Immer wieder versuchte ich, von dieser Methode Abstand zu nehmen und sie nur in Ausnahmefällen anzuwenden. Wenn der Gottesdienst um 14:00 Uhr beginnt, wird in der Regel erwartet, dass die Besucher spätestens um 14:45 Uhr wieder ihre Schuhe anziehen können. Ziehen wir davon 5 Minuten für den Gebetsruf, 3 ½ Minuten für die typische Einleitung, 3 ½ Minuten für Pause und Beginn der zweiten Hälfte, 5 Minuten für das Bittgebet und 10 Minuten für das Ritualgebet ab, bleiben ca. 17 Minuten für die eigentliche Predigt übrig. Auch mit nur einer Sprache ist diese Zeit recht knapp bemessen, oft sind 30 Minuten nötig, um ein Thema so entfalten zu können, dass keine Missverständnisse entstehen und keine wesentlichen Punkte unter den Tisch fallen. Dort noch auch nur eine deutsche Zusammenfassung hineinzuzwängen, hat sich in diesem Sinne in meinen Predigten zu oft geradezu zerstörerisch ausgewirkt.

Dann experimentierte ich (bzw. malträtierte ich die Gemeinde) mit dem folgenden Modell: Den einen Freitag ca. 90 % auf Deutsch und den jeweils darauffolgenden Freitag ca. 90 % auf Arabisch. Kam nicht so gut an, weder bei den Arabisch- noch bei den Deutschsprachigen.

Die Gemeinden, deren Prediger zu wenig Deutsch kann und dessen Predigt bisher irgendwo dazwischen oder danach von einer Hilfskraft übersetzt wurde, haben es noch schwieriger. Mögliche Empfehlungen:

  • Tragt die Übersetzung eine halbe Stunde vor dem gewohnten offiziellen Predigtbeginn vor, d.h. vor dem Gebetsruf! Mit anderen Worten: Wer die Übersetzung hören möchte, muss eine halbe Stunde früher anwesend sein. (Hören wir nicht schon die Jubelrufe?)
  • Oder: Beginnt offiziell mit Gebetsruf und Predigt eine halbe Stunde nach dem bisherigen Predigtbeginn. Zu dem bisherigen Predigtbeginn sollte jetzt stattdessen die Übersetzung beginnen. Mit anderen Worten: Wer die Übersetzung nicht braucht, darf eine halbe Stunde später kommen. (Na ja…)
  • Oder: Verteilt die Übersetzung oder eine Zusammenfassung davon schriftlich auf Zetteln, am besten auf schwerem Papier, da dieses weniger raschelt. (Schon besser…)
  • Oder: Projiziert die Übersetzung per Beamer auf eine Leinwand. (Hmmm…)

Alle diese Vorschläge haben den Zusatzeffekt, dass die arabische Sprache dabei mitgelernt wird.

Jetzt aber scheinen wir in unserer Gemeinde das Ei des Kolumbus entdeckt zu haben! Wieder einmal unzufrieden damit, viele wichtige Details im deutschen Teil immer wieder auslassen zu müssen und die Alten und Eiligen teils bis zu fast einer Stunde (incl. Gebet) ausharren zu sehen, zündete in mir der Erbarmer {erh.} ein Lichtlein an: Warum nicht die deutsche Predigt vorab auf MP3-Datei aufnehmen und online stellen (lichtwort.de/predigt), so dass Interessierte sie sich während der Predigt von ihren Smartphones wie eine Simultanübersetzung anhören können?

Gedacht, getan, vorsichtshalber einen Vorrat preisgünstiger Kopfhörer gekauft – heute war die Premiere. Ergebnis: Überragend positive Feedbacks und große Überraschung darüber, dass es so gut klappen kann (für den einen oder anderen grenzte es geradezu an Hexerei, den Prediger gleichzeitig auf Deutsch und Arabisch hören zu können).

Die Probephase läuft weiter, aber es sieht schon einmal sehr gut aus.

Und Gott, dem Herrn der Welten, gehört das Lob.

(Bildquelle)

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9 Antworten auf “Das Problem mit den Freitagsübersetzungen”

  1. Abdallah

    Bei uns wird nach der Predigt auf Türkisch das ganze nochmal auf Deutsch vom Band abgespielt.

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    • Muhammad Ibn Maimoun

      السلام عليكم

      Interessant – verstehe ich es richtig, dass dabei alle Anwesenden noch vor dem Gebet die Übersetzung hören, also auch die, die sie nicht benötigen?

  2. Abdallah

    وا عليكم السلام

    Ja, dabei ist die deutsche sogar etwas kürzer, weil halt die Vortragsgestiken und -atmungen eingespart werden.

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  3. Mabika

    Wie wäre es wenn mal diese ganzen kulturvereinen zu echten Moscheen macht ? Man kann doch wohl erwarten das die Imame die hier leben auch endlich mal die Landessprache sprechen. In Marokko und der Türkei oder Pakistan predigt doch auch keiner Chinesisch.
    Deutsch lernen wäre die eeinfachste Methode, sowohl für die Imame als auch die Gläubigen.

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    • Muslima

      Ihre Frage enthält eine (positiv ausgedrückt) These oder (negativ ausgedrückt) Unterstellung. Nämlich die, dass die Moscheen „Kulturvereine“ sind. Was meinen Sie damit? Dass es Moscheen gibt, in der eine bestimmte Ethnie überwiegt?
      Aber unabhängig davon, ob Ihre These (flächendeckend) richtig ist, oder nicht. Das „Problem“ ist nicht damit gelöst, dass der Imam auf Deutsch spricht. Natürlich ist das praktisch, wenn er dies tut (und ich befürworte das auch). Aber selbst ein Imam, der flüssig deutsch sprechen kann, ändert nichts an zwei Sachen:
      1. Unter den Adressaten der Predigt, gibt es häufig Menschen, für die Deutsch eine Fremdsprache ist, die sie nicht perfekt beherrschen. Ob man das gut oder schlecht findet , es ist einfach eine Tatsache.
      2. Auch wenn sich die erste Tatsache über die Jahre auswachsen dürfte (spätestens ab der zweiten Generationen der Einwanderer sind mangelnde Deutschkenntnisse nicht mehr das Problem, wie im Artikel auch erwähnt), bleibt eine andere Herausforderung, nämlich die Bedeutung des Arabischen im Islam. Der wichtigste Text , der Qur’an, ist in arabischer Sprache und die Sprache der islamischen Gelehrsamkeit ist (wie ich meine zurecht) auch Arabisch. D.h. wenn man sagt, die Predigt ausschließlich auf Deutsch, kann man schnell in den Bereich kommen, wo der Prediger, nur noch oberflächlich predigen kann, oder mit einer eindimensionalen Übersetzung bestimmter Begriffe und Konzepte seine den Gläubigen seine persönliche Interpretation überstülpt. Beispiele sind für mich z.B. die „Übersetzungen“ solcher Konzepte wie „Jihad“ oder „Taqwa“, für die es im Deutschen einfach kein einzelnes Wort gibt, welches sowohl ihre Breite oder Tiefe erfassen könnte.
      Die ganze Problematik scheint mir einfach komplexer, und der Artikel spiegelt das in hervorragender Weise wider. Er zeigt auch, dass jede der Erprobten Lösungen Vor- und Nachteile mit sich bringt.
      Wenn Sie nach wie vor glauben, dass es ja damit getan sein müsste, dass die Gläubigen Deutsch lernen müssten und der Imam auch: Warum gibt es dann z.B. in Marokko christliche Gottesdienste in verschiedenen Europäischen Sprachen? Oder warum gibt es für die deutsche Minderheit in Schlesien bis heute Gottesdienste in Deutsch (wo doch die meisten von ihnen so viele Jahre nach dem Krieg durchaus polnisch sprechen und auch die Priester dort eher gebrochenes Deutsch präsentieren)?

  4. Aqil ibn Iman

    Genial..

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    • Aqil ibn Iman

      Bietet den Jugendlichen ingleichen eine Alternative… Statt redundanten WhatsApp Memos zu lauschen… -ihre Inhalte sind oftmals obszön – die Predigt nachvollziehen.

  5. Pali

    Ich finde die predigt sollte koomplett auf deutsch gehalten werden, dies hat verschiedene Gründe:
    1. Egal auf welcher sprache die Predigt gehalten wird, nie werden alle Muslime sie verstehen.
    2. Ist es für Neuankömmlinge (Insbesondere die ortsansässigen Deutschen, Österreicher, Schweizer oder Niederländer) einschüchternd eine Moschee zu besuchen in denen man kein Wort versteht.
    3. Es gründen sich immer ,,Ethnomoscheen“ zum Beispiel: 1 minute Fußweg von mir ist eine albanische Moschee entfernt trotzdem habe ich diese noch nie betreten. Stattdessen besuche ich meistens eine große nationalistische türkische Moschee (ca. 15 min entfernt).
    4. Deutsch ist die sprache die die meisten Menschen hier zumindest notdürftig verstehen, Egal ob Araber, Türke, Albaner usw.

    Natürlich verstehe ich das man als Muslim am liebsten eine Predigt in seiner Muttersprache besuchen würde, aber genau die kann man sich dann ja über sein Handy oder über Kopfhörer trotzdem anhören.

    In meinere Umgebung gibt es einfach viel zu viele Moscheen, in der nur eine Ethnie vertreten ist, diese Moscheen entwickeln sich dann häufig zu einem Quell des Nationalismus und führt dazu, dass andere Ethnien in diesen Moscheen kritisch betrachtet werden.

    Ich sage nichts wenn mal ein Prediger aus dem Ausland für einen Besuch anreist, doch sollte dies die Ausnahme und nicht die Regel sein.

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  6. Muhammad ibn Maimoun

    السلام عليكم

    Statusmeldung: Die MP3-Methode wird seit Monaten nach wie vor angewendet – klappt wie am Schnürchen und wird gut akzeptiert.

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